Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Engelberg
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • Orthodox, orthodoxer, noch orthodoxer, …

    VON MARTIN ENGELBERG

    Vor einiger Zeit wurde ich Zeuge einer Diskussion, bei der es darum ging, ob man sich am Schabbat überhaupt duschen dürfe und wenn ja, ob mit warmem Wasser. Eine Frau aus chassidisch- orthodoxem Umfeld zitierte ihren Rebben, dass man sich am Schabbat nur mit „geschepptem“ (sprich: mit einer Kelle oder Ähnlichem geschöpften) Wasser waschen solle. Duschen sei verboten. Ein anderer argumentierte, man dürfe sich zwar duschen, aber nur mit kaltem Wasser. Ehrlich wahr?

    Wie immer in solchen Situationen versuchte ich mich zu erinnern, wie das meine Großeltern gemacht hatten. Schließlich kamen sie aus streng orthodoxen Familien und lebten auch nach der Schoa hier in Wien ein orthodoxes Leben. Sie waren also sogenannte „Schomrei Schabbat“ (Hüter der Schabbatgesetze). Nun, meine Großeltern Simcha und Pessl hatten einen Elektroboiler mit reichlich heißem Wasser in ihrem Badezimmer. Sie schalteten zwar den Thermostat vor Beginn des Schabbats ab, damit der Boiler bei Entnahme nicht nachheizen würde. Feuer machen bzw. heizen – auch mit Strom – wäre ja verboten. Selbstverständlich verwendeten sie jedoch das (bereits vor dem Schabbat erhitzte) Wasser des Boilers zum Waschen und Duschen. Keine Rede also davon, dass sie sich am Schabbat womöglich nur mit einem Schöpfer und kaltem Wasser gewaschen hätten. Das war Common Sense – gesunder Menschenverstand bei der Anwendung religiöser Gesetze.

    Genau dieser Common Sense scheint aber heute in der Orthodoxie zunehmend verloren zu gehen. Man hört von jungen Orthodoxen, die in den – ohnehin streng religiösen – Haushalten ihrer Eltern nicht mehr essen wollen, weil ihnen nicht alles koscher genug ist. Es soll Eiferer geben, die das Trinken von Leitungswasser verweigern. Es könnte ja schließlich durch einen Filter aus tierischer, nicht koscherer, Kohle gelaufen sein. Andere wieder treiben die ohnehin bereits besonders strengen Koscher- Gesetze zu Pessach zum Exzess. Sogar Zahnpasta und Kopfwehtabletten müssen das Zertifikat „Koscher lePessach“ tragen. Mit unheimlichem und unverständlich großem Aufwand verreisen solche Familien in den Urlaub und nehmen sage und schreibe alle Lebensmittel mit. Selbstverständlich hatten meine Großeltern zum Beispiel jedoch Milch in einem ganz normalen Geschäft gekauft.

    Vor einigen Wochen publizierten Aussteiger aus der streng orthodoxen Community der Gerer-Chassidim, der größten und mächtigsten chassidischen Gruppe in Israel, 104 Verhaltensregeln, denen sie sich unterwerfen mussten. So durften sie zum Beispiel die Worte „Frau“, „Mädchen“ oder „Braut“ nicht einmal aussprechen. Ebenso wenig war es erlaubt, mit weiblichen Verwandten, wie Tanten, zu sprechen. Sogar ein Besuch in der Wohnung eines verheirateten Bruders war verboten. Zwei Männer bzw. Burschen dürfen nicht alleine in einem Zimmer sein, junge Männer dürfen nicht zu Hause duschen oder baden – dies dürfen sie nur in den rituellen Bädern (Mikwaot).

    Auf Facebook gibt es eine eigene Seite „Frag den Rabbiner“, wo besonders Eifrige mitunter völlig abstruse Fragen stellen. Ein orthodoxes Mitglied der Wiener jüdischen Gemeinde hat es sich inzwischen zum Spaß gemacht, diese ein wenig durch den Kakao zu ziehen. Gutes Beispiel: „Da mein Telefon 30 sec geklingelt hat, als ich gerade mit den ersten Brachot [Segensprüchen] in der Schemone Esre [wichtiges Gebet] fertig war, habe ich … eine längere Pause gemacht… War das OK oder ist die Schemone Esre durch die Pause ungültig geworden? Soll ich sie wiederholen?“ Seine Antwort: „Oy, alles kaputt. Du musst nun sämtliche Tefillot [Gebete] seit der Bat Mizwa wiederholen.“ Im Rahmen einer darauffolgenden Diskussion meint er dazu: „Genauigkeit ist eine sehr gute Sache. Hoffentlich gehen bei dem Bemühen nach der perfekten Ausführung nicht die elementaren Fundament-Gedanken des Judentums verloren.“ Wie wahr!

    Natürlich könnten wir diese immer weiter fortschreitende Verschärfung der Einhaltung der Gesetze in orthodoxen Kreisen als das verstehen, was sie wahrscheinlich ist: Der fast verzweifelte Versuch der Rabbiner, ihre Mitglieder von den Verlockungen und Freiheiten der modernen und offenen Welt fernzuhalten und sie damit nicht zu verlieren. Als Träger vieler jüdischer Traditionen, der jüdischen Lehre, der jiddischen Sprache usw., ist die Orthodoxie jedoch für die sonstigen jüdischen Menschen als Quelle und Orientierungspunkt von elementarer Bedeutung. Daher wäre eine gewisse Gelassenheit und Offenheit der Orthodoxie für das Judentum insgesamt so wichtig.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gutes und süßes neues Jahr.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Martin Engelberg

    Neueste Artikel von Martin Engelberg (alle ansehen)