Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Amos Oz | Nr. 19 (1/2005) - Nissan 5765
  • Zwischen allen Stühlen

    Eva Menasse, Redakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autorin bei NU, hat mit “Vienna” ein beeindruckendes Romandebüt hingelegt. Werner Hanak hat mit ihr ein Interview über jüdische und andere Identitäten geführt.
    Von Werner Hanak

    NU: Ist „Vienna“ ein jüdisches Buch?

    Eva Menasse: „Vienna“ ist ein jüdisches Buch, weil es typisch jüdische Schicksale des zwanzigsten Jahrhunderts beschreibt Verfolgung, Ermordung, Flucht, Rückkehr. Darüber hinaus beschäftigt sich der Roman mit den Problemen von Menschen, die nicht genau wissen, ob sie Juden sind oder Juden sein dürfen. Nach der Erfahrung der Shoah haben sich die Bedingungen verändert, ja verschärft. Seit der Gründung Israels sind die Abstammungsvorschriften der Halacha wieder ganz wichtig geworden – das waren sie im Europa der 1920er Jahre eindeutig nicht mehr. Und das bringt Probleme für Menschen beispielsweise, die Angehörige verloren haben oder selbst verfolgt worden sind, nach 1945 aber plötzlich keine Juden mehr sein „durften“, weil sie keine jüdischen Mütter hatten. Oder auch für jene vielen, die nicht jüdisch erzogen worden sind, nicht einmal im oberflächlichsten Sinn. So ist also die Kultusgemeinde die Vertretung der Opfer, aber nicht alle Opfer können Mitglieder der Kultusgemeinde sein? Ich kann die Position der orthodoxen Juden beziehungsweise Israels genauso gut verstehen. Jeder, der unbedingt Jude sein will, kann ja unter den entsprechenden Bedingungen zum Rabbi gehen, lernen, konvertieren. Aber warum, so fragen sich wohl die Vertreter dieser strengen Auslegung, sollen plötzlich Menschen mit jüdischen Vätern automatisch Juden sein dürfen, wenn das 5.000 Jahre lang nicht so war?

    Schafft das nicht Identitätsbrüche, wenn man von der einen Gruppe verfolgt und verstoßen wurde, aber bei der anderen Gruppe nicht ankommen kann?

    Natürlich, das ist ja das Fatale. In meinem Roman gibt es eine Nebenfigur, den so genannten mürrischen Leopoldstädter, der die meisten seiner Angehörigen im Holocaust verloren hat, nach 1945 aber erkennen musste, dass er halachisch kein Jude ist. Solche Schicksale gab es ja wirklich, und man kann sich das menschliche Drama vorstellen. Im Roman besucht dieser Mann übrigens die Selbsthilfegruppe „Mischlinge 2000“.

    Wie sind Sie auf diesen großartig schrägen Namen „Mischlinge 2000“ gekommen? Und haben Sie mit dieser „Institution“ einer stimmlosen Gruppe eine Stimme gegeben?

    Ist mir einfach eingefallen, als ich mich wieder einmal über diesen Definitionszwang ärgerte. Ich habe da ganz stark etliche NU-Diskussionen vor Augen gehabt und Gespräche, die ich etwa mit Alexia geführt habe. Wenn ich dieser Gruppe damit eine Stimme gegeben habe, freut mich das.

    Sie leben seit einiger Zeit in Berlin. Wie sehen Sie aus dieser Distanz die Wiener jüdische Gemeinde? Gibt es etwas typisch Wienerisches an ihr?

    Ich fürchte, die Wiener Kultusgemeinde leidet nach wie vor unter den Folgen des Holocaust. Wo es nur mehr ganz wenige Juden gibt, ist die Vielfalt eben nicht da, die es woanders gibt. Ich habe zum Beispiel einen guten Freund in London, amerikanischer Jude, sehr traditionell erzogen. Er hat eine Griechin geheiratet, natürlich griechisch-orthodox. Sie ist sehr liberal und offen, weiß, wie wichtig ihm sein Judentum ist und wie wichtig es ihm ist, dass die gemeinsamen Kinder Juden sind. Sie hat, trotz einiger Bedenken, zugestimmt, dass beide Söhne beschnitten und jüdisch erzogen werden. Nur selber übertreten, das wollte sie nicht. Was macht also mein Freund mit seinen Kindern, den kleinen Juden, die brav in der Schule Hebräisch lernen? Er geht mit ihnen in eine liberale Gemeinde. Und Punkt. Er selbst geht übrigens am liebsten in die „Gay Lesbian Schul“, weil er mit dem dortigen Rabbi politisch am meisten übereinstimmt. „Gay Lesbian Schul“? Als ich das gehört habe, musste ich lachen. Die strengen Wiener Juden würden doch in Ohnmacht fallen!

    Ihr Vater musste als Kind aus Österreich flüchten, ist also der Opfergeneration zuzurechnen. Das macht Sie zu einer Vertreterin der „zweiten Generation“. Vom Alter her sind Sie aber eher bei der „dritten Generation“ anzusiedeln. Wo ordnen Sie sich da ein und was bedeutet das für Ihre eigene jüdische Identität?

    Ich fühle mich am ehesten der dritten Generation zugehörig, einfach, weil ich biographisch schon so weit weg bin, auch von den unglaublich belastenden Auseinandersetzungen zwischen der Tätergeneration und deren Kindern, den Achtundsechzigern. Und was meine eigene Identität betrifft, ist sie eben das Produkt meiner unklaren Abstammung. Ich gehöre nirgends richtig dazu, zu den Juden „nur“ über die Verfolgungs- und Emigrationsgeschichte meines Vaters, zu den Christen aufgrund minimaler katholischer Erziehungsversuche in der frühen Kindheit. Ich habe aber bereits in der Mittelschule den Religionsunterricht verweigert, bin nicht gefirmt worden und so schnell wie möglich ausgetreten. Ich habe diese Unklarheit lange als verwirrend und belastend empfunden, sehe sie aber heute eigentlich als etwas Befreiendes. Beim Lesen des Buches hatte ich das Gefühl, die Ich-Erzählerin von allen Hauptpersonen der inneren Familie am wenigsten kennen gelernt zu haben.

    Was hat Sie dazu bewogen, den Roman mithilfe einer Ich-Erzählerin, die so im Hintergrund bleibt, zu erzählen?

    Diese Frage stellen alle. Ich verstehe dagegen nicht, wieso alle offenbar meinen, dass eine Ich-Erzählerin „gefüllt“ sein muss. Wieso muss die auch jemand sein? Wieso kann die nicht einfach als Chronistin agieren, als die, die alles sammelt und aufschreibt und aufbewahrt und versucht, das Wahre vom Erfundenen zu trennen? Diese Ich-Erzählerin in „Vienna“ ist wie eine Kamera, die ihre Familie abfilmt, immer versteckt hinter dem „Objektiv“. Das erscheint mir erstens für die Struktur dieses Romans die absolut perfekte Form. Darüber hinaus ist es eine ironische Anmerkung: Mich ärgert schon seit langem, dass gerade junge Autoren so gedankenlos zur Ich-Erzählweise greifen und das in den meisten Fällen gar nicht beherrschen. Aus dem „Ich“ heraus zu erzählen ist meiner Ansicht nach nicht leicht, sondern das Schwierigste überhaupt. Man muss dieses Ich ja erst ganz präzise konstruieren, präziser als alle anderen Figuren, denn das „ich“ fällt ja nicht mit dem Autor zusammen. Wo es das tut, wird der Text banal, bloße Bekenntnisliteratur. Am Ende des vorletzten Kapitels, das ich sehr gerne hatte, heißt es: „Und so ging alles zu Ende. … Ein Familienstreit, nichts weiter, und die dieser ersten Nachkriegsgeneration offenbar immanente Unfähigkeit, Konflikte zu überwinden.“

    Sehen Sie das als ein exklusives Problem der ersten Nachkriegsgeneration an? Wird es in der nächsten anders?

    Ich glaube, dass die Dramen des Weltkriegs und der Shoah auch etwas stark Identität Stiftendes hatten. Viele Kinder von Opfern haben gerade dadurch sehr genau gewusst, auf welcher Seite sie stehen, zum Beispiel eben auf der Israels. Auch viele Kinder von Tätern haben daraus etwas „gelernt“, die ganze deutsche Politik kann man ja, etwas boshaft, unter ein Schlagwort bringen: „Nie wieder Auschwitz!“ Das wurde für die Rechtfertigung der Bomben auf Serbien genauso verwendet, wie es heute den hysterischen und meiner Meinung nach völlig kontraproduktiven Umgang mit der NPD leitet. Aber diese Vergangenheit verliert langsam ihre Kraft. In zehn Jahren werden fast alle Zeitzeugen gestorben sein, wir befinden uns da in einem langsamen Umbruch. Und diese Familie im Roman symbolisiert das. Zwei Generationen haben sich, zugespitzt gesagt, am Erfolg des eigenen Überlebens aufgerichtet, aber irgendwann, in der Enkelgeneration, muss dann etwas anderes her. Eigene Lebensinhalte. Die Familie diversifiziert sich wieder. Die einen heiraten Juden und erziehen jüdische Kinder, die anderen sehen ihre Identität eher von der Politik her bestimmt. Wie diese neuen Inhalte aussehen, darauf gebe ich, gibt der Roman keine Antwort. Aber dass es sie geben muss und wird, das empfinde ich ganz stark.

    Sie arbeiten seit einigen Jahren immer wieder bei NU mit. Welche Rolle hat diese Arbeit und die Diskussion mit den Kollegen für „Vienna“ gespielt?

    Eine große Rolle. Das Kapitel „Ende“ hätte ich ohne viele Diskussionen mit Erwin, Alexia und auch in der großen Runde bestimmt nicht schreiben können. Diese „Streits“, die die Familie da hat, sind sehr von NU-Diskussionen inspiriert. Die NU-Redaktion ist ja genau diese Mischung aus konfessionellen und politisch-weltanschaulichen Juden. Die Geschichte mit der Mikwe, die im NU einmal gestanden ist, steckt in dem Buch. Ich verdanke Erwin und Nicki einen Sabbatabend, der auf verdrehte Weise ins Buch Eingang gefunden hat. Etcetera. Ich bin dafür sehr dankbar.

    Letzte Frage: Traut sich Ihre Familie in Ihrer Anwesenheit noch etwas zu erzählen, oder fürchten sich alle vor einer Fortsetzung?

    (Lacht): Ich hoffe nicht! Typischerweise greift meine Familie längst Romandetails selber auf, um sie weiter zu verarbeiten. Manche Personen werden in letzter Zeit nur mehr bei ihrem Roman-Namen genannt, und so geht meine Familie damit um, wie ich es von ihr gewöhnt bin: kreativ und weiter fabulierend.

     

    INFO

    Die 1970 in Wien geborene Eva Menasse hat mit „Vienna“ die Geschichte einer Wiener Familie mit jüdischen Wurzeln geschrieben. Die komplizierte Situation dieser Familie ergibt sich aber nicht zuletzt daraus, dass diese Familie auch nichtjüdische Wurzeln hat. Der Großvater, ein Vertreter für Wein und Spirituosen, heiratete eine sudetendeutsche Katholikin. Dass sie bei ihm bleibt, wird ihm nach dem Anschluss das Leben retten. Die drei Kinder des Ehepaares emigrieren, ein Sohn wird in England Fußballer, auch er wird eine nichtjüdische Österreicherin heiraten. Die Schwester des Großvaters hatte wiederum einen Christen geheiratet. Sie wendet sich 1938 von der Familie ab und verweigert ihr sogar die Unterstützung. Eva Menasse erzählt diese Familiengeschichte, indem sie ihre Familie neu erfindet. Und wenn sie in einem der Schlusskapitel in einem Familienstreit der jüngeren Generation anlangt, die sich über die Familienmythen und Erzählmuster in die Haare gerät, wird klar, dass Menasse einen Bruch in der Zeit nach dem Holocaust beschreibt: „Solange mein Vater, meine Mutter, mein Onkel, die Tante Ka und die kleine Engländerin lebten, die die Widersprüche und Ungereimtheiten unserer Familie verkörperten, als Beweis für alles, was möglich ist, so lange konnten wir Kinder die besten Freunde sein und Mitglieder einer Familie. Doch als diese Generation tot war, kämpften wir traurige Diadochen um eine Deutungshoheit, die vor uns keiner gebraucht hatte. Und so muss es hier eben zu Ende gehen, mit meiner lustigen Familie und mit dem ganzen herrlichen ‚Em-Em‘.“

    Eva Menasse: ViennaKiepenheuer & Witsch ; 432 Seiten, gebunden € 19,90 ISBN 3-462-03465-01

    Werner Hanak-Lettner

    Werner Hanak-Lettner

    Chefkurator am Jüdischen Museum Wien mit großer Liebe zur Musik, insbesondere zum Sound des 18.-21. Jahrhunderts. Kuratierte sowohl "quasi una fantasia. Juden und die Musikstadt Wien" als auch die Mozartwohnung und das Haydnhaus in Wien.
    Werner Hanak-Lettner

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