Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Leitartikel
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Ben Dagan | Nr. 70 (04/2017) - Kislev 5778
  • Das Projekt NU

    Vor mir liegen sechs große Ordner. Sie enthalten alle Ausgaben von NU seit dem Jahr 2000, als das Projekt eines jüdischen Magazins ins Leben gerufen wurde. Heft Nummer 70 entsteht in einer Periode einer historischen Zäsur. Eine zweite Auflage einer Koalition von ÖVP und FPÖ ist im Entstehen, die Veränderung, Veränderung und nochmals Veränderung ankündigt. Unter den teilnehmenden blauen Recken befinden sich stramme Deutschnationale und schlagende Burschenschafter. Das ist eine Gruppe, die in der Vergangenheit uns Juden nicht eben in Freundschaft verbunden war.

    Wie auch immer, die Ausgabe einer siebzigsten Nummer ist Gelegenheit, innezuhalten und zurückzuschauen, was uns da gelungen ist. Das Magazin wurde von Danielle Spera, Erwin Javor und Martin Engelberg als kritische Stimme gegenüber der offiziellen jüdischen Vertretung gegründet. Ich stieß bald dazu und durfte daran mitarbeiten, aus einem dünnen Heftchen eine umfangreiche Qualitätszeitung zu machen. Mit der Zeit erhob sich NU über die bloße Kritik an der IKG wegen ihrer bis heute intransparenten Gebarung und des dort herrschenden autoritären Führungsstils. Es wurde zum Brückenschlag zwischen Juden und Nicht-Juden. Auch wenn viele unserer Berichte im Heft von den Ermordeten und den Überlebenden der Schoa handelten und ihr Schicksal würdigten, so haben wir doch zunehmend Gegenwarts- und Zukunftsthemen bearbeitet, weil es heutiges Judentum gibt und geben soll. Wir wurden zu einem renommierten Magazin für Politik und Kultur mit jüdischem Background.

    Bald nach dem Anfang hatten wir zwei Geschichten im Heft, die nachhaltig und international wirkten. Helene Maimann hat im Heft 13 Alfred Gerstl porträtiert, einen Überlebenden, der zum Mentor von Arnold Schwarzenegger wurde. Er erzählte, dass „Arnie“ als junger Mann eines Tages tatkräftig mitgeholfen hatte, eine Neonazi-Demonstration aufzulösen. Diese Geschichte kam dem „Terminator“ zugute, als man seiner Familie im Wahlkampf für den Gouverneur von Kalifornien Nähe zum Nationalsozialismus vorwarf. Mit NU ließ sich jeder Verdacht leicht entkräften. Arnold Schwarzenegger hat im Übrigen heuer auch seinen 70er gefeiert.

    Nur eine Nummer später schrieb ich über den vielleicht besten österreichischen Fußballer aller bisherigen Zeiten, Matthias Sindelar. Dieser Star der 1930er-Jahre war in einem Gedicht von Friedrich Torberg zum antifaschistischen Helden hochstilisiert worden und wurde als solcher von uns allen verehrt. Tatsächlich aber zeigten Dokumente aus dem Staatsarchiv, dass Sindelar ein kleiner Mitläufer war, der ein „arisiertes“, also einem Juden gestohlenes Kaffeehaus übernahm und dazu auch schon einmal bestätigte, dass er „arischer Abstammung“ wäre. Es wurde über diesen Beitrag in mehreren europäischen Ländern berichtet. Erst vor kurzem hat ein Kollege aus Argentinien ein Buch über Sindelar geschrieben, das die Erkenntnisse aus NU mit einbezog.

    NU bot mitunter auch Grund zu heftiger Aufregung. Beispielsweise fand sich im Jahr 2013 die ehemalige FPÖ-Politikerin und Vizekanzlerin Susanne Riess auf dem Cover. Manches Zitat von damals ist nachlesenswert: „Wenn ich nicht wirklich daran geglaubt hätte, dass die FPÖ eine Partei werden kann, die sich im rechtsliberalen Parteienspektrum ansiedelt, eine Partei, die beweisen kann, dass sie regierungsfähig ist, die das, was wir in Österreich hatten, verbessern kann, hätte ich das nie gemacht. Meine – vielleicht naive – Vorstellung war, dass sich die Partei in diese Richtung weiter entwickeln wird. Insofern bin ich klar gescheitert.“

    Ähnliches gibt es auch von Peter Sichrovsky, der bereits im Jahr 2002 darauf gekommen war, dass seine Mitarbeit bei der FPÖ ein Fehler gewesen war und dass mit dieser Partei kein Staat zu machen ist. Auch Heide Schmidt, die sich lange davor von der FPÖ getrennt hatte, schrieb im Jahr 2006 in NU. Da lesen wir unter anderem einen Satz, der gerade heute große Aufmerksamkeit verdiente: „Die Demokratie hat nicht die Gleichschaltung von Werthaltungen zur Voraussetzung, sondern ist dazu da, um auf zivilisierte Weise die Unterschiedlichkeiten zu handhaben.“

    Viele kluge Menschen wurden von uns interviewt, viele Themen mit großer Ernsthaftigkeit, aber auch mit Humor abgehandelt. Viel ging es in den 17 Jahren um jüdische Identität, Religion, um Israel, um die Restitution oder um mein Lieblingsthema, den Fußball.

    Beim Durchblättern ziehen meine Gesprächspartner an mir vorbei – die Mascheks, Erwin Steinhauer, Pamela Rendi-Wagner, „Rom“ aus „Deep Space Nine“ vulgo Max Grodénchik, Sebastian Kurz, Ioan Holender, Carl Djerassi, Oliver Rathkolb, „Hitlerjunge Salomon“ Perel, Oscar Bronner, Andreas Vitásek, Leon Zelman, Michael Häupl, Andreas Mailath-Pokorny, Franz Vranitzky, Fritz Muliar, Garry Kasparov und viele andere mehr. Sie habe ich teilweise allein oder gemeinsam mit Danielle Spera oder Petra Stuiber interviewt. Wer alle diese Gespräche aus 17 Jahren NU nachliest, bekommt ein plastisches Bild von den gesellschaftlichen Veränderungen bewegter Jahre und von oft gar nicht so erfreulichen Kontinuitäten.

    Erwin Javor und ich haben für NU ein Format erfunden, den „Zwiekommentar“, der unter dem Begriff Dajgezzen bekannt wurde. Zuletzt war Rainer Nowak mein stets spöttischer und schlagfertiger Partner. Im vorigen Jahr sind wir mit dieser „Nummer“ sogar im Fernseh-Sender Okto aufgetreten.

    Heft 70 entsteht an einem Wendepunkt, der nach meiner Ansicht nicht zum Besseren führen wird. Wohl scheinen wir Juden ungefährdet, aber für alles, was als „fremd“ gilt in diesem Land, könnten fatale Zeiten herandräuen. Helfen kann da nur das alte jüdische Rezept: Mit Mut und Humor nach vorne schauen. Das neue Heft mit der Nummer 70 passt übrigens gerade noch in den sechsten Ordner. Dann ist er gänzlich voll.

    Chag Chanukka Sameach,
    Ihr Peter Menasse

    Peter Menasse
    Der NU-Chefredakteur ist selbstständiger Kommunikationsberater und Publizist. Er lebt in Wien und im Burgenland.
    Peter Menasse

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