Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Die verborgenen Juden von Ponta Delgada

    Auf der Inselgruppe der Azoren gibt es keine aktive jüdische Gemeinde, jedoch Spuren von mehreren kleinen Zuwanderergruppen während der letzten 500 Jahre. Ein Bericht von Peter Menasse.
    FOTOS: PETRA MENASSE-EIBENSTEINER

     

    Wenn sich über dem Nordatlantik ein Hochdruckgebiet aufbaut und dann gutes Wetter nach Europa bringt, nennen die Meteorologen es Azorenhoch. Nicht weil es sich tatsächlich über der Inselgruppe gebildet hätte, sondern weil es sonst keinen Bezugspunkt in der Gegend gibt. Die neun Inseln schwimmen einsam und verlassen mitten im großen Wasser, weit entfernt vom europäischen Festland und noch weiter weg von der Ostküste der USA. Da ist sonst nichts und niemand.

    Die Azoren sind eine Inselgruppe voller Pracht und Üppigkeit. Hier gedeiht alles, und alles gedeiht zu gigantischer Größe. Gummibäume, Hortensien, asiatische Nadelbäume, Palmen, exotische Blumen, Melonen, Schlingpflanzen und wilder Ingwer – die über das Jahr gleichmäßig milden Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit lassen sie wachsen, als ob sie voll Eile zum Himmel strebten. Die etwa 246.000 Einwohner auf den neun Inseln leben einfach – vom Fleisch der Kühe, von denen es mehr gibt als Menschen, vom Fisch aus dem Atlantik und von Obst und Gemüse. Güter vom weit entfernten europäischen Festland oder aus den USA sind wegen der Transportkosten teuer. Das Leben der meisten Menschen in der Einsamkeit des Meeres ist trotz der Gaben der Natur schwer und mit harter Arbeit verbunden.

    Die Inquisition

    Im Jahr 1501 kamen der Überlieferung nach erstmals Juden auf eine der Azoren-Inseln. Auf der iberischen Halbinsel tobte die Inquisition und jeder, der nicht bereit war, den christlichen Glauben anzunehmen, wurde verfolgt und getötet. Der einzige Ausweg war die Flucht. Eine Gruppe von Juden, die versucht hatte, nach Nordafrika zu gelangen, wurde von einem Sturm abgetrieben und landete im Südosten der Azoren-Insel Terceira. „Porto judeu“ heißt heute noch der Ort, wo sie aufgegriffen und als Sklaven dem Oberbefehlshaber über die Inseln Terceira und São Jorge unterstellt wurden.

    Später kamen auch einige sogenannte Neuchristen, also konvertierte Juden, auf den Azoren an – vermutlich, weil hier vorerst die Gesetze weniger rigide angewandt wurden als am Festland. Aus einem Dekret vom Beginn des 16. Jahrhunderts geht hervor, dass ihnen das Recht zugestanden wurde, als Händler tätig zu sein, wenn sie ihre Tätigkeit mit „Ehrlichkeit und nach den lokalen Regeln und Gepflogenheiten“ ausübten.

    Die Inquisition aber tobte weiter, vom portugiesischen Stammland wurden Abgesandte auf die Inseln geschickt, um sicherzustellen, dass dort alles nach den streng-unmenschlichen Regeln dieser Abart des Katholizismus stattfinde. Die Chronik sagt, dass im Jahr 1558 ein jüdischer Arzt, der sich auf San Miguel angesiedelt hatte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Ob es noch mehr Opfer gab, ist unbekannt. Damals lebten jedenfalls laut einer Aufstellung der Steuerbehörden 50 jüdische Familien auf den Azoren. Sie konnten ihre Traditionen und ihr Judentum nicht ausüben und verschmolzen nach und nach mit der einheimischen Bevölkerung.

    Erst als in den 1820er-Jahren die Inquisition in Portugal und damit auch auf den Inseln abgeschafft worden war, landeten hier erneut Juden. Es waren zumeist erfahrene Kaufleute aus Marokko, die von der Verwaltung der Insel São Miguel die Genehmigung zum Handeln bekamen. Sie waren durch den Export von Textilien auf die Insel gekommen und übernahmen hier den Handel mit Orangen, damals die wichtigste Frucht der Azoren.

    Um die Mitte des 19. Jahrhunderts befiel dann allerdings ein Schädling die Orangenhaine und zerstörte den ganzen Reichtum der Inseln. Es war ein derart gewaltiger Einschnitt im Leben der Menschen, dass bis heute davon erzählt wird. Wie viele der marokkanischen Juden später noch auf den Azoren geblieben sind, ist nicht überliefert. Sie waren jedenfalls zu wenige, um auf Dauer die Religion zu pflegen und die jüdische Identität aufrecht zu erhalten.

    Tore zum Himmel

    Unter den Zuwanderern der ersten Welle hatte sich Abrahão Bensaude, Stammvater der berühmtesten und erfolgreichsten jüdischen Familie auf den Azoren, befunden. Die Bensaudes begannen mit dem Import von Agrarprodukten und weiteten ihre Geschäftstätigkeit bis England, Brasilien, ja sogar Neufundland aus. Die Bensaude-Gruppe wurde über die Jahrzehnte zu einem der größten Unternehmen Portugals und war an Banken, Versicherungen, Reedereien und der azoreanischen Fluglinie SATA beteiligt. Einiges an diesem Bestand wurde im Zuge der sogenannten Nelkenrevolution 1974 gegen den in Portugal diktatorisch herrschenden Präsidenten António de Oliveira Salazar verstaatlicht, doch verfügt die Familie immer noch über große Besitztümer. Es mag ihr Vorteil gewesen sein, dass sie nicht auf den isolierten Inseln sozialisiert worden waren, sondern einen überregionalen und übernationalen Standpunkt einnahmen.

    Eine sehr kleine, dritte Gruppe von Juden, die vor den Nationalsozialisten flüchteten, erreichte die Inseln in den 1930er- und 40er-Jahren. Salazar kooperierte im Zweiten Weltkrieg sowohl mit den Deutschen, denen er Wolfram für die Waffenproduktion verkaufte, als auch mit den Alliierten. Die englischen und US-amerikanischen Streitkräfte hatten Stützpunkte auf den Azoren. Wie wenig nachhaltig das Jüdische auf den Azoren gewesen sein kann, zeigt sich daran, dass für die auf den Inseln stationierten Juden in der US-Armee Rabbiner eingeflogen werden mussten, damit sie an den wichtigen Feiertagen Gottesdienste abhalten konnten.

    Heute erinnert nur mehr ein Museum an die Anwesenheit von Juden auf den Inseln. In der Hauptstadt Ponta Delgada wurde kürzlich die 1836 erbaute Sahar-Hassamain-Synagoge („Tore zum Himmel“) restauriert und für Besucher zugänglich gemacht.

    Wir treffen dort Ronaldo Couto, einen jungen Mann, der für Führungen durch die alte Synagoge zuständig ist. Sie unterscheidet sich von außen nicht von den sie umgebenden Gebäuden. „Auch nach der Zeit der Inquisition durften fremde Religionen nur in Wohnhäusern oder hinter nicht einsehbaren Mauern ausgeübt werden“, erzählt Ronaldo. Darum wurde die Synagoge in das Wohnhaus des Rabbiners eingebaut. Auch in dieser Blütezeit der jüdischen Anwesenheit auf den Inseln dürften nicht mehr als 150 von ihnen dort gelebt haben. Ihren Spuren zu folgen, ist schwierig, weil es kaum Aufzeichnungen über sie gibt. Der Direktor des Museums, José de Mello, forsche zwar auf diesem Gebiet, erzählt uns Couto, aber vieles werde vermutlich im Dunkeln bleiben.

    Ab Mitte der 1950er-Jahre begann der Verfall der Synagoge. Im Jahr 1966 wurde sie von US-Soldaten noch einmal für die Feiern zu Jom Kippur verwendet. Ab den 1970er-Jahren gab es nur mehr zwei alte Leute, die das Haus, die Thora und andere darin befindlichen Gegenstände betreuten.

    Als der letzte von ihnen dem Tod nahe war, übergab er den Schlüssel an seinen Neffen, Jorge Delmar, den man als letzten Juden der Azoren bezeichnen könnte. Er bemühte sich lange und schließlich erfolgreich darum, die Verwaltung von Ponta Delgada dafür zu gewinnen, das Gebäude zu renovieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vor einigen Jahren ernannte die Stadtverwaltung den heutigen Direktor zum Koordinator eines Restaurationsprojekts, das mit Hilfe von privaten Spendern, wie etwa der Familie Bensaude, und mit öffentlichen Geldern der EU und der Azoren umgesetzt wurde.

    Jüdisches Erbe

    Heute kann man das Innere der eingebauten Synagoge besuchen. Ihre Wände sind als Symbol für die Farbe des Himmels in Blau gehalten, die Teppiche hingegen sind braun und weinrot, wie die Farbe der Erde. Die Sitzflächen der Sessel sind aufgeklappt, im darunterliegenden Stauraum sieht man religiöse Utensilien der Gemeindemitglieder.

    Der obere Stock mit dem Frauenbalkon dient heute als Büro des Direktors und enthält auch eine Bibliothek. In den Räumen, die früher dem Rabbiner zur Verfügung standen, sind Thorarollen, alte Bücher, Fotografien und Briefe von Gemeindemitgliedern ausgestellt. Eine Fotowand mit Bildern der devastierten Synagoge zeigt, welcher Aufwand notwendig war, um das Gebäude wieder in Schuss zu bringen. Alles ist klein und bescheiden, wie es einer Synagoge entspricht, in der Menschen ihre Religion im Verborgenen abhalten mussten.

    Am Schluss des Besuches erzählt uns Ronaldo Couto noch, wie Juden während der Zeit der Inquisition die gefürchteten Kontrolleure täuschten. Sie räucherten Hühnerfleisch, indem sie es in Schweinedarm wickelten. Wer in ihre Räucherkamine schaute, sah also nichts, was darauf hindeutete, dass im Haus kein Schweinefleisch gegessen wurde. Diese Erzählung kann als ein kleines Gleichnis für die Anwesenheit der Juden auf den Azoren gelesen werden. Luisa Mota Vieira, Professorin für Genetik und Molekularbiologie am „Spital des Heiligen Geistes“ in Ponta Delgada, hat eine Untersuchung der Y-Chromosome der azoreanischen Bevölkerung durchgeführt, die ergab, dass 13,4 Prozent der Menschen auf den Inseln jüdisches Erbe in sich tragen. So steckt ein wenig Judentum in den Azoreanern und hat alle Jahre der Unterdrückung überlebt.

     

    Sahar-Hassamain-Synagoge,
    16 Rua de Brum, Ponta Delgada auf der Azoren-Insel São Miguel
    Öffnungszeiten: Montag bis Freitag
    (außer an Feiertagen) von 13:00 bis 16:30 Uhr

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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