Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Erika Freeman | Nr.61 (03/2015) - Elul 5775 / Tischri 5776
  • Rendezvous mit dem “Land-Dieb”

    Dass sich israelische Siedler in palästinensischem Gebiet niederlassen, ist in den Augen vieler Europäer das große Friedenshindernis im Nahen Osten. Jossi Edri steht an vorderster Front. Er ist verantwortlich für die Sicherheit von jüdischen Bildungseinrichtungen in den südliche Hebronbergen. Viel Zeit verwendet er darauf, Land für das jüdische Volk zu erwerben.
    VON JOHANNES GERLOFF
    (TEXT UND FOTOS), JERUSALEM

    Mühsam quält sich der schwere Landrover über den steinigen Boden durch die staubig-heiße Einöde. Funkgeräte, Waffen, Munition, Rettungsgerät und medizinische Hilfsmittel verleihen dem dunkelgrünen Geländewagen ein überdurchschnittliches Gewicht. Zudem ist er durch schwere Metallplatten in den Türen geschützt. Die Scheiben sind kugelsicher.

    Das judäische Bergland ist ein feindseliges Gebiet. Beduinen trotzen mit ihren Herden der kargen Landschaft ein Existenzminimum ab. Der Bergrücken zwischen Mittelmeer und Totem Meer wird seit biblischen Zeiten immer wieder neu durchtränkt vom Blut derer, die Anspruch auf ihn erheben und ihn besiedeln wollen.

    Bei genauerem Hinsehen hat dieses Land aber auch einen Reiz. Die Natur bietet eine einzigartige Artenvielfalt, wo vier Klimazonen aufeinander treffen. Auch die Beziehungen der Menschen lassen sich nicht einfach auf „Israelis hier“ und „Palästinenser dort“ schematisieren. Unter der rauen Schale der Gesetzlosigkeit wirkt ein feines Geflecht unterschiedlicher Ordnungen. Jossi Edri selbst ist in Casablanca, an der Atlantikküste Afrikas, geboren, spricht fließend Arabisch und hat vielfältige Beziehungen zu seinen palästinensischen Nachbarn.

    Abrupt stoppt der Landrover auf dem Gipfel eines Hügels. Von hier aus kann man weit ins Land hineinsehen. Doch Jossis Blick ist auf den Boden gerichtet, bis er eine verwitterte Halbkugel aus Messing, in einen Felsblock eingefügt, findet. Nach 1917 beherrschten die Briten Palästina. Sie beschäftigten eine ganze Brigade ihrer Armee mit Landvermessung, Kartografie und Archäologie, erforschten und katalogisierten die Fauna und Flora und brachten überall Vermessungspunkte an. Gebäude, Höhenangaben und antike Straßen wurden verzeichnet. Von den Einheimischen erfragten sie Namen von Bergen und Bachläufen, Nutzungsbräuche und Besitzrechte.

    Mit Daumenabdruck unterschrieben

    In osmanischer Zeit gehörte alles Land dem Sultan. Nutzungsrechte wurden in Besitzurkunden – „Kuschan“ genannt – verzeichnet. Natürlicher Wald, felsiges Gelände, Wüste und Meer waren per Definition „Land der Toten“, das keine Erträge einbringt und deshalb nicht besteuert wurde.

    Die alten Aufzeichnungen sind nur bedingt zuverlässig. Kaum einer hat den britischen Besatzern die tatsächliche Nutzfläche zur Besteuerung angegeben. Das ist Jossi klar. Zudem wurden die Grenzen in osmanischer Zeit mit Hilfe natürlicher Anhaltspunkte beschrieben – Wasserscheiden, Brunnen und Quellen, Bachläufen, Ruinen oder Bäumen –, die sich im Laufe der Zeit verändert haben. Um Entfernungen zu berechnen, wurden Schritte gezählt. Widersprüchliche Angaben sind keine Seltenheit.

    In seinem Büro legt der jüdische Landkäufer vergilbte Dokumente auf den Tisch: „Hier ist die Gemarkung Jatta vermerkt… Hier steht: ‚Ich habe mit meinem Daumenabdruck unterschrieben, gemäß islamischem Recht‘ – und hier wurde das in der Mandatszeit bestätigt.“

    „Wenn wir heute die Eigentumsverhältnisse eines Grundstück überprüfen wollen“, erklärt Jossi Edri, „stellen wir zuerst anhand von Luftaufnahmen fest, ob das Land in den vergangenen Jahrzehnten landwirtschaftlich genutzt wurde. Gibt es einen Grundbucheintrag, ist alles klar. Kommt der Besitzer mit einer ‚Malia‘ – einer Ertragssteuererklärung aus osmanischer Zeit –, muss er das Land genau ausweisen, eine Landkarte herstellen, deren Richtigkeit die Nachbarn bestätigen müssen. Erst wenn der rechtliche Status eines Grundstücks einwandfrei festgestellt ist, könkönnen wir eine Genehmigung beantragen, das Land zu erwerben.“

    Edri blättert durch die alten Dokumente: „Hier hat der Rabbiner Suliman Mani Anfang des 20. Jahrhunderts ein Grundstück erworben… Da ist von Scheich Tamimi aus Hebron die Rede…“ Die Schriftstücke sind in osmanischer, arabischer und englischer Sprache verfasst, aber auch auf Hebräisch.

    „Wir haben niemanden vertrieben“

    „Es gibt einen Entscheid des Obersten Gerichtshofs in Israel, der es jedem Menschen erlaubt, an jedem Ort unter israelischer Herrschaft Land zu kaufen“, erklärt Edri, und meint: „Alles andere wäre Diskriminierung. Bei den Bemühungen, Land zu erwerben, stehen osmanisches, britisches, jordanisches und israelisches Recht auf unserer Seite. Die Auseinandersetzung darum, ob Juden im Westjordanland Land kaufen dürfen, ist rein politisch und hat mit Recht überhaupt nichts zu tun.“

    Ohne lange nachzudenken, beantwortet er die Frage, ob es Landdiebstahl gibt: „Natürlich! Aber die israelische Rechtslage ist eindeutig: Wer nicht nachweislich auf eigenem Land sitzt, muss von dort entfernt werden.“ – „Übrigens stimmt das auch mit biblischem Recht überein“, erklärt der orthodoxe Jude mit der gehäkelten Jarmulke auf dem Kopf: „Dass Israeliten das Land von Gott versprochen wurde, bedeutet nicht, dass sie es sich einfach nehmen können. Unser Vater Abraham musste die Höhle Machpela genauso zum vollen Marktpreis erwerben, wie Jakob sein Feld bei Sichem oder König David den Tempelberg in Jerusalem.“

    Jossi weiß von Fällen, in denen Juden anderen Juden Land gestohlen haben. Auch im Landstreit zwischen Palästinensern und Israelis ist nicht immer alles rechtens gelaufen. 1929 war die mehr als dreitausend Jahre alte jüdische Gemeinde in Hebron durch ein Pogrom ausgelöscht worden. In den darauf folgenden Jahren hatten Araber die verlassenen jüdischen Häuser besetzt. Anfang der 1980er Jahre war Jossi daran beteiligt, den „Besitz der Väter“ ausfindig zu machen. Durch finanzielle Anreize, aber auch durch Aktionen, die in keiner Weise von Israels Regierung unterstützt wurden und die er im Rückblick selbst als „kriminell“ bezeichnet, „wurden die Bewohner überzeugt, die Häuser zu verlassen“. Heute ist Jossi überzeugt, dass selbst Eigentum, das nachweislich Juden geraubt wurde, nicht einfach mit Gewalt zurückgenommen werden darf. Man muss es freikaufen, „auslösen“.

    Dem Vorwurf, Juden hätten den Palästinensern das Land geraubt, begegnet Edri mit Vehemenz: „Jeder Boden, auf dem wir siedeln, muss gekauft sein. Ja, Gott hat uns dieses Land verheißen. Ja, wir sind zurückgekehrt – aber dann haben wir allen Grund und Boden, auf dem wir heute leben, gekauft. Wir haben niemanden vertrieben!“

    Ansprechpartner für Palästinenser

    Das Gespräch bei der obligatorischen Tasse süßen Schwarztees wird ständig von Telefonanrufen unterbrochen, die nicht selten auf Arabisch geführt werden. Für eine beträchtliche Anzahl von Palästinensern ist der Siedler-Sicherheitschef mit der orientalischen Mentalität und der unübersehbaren Sympathie für dieses raue Land und seine verfehdeten Leute ein Ansprechpartner. Seien es Familien- oder Stammesstreitigkeiten, Probleme mit der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) oder wirtschaftliche Notlagen, immer wieder sehen Palästinenser keinen anderen Ausweg, als sich an ihre unmittelbaren jüdischen Nachbarn zu wenden, die Siedler. „In der PA gibt es keine Rechtssicherheit“, weiß Edri und berichtet von einem Mann, den ein palästinensischer Sicherheitsdienst 70 Tage lang an den Händen aufgehängt hat. Bitter lacht Jossi: „Sie haben gut von uns gelernt. Sowas haben auch Juden gemacht. Das ist die furchtbare Realität.“

    Er blättert durch Dokumente: „Das ist vertraulich. Wenn bekannt wird, dass wir davon wissen, wird der den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen, wenn er das überhaupt überlebt … Da haben sie einem beide Hände gebrochen … Da ist höchste Vorsicht geboten, sonst fängt der am Schluss eine Kugel …“ Der Vorwurf, Land an Juden verkauft zu haben, wird in der palästinensischen Gesellschaft gelegentlich wohl auch erhoben, um Druck auszuüben – was der Beschuldigte nicht selten mit dem Leben bezahlt.

    „Die wirtschaftliche Lage bei den Arabern ist teilweise so schlecht, dass sie nichts zu essen haben“, erzählt Jossi: „Deshalb bieten die Leute mir ihr Land zum Kauf an.“ Er weiß: „Viele Palästinenser wollen hier weg. Sie brauchen nur Geld, um gehen zu können. Die Leute sehen, dass die PA eine Diktatur ist. In Israel und Europa sehen sie Demokratie – und genau das wollen sie auch.“

    Während der jüdische Landkäufer weiter erzählt, wie er seine Kunden findet, habe ich die direkten Auswirkungen der Bewegung für „Boykott, Divestment, Sanktionen“ (BDS) vor Augen. Durch wirtschaftlichen Druck wollen westliche Nichtregierungsorganisationen und Kirchen den jüdischen Staat zwingen, sich ihren politischen Vorstellungen zu beugen. Das Resultat: Die Siedler verlegen ihre Wirtschaftsbetriebe wenige Kilometer weiter nach Westen, ins israelische Kernland. Ihre palästinensischen Arbeiter entlassen sie. Die dadurch entstandene Notlage zwingt die Araber, ihr Land an israelische Siedler zu verkaufen, weil sie sonst keine Möglichkeit sehen, ihre täglichen Bedürfnisse zu decken. Westliche Anstrengungen, Israels Siedlungspolitik zu unterlaufen, setzen Palästinenser unter Druck, ihr Land an Israelis zu verkaufen.

    Johannes Gerloff

    Johannes Gerloff

    hat in Tübingen, Vancouver und Prag evangelische Theologie studiert und lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem.
    Johannes Gerloff

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