Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • “Nun leben wieder Juden im 2.”

    Unter diesem Titel wurde im November 2015 im Bezirksmuseum Leopoldstadt eine Dauerausstellung eröffnet, die dem jüdischen Leben als Teil des Kulturund Erscheinungsbildes der Leopoldstadt Rechnung tragen soll. Schließlich ist dieser Wiener Gemeindebezirk für viele noch immer die „Mazzesinsel“.
    VON PETER WEINBERGER

     

    In mehreren Räumen sind große, sehr übersichtliche Schautafeln angebracht, die das jüdische Leben im Bezirk illustrieren. Diese Tafeln und die ausgestellten Alltagsobjekte lassen die Schau in dem kleinen Museum über den Rahmen eines „üblichen“ Bezirksmuseums wachsen. Der nachstehende Text folgt größtenteils dem einiger Schautafeln, weil so manches heute kaum noch bekannt ist.

    Erste Ansiedlung und Vertreibung

    1570 tauchte erstmals die Idee auf, die Juden im Unteren Werd anzusiedeln. Doch erst 1623/24 stimmte Kaiser Franz Ferdinand II. unter dem Einfluss des Jesuitenpaters Germain Lamoraine der Umsiedlung der Wiener Juden in ein Ghetto zu. Als geeigneter Platz für das Ghetto wurde das Gebiet des Unteren Werd ausgewählt, das nahe bei der Stadt lag und doch durch die Donau von dieser getrennt war.

    So verpachtete der Grundherr, das Wiener Bürgerspital, am 15. Juni 1626 eine als „Heide“ bezeichnete baumlose Fläche an die Judengemeinde. Die Grenzen dieses Areals verliefen ungefähr entlang der heutigen Straßenzüge Taborstraße, Karmelitergasse, Krummbaumgasse, Große Schiffgasse und Kleine Pfarrgasse. Im Norden bzw. Westen wurde sie von zwei Donauarmen (heute Untere Augartenstraße und Leopoldsgasse/Hollandstraße) gebildet bzw. im Südosten durch den Klostergarten der Karmeliter.

    1632 war die Zahl der Häuser auf insgesamt 106 angewachsen. Es handelte sich meist um kleine „elende“ Häuser aus Holz und Lehm, mit Stube, Kammer und Küche ausgestattet, die von zweibis dreiköpfigen Familien bewohnt wurden. Die drückenden unhygienischen Verhältnisse und der Mangel an Trinkwasser begünstigten Seuchen wie Typhus, Schwarze Blattern und die Pest. Nur 13 der Häuser waren aus Stein gebaut und hatten einen eigenen Brunnen.

    Am 26. Juni 1668 wurde verfügt, dass die Juden das Ghetto nicht mehr verlassen durften und dass ein Verzeichnis der Gläubiger und Schuldner angelegt werden sollte, um die Vertreibung vorzubereiten. Die Vertreibung wurde am 27. Februar 1670 beschlossen und am 25. Juli des Jahres vollzogen.

    Nach dem Toleranzpatent: die zweite Ansiedlung

    Mit den Toleranzpatenten von Kaiser Josef II. erhielten 1781 Protestanten, 1782 Juden größere Freiheiten. Die nach der Märzrevolution von 1848 folgende Verfassung von 1849 gewährte den Juden bürgerliche Rechte, die allerdings nur wenig später zu einem großen Teil wieder zurückgenommen wurden. Erst das Staatsgrundgesetz von 1867 gab den Juden volle und uneingeschränkte Gleichberechtigung. Mit der neuen Nordbahn kamen nun Juden aus den östlichen Teilen der Monarchie nach Wien, in der Leopoldstadt stellten sie bald ein Drittel aller Bewohner. Die Wohnsituation war vor allem für die Zuwanderer aus dem Osten der Monarchie verheerend.

    In winzigen Wohnungen lebten Familien mit mehreren Kindern, zusätzlich noch entfernte Verwandte oder fremde Untermieter, bis zu 60 Personen hatten in Herbergen auf Strohsäcken ein hartes Nachtlager, Obdachlose schliefen im Prater. Während in der Binnenleopoldstadt, zwischen Taborstraße und Augarten, ärmere Kleinhändler und Gewerbetreibende zu finden waren, lebten wohlhabende Händler und Börsianer im Gebiet zwischen Taborstraße und Praterstraße, an der Kanalfront. Gesellschaftliche Aufsteiger zogen in „bessere“ Wohngegenden innerhalb des Bezirkes oder wanderten in den 1. oder 9. Bezirk ab.

    Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 flüchteten tausende Juden aus dem Osten der Monarchie nach Wien. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge betrug je nach Schätzung zwischen 50.000 und 70.000, von denen etwa 25.000 in der Leopoldstadt blieben. In dieser Zeit wurde der Beiname „Mazzesinsel“ für die Leopoldstadt geläufig.

    Die endgültige Vertreibung

    Nach dem Einmarsch der Nazis im März 1938 wurden die in jüdischem Besitz befindlichen Geschäfte und Wohnungen „arisiert“, darunter auch das Haus in der Krummbaumgasse 1. Einige Wohnungen wurden – wie viele andere Wohnungen in diesem Bereich der Leopoldstadt – zu Sammelwohnungen. In diese Wohnungen wurden Jüdinnen und Juden einquartiert, die aus ihren eigenen Wohnungen in anderen Teilen der Stadt vertrieben wurden. Wie viele Menschen wirklich zwischen 1938 und 1945 in diesem Haus lebten und nicht direkt von hier, sondern letztendlich von einem anderen Ort deportiert und ermordet wurden, lässt sich nicht mehr feststellen. Nachweislich wurden allein aus diesem Haus 147 Menschen deportiert und ermordet. Fünf Namen auf den Todeslisten der Nazis lassen sich zur Wohnung Nr. 16 zurückverfolgen. Sichtbare Spuren an der Eingangstür zu dieser Wohnung, die im Museum ausgestellt ist, zeugen vom Versuch, sie aufzubrechen. Das wurde anfangs noch durch eine an der Rückseite der Wohnungseingangstür angebrachte Metallplatte verhindert: So konnte die Wohnung vorerst nicht „ausgehoben“ werden. An die 60.000 Juden lebten vor 1938 in der Leopoldstadt, heute sind es knapp 3.000.

     

    Bezirksmuseum Leopoldstadt
    Karmelitergasse 9, 1020 Wien
    Öffnungszeiten:
    Sonntag 10.00 bis 13.00 Uhr
    Mittwoch 16.00 bis 18.30 Uhr
    oder nach telefonischer Vereinbarung
    unter 01/4000-02127

    Peter Weinberger

    Peter Weinberger

    war bis 2008 Professor für Allgemeine Physik an der TU Wien und ist seitdem Gastprofessor an der New York University. Er ist auch literarisch tätig.
    Peter Weinberger

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