Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Rafael Kishon | Nr. 63 (01/2016) - Nissan 5776
  • Dispute zuliebe des Himmels

    VON MARTIN ENGELBERG

    Das Auskämpfen unterschiedlicher Positionen gehört zu den elementarsten Traditionen des Judentums. Sei es in religiösen oder politischen Fragen – unter Juden lässt sich vortrefflich streiten. Wie heißt es doch so schön: Zwei Juden – drei Meinungen. Mitunter entwickeln sich solche Dispute jedoch ins Negative. Sie werden persönlich, es wird die Integrität des anderen attackiert, dessen Würde hemmungslos verletzt und dies vorgeblich im Sinne der Verfolgung eines höheren Ziels. Musterbeispiele hierfür sind die Diskussionen um die Politik Israels, oder ganz aktuell die Haltung von uns Juden gegenüber den Flüchtlingen aus arabischen Ländern. Muss das so sein, auch in unserer Gemeinde?

    Vor kurzem starb Antonin Scalia, Richter am Obersten Gerichtshof der USA. Er war wahrscheinlich die prägnanteste und bekannteste Richterpersönlichkeit der USA und galt als die konservative Stimme des Supreme Court. Scalia stammte aus einer katholischen Einwandererfamilie aus Italien. Er war gefürchtet für seine direkten und scharfen Fragen und oft auch sarkastischen Angriffe auf andere Richter.

    Die Richterin Ruth Bader-Ginsburg kann als der absolute Kontrapunkt zu Richter Scalia gelten. Sie ist die liberale, heißt „linke“, Stimme des Obersten Gerichtes. Ruth Bader-Ginsburg ist Jüdin. Scalia und Bader-Ginsburg vertraten bei den meisten Entscheidungen des Supreme Court gegenteilige Standpunkte. Angesichts dieser Unterschiede und Gegensätze würde man sich fragen, ob diese beiden so konträren Persönlichkeiten einander überhaupt gegrüßt, geschweige denn Gespräche miteinander geführt haben.

    Hier die große Überraschung: Trotz ihrer fundamental unterschiedlichen Auffassungen verband Bader-Ginsburg und Scalia eine enge Freundschaft miteinander. Sie trafen sich regelmäßig und disputierten ihre divergenten Standpunkte in der besten talmudischen Tradition des Pilpuls, der dialektischen Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema. Dieser Austausch der Pro- und Kontras half ihnen ihre jeweiligen Standpunkte zu reflektieren, ihren Intellekt und schließlich ihre rechtlichen Argumente noch mehr zu schärfen. So sehr sie gegensätzlicher Meinung waren, so sehr schätzten und respektierten sie einander offensichtlich.

    Schon die Tannaim, die Lehrmeister der mündlichen Überlieferung (Mischna) zerbrachen sich darüber den Kopf. Sie fragten: Wann ist ein Konflikt konstruktiv? Ihre Antwort: Er ist dann nutzbringend, also eine „Machloket l’schem Schamayim“ – ein Disput zuliebe des Himmels – wenn er so geführt wird, wie die Diskussionen zwischen den Schülern der Rabbiner Hillel und Schammai. Bekanntlich argumentierten die Schüler Schammais immer für eine strengere, jene von Hillel jedoch für eine mildere Auslegung der Gesetze. Auch wenn sie jedoch über diese Fragen auf das Heftigste miteinander stritten, so berichtet der Talmud, dass sie die Wahrheit, aber auch den Frieden liebten. Bei all ihren Auffassungsunterschieden unterließen es die Schüler von Schammai und Hillel nicht, untereinander zu heiraten – der beste Beweis dafür, dass sie einander dennoch respektierten und schätzten.

    Die Aussage ist also sehr klar: Unterschiedliche Meinungen zu haben, diese auch in aller Schärfe miteinander zu diskutieren, ist erwünscht. Es entspricht überhaupt nicht der jüdischen Tradition, jede Kontroverse zu unterdrücken und einzufordern, dass sich alle hinter der Meinung einer einzelnen Person versammeln müssten. Andererseits haben unsere Weisen auch versucht zu definieren, wann ein Disput nicht mehr konstruktiv ist. Als Bespiel dafür wird der in der Bibel erzählte Aufstand von Korach gegen Moses angeführt. Korach und seine Mannen machten Moses gehässig nieder und attackierten ihn ad personam. Sie waren überhaupt nicht bereit, sich in eine Diskussion mit Moses einzulassen; gemäß der Überlieferung wollten sie ihn nicht einmal treffen.

    Obwohl diese Regeln schon über zweitausend Jahre alt sind, haben sie ihre Aktualität nicht verloren. Unterschiedliche Standpunkte innerhalb der jüdischen Gemeinde – zum Beispiel zur Flüchtlingsproblematik – gehören artikuliert. Es gilt, die Standpunkte der anderen zu hören, deren Gefühle zu verstehen und zu respektieren und die eigenen Argumente zu reflektieren, zu falsifizieren oder auch zu schärfen. Dabei gilt es, weder die Menschen mundtot zu machen, noch eine persönliche Diffamierung der Anderen zuzulassen. Das wäre beste jüdische Tradition

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    Der NU-Herausgeber ist Betriebswirtschafter, Psychoanalytiker, Coach und Consultant. Er ist Autor einer ständigen Kolumne in der Tageszeitung Die Presse.
    Martin Engelberg

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