Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
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  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Unter dem Radar

    Alte Feindschaften und neue Interessenslagen lassen wechselnde Koalitionen und oft überraschende neue Zweckverbindungen im Nahen Osten entstehen.
    VON JOHANNES GERLOFF

    © STRINGER/AFP/PICTUREDESK.COM

     

    Die Anstrengungen des Iran, zur Hegemonialmacht zu werden, und die Folgen des Arabischen Frühlings im Nahen Osten bringen in jüngster Zeit de facto Kooperationen hervor, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. „Lieben werden wir euch nie“, meinte vor einiger Zeit ein hoher arabischer Militär zu einem israelischen Kollegen, mit dem er offiziell niemals hätte sprechen dürfen. „Aber wir bewundern euch. Und wir wollen von euch lernen.“

    Derartige Aussagen, die keinesfalls allein stehen, sind nur nachzuvollziehen, wenn man einige grundlegende Parameter der politischen und gesellschaftlichen Landkarte des Orients versteht, die von westlichen Beobachtern oft nur am Rande, wenn überhaupt, erwähnt werden.

    Sunniten gegen Schiiten

    Die überwältigende Mehrheit der Muslime weltweit (80-90%) sind Sunniten. Für sie ist die schriftliche Überlieferung des Islam („Sunna“) maßgebend. Etwas mehr als zehn Prozent der Nachfolger des Propheten Mohammed sind „Schiiten“. Für sie ist die Folge der führenden Imame („Schia“), der Nachfolger des Propheten, entscheidend. Der Iran ist der mächtigste Vertreter des schiitischen Islam.

    Auf die Frage nach der Bedeutung dieser Spaltung kann man sehr unterschiedliche Antworten von Muslimen bekommen. Im Libanon zeigten sich mir einige Gesprächspartner sehr stolz auf die „Su-Schi“-Ehen in ihrer Gesellschaft, die Familien, in denen Sunniten und Schiiten miteinander verschmelzen.

    Wenn man allerdings zu wirklich offenen Meinungsäußerungen vordringt, bekommt man Erschreckendes zu hören, gar abgrundtiefen Hass zu spüren. So erklärt mir ein kaum 20-jähriger Palästinenser: „Ich könnte niemals in ein schiitisch dominiertes Gebiet reisen, weder im Libanon, noch in den Irak und schon gar nicht in den Iran. Mein Name, Omar, verrät mich als Sunnit. Ich würde sofort umgebracht.“

    Ein Anhänger der radikalen palästinensischen Hamas erzählte, dass sich Sunniten und Schiiten regelmäßig in ihren Freitagsgebeten gegenseitig verfluchen. „Ihr Christen seid schon okay“, meinte er, „und auch die Juden. Aber die Schiiten …“, worauf eine Tirade folgte, die darin gipfelte, dass er vorschlug, die Amerikaner sollten den Iran endlich vernichten. Wohlgemerkt: Diese Aussagen kommen von einem Mann, der einer Volksgruppe und einer Organisation angehört, die sonst alles in Kauf nimmt, was ihren Hass gegen Israel und das jüdische Volk untermauert. Und – auch das ist kein Geheimnis: Der Iran ist gegenwärtig der Hauptsponsor der Hamas.

    Iraner gegen Araber

    Als ich mich vor Jahren in Istanbul einmal einem dunkelhäutigen Mann als „Deutscher“ vorstellte – ich hatte mein Gegenüber anfangs für einen Inder gehalten – breitete dieser die Arme aus und rief entzückt: „Das ist ja wunderbar. Ich komme aus dem Iran. Dann sind wir ja beide Arier!“ Tatsächlich sehen sich viele Iraner als „Arier“ – ein historischer Begriff, mit dem schon der persische König Dareios I. seine Ethnie bezeichnete. Daraus wird dann auch die Vorstellung einer rassischen Überlegenheit gegenüber anderen Völkern, vor allem Arabern, abgeleitet. So ließ mich einmal ein iranischer Muslim wissen, dass man sich in seiner Gesellschaft nicht erklären könne, warum sich Allah nicht „ordentlichen Menschen“ offenbart habe, sondern „diesen unzivilisierten Kamelmilchsäufern und Eidechsenfressern aus der Wüste“.

    Nun sind derlei Geschichten und Anekdoten für den westlichen Analytiker eines politischen Geschehens kaum denkbar, geschweige denn reflektiert darstellbar. Im Orient aber verschwimmen Legenden und religiöse Vorstellungen ineinander und bestimmen die Realität. Vieles an der blutig-chaotischen Lage in Nahost ist nur nachvollziehbar, wenn man ganz nüchtern derlei Klischees und Vorurteile in die Analysen mit einbezieht.

    Was einmal als „Arabischer Frühling“ bejubelt wurde

    Seit 2011 wurde mit dem „Arabischen Frühling“ in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas die militärische und politische, aber auch die gesellschaftliche Ordnung zutiefst erschüttert. Was im Durcheinander dieses Geschehens klar erkennbar ist, sind ständig wechselnde Koalitionen, nicht nur zwischen lokalen Akteuren, Stammesverbänden, ethnischen Gruppen, wirtschaftlichen Interessengruppen, politischen oder religiösen Verbindungen, sondern auch zwischen Staaten. So konnte sich etwa die Türkei von der Regionalmacht, die mit allen Spielern gute Beziehungen hat, innerhalb weniger Monate zum Außenseiter entwickeln, mit dem keiner kann. Ähnlich haben die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und Ägypten ein atemberaubendes Auf und Ab im vergangenen halben Jahrzehnt zu verzeichnen.

    Konstanten im Chaos

    Fragt man nach Konstanten im Chaos des „Arabischen Frühlings“ und seiner Folgeerscheinungen, ist festzuhalten: Im Orient darf nichts schwarzweiß gesehen werden. Jeder Versuch, eine Verstehensschneise durch das Morgenland des Jahres 2017 zu schlagen, muss berücksichtigen, dass es zu jeder Hypothese auch unzählige Gegenbeispiele gibt.

    Klar erkennbar ist, dass der Iran mit großer Geduld, langfristig konzipiert und mit eindeutigen Erfolgen seine Einflusssphäre ausbaut. Seit dem ebenso fruchtlosen wie blutigen Gemetzel des Golfkriegs zwischen Iran und Irak in den 1980er-Jahren haben die Mullahs in Teheran erkannt, dass sich ein Land nicht durch konventionelle Kriegsführung erobern lässt. Stellvertreterkriege haben sich bewährt. Iranische Führer brüsten sich heute öffentlich, vier arabische Hauptstädte zu kontrollieren: Beirut, Damaskus, Bagdad und Sana’a. Der so genannte „schiitische Halbmond“ zieht sich mittlerweile von Teheran über den Irak und Syrien bis in den Libanon hinein. Gezielt baut der Iran ihn immer weiter aus und macht ihn durch den Stellvertreterkrieg im Süden der Arabischen Halbinsel gar zur „schiitischen Zange“.

    Vor diesem Hintergrund hat Israel eine ganze Liste gemeinsamer Interessen mit den großen sunnitisch-arabischen Akteuren auf der politischen Bühne des Nahen Ostens. Die Hegemonialbestrebungen des Iran sind nicht nur für Saudi-Arabien, die Emirate, Katar, Marokko und die Türkei inakzeptabel, sondern auch für die USA. Selbst Russland, das in Syrien eng mit dem Iran kooperiert, um das Regime der Assad-Familie zu stützen, scheinen die Bestrebungen des eigenen Bündnispartners unheimlich.

    Traditionelle arabische Regime wie Syrien, Ägypten, die Emirate und Jordanien sehen sich selbstverständlich durch die Bestrebungen des sogenannten Islamischen Staates bedroht. Die gemeinsamen ideologischen Wurzeln, die IS und Al-Kaida mit der Muslimbruderschaft teilen, deren palästinensischer Zweig die Hamas ist, sind in diesem Zusammenhang nicht unbedeutend. Aus israelischer Sicht muss erwähnt werden, dass die Hamas von ihren theologischen Grundlagen her nicht nur ein Ende der Besatzung anstrebt und die Auslöschung des jüdischen Staates Israel aktiv verfolgt, sondern als Endziel die Vernichtung des jüdischen Volkes weltweit zum Ziel hat. Nachdem Obama von einem demokratischen Ägypten geträumt hatte und den US-Verbündeten Hosni Mubarak nach Jahrzehnten enger Zusammenarbeit zugunsten der Muslimbrüder hatte fallen lassen, kühlt sich das Verhältnis der USA zu den Muslimbrüdern wieder ab. Gleichzeitig scheint sich aber Saudi-Arabien an die gemeinsamen wahhabitischen Wurzeln zu erinnern und nähert sich möglicherweise der Muslimbruderschaft wieder an.

    Das Verhalten des Westens, allen voran der USA, hat im Nahen Osten viele enttäuscht. Der Westen wird als unzuverlässig gesehen. Daran hat sich auch seit Trumps Regierungsantritt grundsätzlich nichts geändert. Das jüngste Stillhalten der USA in Kurdistan unterstreicht dieses Grundgefühl eher. Anshel Pfeffer von Ha’Aretz schreibt jüngst mit Blick auf Trumps Verhalten in Kurdistan: „Wieder einmal wurde ein prowestlicher Verbündeter Amerikas in der Region verraten und dem Iran erlaubt, die Oberhand zu gewinnen.“

    Was bewundern die Araber an Israel und was wollen sie vom jüdischen Staat lernen? Der anfangs erwähnte arabische Offizier vertraute seinem israelischen Gesprächspartner an: „Ihr seid das einzig stabile soziale und politische System im Nahen Osten. Und ihr habt ohne jegliche natürliche Ressourcen, vor allem ohne Öl, eine der blühendsten Wirtschaften weltweit geschaffen. Das brauchen wir auch!“

    Johannes Gerloff

    Johannes Gerloff

    hat in Tübingen, Vancouver und Prag evangelische Theologie studiert und lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem.
    Johannes Gerloff

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