Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Peter Morgan | Nr. 60 (02/2015) - Tamus 5775
  • Ein überraschend konventionelles Land

    Ein Reisebericht aus dem Iran.
    VON PETER FREY (TEXT)
    UND ALEX CHENG (FOTO)
    ÜBERSETZUNG: DANIELLE SPERA

    Unserer Ankündigung, dass wir mit einer von der New York Times organisierten Reise in den Iran fliegen wollten, sorgte bei unseren Konversationen im Bekanntenkreis für gehörigen Zündstoff. Vor allem unsere jüdischen Freunde waren geradezu außer sich. Deren Reaktion reichte von absoluter Ungläubigkeit („Lasst uns einfach hoffen, dass ihr nicht geköpft werdet“) über irritiertes Erstaunen („Ich kann nicht fassen, dass sie amerikanischen Juden erlauben, das Land zu betreten…“) bis zum genauen Gegenteil („Ich bin so neidisch, ich wollte immer schon dorthin“). Diese Reaktionen, vor allem die sehr negativen, schienen uns schon ziemlich überzogen, aber sie hatten doch zur Folge, dass meine Frau und ich die geplante Reise mit einer Mischung aus Aufregung und Beklommenheit antraten.

    Daher waren wir umso mehr erstaunt, dass wir den Iran – ganz im Gegensatz zu seinem Image im Westen – als ziemlich konventionelles Land erlebten. Ein Land mit einer scheinbar ganz normalen Bevölkerung. Es ist jedoch ein Ort voller Überraschungen für den Reisenden.

    Ausgefallene Verschwörungstheorien

    Unsere Gruppe bestand aus zwanzig Amerikanern, alle New York Times-Leser, daher zumeist politisch progressiv und interessiert. Wir wurden von zwei erfahrenen iranischen Guides und einer Journalistin der New York Times begleitet, die den Iran seit vielen Jahren als Korrespondentin und Autorin gut kennt.

    Zwei Wochen mit dem Bus durch den Iran (wir besuchten Teheran, Kermanshah, Hamadan, Shiraz und Isfahan) unterwegs zu sein, fühlt sich an wie das Häuten einer schier endlosen Zwiebel. Das Land und seine Menschen sind vielfältig und komplex. Sobald man meint, ein wenig von dem, was das Land ausmacht, zu spüren, verkehrt sich alles ins Gegenteil. Einerseits erlebt man eine säkulare, kapitalistische Demokratie mit einer starken Mittelschicht. Andererseits wird der Iran von einem undurchsichtigen klerikalen System gesteuert, der das Leben der Menschen wie mit einer unsichtbaren Hand lenkt. Die Iraner sind offen und sehr freundlich. Gleichzeitig betrachten sie die Außenwelt mit großer Skepsis und würden auch die ausgefallensten Verschwörungstheorien glauben.

    Jede Person, der wir begegnen, scheint politische Statements auszudrücken: durch ihre Sprache, ihre Kleidung (eine Schlüsselfrage ist offenbar, wie weit eine Frau das obligatorische Kopftuch nach hinten schieben kann, ohne in Schwierigkeiten zu geraten) oder ihr Verhalten (Hand in Hand in der Öffentlichkeit zu gehen ist verboten, doch das wird häufig praktiziert, gleiches gilt für roten Lippenstift oder Nagellack). Satellitenschüsseln sind offiziell nicht erlaubt, doch sind sie auf jedem zweiten Haus zu sehen.

    Die Menschen scheinen die Vereinigten Staaten zu lieben, dennoch sind sie voll von Geschichten darüber, wie unheimlich die US-Regierung ist. Das einzige westliche Land, von dem sie noch mehr Schlechtes erwarten als von den USA, ist Großbritannien. Der britische Geheimdienst MI6 wird für viele schmerzliche Erfahrungen verantwortlich gemacht. Die Iraner haben ein langes Gedächtnis, besonders wenn es um Unrecht geht, das ihnen angetan wurde.

    In jedem Fall sind sie sehr stolz auf die lange Geschichte ihres Landes und betrachten andere Völker als zweitrangig. Bei den Arabern konstatieren sie einen Mangel an Kultur und Klasse, Israel verkörpert für sie einen Aggressor, und die westlichen Länder hätten dem Iran immer geschadet. Ihr eigenes Land sehen sie als grundsätzlich friedliche Nation, die in ihrer langen Geschichte noch nie ein anderes Land angegriffen hätte. Das Ergebnis ist ein Opfer-Bösewicht-Held-Szenario, in dem sie sich als Opfer und die Außenwelt als Bösewicht sehen. Wer in dieser Rollenverteilung der Held sein soll, ist allerdings nicht recht klar.

    Bemerkenswert war, dass während der zwei Wochen, in denen wir unterwegs waren, kaum Polizei oder Militär zu sehen war. Wir hatten dennoch ein Gefühl der Sicherheit und der Normalität, ein wesentlicher Unterschied zu Ägypten, das wir kurz vor dem Arabischen Frühling besucht hatten. Außerhalb offizieller Stellen, Schulen oder Moscheen bekamen wir kaum Geistliche zu Gesicht. Die raren Begegnungen, die wir mit ihnen hatten, waren freundlich, von fast kindlichem Verhalten und Interaktionen gekennzeichnet.

    Die jüngere Generation ist – wenig überraschend – meist offen für die Außenwelt; man hat den Eindruck, dass die Jugend ihre Eltern und die Politik fast zur Öffnung des Landes drängt. Obwohl Facebook und Twitter gesperrt sind, wissen die meisten Iraner, wie man diese Einschränkungen umgehen kann. Man hat das Gefühl, dass die Menschen es richtig genießen, die Verbote des Regimes auszutricksen.

    Wir stießen auch auf ein paar Menschen, die noch immer Sehnsucht nach dem Schah haben, und nicht alle haben aus ihren Ansichten ein Hehl gemacht. Die meisten Iraner jedoch äußern sich positiv über die islamische Revolution von 1979, auch wenn sie ernsthafte Bedenken in Bezug auf die aktuelle politische Klasse haben. Wir hörten viele Klagen über massive Korruption. Die Iraner sind jedenfalls große Geschichtenerzähler, die Kehrseite davon ist, dass sie sehr anfällig für Verschwörungstheorien sind.

    Nichts im Iran ist unkompliziert

    Der politische Kampf um die Zukunft des Landes zwischen den Gemäßigten (Präsident Ruhani und Außenminister Sarif) und den Hardlinern (Revolutionsgarden) wird hinter den Kulissen geführt. Unsere Reisegruppe wurde zum Objekt in diesem Kampf, als sich eine der „amerikanische Touristinnen“ im Nachhinein als israelische Journalistin entpuppte, die mit ihrem US-Pass eingereist war. Die Titelgeschichte, die sie nach der Reise in der israelischen Zeitung Yediot Ahronot veröffentlichte, verursachte verschiedene Arten von diplomatischer Aufregung im Iran. In der lokalen konservativen Presse wimmelte es vor Gerüchten über eine israelische Spionin, die das Land infiltriert habe. Die Erzkonservativen ergriffen den Anlass, um sich auf das für alle Touristen zuständige Außenministerium einzuschießen, das der weitaus liberalste Teil der iranischen Bürokratie ist. Ob der Vorfall für zukünftige NYT-Reisen Konsequenzen haben wird, ist ungewiss. Wie gesagt, nichts im Iran ist unkompliziert.

    Unsere Reise fiel exakt in die Zeit der „heißen“ Atomverhandlungen zwischen dem Iran und dem Westen, und es war ganz offensichtlich, dass die Regierung die Bevölkerung auf eine eventuelle Einigung mit dem Westen vorbereitete. Die Titelseite der Tehran Times, die angeblich dem Regime nahesteht, war voll von Geschichten über die Verhandlungen und berichtete zu unserer Überraschung auch über Netanjahus Rede im US-Kongress mit wenig Emotion.

    Meine Schlussfolgerung ist, dass der Iran nicht der totalitäre islamische Bösewicht ist, zu dem er in der US-Presse gemacht wird, aber dass es lange dauern wird, bis sich die Beziehungen zum Westen nach den vielen Jahre des Misstrauens und der gegenseitigen Verunglimpfung normalisieren können. Wenn die jüngste Geschichte (zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts) anders verlaufen wäre, hätte der Iran als natürlicher Verbündeter des Westens gelten können. Es ist wahrlich schade, dass das für lange Zeit nicht der Fall sein wird.

    Peter Frey

    Peter Frey

    ist in Wien geboren und aufgewachsen. Nach einer Karriere als Banker an der Wall Street zog er sich vor einigen Jahren aus dem aktiven Berufsleben zurück und engagiert sich seither bei kulturellen und sozialen Projekten. Er ist Co-Vorsitzender der New Yorker Organisation von J-Street.
    Peter Frey

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