Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Dajgezzen und Chochmezzen
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Nach der Wahl ist vor der Wahl

    Rainer Nowak und Peter Menasse trafen sich im letzten Jahr zum Dajgezzen beim Fernsehsender OKTO. Wer dieses TV Highlight versäumt hat, kann es in der Oktothek (www.okto.tv) nachsehen und -hören.

    Nowak: Weißt du eigentlich, dass die größte Intellektuelle und wunderbare Verlegerin, eine der wichtigsten Frauen dieses Landes, von New York nach Wien zurückgekehrt ist?

    Menasse: Du meinst die von Heute. Die habe ich am Titelbild von News gesehen.

    Nowak: Genau, Eva Dichand.

    Menasse: Stimmt, Eva Dichand. Das habe ich unten auf diesem Titel gelesen. Oben war eine Frau abgebildet und darunter stand geschrieben „Eva Dichand“. Das war aber in News, obwohl sie doch zu Heute gehört.

    Nowak: Zugegeben, das ist ein bisschen kompliziert. Vor allem für dich. Aber sie ist eine großartige Frau und hat als eine wahre Geistesgröße unseres Landes dort ein wirklich bahnbrechendes Interview gegeben.

    Menasse: Also ich habe ein wenig drübergeblättert und muss sagen: Immerhin ist sie gegen Rechtspopulismus.

    Nowak: Na dann. Das reicht ja eigentlich schon. Allerdings, wenn alle, die gegen Rechtspopulismus sind, schon deinen Ansprüchen genügen, dann gute Nacht.

    Menasse: Nein, ich kann halt nicht mehr über sie sagen. Ich weiß nur, dass die alten Leute im Pensionistenheim, in dem meine Mutter lebt, und sicher auch in anderen Heimen der Stadt Wien, ihre Zeitung kostenlos bekommen.

    Nowak: Nicht nur dort übrigens, auch in der U-Bahn und an anderen Haltestellen.

    Menasse: Ja, ja. Aber im Pensionistenheim lesen alle alten Leute über sämtliche Straftaten, die irgendwo in Österreich verübt werden. Die sind in diesem Heute wirklich gut und übersichtlich aufgelistet. Da wird nichts ausgelassen. Und so fürchten sich dann die Alten ganz ordentlich, beschließen daraufhin, dass sie unbedingt angebliche Sicherheit wählen müssen – und schon sind sie im Hafen der Rechtspopulisten.

    Nowak: Genau. Sie ist gegen Rechtspopulismus und hilft gleichzeitig tatkräftig mit, ihn zu unterstützen. Ich habe sie übrigens bei einer vom Bundeskanzleramt veranstalteten Enquete zum Thema Presseförderungen gehört, wo sie über Innovationen gesprochen hat. Da hat sie sich gegen die Reformpläne des neuen Medienministers gewandt. Ich weiß nicht, was sie noch will. Sie hat schon über die klassisch-österreichische Form der Presseförderung, nämlich die mit Inseraten aus dem politischen Umfeld, stark profitiert.

    Menasse: Mit der Medienförderung in der derzeitigen Form bin ich auch nicht einverstanden. Würden nämlich wirklich Qualitätskriterien angewandt, müsste NU sehr viel Geld bekommen. Und das ist leider nicht der Fall.

    Nowak: Du meinst, wenn man die Anzahl der Leser durch jene der Autoren dividiert und es kommt als Ergebnis die Zahl 1 heraus, sollte man wirklich stark gefördert werden.

    Menasse: Vollkommen richtig. Dann könnten wir uns auf den Weg machen, dieses Ergebnis auf 2 zu erhöhen. Du meinst hingegen vermutlich, dass mehr in die Presse wandern soll?

    Nowak: Ich sehe zwei Möglichkeiten. Entweder soll eine Medienförderung Qualität begünstigen. Dann müsste die Presse viel bekommen. Oder, und das würde ich als Wirtschaftsliberaler bevorzugen, die Förderungen werden überhaupt eingestellt, dann schauen wir, was passiert.

    Menasse: Was glaubst du denn, dass passiert?

    Nowak: Es wird dann sehr schnell ein paar Medien in dieser Form nicht mehr geben und es würde sich vielleicht wieder ein echter österreichischer Markt entwickeln.

    Menasse: Du bist schon sehr radikal, aber das bin ich ja von dir gewohnt. Du hängst so sehr am Wirtschaftsliberalismus, dass du für seine Durchsetzung sogar bereit bist, deine Zeitung dem Markt zu opfern.

    Nowak: Da irrst du. Unter fairen Bedingungen würden die hochstehenden Printmedien als Sieger hervorgehen. Seit wir allerdings auch in Okto-TV dajgezzen, sind wir auch im Netz der Medienförderung. Obwohl, wir arbeiten ja kostenlos.

    Menasse: Eben. Eigentlich sind wir also Fördergeber für Okto-TV. Aber vermutlich wird das den Massenmarkt nicht enorm beeinflussen.

    Nowak: In der Tat. Obwohl, hin und wieder reden mich schon Leute auf unser Dajgezzen an, die es in Okto gesehen haben.

    Menasse: Da sieht man wieder, wir kennen dieselben Menschen. Mit mir haben auch schon alle unsere drei Seherinnen über die Sendung geredet. Und zwei Drittel hat sie sogar gefallen. Nicht schlecht, oder?

    Nowak: Ich befürchte eher, dass wir so etwas wie das Heute des politischen Kabaretts, sozusagen die Eva Dichands des Dajgezzens sind.

    Menasse: Einspruch. Wir waren noch nie am Titel von News.

    Nowak: Dorthin werden wir beide auch nie kommen.

    Menasse: Jetzt hast du mir echt einen Lebenstraum zerstört.

     

    * Dajgezzen: sich auf hohem Niveau Sorgen machen; chochmezzen: alles so verkomplizieren, dass niemand – einschließlich seiner selbst – sich mehr auskennt.

     

     

    Rainer Nowak

    Rainer Nowak

    Chefredakteur at Die Presse
    Der Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse ist ständiger NU-Mitarbeiter.
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    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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