Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Es ist alles so nah

    Vor fünf Jahren war Michael Reinprecht, der frühere Leiter der Nahostabteilung des Europa- Parlaments, zuletzt in Israel. Beim Anflug auf Tel Aviv zu einem privaten Besuch und an seinem ersten Tag in Jerusalem kommen bei ihm Erinnerungen und neue Gedanken auf.

     

    Annäherung mit dem Flugzeug. Glitzerndes Meer unter uns. Der Pilot hat gerade mit dem Sinkflug nach Tel Aviv begonnen. Die Küste ist noch weit weg und liegt im Dunst. Alles liegt hier so nah beieinander. Ich schaue durch das ovale Flugzeugfenster rechts – ja, dort ist Gaza. 2005 war der 38 Kilometer lange Küstenstreifen an der Grenze zum ägyptischen Sinai nach einem Beschluss der Mitte-rechts-Regierung unter Ariel Sharon der palästinensischen Autonomiebehörde einseitig übergeben worden, zehntausende jüdische Siedler aus 21 „Settlements“ mussten damals ihr Zuhause verlassen, teils gewaltsam von der israelischen Armee aus ihren Häusern entfernt. Ich schaue aus dem Fenster und denke an meine Reise mit einer Parlamentarierdelegation 2009 nach Gaza. Etwa zwei Millionen Menschen leben dort unter der Herrschaft der Hamas, die Israel lieber heute als morgen ins Meer werfen will.

    Die Levante

    Der Airbus sinkt langsam der Küste entgegen. Durch die Mittelreihe nach links geblickt – die libanesische Küste. Dort wird Israel von der Hisbollah bedroht. Ich hole die Bilder West-Beiruts aus den frühen 1980er-Jahren zurück ins Gedächtnis: bärtige Milizionäre, die mit ihren auf Pickups montierten leichten Flieger-Abwehrgeschützen in Richtung der F-16 der Israeli Air Force zielen. Ein wenig mehr als 200 Kilometer sind es von der hippen Küstenmetropole Israels ins ehemalige „Paris des Orients“. Gäbe es Frieden, wirtschaftliche Integration, eine durchgehende Autobahn, träume ich, dann … Die Levante, so hieß das hier einmal. Auch Damaskus ist nicht weiter weg. Seit sechs Jahren tobt der syrische Bürgerkrieg nun schon direkt an der Nordgrenze Israels.

    Der Flieger dreht eine Schleife über dem Landesinneren. Jerusalem ist erkennbar. Die Hügel des Westjordanlandes auch. Ich denke an die verschiedenen Reisen mit Parlamentarier-Delegationen, mal hatten wir – politisch korrekt – im King David Hotel, dann im American Colony übernachtet. Politikerreisen ins „Heilige Land“ (klingt antiquiert, nicht?) verlangen eine gute Portion Fingerspitzengefühl. Und israelische Politiker wollten alles, nur keine Belehrungen aus Europa. Bärbeißig hatte damals Bibi Netanjahu auf die Einwendungen des Präsidenten des Europäischen Parlaments reagiert.

    Jeunesse dorée

    Unsanft reißt mich die Landung aus den Gedankenspielen. Ben Gurion Airport. Ruhig, sauber, hell, freundlich. Jeder Mensch hat ein Recht auf Würde, sinniere ich, während mir der Immigration Officer lächelnd das Visum aushändigt. Es ist alles so eng beieinander hier, denke ich wieder, als ich mir an der Airport Bar ein Bagel nehme und einen verbrannt schmeckenden Kaffee. Juden, die sich ihren Traum von einem eigenen Staat verwirklicht haben, und Araber, die sich oft als Bürger zweiter Klasse fühlen. Und das Tragische ist, dass die Menschen hier verlernt haben, mit dem Kopf des Anderen zu denken, sich hineinzufühlen in des Anderen Welt.

    Tags darauf in der kleinen arabischen Taverne neben dem österreichischen Hospiz in der Via Dolorosa stochern deutsche Touristen gedankenverloren in Hummus und Falafel mit Tahine. Bei frischer Zitronenlimonade mit Nana-Minze lässt es sich hier fein sitzen und dem orientalisch-jüdischen Treiben draußen zusehen. Lauer Oktoberwind streicht angenehm durch die Altstadt. Ein paar Minuten Fußweg von hier, in den hippen Lokalen der Mamilla-Mall, inmitten der Modeboutiquen unweit des Jaffa Gate, hat die Jeunesse dorée Jerusalems Platz genommen. Von den Lautsprechern strömt unüberhörbar Lounge-Musik. Zwei Welten, nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Es ist alles so nah hier – und doch auch so weit.

    Michael Reinprecht

    Michael Reinprecht

    ist Diplomat, war zuletzt European Union Fellow an der USC in Los Angeles, davor Leiter der Nahostabteilung des Europäischen Parlaments in Brüssel und Direktor des Informationsbüros des EU-Parlaments in Wien.
    Michael Reinprecht

    Neueste Artikel von Michael Reinprecht (alle ansehen)