Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • Moran Haynal – der Sofer

    Wenn Moran Haynal erzählt, wie er Schritt für Schritt zu einem Sofer, einem Schreiber von heiligen Texten, geworden ist, dann hat man Bilder vor Augen, die man schwer unterbringt in der heutigen Welt, und was sollte man da anderes sein als schlichtweg fasziniert.
    VON KATRIN DIEHL

     

    Seit der Zeit des ersten Tempels ist „Sofer“ die hebräische Bezeichnung für einen Schreiber. Der Sofer schreibt von Hand Torarollen, Mesusot, Tefillin, Ketubbot … Er ist hoch angesehen in der orthodoxen Welt. Beim Schreiben unterliegt er strengen Regeln, die den Prozess immun machen gegenüber dem, was wir Fortschritt nennen. Vielmehr hat das alles einfach nichts zu tun mit dem Lauf der Zeit. Oder doch?

    Moran Haynal trägt eine Latzhose über einem coolen T-Shirt. Wenn nichts dagegenspricht, raucht er. Von seinem Hinterkopf hängt ein ewig langer, dünner, geflochtener Zopf, der so etwas ist wie sein Markenzeichen. Darüber klammert sich ans graue Haupthaar eine kleine Kippa. Mit seiner Frau Judit lebt Moran Haynal in einer Ecke Münchens, der das verstaubte Worte „Satellitenstadt“ gut steht. Die Wände der Wohnung im x-ten Stock bedecken seine Großgemälde, deren Farben und Motive einen anspringen. Der Geruch von Ölfarbe hängt in der Luft. Denn Moran Haynal ist auch Maler, ist auch Grafiker, ist auch Designer, ist auch jüdischer Kalligraf, und er weiß sich in einer religiösen Welt Freiräume zu schaffen, wo sie keiner vermutet hätte. Damit verblüfft und verunsichert er. Geboren wurde Moran Haynal 1949 in Budapest als Diplomatensohn, das Haus der Eltern stand in unmittelbarer Nähe des Geburtshauses von Theodor Herzl, dem Gründer der zionistischen Bewegung. Die „Große Synagoge“, die tatsächlich die größte und nach Meinung mancher auch die schönste Europas ist, steht über allem und ist nicht weit. Als Kind lebte Moran Haynal „zufällig“ in Ostberlin, als Student ging er nach Wien an die Kunstakademie, erstarrte im Museum vor seinem ersten „echten Klimt“. Als er mitbekam, wie man in der etwas westlicheren Welt über den Sechstagekrieg diskutierte, ihn nicht – wie in Budapest – totschwieg oder Israel als alleinigen Aggressor an den Pranger stellte, hat das seinen „politischen Verstand geweckt“. Und immer weiter und weiter drehte sich das Überraschungskarussell, dreht es sich für den Zuhörer und Zuseher von heute. Bis es, als habe jemand eine Bremse gezogen, wieder zum Stehen kommt.

    „Der Toraschreiber hat den obersten Rang“

    Ein kratzendes Geräusch macht die Stille deutlich. Wir sehen einen großen Raum mit vielen Tischen, an jedem Tisch ein Sofer, gebeugt über eine Torarolle. Einer davon ist Moran Haynal. Wir sehen in einem anderen Raum zwei junge Männer, die sich gegenübersitzen und zusammen den Talmud lernen, Sätze daraus hin- und herwenden, um zu verstehen, was sie als Soferim eigentlich tun. Einer davon ist Moran Haynal, der Ende der 80er- Jahre Alija gemacht hat, mit Israel die hebräische Schrift oder mit der hebräischen Schrift Israel entdeckt hat, der bis heute täglich schreibt, zeichnet oder malt mit Kopfhörern auf den Ohren, aus denen Rockmusik kommt, „nur nicht an Schabbat, da lerne ich“.

    NU: Erzählen Sie, Moran, wo sind Sie zum Sofer ausgebildet worden, und wie sieht so eine Ausbildung aus?

    Moran: Die Ausbildung, die man braucht, um ein Sofer zu werden, dauert drei Jahre und ist ziemlich hart. Ich bin in Beth El zum Sofer ausgebildet worden, einem Ort, der für seine Sofer- Schule bekannt ist. Zuerst einmal musste ich eine Aufnahmeprüfung bestehen, die nicht ohne ist. Man sitzt da zwei bis drei Stunden mit dem Rabbiner zusammen und wird ausgefragt. Der Rabbiner macht sich ein Bild von dir und erlaubt es dir, nochmal wieder zu kommen oder eben auch nicht. Dein Wissen wird geprüft, es wird aber auch danach geguckt, wie man so sein Leben lebt. Und dann gibt es noch ein paar Einschränkungen, wer wohl eher sowieso kein Sofer wird.

    Frauen können es nicht werden?

    Frauen können es nicht werden, aber zum Beispiel darf man auch kein Linkshänder sein.

    Man darf kein Linkshänder sein?

    Wenn man mit links schreibt, dann schleicht sich da, nennen wir es eine unerlaubte Leichtigkeit ein. Die hebräische Schrift verläuft ja von rechts nach links und es besteht also für den rechtshändigen Sofer die Gefahr, dass die schreibende Hand das verwischen könnte, was sie geschrieben hat. Der Linkshänder hat dieses Problem nicht …

    Etwas, das den Schreibprozess erleichtert und damit verändert …

    So ist es.

    Moran, wie gut konnten Sie schon vor der Sofer-Ausbildung hebräisch kalligrafieren?

    In Ungarn war es bis in die 80er- Jahre hinein verboten, die hebräische Schreibschrift zu benutzen, das sei irgendwie „zionistisch“, hat man behauptet, gehöre nicht zur Religion … Alle, auch die Rabbiner, haben also mit Druckbuchstaben geschrieben und hatten darin dann auch eine gewisse Übung, konnten überraschend schnell schreiben. Aber eigentlich würde ich sagen, dass ich, als ich nach Israel gekommen bin, erst einmal schreiben lernen musste. Nach dem Ulpan habe ich angefangen, in einem grafischen Studio zu arbeiten. Ich habe Urkunden geschrieben, später auch grafische Arbeiten für einen Buchverlag gemacht. Das hat mir gefallen, und man hat mir auch öfters gesagt, „Mann, du schreibst wirklich schön …“. Da wollte ich in dieser Richtung weitermachen und habe 1995 die Ausbildung zum Sofer begonnen.

    Erzählen Sie, wie ist so eine Ausbildung aufgebaut?

    Zuerst haben wir gelernt, aus einer Gänsefeder eine Schrägfeder zu machen, eine handwerkliche Herausforderung. Dann benutzt man die Feder, wobei es verboten ist, Buchstaben zu schreiben. Wir bekamen große Blätter, auf denen mussten wir waagrechte Linien ziehen. Immer wieder. Wenn diese Linien schön, gleichmäßig und gerade gelingen, kann man weitermachen, Buchstabe für Buchstabe, bis man sich an seine erste Mesusa – natürlich erst einmal eine sehr große, vielleicht für eine Synagogentür – wagt. Man darf dann auch immer selbständiger arbeiten, auch mal zu Hause eine Megilla schreiben oder so … – nur Torarollen darf man nicht zu Hause schreiben. Der Toraschreiber hat den obersten Rang.

    Und wenn beim Toraschreiben ein Fehler passiert?

    Sie meinen beim vorletzten Wort? [Lacht] … Dann bessert man aus. Man darf ausbessern, nur nicht beim G’ttesnamen. Da darf kein Fehler passieren …

    Wie bessert man aus?

    Man kratzt den Fehler weg mit so einem Messerchen, einer Art Skalpell. Wenn dagegen bei einer Mesusa ein Fehler passiert, dann muss die weg. Sie kommt zu anderen fehlerhaften Schriften in eine Genisa und wird später begraben.

    Auf was schreibt man?

    Auf Rinderhaut. Fischhaut wäre auch erlaubt, aber …

    … die riecht nicht besonders fein …

    Genau.

    Und mit welcher Tinte schreibt man?

    Die Tinte kauft man in Spezialgeschäften, und die haben ihre „Geheimrezepte“, wie sie die koschere Tinte zubereiten. Es gibt eher leichtflüssige oder mehr dickflüssige Tinte. Bei einer Megilla finde ich es zum Beispiel schöner, wenn die Schrift „Körper“ hat, wenn man sie mit den Fingerspitzen spüren kann. Allerdings wird dadurch das Schreiben auch schwieriger, weil die dicke Tinte nicht so leicht aus der Feder fließt.

    Und wie lange sitzt man, sagen wir mal, an einer Mesusa?

    Das kommt auf den eigenen Anspruch an. Man kann es schnell machen, dann ist die Mesusa zwar auch koscher, aber vielleicht nicht besonders schön. Das ist nicht meine Sache. Für mich ist Schönheit sehr wichtig, und deshalb arbeite ich eher langsam, schaffe höchstens drei Mesusot am Tag.

    Und wie viel Spielraum hat man in der Gestaltung der einzelnen Buchstaben?

    Eigentlich lässt ein Buchstabe, der koscher sein soll, keinen Spielraum. Und trotzdem hat jeder Sofer auf irgendeine Weise seine eigene Handschrift. Sie äußerst sich mehr in seiner Sorgfalt, zum Beispiel, ob man es schafft, dass alle Buchstaben nach oben in einer gemeinsamen Linie abschließen, oder ob man es schafft, dass zwischen den Beinchen vom Dalet ein Dreieck entsteht … Das gelingt nicht immer, da muss man beim Schreiben die Feder drehen.

    Moran Haynal holt aus dem Nebenzimmer eine Feder, ein geradezu unscheinbares Schreibgerät, wenn man nicht weiß, was dahintersteckt. Der Federbüschel fehlt, „der ist nur schön, aber nicht nützlich“. Aus seinem Atelier trägt er weitere Schätze herbei, Schriftstücke, die er mit farbigen Illustrationen bereichert hat: Das Hohelied, eine komplette Haggada und anderes. Auf seinen großen Gemälden hat er die Verhältnisse Motiv und Schrift verkehrt. Da stehen oft verführerische Damen im Blickpunkt, umgeben von Reminiszenzen an vergangene Größen oder die Pop-Art insgesamt. Ganz ohne Schrift kommt kein Bild aus. „Mich hat schon immer interessiert, wie die Kodexschreiber der früheren Zeit das Bilderverbot umgangen haben: Sie haben aus Texten Bilder gestaltet.“ Auf Moran Haynals Kunstwerken kann man in Esthers und Sulamiths Haaren lesen.

    Katrin Diehl

    Katrin Diehl

    ist nach ein paar Semestern an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg nach München an die Deutsche Journalistenschule gewechselt. Seitdem lebt sie dort und ist als freie Journalistin tätig
    Katrin Diehl

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