Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Nancy Spielberg | Nr. 58 (4/2014) - Kislev 5775
  • Die jüdische Fürstin von Liechtenstein

    NU hat Prinz Philipp von und zu Liechtenstein in Wien getroffen. Ein Gespräch über eine jüdische Fürstin und die LGT Group, eine führende internationale Privatbank.
    VON MARTIN ENGELBERG (INTERVIEW) UND MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER (FOTOS)

    NU: Es wissen nicht viele Menschen: Es gab einmal eine jüdische Fürstin Liechtenstein. Was ist die Geschichte von Elsa von Liechtenstein?

    Prinz Philipp von und zu Liechtenstein: Franz I., der direkte Vorgänger meines Vaters als Fürst Liechtenstein, hatte eine sehr interessante Lebensgeschichte. Er war Botschafter in Sankt Petersburg, Freund des Zaren, kaufte in Russland ganze Bibliotheken auf und vermachte sie der Universität Wien. Er war Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien. Nach dem Tod seines Bruders Johann 1929 übernahm er die Herrschaft über das Fürstentum. Er blieb lange unverheiratet, bis er Elsa von Gutmann kennen lernte und heiratete. Die Ehe blieb jedoch kinderlos, und so folgte ihm mein Vater nach, der sein Großneffe war.

    Wie haben sich Franz und Elsa kennen gelernt?

    Er war immer wieder hier in Wien, und Wien hatte natürlich eine sehr offene Gesellschaft. Da haben sie sich kennen gelernt, in den älteren Jahren geheiratet und eine sehr glückliche Ehe gehabt. Er ist im Jahr 1938 nach Prag übersiedelt und dort gestorben. Dann hat mein Vater übernommen. Die Tante Elsa ist in die Schweiz gezogen und hat den ganzen Krieg in der Schweiz verbracht, in der Nähe von Luzern hat sie bis zu ihrem Tod gelebt.

    Wie bewusst hat man das in Ihrer Familie wahrgenommen, dass sie aus einer jüdischen Familie stammte?

    Das hat keine Riesenrolle gespielt. Man muss natürlich auch sehen, dass die damalige Gesellschaft viel offener war. Ich finde, dass dies auch hier im Jüdischen Museum in Wien schön dargestellt wird. Wien und das Judentum waren ja eng verbunden.

    Wien war um diese Zeit sehr geprägt vom jüdischen Bürgertum…

    … und das war ja das Interessante an Wien. Die Multikultur, die Vielsprachigkeit, die vielen unterschiedlichen kulturellen Hintergründe – wie es eigentlich wenige Städte damals hatten. Wenn ich das mit Frankreich vergleiche: Dort gab es nur Französisch, die Leute konnten eigentlich kaum eine Fremdsprache. Hier bewegte man sich nur ein wenig und sprach schon Tschechisch, Ungarisch, Kroatisch usw. Das ist ein unglaublicher Schatz.

    Elsa von Gutmann stammte aus einer geadelten jüdischen Familie; ihr Vater war Ritter von Gutmann, von Kaiser Franz Joseph I. geadelt, zugleich aktiv in der jüdischen Gemeinde, als Präsident der Kultusgemeinde.

    Ja, das war das beste Zeichen für diese offene Gesellschaft.

    Franz I. und Elsa waren die ersten, die sich vermehrt um Liechtenstein gekümmert haben?

    Der ursprüngliche Hauptsitz der Liechtensteins war in Wien und in Böhmen und Mähren. Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Gebiet des heutigen Liechtenstein gekauft. Hie und da ist man hingefahren und hat sich auch darum gekümmert: Schulen gebaut, das Schulwesen reorganisiert und so weiter. Franz und Elsa haben dann sehr viel für die Liechtensteiner gemacht, und Tante Elsa wird ja noch bis heute als die „gute Fürstin“ verehrt. Mein Vater hat sich 1938 in Liechtenstein niedergelassen; angesichts des damaligen Umfelds kann ich nur sagen – Gott sei Dank.

    Und es ist Liechtenstein dann auch gelungen, unabhängig und souverän zu bleiben.

    Hitler meinte offenbar, dass es sich wegen eines Gebietes mit einer Fläche von 160 km2 nicht lohnt, mit den Schweizern oder sonst wem irgendwelche Streitigkeiten anzufangen. So wurde Liechtenstein eigentlich in Ruhe gelassen.

    Ich konnte nicht sehr viel über eine jüdische Gemeinde in Liechtenstein finden. Gab es eine solche?

    Es gab so die eine oder andere jüdische Familie, aber es gab eigentlich nie eine Gemeinde in diesem Sinne. Der Großteil von Liechtenstein lebte von der Landwirtschaft. Das war offensichtlich kein Gebiet, in dem sich Juden ansiedelten.

    Also Liechtenstein als Finanzplatz, als Sitz für Stiftungen und so weiter, das entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg?

    Im Grunde genommen begann das nach dem Ersten Weltkrieg, mit der Auflösung der k.u.k. Monarchie. Liechtenstein hatte damals noch die österreichisch-ungarische Währung, und die ist ja von einem Tag auf den anderen abgeschafft worden. Liechtenstein war eines der ganz armen Gebiete Europas, überall Landwirtschaft und Subsistenzwirtschaft – das Land war nicht sehr reich. Das Interessante war dann eigentlich, dass in den 1920er-Jahren einige liechtensteinische Anwälte sich überlegt haben, dass es doch was wäre, das ganze Stiftungswesen und Treuhandwesen aufzubauen, mit der Idee, vermögende Leute und Investoren anzuziehen. Es hat nicht wirklich gut funktioniert, es gab nur ein paar Zuwanderer, aber es hat keine Riesenrolle gespielt. Das Finanzwesen hat eigentlich erst in den 1950er-Jahren angefangen.

    Sie sind Präsident des Stiftungsrates der LGT Bank, die ja auch erst 1920 gegründet wurde, heute aber Vermögenswerte von rund 100 Milliarden Euro verwaltet – eine erstaunliche Entwicklung.

    Die Bank in Liechtenstein ist Anfang der 1920er-Jahre gegründet worden, die Familie war Mitgründerin und da war eben die Vorstellung: Ein großes Geschäft wird es nicht sein, aber man trägt zur Weiterentwicklung Liechtensteins bei, und es ist stabil, man wird auch kein Geld verlieren. Und die Bank in Liechtenstein hat sich dann eigentlich so ganz ruhig entwickelt, keine großen Sprünge gemacht. Als ich in die Volksschule gegangen bin in Vaduz, da war die Bank noch in Untermiete beim Bürgermeisteramt.

    Könnte man sagen, dass die LGT Bank sozusagen die private Vermögensverwaltung der Familie ist?

    Das versuche ich auch immer unseren Kunden zu sagen, es ist heute wahrscheinlich die größte Bank weltweit in Familienbesitz. Deswegen auch die Langfristigkeit – ich sage immer, wir sind Marathonläufer und keine Sprinter; und Sprintern geht im falschen Moment immer die Luft aus. Und das andere ist natürlich: Der Fürst, oder heute die Stiftung, ist natürlich auch der größte Kunde. Das ist „alignment of interest“, auf Neudeutsch, also die Kunden wie die Mitarbeiter wie die Besitzer haben die gleichen Interessen. In neue Anlagemöglichkeiten investieren wir zuerst das eigene Geld, und wenn es dann funktioniert, öffnen wir es auch für Kunden. Wir können uns nicht einfach aus der Bank verabschieden, so wie ein CEO, der dann irgendwann eine Abfindung bekommt und auf Wiedersehen sagt, und die anderen bekommen einen Zettel in der Hand, auf dem steht: herzlichen Dank. Das funktioniert bei uns nicht. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Das ist natürlich schon ein Vorteil für die Kunden.

    Wie ist Ihre Beziehung zu Israel?

    Einerseits haben wir uns immer wieder an Projekten in Israel beteiligt. Mein Bruder Hans-Adam hat für die Neugestaltung von Yad Vashem gespendet und war auch dort. Andererseits ist Israel ein sehr dynamisches Land und sehr interessant für Unternehmen, hat aber natürlich eine Nachbarschaft, die sehr schwierig ist aus verschiedenen Gründen. Jetzt kann man natürlich in der Geschichte zurückgehen, wie ist das Ganze entstanden und welche Rechte haben gewisse Leute und welche Rechte haben die anderen nicht. Das ist vielleicht das Negativum, weil früher oder später wird man, meiner Meinung nach, irgendeine Lösung finden müssen für die Palästinenser. Wie auch immer die ausschauen wird, weiß der liebe Gott. Zugleich ist es erstaunlich, in wie vielen Bereichen heute die Industrie und Forschung in Israel führend ist. Das gilt für die ganze jüdische Gemeinschaft weltweit und das reflektiert natürlich auch Israel. Das ist schon sehr beeindruckend.

    Noch einmal zurück zum Bankgeschäft, das gerade ein so aktuelles Thema ist: Es ist ja eine enorme Herausforderung, letztlich sind alle ratlos; wenn man heute in der glücklichen Lage ist, ein kleineres oder größeres Vermögen zu besitzen, wie veranlagt man es, damit irgendein Ertrag dabei herauskommt?Die Situation heute, in der mit einer sicheren Veranlagung kaum Renditen erwirtschaftbar sind, ist zeitgeschichtlich eigentlich einzigartig.

    Das heutige Problem sind die Zentralbanken. Ich sage immer: Politikern den Schlüssel zur Zentralbank zu geben ist wie einem Alkoholiker den Schlüssel zum Weinkeller. Er kann es nicht lassen. Das ist vielleicht eine politisch nicht ganz korrekte Aussage. Im Grunde genommen, wenn Sie heute ein einfacher Sparer sind, verlieren Sie Geld. Das waren in den letzten zehn Jahren Milliardenbeträge, die die Sparer unbewusst als Steuer abgegeben haben. Die zweite Sache ist natürlich – heute haben wir eine Inflation. Die Inflation trifft vor allem arme Leute, für reiche Leute ist es ein Plus. Die Überlegung ist einfach. Die Inflation merkt man kaum, und die Inflationsrate ist nicht das, was die Zentralbanken sagen. Oder wie Churchill gesagt hat: „Glaube nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Damit hat er vollkommen recht gehabt. Da sieht man einfach, dass die wirkliche Inflationsrate wahrscheinlich höher ist als jene, die immer gerechnet wird. Das Wichtigste für Anleger ist heute, stark zu diversifizieren, also in verschiedene Anlageklassen zu investieren. Die zweite Überlegung muss sein: Bei welcher Bank lege ich mein Geld an? Die finanzielle Stabilität einer Bank ist enorm wichtig. Damit ich dann nicht eines Tages als Kunde in der Früh aufwache und von meiner Bank statt Geld einen Zettel erhalte, worauf steht: „Tut uns wahnsinnig leid“, und den Zettel kann ich mir dann einrahmen lassen.

    Liechtenstein hat ja ein ganz eigenes Staatsverständnis.

    Ja, haben Sie je das Buch meines Bruders, Der Staat im dritten Jahrtausend, gelesen? Sollten Sie. Das ist sehr unterhaltend. Es ist inzwischen, glaube ich, in zwölf Sprachen übersetzt worden. Das geht genau in diese Richtung: Was ist eigentlich der Staat? Was ist eigentlich der Bürger? Wenn Sie unsere Verfassung lesen, kommen Sie zum Schluss, dass der Staat eigentlich ein Dienstleister ist. Es gibt nicht viele Verfassungen, wo Sie zu diesem Schluss kommen. Und die zweite Sache ist: Der Souverän ist der Bürger und nicht der Staat. Er kann ja sogar die Verfassung ändern, er kann den Fürsten nach Hause schicken, kann sagen: Ich will eine Republik haben; und jede Gemeinde kann austreten mit einem Mehrheitsentscheid bei einer Volksabstimmung. Man ist dann logischerweise nicht immer sehr beliebt bei gewissen Politikern im Europaraum, weil das natürlich Fragen aufwerfen könnte. Aber das ist einfach der Vorteil eines kleinen Staates. Und da sehe ich auch die Chance für die Schweiz und Österreich. Österreich ist von der Größenordnung her auch noch ein Kleinstaat, in dem die einzelnen Bundesländer sich klar unterscheiden. Die Vorarlberger sind die Vorarlberger und die Tiroler sind die Tiroler. Früher hat es die Bauernaufstände gegeben, weil 10 Prozent an Steuern eingezogen wurden, heute werden 50 Prozent eingezogen und es rührt sich niemand. Aber sie machen es auch gescheiter als früher. Ich sage immer: Das heutige Steuersystem ist vergleichbar mit: Zwei Wölfe laden einen Mann zum Mittagessen ein, bei der Hauptspeise wird demokratisch abgestimmt, was man essen soll… Also, es wird nie Wolf gegessen. Weil 50 Prozent … schauen Sie Frankreich an, 50 Prozent zahlen keine Einkommenssteuer und haben dadurch das Gefühl, dass sie gut wegkommen. In Wirklichkeit wird ihnen das Geld über Inflation und über schlechte Dienstleistungen und auf anderen Wegen entwendet… oder über Pensionskassen, die vieles absaugen. Man gibt ihnen das Gefühl, dass sie später einmal etwas bekommen werden. Sie werden schon etwas bekommen, aber die Frage ist: was? Aber so funktioniert das System heute.

    Martin Engelberg

    Martin Engelberg

    ist Psychoanalytiker, Consultant und Coach, geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group, Abgeordneter zum Nationalrat, Präsident der Sigmund-Freud-Gesellschaft, Mitbegründer, langjähriger Herausgeber (bis 2017) und Autor von NU.
    Martin Engelberg

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