 NU: Sie stammen aus einer jüdischen
Familie, ist das politische Interesse
durch die Eltern entstanden?
Hartmann: Meine Eltern haben zwar
beruflich mit Textilhandel zu tun gehabt,
Politik hat aber dennoch in unserer
Familie eine große Rolle gespielt.
Es war klar, wir leben zwar in Österreich,
werden aber als Juden hier nur
geduldet. Mein Großvater, Siegfried
Diamant, war Direktor der zionistischen
Föderation. Der Nationalsozialismus
war bei uns immer ein großes
Diskussionsthema, auch in unserer
Familie sind Verwandte in der Shoah
umgekommen.
Sie haben eine österreichische Schule
besucht?
Ja, eine öffentliche Schule in der Zirkusgasse.
Wir hatten die finanziellen
Möglichkeiten zum Besuch einer
Privatschule nicht. Und da habe
ich hautnah mitbekommen, was Antisemitismus
heißt. Meine Mitschüler
hatten großen Spaß daran, in meiner
Gegenwart Auschwitz-Witze zu
erzählen. 1988 gab es große Diskussionen,
als man eine Gedenktafel für
die ermordeten jüdischen Schüler anbringen
wollte. All diese Dinge haben
mich bestärkt, politisch aktiv zu werden.
Woher ist das Interesse für den Iran
gekommen?
Ich habe mich schon in meiner Studentenzeit
politisch engagiert, ich
war in der Studierendenvertretung
auf der Informatik tätig und Mandatarin
der GRAS in der Bundes-ÖH.
Dort war ich an antifaschistischen
Aktivitäten beteiligt. Und dann war
ja schon bald klar, dass eine mögliche
iranische Bombe die größte Gefahr
für Israel darstellen würde. Da wollte
ich aktiv werden.
Wie ist die Idee entstanden, STOP
THE BOMB zu gründen?
Die Initialzündung ist durch die Bekanntgabe
des OMV-Deals mit dem
Iran gekommen. Damit war klar, dass
man auch in Österreich etwas tun
muss, um die iranische Bombe zu verhindern.
2007 haben wir eine Konferenz
zum Thema „Keine Geschäfte
mit den iranischen Mullahs“ organisiert
und realisiert, dass viele Leute etwas
tun wollen. Bei STOP THE BOMB
sind die unterschiedlichsten Leute dabei.
Der engste Kern sind 25 Aktivisten.
Was uns alle vereint, ist die Sorge,
dass der Iran die Bombe bekommt.
Kommt da nicht Resignation hoch,
denn es scheint ja ein aussichtsloser
Kampf, die Zeit läuft davon.
Es ist ein gehöriges Maß an Frustration
dabei. Wir erleben aber auch immer
wieder Erfolge. Die OMV hat
noch immer nicht mit dem Iran abgeschlossen
und das ist schon auch
auf unsere Arbeit zurückzuführen.
Aber selbst wenn österreichische Firmen
nicht mehr mit dem Iran handeln,
es gibt so viele andere Länder,
vor allem große und wichtige Länder,
wie Russland oder China.
Weder Russland noch China haben
das technologische Know-how,
um den Energiesektor im Iran effizient
aufzubauen. Das heißt die Iraner
brauchen Technologie aus dem Westen.
Das ist nur eine billige Ausrede,
mit der österreichische Firmen argumentieren.
Es geht darum, ob die Firmen
diese Geschäfte mit ihrem Image
vereinbaren können oder nicht.
Wie weit der Iran von der Bombe tatsächlich
entfernt ist, darüber gibt es
unterschiedliche Meinungen.
Es gibt verschiedenste Spekulationen,
die von einem Jahr bis 2015 reichen.
Angesichts dessen, was sich jetzt im
Iran abspielt, muss man davon ausgehen,
dass das Atomprogramm beschleunigt
wird. Die Kräfte, die einen
aggressiven Kurs nach außen fahren,
haben derzeit die Oberhand. Sie halten
sich auch nicht zurück, was die
eigene Bevölkerung anlangt.
Welche Rolle spielt – Ihrer Meinung
nach – die IAEA?
Unserer Einschätzung nach hat der
scheidende Chef der Atombehörde,
Mohammed el-Baradei, ein gewisses
politisches Interesse vertreten. Wir
sehen seine Rolle durchaus kritisch.
Seine Aussagen haben sich oft nicht
mit den Untersuchungsergebnissen
der Atombehörde gedeckt.
Die Sanktionen scheinen bisher wirkungslos.
Welche Möglichkeiten gibt
es, den Iran beim Bau der Bombe zu
stoppen?
Die Sanktionen sind bisher nicht in
dem Umfang durchgeführt worden,
wie es notwendig wäre. Vor allem
müssten sie gezielter eingesetzt werden,
besonders was die Infrastruktur
für den Energiesektor betrifft, oder
beim Benzinimport. 40 Prozent der
iranischen Importe kommen aus Europa,
da gebe es konkrete Möglichkeiten,
Druck auf das Regime auszuüben
und ihm den wirtschaftlichen
Boden zu entziehen.
Es gibt aber auch das Argument,
dass die Sanktionen die Bevölkerung
treffen.
Ausschließen lässt sich das leider nie,
aber es geht zum einen darum zu versuchen,
gezielt das Regime zu treffen;
zum anderen richtet sich auch heute
angesichts bestehender Sanktionen
der Unmut vieler Menschen im Iran
gegen die eigene Führung, nicht gegen
den Westen. Ein Großteil der Wirtschaft
im Iran wird von den Revolutionsgarden
kontrolliert, sie betreiben
selber Firmen und sind ein wesentlicher
Faktor der Wirtschaft. Gerade
ihnen müsste man diese Grundlage
entziehen. Da ist leider viel zu wenig
passiert. Österreichische Firmen handeln
nach wie vor mit diesen Firmen.
Das müsste abgestellt werden. Außerdem
muss es auch politische Sanktionen
geben. Ahmadinejad reist ja immer
wieder zur UNO nach New York,
warum bekommt er kein Einreiseverbot?
Weiters könnte man Botschafter
ausweisen. Warum passiert das nicht?
Nach all den Menschenrechtsverletzungen
oder den Drohungen gegen
Israel, der Verfolgung von Homosexuellen,
Unterdrückung der Minderheiten.
Warum werden diese Schritte
nicht gesetzt? Da kommt dann immer
die Begründung, man wolle sich
nicht einmischen.
Und welche Rolle spielen da die Medien?
Es fehlt sicher auch der Druck der
Medien. Leider verharmlosen die
meisten österreichischen Zeitungen
die Vorgänge im Iran. Man fragt sich,
was noch alles passieren muss, damit
endlich von Seiten der Politik gehandelt
wird.
STOP THE BOMB unterstützt die Opposition
im Iran. Wer sagt, dass sie
nicht das Atomprogramm weiterführt,
wenn sie an der Macht ist?
Mussawi z. B. hat es ja überhaupt initiiert.
Wir zählen Mussawi nicht zur Opposition,
er ist Teil des Regimes, das gerade
kaltgestellt worden ist. Er stellt
weder das Atomprogramm in Frage
noch die Politik gegenüber Israel.
Von ihm kann man in diesen Fragen
nichts erwarten. Wir haben es im
Iran mit zwei Phänomenen zu tun:
Auf der einen Seite gibt es den Machtkampf
zwischen den verschiedenen
Flügeln des Regimes und auf der anderen
Seite gibt es die Menschen, die
auf die Straße gehen, die Freiheit wollen,
die auch die Abschaffung der islamischen
Republik wollen. Mussawi
hat da nur als Vehikel gedient.
Man hört sehr oft das Argument,
auch Israel habe die Bombe, daher
sei es nur opportun, wenn der Iran
sie auch hat.
Israel ist ein demokratischer Staat
und droht keinem anderen Land mit
der Vernichtung. Also hier muss man
schon blind sein oder vollkommen
naiv, wenn man diesen Unterschied
nicht feststellen kann. Der Iran wird
die Bombe dazu nutzen, seinen Einflussbereich
im gesamten Nahen Osten
auszubauen.
Immer wieder gibt es Spekulationen
über einen eventuellen israelischen
Militärschlag gegen den Iran.
Ich hoffe, dass sich ein Militärschlag
verhindern lässt. Daher ist der Einsatz
von nichtmilitärischen Mitteln umso
notwendiger, um so ein Szenario gar
nicht hochkommen zu lassen. Ein israelischer
Militärschlag hätte für Israel
gravierende Folgen. Der Iran, die
Hamas und die Hisbollah würden da
nicht zuschauen, Israel wäre möglicherweise
in einen Drei-Fronten-Krieg
verwickelt. Israel soll keinesfalls in
die Position gebracht werden, dass es
keine andere Möglichkeit mehr gibt,
außer einem Militärschlag. Die Welt
muss endlich handeln und nicht das
kleine Land Israel in dieser Situation
alleine lassen.
Man hat den Eindruck, dass Europa
die Drohungen nicht ernst nimmt.
Vielleicht hofft man hier darauf, dass
Israel „den Job erledigt …“ Man versucht
mit einer Politik des „Appeasement“,
d. h. wir sind gut Freund mit
unserem Feind, durchzukommen. Dabei
schaut man – vielleicht sogar gern
– darüber hinweg, was die Bedrohung
für Israel bedeutet, da es in Europa
wenig Sympathie für Israel gibt.
Was passiert, wenn der Iran die Bombe
hat?
Darüber möchte ich am liebsten gar
nicht nachdenken, weil ich hoffe,
dass das nicht passieren wird. Es hätte
gravierende und fürchterliche Auswirkungen
auch auf Europa und die
USA – vor allem aber auf Israel. Ein
nuklearer Iran würde auch eine Aufwertung
für Hamas und Hisbollah
bedeuten, die ja vom Iran finanziert
werden. Wird Israel so überhaupt
überleben können? Damit wäre auch
der Nahost-Friedensprozess für immer
gestorben, kein Regime hätte
mehr die Chance mit Israel Frieden
zu schließen. Man muss damit rechnen,
dass ein nukleares Wettrüsten in
der Region beginnen wird, und was
das bei den dortigen Diktaturen bedeutet,
möchte ich mir nicht einmal
ausmalen. Die Welt würde jedenfalls
anders ausschauen.
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