Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Kaffee mit Daisy

    Die kultige Geschirrserie „Daisy“ trifft heute noch auf große Begeisterung bei Sammlern. Erzeugt wurde das Tafelgeschirr im niederösterreichischen Wilhelmsburg. Daran erinnert dort ein Geschirrmuseum, das auch Interesse für die Unternehmerfamilie Lichtenstern/Lester weckt.
    VON PETRA MENASSE-EIBENSTEINER

     

    Es gibt nur wenige Hunde, an die man sich auch Jahrzehnte nach ihrem Tod noch erinnert. Berühmtes Beispiel sind die Hunde der Peggy Guggenheim, die ihre letzte Ruhestätte im Garten der Peggy Guggenheim Collection in Venedig haben, gleich neben dem Urnengrab ihrer früheren Besitzerin. Ein ähnliches Denkmal wurde der Hündin Daisy gesetzt. Nach ihr wurde eine Geschirrmarke benannt, die in den 1960er- und 70er-Jahren in vielen Haushalten zu finden war. Monica, die Tochter von Conrad H. Lester (ehemals Kurt Heinz Lichtenstern), des Fabrikbesitzers der Lilienporzellan-Fabrik im niederösterreichischen Wilhelmsburg, hatte ihren Vater überredet, den Namen ihres Hundes für die neue Geschirrserie zu wählen.

    Freude mit jedem Gedeck

    Mit „Daisy“, dem pastellfarbigen Tafelgeschirr der Lilienporzellan-Serie, wurde erstmals 1959 ein Tisch gedeckt. Im selben Jahr kommt der britische Kleinwagen „Mini“ auf den Markt, bei der New Yorker Spielwarenmesse wird die erste Barbie-Puppe präsentiert und das Guggenheim Museum in New York öffnet seine Pforten.

    Der Marke „Daisy“ verdankt das Lilienporzellan seine größten Erfolge. Conrad H. Lester ließ sich durch seine Zeit in Los Angeles inspirieren – helle, freundliche Farben mussten es sein. Sie entsprachen der Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit. Pastelltöne, Porzellan und Design waren die drei Säulen für das Kultgeschirr.

    Für das Design der konischen, eleganten Form war der Chefkeramiker und Modelleur Josef Dolezal zuständig. Anfangs gab es das Tafelgeschirr einfärbig, in pastelligem Blau, Gelb oder Rosa. Doch es entstanden immer wieder Probleme bei Nachbestellungen. Das Blau war nicht mehr das gleiche Blau, das Rosa nicht das gleiche Rosa, und dafür hatten die Kunden gar kein Verständnis. Daraufhin zog Lester einen Keramikexperten zu Rate. Dem erfahrenen Ingenieur gelang es zwar nicht, eine technische Lösung zu finden, die exakte Farbgleichheit hergestellt hätte, aber er hatte eine simple Idee: Jede Schachtel enthielt fortan Geschirr in sechs unterschiedlichen Pastellfarben. Ging ein Stück kaputt, konnte man es einfach nachkaufen – und da jede Farbe im Set nur einmal vorkam, gab es keine Reklamationen mehr.

    Dieses bunte Service wurde unter dem Namen „Daisy Melange“ verkauft, und seine Erfolgsgeschichte reichte bis in die späten 1980er-Jahre. Im Jahr 1991 lief dann die Produktion endgültig aus, 1997 wurde die Wilhelmsburger Geschirrproduktion geschlossen.

    Geschirrmuseum Wilhelmsburg

    Heute wird „Daisy“, das wohl berühmteste Tafelgeschirr Österreichs, im Geschirrmuseum in Wilhelmsburg südlich von St. Pölten gewürdigt. Ein Besuch dort bietet nicht nur einen Einblick in die Geschichte der Geschirrproduktion, sondern verweist auch auf die bewegte Geschichte der Familie Lichtenstern, später Lester.

    Beginnen wir jedoch mit einem Rundgang durch das Museum. Geführt werden wir von Manfred Schönleitner, dem Museumsgründer. Er kennt den Standort schon lange, war er doch selbst als selbständiger Schlosser für die Geschirrfabrik tätig. Nach dem Ende der Produktion erwarb er die Winklmühle, den ältesten Teil der Fabrik, und eröffnete 2007 das Geschirrmuseum. Er ergänzte seine eigene Sammlung durch den Ankauf von zwei weiteren Sammlungen von Lilienporzellan und Steingut.

    „Daisy“ ist auch hier allgegenwärtig. Besonders anschaulich wird die Bedeutung dieser Serie in einer Küche aus den 1960er-Jahren, die von einer alten Dame vor ihrer Übersiedlung ins Altersheim dem Museum überlassen wurde. Alles Geschirr, einschließlich der Küchengeräte, präsentiert sich im typischen Pastell.

    Ein Kurzfilm vermittelt den Werdegang der Firma, die traditionsreiche Produktionshistorie des Wilhelmsburger Steinguts einerseits und des Lilienporzellans andererseits, sowie die Entstehungsgeschichte von „Daisy Melange“. Während des Rundgangs lernen wir, dass die unterschiedlichen Bodenmarken auf dem Geschirr immer Rückschlüsse auf geänderte Besitzverhältnisse, Änderungen bei der maschinellen Fertigung oder bei der Formgebung zulassen. So kann auch gut bestimmt werden, wann ein Geschirrstück erzeugt wurde.

    Ein besonders ins Auge stechendes Design ist das der Serie „Corinna“, geschaffen von Fritz Lischka, das ab Anfang der 1960er-Jahre in verschiedenen Dekorvarianten produziert wurde. Die dünnwandige Form konnte sich aber ob ihrer Zerbrechlichkeit nicht durchsetzen und wurde nach nur wenigen Produktionsjahren eingestellt. Es sollten noch „Dolly“, „Dora“ und „Menuett“ folgen. Doch keine der Serien konnte an den Erfolg von „Daisy“ anknüpfen.

    Als die Produktion von „Daisy“ 1991 eingestellt wurde, wurden auch die Formen vernichtet. „Das ist wirklich schade. Aber die Leute konnten damals nicht ahnen, dass das Geschirr für die Nachwelt interessant werden würde. Für sie war das ein Gebrauchsgegenstand, und es war eben vorbei“, so Schönleitner. Zu einem Kultgegenstand wurde „Daisy“ erst Ende der 1990er-Jahre. Gute Nachricht für alle „Daisy“-Fans: Das Geschirr wird inzwischen in leicht abgeänderter Form in Karlovy Vary (Karlsbad) in Tschechien produziert und ist auch im Museum erhältlich.

    Außer in den Erzählungen von Manfred Schönleitner stößt man in Wilhelmsburg kaum mehr auf Spuren der Fabrikanten- und Mäzenatenfamilie. Nur über dem Eingang zum Fußballplatz der Stadt prangt ein großes Schild mit der Aufschrift „Lichtenstern Stadion“, allerdings ohne jegliche Erklärung, was es mit dem Namen auf sich hat. Auch in der Chronik der Stadt im Internet wird die Familie totgeschwiegen.

    Familie Lichtenstern/Lester

    Dabei hätte sich die Familie Lichtenstern/ Lester angesichts ihres Engagements für die Stadt mehr Anerkennung verdient. Die Geschichte der Lichtensterns ist in vielerlei Hinsicht spannend und der Recherche wert. Da gibt es die unternehmerischen Jahre in Wilhelmsburg vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, die Flucht vor den Nationalsozialisten nach Amerika und schließlich die enge Verbindung zu Größen der österreichischen Kultur und Gesellschaft, wie etwa Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel oder Soma Morgenstern. Dann gab es noch die Verwandtschaft zu Herbert Felix, dem Gurken-Fabrikanten, und zum ehemaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Beide sind Cousins väterlicherseits von Conrad H. Lester.

    Diese Geschichte lässt sich aber heute noch schreiben, gibt es doch mit Paul Lester, dem Sohn von Conrad H. Lester, einen spannenden Erzähler und Zeitzeugen, den ich im Café Sacher zum Gespräch treffe.

    Zu Beginn reden wir über 1938 und die Flucht der drei Cousins vor dem Nationalsozialismus, die sie in verschiedene Himmelsrichtungen führte. Kreisky und Felix fanden Schutz in Schweden, während Lichtenstern – den Namen Lester nahm er später in der Emigration an – über mehrere Stationen nach Paris ging. Dort lernte er Soma Morgenstern und Joseph Roth kennen und traf auch Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel wieder, die er schon aus Wien kannte. Er gründete die Zeitschrift Freies Österreich – La libre Autriche, von der allerdings nur eine Ausgabe 1940 erschien. Als dann die deutsche Armee im selben Jahr in Paris einmarschierte, flüchtete er nach Südfrankreich. Von dort ging es mit einem gefälschten Pass über die Pyrenäen nach Spanien, Portugal und weiter nach Nordafrika. 1941 erreichte er Brasilien, und von dort fuhr er nach so vielen Umwegen schließlich nach New York. Aber auch hier hielt es ihn nicht lange, wie Paul erzählt: „An diesem Teil der Fluchtgeschichte angekommen, sagte der Vater immer: ,In New York habe ich ein Auto gekauft und bin so weit weggefahren, wie nur irgendwie möglich. Und das war halt dann Los Angeles.‘“ Auf dieser Fahrt wurde er vom Literaten Soma Morgenstern begleitet. In Kalifornien nimmt Lichtenstern schließlich den Namen Conrad H. Lester an.

    Währenddessen wurde das Werk in Wilhelmsburg, wie auch die Werke in Gmunden und Znaim, von den Nationalsozialisten enteignet. Nach dem Krieg bekam Conrad H. Lester die niederösterreichische Fabrik wieder zurück.

    Mein Gesprächspartner Paul Lester und seine Schwester Monica kamen bald nach dem Krieg in Los Angeles zur Welt und wurden zu amerikanischen Staatsbürgern, was Paul angesichts der derzeitigen politischen Lage nicht wirklich schmeckt. Lieber wäre er Österreicher. Nach Kurzbesuchen in Österreich zog die Familie 1967 endgültig nach Wien. „Es war für mich als Jugendlicher schrecklich, absolut schrecklich“, so Lester. Wien sei damals nämlich eine „alte“ Stadt gewesen, mit vielleicht gerade einmal zwei Diskotheken und sonst gar nichts.

    Sommer in Wilhelmsburg

    „Damals“, so Lester, „gab es noch die Villa meines Großvaters, in der wir den Sommer verbrachten. Sie musste später der Geschirrproduktion weichen.“ Richtig gelebt hätten sie dort aber nie, denn die Zentrale der Firma befand sich in der Wiener Goethegasse. Die Sommer in Wilhelmsburg habe er als „mühsam“ in Erinnerung, denn die jungen Leute aus Wilhelmsburg hielten zu den Kindern des Fabrikbesitzers Abstand. Diese Distanz ist auch heute noch zu bemerken. Einzig das Töpferdenkmal im Ort erinnert an den Großvater von Paul, Richard Lichtenstern (1870–1937). Die dort angebrachte Tafel ist aber kaum noch lesbar. Unter Richard wuchs das Unternehmen zur größten Steingutfabrik in Österreich- Ungarn. Er gründete den ersten Arbeiter- Konsumverein, stiftete 1919 den schon eingangs erwähnten Sportplatz, baute Wohnungen für seine Angestellten und errichtete das erste öffentliche Bad in Wilhelmsburg. Heute ist das der Stadt keine Erwähnung mehr wert.

    Eine Erinnerung hat sich für Paul Lester aber in Bezug auf Wilhelmsburg eingeprägt – die Feierlichkeiten zur Stadterhebung Anfang Juli 1959. Da saß er als Neunjähriger mit seiner Familie in der ersten Reihe, direkt hinter dem damaligen Bundespräsidenten Adolf Schärf.

    Angesprochen auf die erfolgreiche Geschirrserie „Daisy“, meint Paul Lester: „Der Erfolg der ‚Daisy Melange‘ war letzten Endes kontraproduktiv. Nach dieser Serie gelang es meinem Vater nicht, ein Nachfolgeprodukt erfolgreich auf den Markt zu bringen. Obwohl, ‚Corinna‘ hätte es sein können, die war oval, futuristisch, ausgezeichnet für die Zeit, wie ich finde, und überlegt dekoriert.“

    Nachdem Conrad H. Lester eine geschäftliche Verbindung mit dem Unternehmen Laufen in der Schweiz eingegangen war, um den Standort abzusichern und einen größeren Marktanteil zu erzielen, begann sein Sohn Paul in der Schweiz bei Laufen als Laborchef zu arbeiten. Nach vier Jahren wechselte er als Betriebsleiter nach Gmunden. „Danach bin ich Design- und Entwicklungsmanager für Laufen Europa geworden und hatte die Produktion in Tschechien, der Schweiz, Österreich und Deutschland über“, so Paul Lester. Die Geschirrproduktion in Wilhelmsburg ist inzwischen gänzlich beendet worden.

    Die L.A.-Clique

    Bereits vor dem Krieg hatte Conrad H. Lester eine freundschaftliche Beziehung zu Anna Mahler. Über sie lernte er ihre Mutter, die Grand Dame der Kunstszene Alma Mahler-Werfel und dann auch den Schriftsteller Franz Werfel kennen. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich bald eine enge Freundschaft. Wie eng diese Beziehungen waren, zeigt sich in einem Brief, der sich im Archiv der Penn State University befindet.

    Geliebte Alma,
    Wenn wir Dir auch immer alles Liebe und Gute wünschen, so gibt uns Dein Geburtstag Gelegenheit, es zu sagen. In Wien habe ich dich nur aus der Ferne bewundert. In Frankreich verdankte ich Dir und Franz manche herrliche, unvergessliche Stunde. In der Schreckenszeit des Krieges und der Flucht hast Du mich aufgerichtet und aus der zermürbenden Angst herausgerissen. In Californien macht Deine Freundschaft unser Leben reich. Dafür danken wir Dir heute und immer.

    In Verehrung und Liebe
    Conrad und Caty Lester

    „Die Alma“, so Paul Lester, „hat dann auf derselben Straße in Los Angeles gewohnt wie wir – nur weiter unten.“ Alma Mahler-Werfel war auch die Taufpatin von Paul Lester. „Mein Vater hat Alma und Franz Werfel geholfen, sich zu setteln“, so Lester in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. Und als Alma später nach New York zog, half er ihr, ein Haus zu kaufen.

    Die vielen Künstler, die seine Familie umgaben und wie sie vor den Nazis geflohen waren, nennt Paul Lester „die Clique“. Alle wollten sie irgendwie beim Film unterkommen. Dann gab es auch noch die Freundschaft zum Musikkritiker und Komponisten Walter Arlen. „Wo sich Walter Arlen und meine Eltern kennenlernten, weiß ich nicht, aber er war dann sehr oft bei uns zu Hause.“

    Auf Anraten von Franz Werfel sattelte Conrad H. Lester auf Germanistik um. „Dich interessiert das eh mehr als das G’schirr!“, soll Werfel gesagt haben. Pauls Vater war also nicht nur Fabrikant, sondern später sogar Professor für Germanistik an der UCLA (University of California Los Angeles) und schließlich Dozent an der Loyola University of Los Angeles. Als diese einen Dozenten für Musik suchte, schlug Conrad H. Lester Walter Arlen vor.

    Ein oft besprochenes Thema in der Familie war die Geschichte des Cousins Herbert Felix. Dieser hatte beschlossen, seine Fabrik nach Österreich zu verlegen und fragte seinen Cousin Bruno, damals schon Bundeskanzler: „Wo brauchst du was?“ Kreisky antwortete: „Im Burgenland.“ So kam dieses Unternehmen in das damals wirtschaftlich unterentwickelte Bundesland.

    Paul Lesters Mutter Caty Lester war ebenfalls Österreicherin und hatte eine Karriere als Sängerin gemacht. Als sich ein deutscher General in sie verliebte und ihr gegen ihren Willen Avancen machte, flüchtete sie nach Kuba, wo sie anfänglich eine Radiosendung gestaltete. Dann schlug das Schicksal lebensbestimmende Volten. Sie lernte in Havanna den Bruder der Schauspielerin Hedy Lamarr kennen, der mit Hilfe seiner berühmten Schwester erreichte, dass Caty eine Gesangsrolle in einem Film über Brahms erhielt. Sie reiste dazu nach Los Angeles, wo sich der Aufenthalt stark verlängerte, weil die für den Film engagierten Musiker in Streik traten. In dieser Zeit lernte sie Conrad H. Lester kennen und blieb endgültig.

    Paul Lester ist heute in Sachen Kultur unterwegs und unterstützt die dem Komponisten Gustav Mahler gewidmete, von seiner Enkelin Marina Mahler ins Leben gerufene Stiftung als einer ihrer Direktoren (mahlerfoundation.org).

    Petra Menasse-Eibensteiner

    Petra Menasse-Eibensteiner

    studierte Philosophie und Publizistik in Salzburg. Sie ist selbständige Kommunikationsberaterin. Seit kurzem gibt sie das burgenländische Magazin Der See heraus.
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