Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Der Außerirdische aus der Bronx

    Max Grodénchik ist ein berühmter Darsteller. Wenn er ohne Maske auftritt, erkennen ihn allerdings nur die Wenigsten. Im Gespräch mit NU erzählt er über das eine Leben auf „Deep Space Nine“ und das andere in Nußbach, Bezirk Kirchdorf an der Krems.
    VON PETER MENASSE (TEXT) UND HANS HOCHSTÖGER (FOTOS)

    Bild 2: © CC BY 2.0/JUPITER FIRELYTE

    Es landet kein Raumschiff im Museumsquartier und niemand wird heruntergebeamt. Nein, mein Gesprächspartner kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und er kommt ganz anonym. „Hallo“, sage ich, „wie soll ich dich grüßen? Als Rom, Sohn von Keldar und Ishka, oder doch als Max Grodénchik aus der Bronx?“

    Die vielen Fans der US-amerikanischen Science-Fiction-Fernsehserie Star Trek: Deep Space Nine wissen jetzt, wie der Mann, den ich da getroffen habe, in seiner Rolle ausschaut. Und selbst jene, die keine Ahnung von den Abenteuern im unendlichen All haben, sollten ihn schon einmal gesehen und dann sicher in Erinnerung behalten haben. Die Maske des Rom ist so eindrucksvoll, dass sie einem sicher im Gedächtnis bleibt.

    Unser Fotograf Hans Hochstöger ist bekennender Fan und daher ganz begeistert über den Besuch aus der Ferne. Er macht sogar ein Selfie mit ihm und würde am liebsten nach dem Shooting gar nicht mehr weggehen.

    Max sagt auf meine Frage schmunzelnd: „Du machst mich lachen.“ Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass es nicht schwierig ist, Max zum Lachen zu bringen, er ist eine echte Frohnatur. „Nenn mich, wie du willst“, meint er dann, „nimm Max, aber es geht auch mit meinem Ehrentitel: Grand Nagus des Ferengi-Imperiums.“ Und schon wieder lacht er.

    Kleinwüchsige Humanoiden

    Für die Leser, die keine Ahnung haben, was diese Fernsehserie ist – und zu denen ich zugegeben auch noch bis vor kurzem gehört habe –, ein paar Informationen. Deep Space Nine wurde von 1993 bis 1999 ausgestrahlt. 176 Episoden wurden gedreht, eine ganze Welt der Zukunft auf einer im Alpha- Quadranten der Milchstraße geparkten Raumstation wird erzählt. Die dargestellten Geschichten, so lehrt uns Wikipedia, weisen beabsichtigte Parallelen unter anderem zu globalen politischen Konflikten der 1990er-Jahre auf.

    In der Raumstation gibt es eine kleine Gruppe von Lebewesen, die sogenannten Ferengi. Auf der Internet- Seite sf-germany.com lernen wir, dass sie von einem Planeten stammen, auf dem es ständig regnet und die für Ferengi angenehmen Gerüche von verrottender Vegetation wehen. Sie sind kleinwüchsige Humanoiden mit einer orangenen bis bronzenen Hautfarbe und blauen Fingernägeln und haben eine breite, geriffelte Nase sowie zahlreiche scharfe Zähne. Auffällig sind ihre überdimensionalen Ohren und die großen Schädel. Also echte Schönheiten, diese Leute. Damit aus Max Grodénchik der Ferengi Rom wird, muss er eine Maske tragen und sich schminken lassen. Das macht die Dreharbeiten zu einer wahren Qual, hilft ihm aber, unerkannt durch das Museumsquartier zu schlendern, wenn er unmaskiert ist.

    Wir diskutieren gleich ein wenig darüber, ob wir ein Foto von Max in seiner Rolle als Rom in unser Heft nehmen können. Das mit den Fotorechten steht da entgegen, denn bis wir eine Freigabe aus den USA bekommen, sind wohl selbst die Ferengi, die bis zu 150 Jahre alt werden können, mausetot. Und ohne Genehmigung kann es schnell ein paar Millionen Dollar kosten. Max lacht und meint, wir sollten es dennoch wagen. NU würde weltweit berühmt werden, wenn uns ein großer amerikanischer Produzent klagte. Na ja, weltberühmt in ganz Wien genügt uns auch. Den Leserinnen und Lesern steht ja heutzutage ohnehin Wikipedia zur Verfügung. Dort findet sich Rom in ganzer Schönheit.

    Pars pro toto

    Die Ferengi auf Deep Space Nine sind mit jüdisch-amerikanischen Schauspielern besetzt. Außer Rom gibt es da noch seinen älteren Bruder Quark, gespielt von Armin Shimerman, und seinen Sohn Nog, der von Aron Eisenberg gegeben wird. Wie in fast allen amerikanischen Filmen und Serien sind auch sonst viele Juden in verschiedenen Funktionen am Werk.

    So kommen wir in unserem Gespräch auch zu einem Thema, das im Internet immer wieder auftaucht. Die Ferengi seien eine antisemitische Karikatur, meinen da einige. Dazu muss man wissen, dass die Außerirdischen als kapitalistische Ausbeuter dargestellt werden. Sie sind stets auf Profit aus und leben streng nach den sogenannten Erwerbsregeln, von denen es 285 gibt. Pars pro toto sei hier die Erwerbsregel 261 genannt, die da lautet: „Ein wohlhabender Mann kann sich alles leisten, nur kein Gewissen.“ Wäre dieser Satz nicht aus den 1990er-Jahren, könnte man meinen, es wäre damit der Präsident eines einflussreichen Landes gemeint.

    Im Internet wird also diskutiert, ob die Ferengi Karikaturen von Juden seien und die Serie antisemitische Untertöne habe. Als Grund wird neben der Profitgier auch das Aussehen der Ferengi genannt, was in der Zusammenschau aber eher darauf schließen lässt, dass die Kritiker selbst ein Problem mit einem, ihrem eigenen unbewussten Antisemitismus haben. Denn wer in der Maske wegen ausgeprägter Ohren oder Nase ein jüdisches Stereotyp zu erkennen glaubt und Profitstreben mit Juden verbindet, ist wohl selbst der antisemitischen Propaganda erlegen.

    Max Grodénchik sieht die Diskussion gelassen: „Unser Produzent und Drehbuchautor Ira Steven Behr ist Jude. Er ist der Mann aus der Schreibwerkstatt, der am meisten über die Ferengi geschrieben hat. Er hat sie entwickelt. Ich bin Jude, viele andere sind Juden. Ich hatte also nie den Eindruck, dass die Leute an Juden denken, wenn sie die Ferengi-Story schreiben. Die Diskussion führt zu einem Thema, das wir als eines der ,dritten Schiene‘ bezeichnen. Dieser Ausdruck stammt aus der New Yorker U-Bahn. Die ersten zwei Schienen kann man berühren, bei der dritten bekommt man einen elektrischen Schlag. Das vermeidet man. Heutzutage sind die Menschen in den USA überhaupt sehr angerührt. Du darfst keinen Spaß mehr über irgendwen machen. Du wirst geklagt, sie twittern über dich.“

    Bleiben wir also bei Max und seiner Reise durch die Weiten der Erde. Er stammt aus dem New Yorker Stadtviertel Bronx, lebte dann in Queens, später in San Francisco und zuletzt in Los Angeles. Heute wohnt er in Nußbach, im politischen Bezirk Kirchdorf an der Krems. „Wie kommt denn das“, frage ich Max, „dort, wo du jetzt bist, haben vorher wohl noch nie Juden gelebt. Du kommst aus einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern in einen Ort mit etwas über 2000 Menschen. War es die Liebe?“ „Ja, so ist es“, sagt Max. „Ich lebte in Glendale im Großraum Los Angeles und lernte eine Frau aus Österreich kennen. Wir waren dort sehr glücklich. Dann wurde sie schwanger und wir standen vor der Frage, wo sie das Baby zur Welt bringen sollte. Das ist schon eine ernste Frage. Wir sind dann zur Überzeugung gekommen, dass es am besten wäre, nach Österreich zu gehen.“

    Das Umfeld ist ihm noch immer ein wenig fremd, auch wenn er sich am Land sehr wohl fühlt. „Als ich endgültig nach Nußbach zog, nachdem wir vorher schon öfter dort waren, wollten die Leute aus der Nachbarschaft herausfinden, wer ich bin. Also begannen sie mit mir zu plaudern. Zum Beispiel redete mich eine Dame an und ich war ganz erstaunt, dass ich jedes Wort verstand. Aber dann merkte ich, dass sie besonders langsam sprach, nicht so, wie die Nußbacher untereinander reden. Diese Art der interessierten Annäherung kennt man in der großen Stadt nicht. Dort kann einer auf der Straße dahintorkeln, mit zerrissenem Hemd, und du gehst einfach an ihm vorbei.“

    Die Maske

    Max’ Familie stammt ursprünglich aus Grodno in Weißrussland, was sich in seinem Namen bis heute spiegelt. Die Eltern seines Vaters wanderten im Jahr 1905 in die USA aus, von jener der Mutter weiß er es nicht so genau. Wie er es mit der Religion hält, frage ich ihn. Er hat eine verschmitzte Antwort: „Mein Bruder ist religiös, frag doch bitte ihn.“ Er habe sich nie mit dem Judentum befasst, sagt er dann. Aber jetzt, da er älter werde und mehr über andere Religionen erfahre, beginne ihm das Judentum immer sympathischer zu werden. Viel Ahnung darüber habe er aber nicht. In seiner Kindheit in New York seien alle Kinder in seinem Umfeld in eine „Hebrew school“ geschickt worden, nur seine Eltern wählten für ihn die „Scholem-Alejchem-Schule“. Dort lernte er statt Hebräisch dann Jiddisch. Als Schauspieler wäre er später fast am Jüdischen Theater von New York gelandet, aber dann kam ein anderes Engagement dazwischen.

    Max ist mittlerweile mit seiner Rolle als Rom eine Berühmtheit geworden. Mehrmals im Jahr finden in den USA oder in England sogenannte Star Trek Conventions statt. Dorthin reisen tausende Menschen, um mit den Schauspielern der Serie zu reden, sich von ihnen ein Autogramm zu holen oder um ein Selfie mit dem Lieblingsstar zu machen. So kommen wir auf seine Maske zu sprechen. Das ist ein raffiniertes Ding aus Latex, das den Kopf gänzlich umgibt und mit einer Art Klebestoff fixiert wird. Ein wenig klingt es nach Folter, wenn Max erzählt, wie das Tragen der Maske funktioniert: „Sie stülpen dir diese Maske um vier Uhr früh über den Kopf und du trägst sie bis zum Abend. Die Zähne kannst du von Zeit zu Zeit entfernen. Meine zahnärztliche Hygienikerin sagte, sie wären schlecht für 13 3 | 2017 meine echten Zähne. Aber es ist nichts passiert. Für die Maske bekommst du zuerst eine Art Klebstoff auf die Haut, dann wird der Latex-Teil fixiert. Das tut am ersten Drehtag noch überhaupt nicht weh. Am Abend nehmen sie die Maske ab, können aber den Klebstoff nicht vollkommen entfernen. Sie reiben ihn ein wenig weg, das schmerzt schon. Am nächsten Tag bringen sie wieder Klebstoff auf die immer noch aufgeraute und wunde Haut auf. Am zweiten Tag ist das auch noch okay. Am fünften Tag aber schmerzt es grauenhaft.“ Max ist jedoch, wie wir wissen, eine Frohnatur und meint am Schluss: „Aber sie machen die Masken perfekt.“

    Von einer der Conventions gibt es dann doch ein Foto, das frei zum Abdruck ist und Rom mit seinem Sohn Nog zeigt.

    Über Donald Trump

    Nur einmal in unserem Gespräch vergeht Max das Lachen. Irgendwie kommen wir auf Donald Trump zu sprechen, und da bleibt er jetzt ganz und gar nicht ruhig. Er sitzt mit gesenktem Kopf da, sodass ich seine Augen nicht sehen kann. Es scheint, als würde er ein paar Tränen vergießen, er wirkt erregt und gekränkt: „Ich bin der Meinung, der Präsident spaltet das Land in zwei Lager und ich weiß nicht, wie das wieder aufgelöst werden kann. Die Leute haben ihn gewählt und er hat gewonnen. Das hat mich und viele von uns geschockt. Aber er ist der Präsident der USA und ich würde mir wünschen, dass die Medienleute ihn Präsident Trump und nicht einfach Trump nennen würden. Da geht es um den Respekt gegenüber dem Amt, der Präsidentschaft. Präsident Trump hat sich über Serge Kovaleski von der New York Times lustig gemacht, über einen Mann mit einem körperlichen Gebrechen. Wie geht das? Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Ich mag es nicht, dass der Präsident meines Landes sich so verhält. Er ist kein gutes Beispiel. Ich spreche nicht über seine Politik, nicht über Obamacare, nicht über Umweltschutz, sondern über sein Verhalten. Obama war ein Vorbild. Dann sagt der neue Präsident, dass es gar nicht so gewesen sei. Warum kann er sich nicht entschuldigen, wenn er Leute beleidigt hat?“

    Wir kehren zurück aufs Raumschiff und zur Gesellschaft, die sich dort entwickelt hat. Max erklärt, dass die Ferengi sich im Serienverlauf ständig weiterentwickelten. Anfangs war es ihnen nur ums Geld gegangen. Später aber befreiten sich von der Ferengi-Tradition. Nur sein Bruder Quark symbolisiert die alte Generation, die eine Linie nicht zu überschreiten imstande ist, so Max. Daran zeige sich, dass es in einem Umfeld, in dem viele unterschiedliche Menschen zusammenleben und ihre Kultur einbringen, zu einer positiven gegenseitigen Beeinflussung kommt.

    Ein gutes Rezept für die Menschen auf der Welt, die immer noch vielfach nach den alten Erwerbsregeln der Ferengi leben. Wie bekannt klingt beispielsweise die Regel Nummer 161: „Töten Sie nie einen Kunden, außer Sie machen mit seinem Tod mehr Profit als mit seinem Leben“? Max’ Lieblingsregel trägt die Nummer 48 und lautet: „Je breiter das Lächeln, desto schärfer das Messer.“ Max selbst lacht viel und gerne. Aber nicht breit, weil ein Messer ist diesem freundlichen Mann so was von fremd.

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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