Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Zwischen Utopie und Wissenschaft

    Aktuelle Ausstellungen in Jerusalem und Mitteleuropa rücken den Außenseiter Otto Freundlich, der zu den ersten abstrakten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählte, wieder ins Rampenlicht. In seinem Werk verarbeitete Freundlich die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Ideologien seiner Zeit.
    VON FELIX MICHLER

     

    Der neue Mensch – so titulierten die Nationalsozialisten Otto Freundlichs bekannteste Skulptur, die 1937 als Musterbeispiel „entarteter Kunst“ auf der Frontseite des Katalogs zur gleichnamigen Ausstellung prangte. Nicht nur die Abbildung ist dabei perspektivisch ins Absurde verzerrt. Die Änderung des Titels lässt schnell vermuten, dass dadurch unterschwellig antisemitische Verschwörungstheorien suggeriert werden sollten. Der Künstler selbst hatte sein Werk nämlich schlicht Großer Kopf betitelt.

    Otto Freundlich – dieser Name ist in den letzten Jahren fast gänzlich vergessen worden. Dabei ist das Werk, das er hinterlassen hat, so gehaltvoll wie originell. Gleichermaßen von eigenen politischen Überlegungen, neuen wissenschaftlichen Theorien und philosophischen Erkenntnissen angetrieben, entfernt sich der Künstler schon früh von seinen ehemaligen Vorbildern und Kollegen. Denn seine teils revolutionären Ideen lassen sich nicht länger durch die gegenständliche Kunst darstellen, nein, diese sind, so meint er, mit den herkömmlichen künstlerischen Methoden schlicht nicht mehr auszudrücken.

    Diese Impulse zeigen sich früh in Freundlichs Werk, in seinen späten Arbeiten vollendet er die Entwicklung. Die letzten Ölgemälde bilden nichts ab als Formen; Drei- und Vierecke, Kurven, Quadrate, Bögen, akribisch geplant und mühevoll zusammengesetzt. Die Fläche wird das zentrale Element seines Schaffens – jeder Versuch, etwas Weltliches, etwas Dinghaftes in seinen Bildern zu erkennen, muss scheitern. Auch entstehen Glasfenster, Aquarelle, Gouachen, teilweise monumentale Plastiken, alle in diesem Stil. Jedoch will Freundlich seine Kunst keineswegs als gegenstands- oder gar inhaltslos verstanden wissen. Denn das, was heute noch abstrakt genannt wird, so zeigt er sich in seinem 1930 entstandenen Text Erdkreis überzeugt, wird irgendwann als etwas „ganz Konkretes und Naturhaftes“ gesehen werden.

    Ideologie und Wissenschaft

    Freundlich eckt an. Als er 1908 im Pariser Bateau-Lavoir sein Atelier bezieht, schreibt er nach Deutschland an seinen Mentor, den Verleger und Galeristen Herwarth Walden, er sei „bekannt mit den feinen Künstlern und Litteraten (…), wenn auch nicht sehr von ihnen geliebt.“ In zahlreichen kunsttheoretischen Texten und Briefen erläutert er seine Gedanken zur Rolle der Kunst und des Künstlers in der Gesellschaft und auch deren Beziehung zu den modernen Wissenschaften, über die er bestens informiert ist. Das Werk von Hermann von Helmholtz, vor allem die Lehre von den Tonempfindungen fasziniert ihn, wie er an Walden schreibt. Später beschäftigt sich Freundlich auch mit der damals noch jungen Relativitätstheorie und der Quantenphysik. Ohne die neuen Raum- und Zeitkonzepte kann Freundlichs Werk nicht vollständig verstanden werden.

    Auch kommunistischen Ideen zeigt er sich zugetan, bald drückt er sie in seinen Werken und Schriften aus. „Kunst hat die Aufgabe“, so schreibt er in dem Text Der bildhafte Raum, „die Menschen darin zu bestärken, zu einer sozialen Einheit zu werden, sich einem kosmischen Ideal zu nähern, in dem alle Klassenunterschiede aufgehoben sind.“ Er spricht oft von einem „überindividuellen Prinzip“, der bürgerlich- kapitalistische Eigensinn ist ihm zuwider, heroisch ist in seinen Augen, wer sich als Individuum Höherem unterordnet.

    Frankreich und Deutschland

    Als junger Mann reist Freundlich oft nach Frankreich, bisweilen bleibt er dort für längere Zeit. Die Frühlingsmonate des Jahres 1914 wird er später als die prägendsten seines Lebens bezeichnen. Fasziniert von alter Glasmalerei, bezieht der junge Künstler ein Atelier im Nordturm der Kathedrale von Chartres; die gesammelten Erfahrungen werden in seinem späteren Werk noch oft sichtbar werden. Das nahegelegene Paris wird bald zu Freundlichs Wahlheimat: Auf dem Montmartre ist er trotz aller Querelen und ideologischen Unterschiede bestens vernetzt. Hier kann er als Teil der Avantgarde wirken und die abstrakte Kunst, so wenig er diesen Begriff auch schätzt, gemeinsam mit seinen Weggefährten weiterentwickeln. Er zählt zu den ersten, die diese neue Kunst konsequent und systematisch erforschen. Seine frühesten Ansätze in dieser Richtung lassen sich schon in die 10er-Jahre des 20. Jahrhunderts datieren – Kandinskys erste Gehversuche in diese Richtung fallen ungefähr in dieselbe Zeit.

    Freundlich setzt sich mit vielen zeitgenössischen Kunstströmungen auseinander. Führende Vertreter von Expressionismus, Kubismus, Dadaismus und Bauhaus kennt er persönlich. Trotz prinzipiellem Interesse geht Freundlich aber eigene Wege, die ihn zu einem der Pioniere des Abstrakten machen. Die großen Meister des vergangenen Jahrhunderts, etwa Van Gogh, versteht er, obgleich er sie bewundert, nicht als Vorbilder und setzt sich von ihnen ab. Stattdessen beschäftigt er sich viel mit der Kunst und den Techniken des Mittelalters, mit Mosaiken und Glasmalerei, auch mit Teppichstickerei wird er experimentieren. Diese alten Techniken entwickelt er im Laufe der Zeit auf eigene Faust weiter und verbindet sie mit seinem modernen Stil.

    Freundlich wird sich schließlich ganz für Frankreich entscheiden. Doch unterhält er weiterhin gute Beziehungen in seine Heimat. Ende der 1930er-Jahre, als Freundlich mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen hat, unterstützen ihn viele ehemalige Weggefährten. Hans Arp, Wassily Kandinsky, Walter Gropius, Oskar Kokoschka, Pablo Picasso und andere unterschreiben im Jahr 1938 einen Brief, um Spenden für den Künstler zu erbitten, die ihm in seiner höchst prekären Lage helfen sollen. Doch noch bevor er von den Spenden profitieren hätte können, marschieren die Nationalsozialisten in Frankreich ein. Freundlich ist Jude und Kommunist: In den folgenden Jahren wird er deshalb mehr als einmal inhaftiert, sein Werk wird verfemt. In den letzten Monaten seines Lebens hält er sich getarnt in einem Dorf in den Pyrenäen auf. Nach der Denunziation eines Nachbarn wird er in ein Konzentrationslager in Polen gebracht – in Sobibor verliert sich von ihm jede Spur.

    Nach dem Krieg

    Ein großer Teil seiner Werke wird den Krieg nicht überleben. In seinen letzten Monaten im Versteck verbringt Freundlich viel Zeit damit, seine Werke aus der Erinnerung zu katalogisieren und mit Bleistift nachzuzeichnen; oft sind diese Skizzen alles, was heute noch erhalten ist. Dennoch gelingt es einigen Unterstützern, Gemälde und Skulpturen vor der Zerstörung zu retten. Die Kunstmäzenin Peggy Guggenheim stellt Werke von Freundlich nach dem Krieg in ihrem Museum in Venedig aus. Auch das Museum von Pontoise bei Paris besitzt einige Werke. Doch der Künstler gerät in den folgenden Jahren in Vergessenheit. Zu vieles – darunter alle Werke, die die Nationalsozialisten in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zeigten – ist vernichtet worden. Erst 1978 kann in Pontoise gemeinsam mit dem Israel Museum, dem im Laufe der Zeit einige Werke zufielen, und dem bekannten israelischen Kurator Yona Fischer eine Ausstellung organisiert werden; Fischer bezeichnet den Künstler bei dieser Gelegenheit als einen der letzten großen Pioniere der abstrakten Kunst.

    Anfang 2017, mehr als 70 Jahre nach seinem Tod, scheint Otto Freundlich wieder in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Zunächst war im Israel Museum die Ausstellung „Zel haZeva“ zu sehen, die Freundlichs Werk als eine von mehreren Ausdrucksmöglichkeiten abstrakter Kunst würdigte. Bis April wurden hier in erster Linie Ölgemälde, Holzschnitte und Bronzegüsse des Künstlers ausgestellt. Kontrastiert mit anderen abstrakten Werken in verschiedenen Medien und Ausführungen, kam so ein weiter Bogen durch die abstrakte Kunst des 20. Jahrhunderts zustande.

    Doch auch im deutschen Sprachraum wird Freundlichs Werk wieder rezipiert. Das Museum Ludwig in Köln präsentierte im Frühjahr die bisher umfassendste Retrospektive, deren Titel „Kosmischer Kommunismus“ auf Freundlichs politische Utopie anspielte. Im Sommer wanderte die Ausstellung weiter an das Kunstmuseum Basel. Der zur Ausstellung erschienene Katalog ist bemüht, neben der Erfüllung wissenschaftlicher Standards auch ein breiteres interessiertes Publikum anzusprechen.

     

    Otto Freundlich, (1878, Stolp, Pommern – 1943, KZ Sobibor) zählt zu den ersten abstrakten Künstlern. In seinen Werken verarbeitete er oftmals politische Überzeugungen und neue Erkenntnisse der Wissenschaften und verfasste auch kunsttheoretische Schriften.
    Buchempfehlung: Julia Friedrich (Hrsg.): Otto Freundlich: Kosmischer Kommunismus. München, London, New York: Prestel 2017.

    Felix Michler

    Felix Michler

    ist Zivildiener und lebt zurzeit in Jerusalem.
    Felix Michler

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