Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Der Spion Klatt

    Die Geschichte von „Klatt“ und den legendären „Max“- Meldungen von der Ostfront geistert seit Jahrzehnten durch die einschlägige Literatur über Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg. Nun bringt Winfried Meyer vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung Klarheit in das verwirrende Zwielicht von Halbwahrheiten und Spekulationen.
    VON HERBERT VOGLMAYR

    Die CIA-Abteilung für Gegenspionage hielt sie für „eines der größten Rätsel des Krieges“, und auch dem britischen Geheimdienst blieben sie „ein geheimnisvolles Rätsel“: die „Max“-Meldungen, die ein Agent mit dem Decknamen „Klatt“ ab Herbst 1941 aus Sofia und ab Herbst 1943 aus Budapest an die Wiener Außenstelle des militärischen Geheimdienstes der Deutschen Wehrmacht funkte. Sie berichteten über sowjetische Truppenbewegungen und Beschlüsse des sowjetischen Generalstabs.

    Hinter dem Decknamen „Klatt“ verbarg sich Richard Kauder, ein Wiener Immobilienmakler jüdischer Herkunft, Sohn eines zum Katholizismus konvertierten k.u.k. Militärarztes. Nach NS-Gesetzen galt er als „Volljude“ und kam 1940 in Gestapo-Haft, bis sich ein Freund seines Vaters – ein katholischer Adliger, Nazi-Gegner und Leiter der Wiener Außenstelle der militärischen Abwehr – für ihn einsetzte. Kauder trat in dessen Dienst und baute in Sofia den „Luftmeldekopf Südost“ auf, von wo aus er ein Netz an Verbindungen zu vielen Informanten knüpfte. Mit dieser Tätigkeit konnten die Offiziere der „Abwehrstelle Wien“ ihn und seine Mutter vor dem Zugriff der Gestapo schützen.

    Mit Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges fanden Kauders „Max“- Meldungen aus Sofia im deutschen Hauptquartier größte Beachtung. Reinhard Gehlen – Chef der Abteilung Fremde Heere Ost und nach dem Krieg Gründer des Bundesnachrichtendienstes (BND) – vertraute Kauders Funksprüchen nach anfänglichem Zögern. Weil zunehmend Erkundungsmittel wie Luftaufklärung und Funkhorchdienst zur Überprüfung dieser Informationen ausfielen, wuchs die Abhängigkeit von ihnen, sie wurden als „kriegswichtig“ eingestuft und schwollen durch Kauders taktisches Geschick zu einer Flut an, die 1943 die Zahl von 3700 Meldungen erreichte. Neben den „Max“- kamen auch „Moritz“-Meldungen, welche die britischen Truppen im Mittelmeerraum und Nahen Osten betrafen, sie wurden jedoch rasch als „äußerst zweifelhaft“ erkannt. Die Briten, die den Funkverkehr Kauders mithörten, wurden daraus nicht recht schlau. Sie hielten zwar ein Netzwerk antisowjetischer Agenten in der Sowjetunion durchaus für möglich, zögerten aber, ihren Verbündeten Stalin darüber zu informieren, weil der Verdacht aufkam, der deutsche Agent Klatt könnte ein sowjetischer Doppelagent sein, der die deutsche Seite irreführte.

    Gut erfundene Fake News

    Als die Alliierten nach Kriegsende dem Geheimnis der „Max“-Meldungen nachgingen, ergaben zahlreiche Verhöre mit Kauder und anderen, dass deren Inhalte vor allem vom russischen Emigranten Longin Ira kamen, einem ehemaligen Offizier der Weißen Armee im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki, den Kauder während seiner Haft 1940 kennengelernt hatte. Die Frage, ob Kauder sowjetischer Doppelagent war, ließ sich dabei nicht klären. Ein Indiz dafür, dass dem nicht so war, ist die Tatsache, dass der sowjetische Geheimdienst mehrmals versuchte, seiner habhaft zu werden, zum Teil in spektakulären, jedoch gescheiterten Geheimdienstaktionen in der amerikanischen Besatzungszone (Salzburg und St. Gilgen). Kauder wurde vom US-Geheimdienst rekrutiert, 1948 wieder entlassen und starb 1960 in Salzburg – hoch verschuldet, entmündigt und dem Wahnsinn nahe.

    Nach dem gründlichen Studium alliierter, deutscher und zum Teil auch russischer Geheimdienstakten kommt Meyer in der Zusammenschau zum Urteil, dass Kauders wichtigster Informant Longin Ira zwar keine offiziellen sowjetischen Quellen hatte, aber aufgrund seiner Bürgerkriegserfahrungen mit der Roten Armee und seiner guten Ortskenntnisse seine Meldungen so gut erfand, dass sie nahe an der Realität lagen.

    Winfried Meyer
    Klatt: Hitlers jüdischer Meisteragent gegen Stalin
    Metropol Verlag, Berlin 2015
    1287 Seiten, EUR 49,90

    Herbert Voglmayr

    Herbert Voglmayr

    Nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften berufliche Tätigkeit an der Universität und in der Erwachsenenbildung. Seit 2004 freiberuflicher Publizist. Neben seiner Tätigkeit für NU verfasst er Kultur- und Weinreiseführer durch italienische Weinregionen.
    Herbert Voglmayr

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