Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
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  • ausgabe:  Christian Rainer | Nr. 66 (04/2016) - Kislev 5777
  • Ehrung für einen frühen Wegbereiter der Exilforschung

    Egon Schwarz, einem US-amerikanischen, aus Wien stammenden Literaturwissenschaftler und frühen Wegbereiter der Exilforschung, wurde im Oktober 2016 im Literaturhaus Wien die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft für Exilforschung verliehen.
    VON HERBERT VOGLMAYR

    Durch sein wissenschaftliches Werk und nicht zuletzt durch seine mehrfach aufgelegte Autobiografie Unfreiwillige Wanderjahre, erstmals publiziert 1979 unter dem Titel Keine Zeit für Eichendorff, hat Egon Schwarz deutlich gemacht, was Exil bedeutet.

    Seine Memoiren sind ein beeindruckendes Überlebensdokument, das mit dem aus seiner Sicht „schlecht gewählten Zeitpunkt der Geburt“ beginnt und von Kindheit und Jugend in einem Wien erzählt, in dem sich Arbeitslosigkeit und Antisemitismus ausbreiten und das jüdische Milieu seiner Herkunft von einem Riss zwischen überlieferter Lebensweise und Assimilation an eine idealisierte deutsche Kultur durchzogen ist. 1938 verlässt der sechzehnjährige Gymnasiast mit seiner Familie Wien und landet auf der abenteuerlichen Flucht über Bratislava und Prag in der kolonialistischen Hölle der berüchtigten Erzbergwerke von Potosí in Bolivien, wo Minen und Indios von ausländischen Kapitalgesellschaften hemmungslos ausgebeutet werden. Humanitäre Bedenken gibt es dabei nicht, die indigenen Grubenarbeiter werden unter wahrlich infernoartigen und lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen zu Höchstleistungen angetrieben. Viele von ihnen sind aus dem Tiefland und vertragen die dünne Höhenluft (über 4.000 m Seehöhe) nicht. Zu Tausenden kommen sie in den Minen zu Tode.

    Als Jude auf der untersten Stufe

    Im Kampf ums ökonomische Überleben schlägt sich Egon Schwarz als Laufbursche, Hilfsarbeiter und Hausierer durch, dann für drei Jahre als Arbeiter in einer Zinngrube. Doch weil er Europäer ist, obwohl als Jude nur einer der untersten Stufe, kann er Ende 1944 die Mine verlassen und gelangt über Chile nach Ecuador, wo er für einige Jahre als Buchhalter der United Fruit Company arbeitet. Mit großer Anstrengung holt er die Hochschulreife nach und kann sich an einer ecuadorianischen Provinzuniversität einschreiben, bis ihm schließlich 1948 der Sprung an eine Universität in den USA gelingt, ermöglicht durch unwahrscheinliche Zufälle und die Hilfe anderer Menschen.

    Mit dem Germanistik-Studium in den USA legt er den Grundstein für eine äußerst erfolgreiche akademische Laufbahn an der Harvard University in Boston und der Washington University in St. Louis. Seine Erfahrungen in Südamerika prägen nicht nur seine kritische Haltung zu kapitalistischem Unrecht, sondern auch seine Methodik: Er plädiert für die Einbindung der Literatur in einen kultur- und sozialgeschichtlichen Kontext, weg von einer romantischen, ästhetisierenden oder nationalistischen Literaturauffassung. Aus seinem umfangreichen OEuvre sorgen neben der Autobiografie vor allem seine Bücher über Hofmannsthal und Rilke für großes Aufsehen. Die Textsammlung Verbannung (1964 mit Matthias Wegner herausgegeben) ist das erste umfangreichere Buch mit Aufzeichnungen deutscher Schriftsteller im Exil. Erwähnt sei auch noch sein besonderes Interesse an der deutschsprachigen jüdischen Literatur sowie seine Arbeit als Literaturkritiker, mit über 200 Rezensionen allein für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

    Selten hat jemand, den es auf der Flucht vor Hitler so total, so mittellos, so ausweglos in die finsterste Kolonialzeit verschlug, auf dem Weg zurück den Sprung in die akademische Welt des Wortes geschafft, um dann in formvollendeten Memoiren vom Leben in diesem Inferno zu berichten, wobei gerade der eher unterkühlte Stil dieses Buches einen Blick in die unendlichen Gefilde derjenigen öffnet, für die es die Glücksbegegnung mit rettenden Menschen nicht gab.

     

    Egon Schwarz
    Unfreiwillige Wanderjahre:
    Auf der Flucht vor Hitler durch drei Kontinente
    C. H. Beck Verlag, München 2005
    Seiten 260, EUR 12,90

    Herbert Voglmayr

    Herbert Voglmayr

    Nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften berufliche Tätigkeit an der Universität und in der Erwachsenenbildung. Seit 2004 freiberuflicher Publizist. Neben seiner Tätigkeit für NU verfasst er Kultur- und Weinreiseführer durch italienische Weinregionen.
    Herbert Voglmayr

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