Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Pamela Rendi-Wagner | Nr. 68 (02/2017) - Tamus 5777
  • Dem Architekten ein Gesicht geben

    „Wer war Fritz Reichl?“ – Diese Frage stellten sich Studenten der TU Wien und machten sich von Eisenstadt aus auf eine internationale Spurensuche nach einem Architekten, der durch ihre Arbeit vor dem Vergessen bewahrt werden soll.
    VON BRIGITTE KRIZSANITS (TEXT UND FOTO)

    Klaus-Jürgen Bauer vor dem Haus Bahnstraße 13-17 in Eisenstadt, einem von Fritz Reichl und Alexius Wolf entworfenen Wohnbau.

     

    „Ich bin in Eisenstadt oft an diesem Haus aus den 1920er-Jahren vorbeigegangen – es war einer der ersten Wohnbauten hier – und habe mich als Architekt natürlich auch für den Planer interessiert. So bin ich auf den Namen Fritz Reichl gestoßen“, sagt der Eisenstädter Klaus-Jürgen Bauer, Architekt und Lektor an der TU Wien. „Das Haus liegt an der Ecke zur Reichl- Gasse und da dachte ich: Der muss bekannt gewesen sein, wenn sie sogar eine Gasse nach ihm benennen.“ Dass der Namensgeber der Gasse ein anderer war, nämlich der Mundartdichter Joseph Reichl, sollte Bauer erst später erfahren. Dennoch war das Interesse des Architekten an Reichl geweckt und er wollte mehr erfahren – was jedoch nicht so einfach war. „Den Startschuss dazu gab dann die Ausstellung ‚Visionäre und Vertriebene‘, die 1995 in der Kunsthalle Wien stattgefunden hatte. Die Informationen dort über Reichl waren jedoch spärlich, es gab nicht einmal ein Bild.“

    Architekt ohne Bild

    So beschloss Bauer gemeinsam mit seinem Kollegen Peter Ferschin am Institut für Architekturwissenschaften der TU Wien, Abteilung digitale Architektur, ein Seminar über Reichl anzubieten. Eine Monografie über den Architekten aus dem Jahr 1932, die Bauer im Zuge der Vorbereitung des Seminars in die Hände fiel, befeuerte sein Interesse: „Darin haben wir gesehen, was für geniale Entwürfe Reichl gezeichnet und auch realisiert hat.“ Ausgehend davon formierten sich schließlich im Zuge des Seminars verschiedene Gruppen, die sich mit dem Leben, dem Werk, den Mitakteuren und auch Fritz Reichls Beziehung zu Eisenstadt auseinandersetzten. Und über all den Themenbereichen stand die eingangs gestellte Frage: „Wer war Fritz Reichl?“

    Steile Karriere zwischen zwei Kriegen

    Fritz Reichl wurde am 3. Februar 1890 als zweiter Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Wien geboren – sein Leben sollte zwei große Brüche erfahren. Nach Kursen an der Wiener Kunstgewerbeschule, dem Vorläuferinstitut der heutigen Angewandten, bei namhaften Lehrern wie Berthold Löffler und Michael Powolny, studierte er an der Technischen Hochschule Wien Architektur. 1913 heiratete er Ella Gartenberg. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, musste er einrücken. Während Fritz Reichl als Bauingenieur in Serbien, Bosnien und Italien tätig war, kämpften seine zwei Brüder an der Front und verloren dort ihr Leben. Laut Bauer waren diese Todesfälle der erste Bruch in Reichls Leben. Der Krieg riss jedoch nicht nur diese Lücke in die Familie. Letztendlich verlor auch der Vater, der als Versorgungsoffizier tätig war, nach Kriegsende seine Arbeit.

    In dieser veränderten Lebenssituation verdiente Fritz Reichl sein Geld vorerst als Arbeiter in einer Metallfabrik. Erst 1925 konnte er wieder seinem Beruf nachgehen und eröffnete ein Büro im Wiener Palais Salm. „Seine Auftraggeber waren wohlhabende, liberale Bürger, wohl alle aus seinem persönlichen Umfeld. Reichl hatte es geschafft, in einer Zeit der Krise dennoch ein gutes Auslangen zu finden. Er baute auf der Höhe der Zeit – nicht ultraprogressiv, aber man könnte sagen, er war ein Neoexpressionist“, so Bauer. Der mittlerweile anerkannte Architekt nahm an zahlreichen Wettbewerben teil, unter anderem an der Ausschreibung zum Neubau des Landesregierungsgebäudes in Eisenstadt, wo sein gemeinsam mit Alexius Wolf eingebrachter Entwurf als Dritter gereiht wurde. Und er gewann den wohl prestigeträchtigsten Wettbewerb seiner Zeit: jenen zur Wiedererrichtung des Justizpalastes. Dennoch wurde dieser Entwurf nicht realisiert. In Eisenstadt entstand indes ein von ihm und Wolf entworfener Wohnbau – eben jener, der Bauer eigentlich auf die Fährte Fritz Reichls brachte. Darüber hinaus wurde das Duo mit der Ausarbeitung eines Stadtentwicklungsplanes für die neue Landeshauptstadt beauftragt. Vieles davon wurde, zumindest teilweise, umgesetzt.

    Kein schillernder Adabei, aber in den führenden Gesellschaften und Vereinen vertreten, so kann Fritz Reichl zum Höhepunkt seines architektonischen Schaffens um 1930 bezeichnet werden. Er war Mitglied in der Zentralvereinigung der Architekten wie auch des Künstlerhauses, er war im Österreichischen Jagdklub und auch sonst gesellschaftlich gut eingebunden. 1932 erschien seine Publikation in der Reihe Wiener Architekten, die eine Auswahl an Arbeiten und Entwürfen zeigt. Das Vorwort dazu schrieb Max Eisler. Zu jener Zeit entstanden zahlreiche Wohnbauten wie auch Einfamilienhäuser in Wien, aber auch in Böhmen. Auch Interieurs entwarf Reichl, sie finden sich teilweise in dem Buch dokumentiert.

    Flucht: von Istanbul nach Amerika

    Reichls Wirken nach der Publikation liegt noch weitgehend im Dunkeln. „Über die Zeit des Ständestaats wissen wir wenig. Auch die Auftragslage kennen wir nicht“, sagt Klaus-Jürgen Bauer. „Reichl hatte wahrscheinlich das Pech, dass seine Klientel, die großbürgerliche Schicht, in jener Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand.“ 1938 dann der zweite Bruch in seinem Leben: Hals über Kopf verlässt er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit seiner Frau Wien. Er gelangt zunächst nach Istanbul, wo er Büroleiter bei Clemens Holzmeister wird. Zahlreiche Prunkbauten für Kemal Atatürk entstanden unter Holzmeisters Planung. Den Namen Reichl trägt davon jedoch kein einziger Entwurf.

    Fritz Reichls Sohn Erich war indes nach New York ausgewandert, wo er sich recht und schlecht über Wasser hielt. 1946 gelang auch Fritz Reichl und seiner Frau Ella die Reise mit dem Schiff über den Ozean. Der Aufbau eines Architekturbüros in New York scheiterte, schließlich bot Richard Neutra, der einstige Studienkollege und ebenfalls Emigrant, Reichl eine Stelle an. Dennoch gelang es Reichl nicht mehr, an seinen einstigen Erfolg anzuschließen. Außer dem Apartmenthaus Leonhard Martin in Beverly Hills (1949) und dem Wohnhaus Erich Reichl in Pittsburgh (1955) sind in Amerika bislang keine weiteren Bauten unter der Federführung des Architekten bekannt. Das gemeinsam mit Maxwell Starkman gegründete Architekturbüro brachte zwar einen Katalog heraus, ob davon jedoch je etwas umgesetzt wurde, ist fraglich. Fritz Reichl starb am 23. Januar 1959 an einem Herzinfarkt, über seinen Zeichentisch gebeugt.

    Ausstellung: „Wer war Fritz Reichl?“

    All diese Fakten – und noch einige mehr – haben die Studenten von Klaus-Jürgen Bauer und Peter Ferschin im Rahmen des Seminars zusammengetragen. Der Grazer Filmemacher Heimo Müller drehte ein „Making of“ und führte damit die einzelnen Arbeiten filmisch zusammen. Letztendlich wurde daraus eine kleine, aber feine Ausstellung gestaltet, die noch bis 4. August im Architekturraum Burgenland zu sehen ist und für die es unter anderem gelungen ist, ein von Fritz Reichl entworfenes Möbelstück aufzutreiben.

    Ob es wohl noch möglich wäre, dass weitere Bauten in den USA bekannt würden und Reichl posthum den Ruf eines Rudolf Schindler einbrächten? Klaus-Jürgen Bauer hält dies für eher unwahrscheinlich. Dennoch unterstreicht er einmal mehr die Bedeutung Reichls, dessen Villa Kral im tschechischen Prachatice eine ähnliche architektonische Qualität wie der Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe zugeschrieben werde – wenngleich sie nicht dieselbe Bekanntheit genießt. Mit der Spurensuche nach Fritz Reichl sei es jedoch gelungen, dem Architekten Anerkennung zu zollen, und sogar ein Bild von ihm konnte aufgetrieben werden: Bei Nichten von Fritz Reichl in Amerika wurden Studenten fündig. Die beiden Damen erinnerten sich, in einer Schublade noch „a picture of uncle Fritz“ zu haben – „Das war dann auch der Moment, in dem Fritz Reichl ein Gesicht bekam“, wie Bauer abschließend sagt.

    Brigitte Krizsanits

    Brigitte Krizsanits

    studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien und war anschließend in Wien und Prag in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2010 ist sie freie Journalistin und publizierte unter anderem die Bildbände Das Leithagebirge. Grenze und Verbindung und Eisenstadt.
    Brigitte Krizsanits

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