Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Rafael Kishon | Nr. 63 (01/2016) - Nissan 5776
  • Facebook-Terror, Tourismus und ein Hoffnungsschimmer

    Seit etwas mehr als einem Jahr kommt es immer wieder zu Attacken auf das öffentliche Leben in Israel. Politiker reden von einer „Terrorwelle“
    VON JOHANNES GERLOFF

    Bodycheck auf den Straßen Jerusalems

     

    Plötzlich rumpelt es hinter mir. Ich drehe mich um von dem mit Mandeln, Nüssen, Kernen und Trockenfrüchten beladenen Tisch, der für den Schuk Mahaneh Jehudah so typisch ist. Unmittelbar hinter mir liegt ein Mann auf dem Boden. Über ihm kniet ein anderer, der gerade aus der Gesäßtasche eine Stoffmütze zieht auf der in leuchtenden hebräischen Buchstaben „Mischtarah“ steht, „Polizei“. Ein weiterer Polizist in Zivil steht daneben. Auf dem Boden rollt ein Schraubenzieher.

    Mir bleibt keine Zeit, Fragen zu stellen. Schnell ziehen die beiden Beamten den Überwältigten vom Boden hoch, drängen ihn in eine Seitengasse, bombardieren ihn mit Fragen. Mich würdigen sie keines Blickes. Wollte mir dieser Mann den Schraubenzieher in den Rücken stoßen? Oder war er nur ein unvorsichtiger Kunde, der das gekaufte Werkzeug offen in der Hand getragen hatte, anstatt es in eine Tasche zu stecken? Die Aufmerksamkeit der beiden Polizisten wurde ihm jedenfalls zum Verhängnis.

    Der „Schrecken“ verbreitet sich ungebremst

    Die Stimmung in Israel ist angespannt, gereizt. Seit etwas mehr als einem Jahr machen Palästinenser ihrer Wut auf Juden mit ganz normalen Alltagsgegenständen Luft: Messer, Scheren, Schraubenzieher, Äxte. Mehrfach sind Autos in Menschenmengen hineingerast. Steinwürfe gehören in arabischen Siedlungsgebieten wieder zum Alltag. In letzter Zeit kommen auch wieder vermehrt Schusswaffen zur Anwendung.

    Israel schützt Bus- und Straßenbahnhaltestellen mit Betonquadern. Die Präsenz von Polizei und Soldaten in der Öffentlichkeit wurde deutlich erhöht. Waffenbesitzer sollen ihre Schusswaffen bei sich tragen. Wer irgendwann einmal eine Ausbildung an der Waffe erhalten hat, wird ermutigt, einen Waffenschein zu beantragen. Die strikten Regeln, wann eine Schusswaffe zum Einsatz kommen darf, wurden gelockert.

    Politiker meiden den Begriff „Messer- Intifada“, reden lieber von einer „Terrorwelle“. Sicherheitsexperten mühen sich, die Ratlosigkeit zu verbergen. Klar ist, dass die jahrelange Hetze in der palästinensischen Öffentlichkeit Früchte trägt. Wirtschaftliche und politische Zustände können aus israelischer Sicht kaum wirkungsvoll verändert werden. Es sind keine Terrororganisationen, die in letzter Zeit aktiv werden, sondern Einzeltäter, die spontan zum Messer oder zur Schere greifen und zustechen. Zudem sind es weniger Palästinenser von der anderen Seite der Mauer, sondern die aus Ostjerusalem, die einen israelischen Personalausweis haben und sogar Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft. Dagegen gibt es kaum nachrichtendienstliche oder polizeiliche Mittel.

    Neu an der jüngsten Welle der Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt ist die Rolle der sozialen Netzwerke. Hautnah werden Terroranschläge von der ganzen Bevölkerung miterlebt. Jugendliche sind über Facebook, Twitter und WhatsApp oft schneller informiert als Polizei, Rettungskräfte oder Journalisten. Der „Terror“, der „Schrecken“, verbreitet sich ungefiltert und ungebremst. Es gibt Israelis, die sich nicht mehr auf die Straße trauen, kaum noch die vertrauten vier Wände der eigenen Wohnung verlassen. Wer in Tel Aviv oder Haifa wohnt, meidet aufgrund der Schreckensgerüchte Jerusalem.

    Mit einfachsten Mitteln lassen sich Juden in Angst und Schrecken versetzen. Das sehen junge Palästinenser in den sozialen Netzwerken. Israelische Terrorexperten wissen aus Verhören: Es kann die enttäuschte Liebe, der Streit mit der Mutter oder die entwürdigende Bemerkung des Vaters sein, die einen Teenager zu drastischen Mitteln treibt. Facebook oder Twitter lehren: Mit einfachsten Mitteln kannst du in wenigen Minuten zum Nationalhelden werden. Ganz gleich, wie ein Spontananschlag ausgeht, die Bewunderung durch einen Großteil der palästinensischen Gesellschaft und die Anerkennung durch die Palästinensische Autonomiebehörde sind gewiss.

    Touristen sind keine Ziele

    Kann man jetzt noch ins Heilige Land fahren? – Die Tourismusbranche verzeichnet nach Rekordjahren massive Einbrüche, besonders bei Besuchern aus Nordamerika und Europa. Dabei sind die Hauptleidtragenden interessanterweise Palästinenser, die bereits Milliardeneinbrüche im Tourismusgeschäft melden. Heiliglandpilger aus Nigeria, Russland, China oder Singapur scheinen das Lebensgefühl der israelischen Gesellschaft und die Angst der westlichen Welt wenig zu beeindrucken. Sie kommen – und fast alle Israel-Reisenden der vergangenen Wochen bekommen vom „Facebook- Terror“ nichts mit.

    Die Gefühle sagen: Wahllos werden Menschen niedergestochen. Tatsache ist jedoch, dass die überwältigende Mehrzahl der Opfer klar als Juden identifizierbar war. Überproportional viele sind israelische Wehrdienstleistende in Uniform und Menschen, die äußerlich, etwa durch ihre Kleidung, als Juden erkennbar sind. Touristen – vor allem, wenn sie als Reisegruppen auftreten – sind in keiner Weise Ziele des gegen Israel und das jüdische Volk gerichteten palästinensischen Terrors.

    Außerdem stellt sich die Frage, ob gerade durch die sozialen Netzwerke und das besondere Interesse, das Israel weltweit genießt, die Sicherheitslage im Heiligen Land nicht überproportional aufgeblasen wird. Nur zum Vergleich: In Frankreich fielen 2015 dreimal so viele Menschen dem islamistischen Terror zum Opfer wie in Israel. Es gab mehr als doppelt so viele Verletzte. Wird deshalb diskutiert, ob man noch nach Frankreich fahren kann? Und: Während in Israel im Jahr 2015 49 Menschen ihr Leben durch Terror verloren, starben im Vergleichszeitraum 3.450 Menschen im deutschen Straßenverkehr. Sollte man deshalb davon abraten, nach Deutschland zu fahren? Proportional zur Gesamtbevölkerung gesehen ist das Autofahren in Israel übrigens ungefähr genauso lebensgefährlich wie die Verkehrsbeteiligung in Deutschland – und die Wahrscheinlichkeit, im Straßenverkehr ums Leben zu kommen, zehnmal höher als die durch Terror zu Schaden zu kommen.

    Schimmer der Hoffnung

    Eher hoffnungslos ist immer wieder – vor allem von ausländischen Beobachtern – die Rede von der „Spirale der Gewalt“ zu vernehmen. Es gibt aber, bei genauem Hinsehen und Hinhören auch Schimmer der Hoffnung.

    Mitte Januar war Dafna Meir, Mutter von vier eigenen und zwei adoptierten Kindern, unmittelbar vor ihrem Haus in der Siedlung Othniel in den südlichen Hebronbergen vor den Augen ihrer Kinder erstochen worden. Wenn ihr Mann Nathan jetzt zwar voller Schmerz, aber ohne jeden spürbaren Hass davon redet, dass Terror nur eine zeitbedingte Erscheinung ist, dann macht das Mut. „Was bleibt, ist das Licht, das wir in diese Welt tragen“, sinniert der schwer geprüfte Mann: „Dem muss alle Finsternis weichen!“

    Nathan ist Anfang vierzig und scheint zu leben, was er predigt. Er berichtet, wie ein naher Verwandter des jungen Mannes, der seine Frau Dafna ermordet hat, aller Atmosphäre zum Trotz in die Siedlung kam, sein Beileid aussprach und Trost spendete. „Wir sind seit Jahren befreundet“, erzählt Nathan: „Unsere Freundschaft hat sich durch den schrecklichen Mord nicht verändert!“ Meir denkt auch nicht ans Weggehen: „Sogar meine palästinensischen Nachbarn wollen, dass ich bleibe. Wir gehören hierher!“

    Ein weiterer Hoffnungsschimmer zeigte sich im Falle der Ermordung von Jaakov und Netanel Litman aus Kirjat Arba. Der Vater des Mörders sperrte diesen nach seiner Rückkehr nach Hause in seinem Zimmer ein. Als die israelischen Sicherheitskräfte kamen und nach ihm fragten, lieferte der Vater seinen Sohn an die Soldaten aus.

    Nein, es ist nicht anzunehmen, dass der Vater des Terroristen damit die israelische Besatzung seiner Heimat als „gut“ erklärt oder sonst irgendwie sanktioniert. Aber er hat mit seinem Verhalten ein eindeutiges Zeichen gesetzt, dass Gewalt von Einzelnen und die Ermordung von Zivilisten kein Mittel sein kann, um politische Verhältnisse zu verändern.

    Johannes Gerloff

    Johannes Gerloff

    hat in Tübingen, Vancouver und Prag evangelische Theologie studiert und lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem.
    Johannes Gerloff

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