Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Interview
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Trump musste nie kämpfen

    Richard H. Bernstein, seit 2015 Richter am Höchstgericht des US-Bundesstaates Michigan, kam blind auf die Welt. Er hat eine Mission: Die Welt für Menschen mit und ohne Behinderung besser zu machen. Danielle Spera hat Richard Bernstein in Wien getroffen.
    FOTOS: MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER

     

    NU: Richter Bernstein, woher kam Ihre Familie in die USA?

    Bernstein: Meine Vorfahren stammen, glaube ich, aus Deutschland, aber wir sind schon lange in Detroit verwurzelt, meine Eltern, Großeltern, auch meine Urgroßeltern. Wir lieben diese Stadt und ihre Community. Ich bin Jude, aber nicht praktizierend, doch ich habe eine leidenschaftliche Verbindung zu Gott. Ich glaube daran, dass alle Dinge, die uns passieren, einen Grund haben und in Wirklichkeit auch immer alles gut ausgeht, obwohl man vielleicht, während etwas passiert, nicht daran glauben kann. Das ist die Natur des Lebens.

    Detroit hat viele Hochs und Tiefs erlebt, die Krise der Autoindustrie, und jetzt kommt wieder ein Aufschwung.

    Es ist eine wunderbare Stadt, mit Menschen, die daran gewöhnt sind, hart zu arbeiten. Eine Industriestadt. Die Stadt hat sich gut erholt. Es gab Ups and Downs, wie auch im Leben, die Stadt war bankrott, derzeit erlebt sie einen Höhenflug.

    Detroit und Trump: Wie sieht man in Ihrer Stadt den neuen Präsidenten?

    Ich muss hier in meiner Eigenschaft als Höchstrichter antworten und nicht als Privatperson, daher werde ich einen Vergleich mit der Lebenserfahrung eines Menschen anstellen: Je mehr Herausforderungen und schlimmen Erfahrungen sich ein Mensch in seinem Leben stellen musste, desto mehr Dankbarkeit für das selbst Erreichte und Mitgefühl für Schwierigkeiten anderer Menschen wird er empfinden. Dies gilt besonders dann, wenn man Entscheidungen zu treffen hat, die Auswirkungen auf das Leben anderer Menschen haben. Wenn wir uns jemanden wie Trump ansehen, dann erkennen wir, dass seine Lebenserfahrung nicht so geprägt ist. So wie er aufgewachsen und sozialisiert ist, konnte er keine Empathie, Sensibilität oder Verständnis für die Schwierigkeiten oder Härten entwickeln, die das Leben vieler Menschen beeinflussen. Er musste nie um etwas kämpfen, Mühsal oder Not hat er nie gekannt. Vermutlich fehlt ihm deshalb das Einfühlungsvermögen oder die Einsicht, auf andere Menschen einzugehen. Er hatte ein leichtes Leben, das heißt aber nicht, dass er ein glücklicher Mensch ist. Der Anlass, weshalb ich hier in Wien bin, ist die Zero-Project- Konferenz der UNO. Hier haben wir die Schicksale von Menschen besprochen, die unter enorm schwierigen Bedingungen leben. Sie meistern ihr Leben vorbildlich und sind obendrein noch warmherzig und frohen Mutes, denn sie wissen zu schätzen, dass ihrem Leben Sinn gegeben wurde. Diese Lebenserfahrung kann einen Menschen besser machen, Trump hat das sicher nicht.

    Wir sind jeden Tag von neuem erstaunt, mit welchen überraschenden Schritten Trump aufhorchen lässt.

    Sie sprechen mit einem „sogenannten“ Richter – so hat Trump unseren Berufsstand bezeichnet. „Checks and Balances“ ist das Grundprinzip der Vereinigten Staaten. Die Judikative wird eine enorm wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung einnehmen. Richter in den USA müssen täglich weitreichende Entscheidungen treffen, die das Leben einzelner oder auch vieler Menschen betreffen – manchmal auch Entscheidungen über Leben und Tod. Wir Richter haben eine dicke Haut, wir sind den Umständen gewachsen und werden die Kritik des Präsidenten leicht verkraften. Wenn ich Urteile schreibe, dann beeinflusst dies das Leben von elf Millionen Menschen im Bundesstaat Michigan. Daher sind wir in der Lage, dem Präsidenten Paroli zu bieten und werden seine eigenwilligen Entscheidungen ausbalancieren. Für uns ist das mehr oder weniger „Business as usual“.

    Wohin wird das führen?

    Lassen Sie mich das folgendermaßen beantworten: Die Amerikaner sind ein großes und gutes Volk, ich liebe meinen Bundesstaat Michigan und die Bevölkerung. Um das Amt, das ich innehabe, zu bekleiden, muss man vom Volk gewählt werden. Warum sage ich das: Ich musste das ganze Land bereisen, ich war in jeder Stadt, in jedem Dorf, habe alle Fabriken besucht und die unterschiedlichsten Menschen getroffen. Es war enorm zeitaufwändig. Als Kandidat kann man entscheiden, welche Auswirkungen man auf das Land und seine Bevölkerung haben möchte. Das sind übrigens sehr jüdische Fragen: Warum sind wir hier und was können wir besser machen. Das ist unsere Aufgabe, wie können wir die Welt verbessern. Wahlen sind das perfekte Mittel dafür. Leider auch für das Schlechte. Der Kandidat hat es in der Hand.

    Was hat Sie bewogen, sich dieser Wahl zu stellen?

    Ich habe mich entschlossen zu kandidieren, weil ich wollte, dass die Menschen ihre Perspektive auf Behinderte ändern. Ich wollte ihre Vorstellung von blinden Menschen und Behinderten ganz allgemein zum Positiven verändern und so die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung verbessern. Durch meine Kandidatur haben viele Menschen erstmals mit einem Blinden zu tun gehabt. Ich wollte mit ihnen eine positive Verbindung herstellen. Und die Bevölkerung von Michigan hat einem blinden Menschen ein so hohes Amt anvertraut. Das ist eine starke Botschaft. Das war noch ein Schritt mehr in Richtung Inklusion und Gleichheit, als es bisher der Fall war.

    Für Sie war es ein weiter Weg. Als Sie Ihr Studium abschlossen, hat Ihnen niemand einen Arbeitsplatz gegeben, trotz hunderter Bewerbungen, heute sind sie Oberster Richter.

    Ja – und das ist etwas, das Donald Trump fehlt, die bitteren Erfahrungen im Leben, die Herausforderungen des Lebens. Wenn er das gehabt hätte, wäre sein Benehmen anders, er hätte sicher mehr Respekt. Hat Ihr Judentum je eine Rolle gespielt? Juden sind in den USA sehr gut in die Gesellschaft integriert. Mit meinem Namen stand immer außer Zweifel, woher ich komme. Bernstein klingt geradezu wie eine Werbung für das Judentum. Ich liebe Amerika, aber Juden dürfen nie vergessen, dass sie, wenn sie in einem Land als Minderheit leben, immer danach streben sollen, ein vorbildliches und makelloses Leben zu führen, speziell wenn man ein hohes Amt übertragen bekommt. Im mittleren Westen, wo ich kandidiert habe, war es für die Menschen auf dem Land etwas Außergewöhnliches, einem jüdischen Kandidaten zu begegnen. Mein Credo ist, mein Bestes zu geben. Nun bin ich für acht Jahre gewählt und reise weiterhin durch Michigan, weil ich finde, ich bin es den Menschen, die mich gewählt haben, schuldig. Ich möchte mit ihnen in Verbindung bleiben und als Jude einen perfekten Eindruck hinterlassen. Ich glaube fest daran, dass wir eine Verpflichtung haben, uns von unserer besten Seite zu zeigen.

    Haben Sie jemals Antisemitismus erlebt?

    Nein. Meine Behinderung war die große Herausforderung. Dass ich Jude bin, war dann vermutlich zweitrangig.

    Wirkt es sich irgendwie aus, dass Trump auch jüdische Familienmitglieder hat?

    Sicher nicht. Man kann ungehöriges Verhalten niemals damit entschuldigen, nach dem Motto: Ich darf das, ich habe eine jüdische Tochter und einen jüdischen Schwiegersohn. Das wäre, als hätte man einen behinderten Menschen in der Familie und würde daraus das Recht ableiten, sich gegenüber Behinderten unfair zu verhalten.

    Was bedeutet Trumps Präsidentschaft für Israel?

    Ich bin sechsmal im Jahr in Israel und berate dort die Armee im Umgang mit behinderten jungen Menschen und deren Integration in die Streitkräfte. Das ist ein großartiges Programm. Es gibt Behinderte, die in die Armee wollen. Dadurch, dass ich so stark in Israel involviert bin, betrachte ich das Land natürlich anders. In den USA leben wir ein sehr komfortables Leben, in Frieden. Daher finde ich es unangebracht, wenn wir aus unserer bequemen Position heraus einem Land Ratschläge geben, das ständig in einem Bedrohungszustand leben muss. Jeder, der das kritisiert, soll einmal in Israel leben. Ich unterstütze alles, was Israel tut, um das eigene Überleben zu sichern. Israel hat es geschafft, eine bemerkenswerte Gesellschaft aufzubauen, eine boomende Wirtschaft und eine revolutionäre Technologie zu entwickeln und trägt zum Fortschritt im Leben der Menschen in aller Welt bei. Daher können wir den Menschen in Israel vertrauen, dass sie das Land gut verwalten.

    In Europa wird das teilweise ganz anders gesehen.

    Auch hier geht es um das Thema Erfahrungen. Die Israelis können nach ihren Erfahrungen besser urteilen als wir aus der Distanz. Ich treffe immer wieder auch mit Opfern von Terroranschlägen zusammen. Das sind Menschen, die völlig fit waren – und plötzlich fehlen ihnen Gliedmaße, Arme oder Beine, sie müssen erst lernen, mit einer Behinderung zu leben. Ich habe so ein leichtes Leben, denn ich bin kein Terroropfer. Ich arbeite mit ihnen, wie sie ihre nächsten Schritte in diesem neuen Leben als Behinderte machen. Ich versuche, sie neu in die Gesellschaft zu integrieren. Sehr hart war die Arbeit mit Frauen, deren Kinder bei Terroranschlägen getötet worden sind. Diese Frauen haben ihre Kinder vor ihren Augen sterben gesehen. Viele dieser Frauen sagten zu mir: „Sie sind genau wie mein Sohn.“ Ich fragte mich, wie können so viele Frauen das sagen? Die Antwort der Sozialarbeiterin war: „Diese Frauen sehen in Ihnen einen jungen, glücklichen, gesunden Mann voller Energie. So hätten sie ihre Kinder gesehen, wenn sie älter geworden wären.“ Die Kinder waren aber schon als kleine Kinder getötet worden.

    Und die palästinensischen Opfer?

    Noch einmal: Israel muss selbst entscheiden, was es tut. Ich finde nicht, dass Israel unmoralisch handelt. Bei der UNO-Konferenz, die ich gerade in Wien besuchte, hat Israel seine Technologie zur Hilfe für Behinderte vorgestellt. Es ist unglaublich, was dort für Menschen mit Beeinträchtigung geschieht. Eine App beispielsweise, die Blinden jeden Text vorliest, viele Dinge, die Behinderten das Leben erleichtern.

    Sie arbeiten sehr intensiv, 15 Stunden pro Tag, und Sie sind 18 Marathons gelaufen, wie machen Sie das?

    Laufen ist für mich essenziell. Es verbindet mich eher mit Gott als der Besuch in einer Synagoge. Ich könnte das Gebetbuch in Brailleschrift lesen, aber das stellt keine Verbindung her. Die sportliche Herausforderung ist für mich meine persönliche Verbindung mit Gott. Es ist leicht, wenn es einem gut geht, sich mit Gott im Einklang zu befinden. Ich hatte einen schweren Unfall, als ich vor fünf Jahren allein im Central Park unterwegs war. Ein Fahrradfahrer hat mich mit hoher Geschwindigkeit niedergefahren. Danach war ich zehn Wochen im Spital. Seitdem bin ich unter größten Schmerzen drei Marathons gelaufen. Das war meine größte Herausforderung, doch ich habe dadurch meine Verbindung mit Gott gefunden.

    Im Leben gibt es zwei Kategorien von Menschen: Jene, die ihr ganzes Leben lang kämpfen müssen, und andererseits Menschen, denen immer alles glückt und die alles haben. Ich hatte beides: Ich musste gegen Vorurteile kämpfen, hatte aber gleichzeitig eine Einbettung in eine liebevolle Familie mit einem guten finanziellen Hintergrund. Das hat mir unglaublich viel Kraft gegeben. In den USA sind 85 Prozent aller blinden Menschen arbeitslos, und zwar nicht deshalb, weil sie nicht hart arbeiten können oder wollen. Ich hatte das große Glück, dass ich in gute Schulen gehen und eine wunderbare Ausbildung genießen konnte, sonst würde ich unter die 85 Prozent fallen. Meine Familie ist sehr optimistisch, voll Energie und Begeisterung für das Leben und hat immer zu mir gehalten. Sie wussten, dass ich alles erreichen kann, wenn ich mich anstrenge. Ich arbeite ununterbrochen, meine Mitarbeiter lesen mir vor und ich muss alles in meiner Erinnerung behalten. Wenn ich reise, lesen sie mir über Skype vor, das geht nur, weil ich meinen Glauben habe.

    Sie reisen viel, wie ist das möglich?

    Das ist nur möglich, weil ich all mein Geld für die Reisen ausgebe. Nach Israel oder jetzt zur Konferenz nach Wien. Als Richter darf man sehr viel, allerdings darf man niemals Geld annehmen, also zum Beispiel Honorare für meine Reden oder für Auftritte.

    Ich glaube, Sie hätten Ihre Karriere auch ohne den finanziellen Background Ihrer Familie geschafft.

    Vielleicht, aber es wäre sicher viel schwieriger gewesen. Ich bin jetzt 43, vielleicht werde ich 100, ich hoffe, dass meine gesammelten Flugmeilen noch so lange ausreichen.

    Danielle Spera
    Das NU-Gründungsmitglied ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien. Davor war sie ORF-Journalistin und Moderatorin. Sie studierte Publizistik- und Politikwissenschaft.
    Danielle Spera

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