Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Zeitgeschichte
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Nancy Spielberg | Nr. 58 (4/2014) - Kislev 5775
  • Die rumänischen Menschenhändler

    Vor 25 Jahren bricht im Dezember das Regime der rumänischen Kommunisten in einer blutigen Revolution zusammen. Vor allem die Minderheiten haben bis zum Schluss für die dringend gebrauchten Devisen aus dem westlichen Ausland gesorgt: Bukarest hat sie verkauft. 280.000 Juden verlassen Rumänien auf diesem Weg. Entschuldigt hat sich bei ihnen niemand.
    VON EVA KONZETT (TEXT) UND MARTIN GRUBER (FOTO)

    Wer tatsächlich gehen will, braucht vor allem unendlich viel Zeit. Wartezeit. Grenzenlose Stunden steht die Mutter täglich am Küchenfenster, den Blick auf das braune Eingangstor fixiert. Dass sie weiß, auf wen sie sich gedulden muss, ist ihr einziger Trost. „Das ist schon viel mehr, als die meisten haben“, redet sie sich zu. Nur, ob der Mann überhaupt irgendwann an die Tür klopft, kann auch sie nicht sagen. Darauf können Juden nur hoffen, in der rumänischen Hauptstadt, 1963.

    Der Mann, auf den Frau Priefer, ihr Mann und die Kinder Emil und Carola sehnsüchtig warten, kommt vom Geheimdienst Securitate. Ende der 1950er-Jahre hat die gesamte Familie einen Ausreiseantrag nach Israel gestellt. Wenn der Offizier im Hauseingang steht, dann wissen die Menschen, dass die Ausreise naht. Denn der Geheimdienst schickt seine Männer, um die freiwerdenden Häuser zu begutachten. Noch bevor die offiziellen Dokumente per Brief bei den Ausreisewilligen ankommen, beginnt die Securitate bereits ihren Besitz zu verwerten. Es dauert fünf Jahre, bis sich der Nachbar zu den Priefers bemüht.

    280.000 rumänische Juden haben das Land nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen und sind nach Israel ausgewandert. Das kommunistische Regime hat sie an Jerusalem verkauft: Gegen Bohrgerät und Industrieanlagen, gegen Hühnerfarmen und Mastschweine. Nach der Machtergreifung von Nicolae Ceau?escu gegen Bargeld: harte Währung für das wirtschaftliche darbende Land.

    Eine scheinbar humanitäre Ausreise
    Emil Priefer mag seit 1964 in Haifa leben, ganz verlassen hat er Rumänien nie. Auf Facebook postet er täglich Bilder der früheren Heimat, weichgezeichnete Stadtansichten, Pferde im Schnee, Trachtentänze. Unmittelbar nach der Revolution 1989 hat er seine rumänische Staatsbürgerschaft zurückgefordert, die er bei der Ausreise in Rumänien lassen musste. Erst im November hat er im rumänischen Konsulat für die Präsidentschaftswahlen seine Stimme abgegeben – wie unzählige Male zuvor. Rumänien ist sein liebstes Reiseziel, in Israel schaut er rumänische Fernsehsender. Gerade ist seine Frau aus Bukarest zurückgekommen und hat ihm das typische Räucherfleisch Pastrama und rumänischen Käse mitgebracht.

    Emil Priefer, ein älterer Herr mit grauen Schläfen, ist 16, als der Nachbar und Securitate-Offizier schließlich das Haus seiner Eltern begutachtet. Ein Jahr später, im März 1964, wandert die Familie gemeinsam mit der Großmutter aus. Für die alte Frau, die in den 1950er-Jahren das erste Mal nach Israel emigriert war, der zweite Versuch. Beim letzten Mal hat das Heimweh sie wieder nach Rumänien geprügelt.

    Von den Machenschaften im Hintergrund haben die Priefers in diesen Tagen keine Ahnung. Weil das Regime sich mit der scheinbar humanitären Ausreise der Juden bei den Amerikanern einzuschmeicheln versucht, achtet der Geheimdienst beim Verkauf der Menschen auf Verschwiegenheit. Rumänien braucht Wirtschaftsbeziehungen zum Westen. „Für mich war es ein Abenteuer“, erzählt Emil Priefer. „Sei doch froh, dass du in die Freiheit gehen kannst“, gibt ihm der beste Freund aus dem Gymnasium noch mit auf den Weg.

    Ausgerechnet der sowjetische große Bruder bringt das junge rumänische Regime dazu, die eigenen Minderheiten zu versilbern. Die Sowjets haben ab 1944 die damals bedeutenden rumänischen Gasproduktionsanlagen abgebaut und diese gen Osten geschickt, wodurch die Gasproduktion eingebrochen ist. Die durch Krieg und Systemumstellung ohnehin gelähmte Wirtschaft kommt erst recht nicht auf die Beine. Die Versorgungslage gestaltet sich schlecht. Doch hungernde Menschen lassen sich nur unwillig von den Vorteilen des Sozialismus überzeugen.

    Menschen im Tausch gegen eine Schiffsladung Bohrgeräte
    Rumänien hat zu dieser Zeit neben der Sowjetunion die größte jüdische Gemeinde in Europa. Der Terror des Zweiten Weltkriegs hat von ursprünglich 759.000 Menschen noch 375.000 übriggelassen. Um an die Rohstoffe unter der Erde zu kommen, packen die Kommunisten die Ressourcen oberhalb an. Bereits kurz nach dem Krieg sind Juden unkontrolliert ausgereist, je nach Stimmung der Obrigkeit. Bald jedoch erkennt das Regime deren wirtschaftliches Potenzial. Ende der 1940er-Jahre, schreibt der Historiker Radu Ioanid, tauscht Bukarest die erste Tranche Mensch gegen eine Schiffsladung voll Bohrgerät. Später folgen industrielles Equipment, landwirtschaftliche Maschinen und Lebendtiere.

    Als die Priefers das Land 1964 verlassen, werden bevorzugt die für ihren Speck bekannten dänischen Landrasseschweine über die Grenze nach Rumänien gebracht. Bald schon produziert Rumänien 50.000 Schweine pro Jahr, die in Stücken verarbeitet wieder den Weg nach Westen gehen. Rund zehn Millionen Dollar jährlich spülen die verkauften Juden durch Ausfuhren indirekt auf ein Sonderkonto des damaligen Machthabers Gheorghe Gheorghiu- Dej. Sein Nachfolger Nicolae Ceau?escu lässt sich die Menschen in Bargeld ablösen, das bei monatlichen Treffen der immer selben Mittelsmänner in den rumänischen Botschaften in Westdeutschland, Österreich und in der Schweiz die Seiten wechselt. Der israelische Gesandte kommt mit einem Koffer, der rumänische mit einer Liste. Gleichzeitig steigen die rumänischen Exporte nach Israel, trotz der zweifelhaften Qualität der Erzeugnisse. Als dem Diktator die eigenen Juden und damit eine wesentliche Einnahmequelle auszugehen drohen, bietet er Israel gar an, künftig auch für den reibungslosen Transport ausreisewilliger Juden aus der Sowjetunion zu sorgen. Diese nehmen, einmal am Knotenpunkt Wien angekommen, zu oft das Flugzeug in Richtung USA. Von Bukarest aus fliegen die Maschinen direkt nach Tel Aviv – die anderen Warschauer-Pakt-Staaten haben ihre offiziellen Beziehungen zu Israel aufgekündigt.

    Auf der anderen Seite zeigt Israel früh Interesse, den Handel zu systematisieren. Der junge Staat, ständig in seiner Existenz bedroht, braucht die Menschen, die Rumänien zu geben bereit ist – auch wenn die rumänische Führung ab Mitte der 1960er harte Devisen verlangt. Man wird sich über die Kopfpreise einig. Akademiker kosten mit 6.000 Dollar mehr als Unqualifizierte, Kinder gehen als Beifang gratis über die Grenze. Es ist ein leiser, aber unablässiger Austausch von Ausreisegenehmigungen und Dollarnoten, der erst mit der rumänischen Revolution 1989 enden wird. Da haben die Kommunisten die rumänische jüdische Gemeinde auf rund 20.000 Mitglieder heruntergebracht.

    Die rumänischen Kommunisten haben sich nicht nur an den Juden bedient, sondern auch die deutsche Minderheit feilgeboten. In diesem Fall der Bundesrepublik. 1997 hat sich Bukarest dafür entschuldigt. Für die jüdische Gemeinde, für 280.000 emigrierte Menschen, hat das offizielle Rumänien bislang keine Worte gefunden. Trübt dieser Hintergrund die Einstellung zur wiedergewonnenen alten Heimat? „Es wäre zumindest eine Geste“, sagt Emil Priefer leise. „Man hat doch die anderen Verbrechen des Kommunismus verurteilt.“

    Groll möchte er keinen hegen, wegen der Sache mit der bezahlten Ausreise. Zu spät habe er davon erfahren. „Da waren wir längst in Israel verwurzelt.“ Als Kind in Rumänien hatten ihm die Eltern verboten, das Grab des Großvaters zu sehen, der in der kleinen Gemeinde Voinesti im Osten Rumäniens begraben liegt. Sie wollten dem Jungen einen Schreck ersparen. Vor drei Jahren schreibt Priefer dem Rathaus in Voinesti und bittet um Hilfe. Er möchte den Großvater ausfindig machen. Innerhalb weniger Stunden erhält er eine Antwort. Er fährt nach Voine?ti und findet, begleitet von einem Rathausangestellten, das Grab seines Großvaters, dessen Namen er trägt. Vor kurzem hat ihn der Rathausangestellte in Haifa besucht.

    Eva Konzett

    Eva Konzett

    Journalistin mit Hang zu Osteuropa, Redakteurin beim Wirtschaftsblatt, twittert für das NU.
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