Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Ein Friedhof für Scharfschützen

    Der alte jüdische Friedhof von Sarajevo ist nicht nur Ruhestätte der sephardischen Juden, die von Spanien bis nach Sarajevo flüchteten. Von hier aus feuerten im Bosnienkrieg 1991–1995 serbische Scharfschützen auf alles, was sich unten in der Stadt bewegte.
    VON OTMAR LAHODYNSKY (TEXT UND FOTOS)

     

    Mehr als 3800 Gräber umfasst der alte jüdische Friedhof („Jevrejsko groblje“) von Sarajevo. Der älteste noch erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahr 1650. Angelegt wurde der Friedhof 1630 von sephardischen Juden, die nach ihrer Vertreibung von der iberischen Halbinsel im osmanischen Reich eine neue Heimat fanden.

    Die besondere Lage mit Aussicht über einen großen Teil der Stadt wurde im Krieg 1991–95 von serbischen Soldaten ausgenützt. Es gab hier Artilleriestellungen, und Scharfschützen schossen von hier aus auf die Verteidiger der belagerten Stadt und auf unschuldige Passanten. Im Schussfeld lag auch das berühmte Hotel Holiday Inn, in dem während des Kriegs viele ausländische Journalisten Quartier bezogen, freilich auf der den serbischen Stellungen abgewandten Seite.

    Die Scharfschützen feuerten gerne im Schutze der dicken Steinplatten der Gräber. Sie zielten auf die Verteidiger der Stadt, aber absichtlich auch auf Zivilisten, um Schrecken zu verbreiten. Sogar Kinder, die Trinkwasser und Lebensmittel holten, gerieten ins Fadenkreuz der Tschetniks, wie die serbischen Kämpfer hießen.

    Natürlich schossen die Soldaten der belagerten Stadt zurück. Bis heute erkennt man Einschusslöcher, die die Gegenwehr der Verteidiger der Stadt anzeigen. Viele Gräber wurden damals stark beschädigt. Nach dem Krieg mussten Dutzende Granaten und Blindgänger abtransportiert werden. Erst dann wurden Grabanlagen renoviert.

    „Unglücklicherweise hat in den vergangenen Jahrzehnten dieser Friedhof weltweite Berühmtheit erlangt, als der Ort, von dem aus Sarajevo am heftigsten attackiert wurde und von wo aus Scharfschützen in täglicher Routine unschuldige Bürger erschossen“, erklärte Jakob Finci, Präsident der Israelitischen Gemeinde von Bosnien-Herzegowina, dem deutschen Fernsehsender ARD.

    Unter dem Doppeladler der Donaumonarchie

    Die jüdische Gemeinde in Sarajevo zählt heute nur mehr 500 Mitglieder. Vor dem Bosnienkrieg lebten hier noch 1500 Juden. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren es 12.000. Die reiche jüdische Kultur dokumentiert die alte aschkenasische Synagoge aus dem Jahr 1902, die mehrere Kriege fast unbeschadet überdauert hat. Mein Urgroßvater, Myron von Zarzycki-Nowina, war k.u.k.-Regierungskommissär, also höchster ziviler Beamter des Kaisers in Sarajevo. Meine Großmutter Xenia wuchs hier auf. Das Haus der Familie oberhalb vom Stadtpark existiert noch, bedarf aber einer dringenden Renovierung. Es gibt Briefe des Urgroßvaters, in denen er stolz auf den multikulturellen Charakter der Stadt hinweist, auch auf das einträchtige Miteinander der verschiedenen Konfessionen. Die Rücksicht auf die vorherrschende Religion, den Islam, ging unter dem Doppeladler der Donaumonarchie so weit, dass unweit von Sarajevo auf Kosten der Zentralregierung in Wien sogar eine „Scheriats- Richterschule“ errichtet wurde. Bei Familienangelegenheiten und im Erbrecht sollte die Scharia, das islamische Recht, angewandt werden.

    Unesco-Weltkulturerbe

    Der alte jüdische Friedhof soll nun auf die Unesco-Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen werden. Im Jahr 2004 wurde er von der Regierung von Bosnien-Herzegowina unter Denkmalschutz gestellt. In Reiseführern wird er gern als zweitgrößter jüdischer Friedhof Europas nach Prag bezeichnet – was so allerdings nicht stimmt, denn die jüdischen Ruhestätten von Lodz, Berlin oder Czernowitz sind weit größer.

    Aber die Gräber von Sarajevo sind kulturhistorisch einzigartig: Die stark verwitterten Inschriften der Grabsteine tragen die Namen der alten jüdischen Familien, oft in der Ladino-Sprache der aus Spanien eingewanderten Sepharden: Altarac, Finci, Konforti, Maestro, Ozmo, Pardo, Pinto, Salom. Die älteren Grabsteine haben die Form von Sarkophagen, die schräg aus der Erde ragen. Im Volksmund werden sie wegen ihres Aussehens auch „schlafende Löwen“ genannt. Doch heute lebt hier nur ein Rudel herrenloser Hunde, die sich im Friedhof niedergelassen haben. Sie sind ständig auf der Suche nach Futter.

    Adelheid Wölfl, in Sarajevo stationierte Balkan-Korrespondentin des Standard, erzählt mir, dass der jüdische Friedhof aktuelle Bezüge zur serbischen Politik aufweist. Sie hat einen sogenannten Vojvoden, wie Anführer der Tschetniks genannt wurden, aufgetrieben. Slavko Aleksic hatte damals, 1995, serbische Soldaten auf dem jüdischen Friedhof von Sarajevo kommandiert. Und er erzählte, dass Aleksandar Vucic, heute Staatspräsident von Serbien, als junger Student seine Stellung besucht hatte. „Vucic hat 1993 als Journalisten-Assistent für die SRNA, die serbische Nachrichtenagentur, ein paar Monate in Pale gearbeitet“, erzählte Aleksic meiner Kollegin bereitwillig. „Er war damals ein junger Student und hat Interviews gemacht, unter anderem auch auf dem jüdischen Friedhof in Sarajevo“, erinnerte sich der Vojvode an die Begegnung. „Er hat aber nicht geschossen, hatte kein Gewehr und keine Uniform.“

    Wölfl erzählt mir auch von Begegnungen mit jungen jüdischen Bürgern und Bürgerinnen in Sarajevo. Spaniens Regierung hatte vor einigen Jahren vertriebenen sephardischen Juden angeboten, nach Spanien zurückzukehren und die spanische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Eine Freundin Wölfls, die den sephardischen Namen Mauro trägt, bewarb sich und wurde Bürgerin Spaniens. Die Entscheidung fiel ihr leicht, denn hohe Arbeitslosigkeit, geringe Jobaussichten und immer noch weit verbreitete Korruption machen das Leben vor allem für junge Bosnier schwer. Sie hat in der neuen spanischen Heimat nach etlichen Anlaufschwierigkeiten einen Job gefunden.

    Am nächsten Tag sehe ich auf dem jüdischen Friedhof ein Grab mit schwer lesbarer Aufschrift. Ich kann nur den Namen entziffern: „Mauro“.

    Otmar Lahodynsky

    Otmar Lahodynsky

    ist EU-Koordinator beim Nachrichtenmagazin profil. Früher Brüssel-Korrespondent und stv. Chefredakteur der Zeitung Die Presse und Außenpolitik- Ressortchef beim Kurier. Präsident der „Association of European Journalists“ (AEJ).
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