Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Erika Freeman | Nr.61 (03/2015) - Elul 5775 / Tischri 5776
  • Bitte kein Tohuwabohu

    Teil 1

    Um kein Tohuwabohu (1) bezüglich der Verwendung von jiddischen oder hebräischen Wörtern bzw. Ausdrücken aus dem Rotwelsch in der deutschen (eigentlich österreichischen) Sprache aufkommen zu lassen, ist in dieser Rubrik die Form von Mini-Texten gewählt.
    VON PETER WEINBERGER

    Freundliches

    Wenn Ihnen jemand – etwa vor einer Prüfung oder vor einer Reise – Hals- und Beinbruch (2) wünscht, dann empfiehlt es sich, mit einem freundlichen Danke zu antworten, denn man wünscht Ihnen ja nicht, dass Sie sich tatsächlich den Hals oder ein Bein brechen, vielmehr ist eine aufrecht gemeinte Ermunterung damit gemeint, wie z.B. das Guten- Rutsch-Wünschen (3) zu Silvester. An das etwas boshafte, aber immer noch freundliche Mazel tov (4) beim Zerbrechen von Gläsern oder Tellern haben Sie sich vermutlich bereits längst gewöhnt.

    Ratschläge (Ezzes)

    Dagegen sollten Sie sehr vorsichtig sein, sollte jemand mit vielen schönen, großen Worten versuchen, Sie zum Abschluss eines Geschäftes oder Bestellen einer Zeitschrift zu überreden. Achtung: Dieser Jemand ist im Begriffe, Ihnen einen Ramsch (5) anzudrehen, Sie zu bemogeln (6), kurz: Sie einzuseifen (7), Sie – im wahrsten Sinne des Wortes – zu bescheißen.

    Sollten Sie meschugge (4) genug sein, um Geld Karten zu spielen, dann sollten Sie auf allfällige Kiebitze (8) achten. Nicht jeder Kiebitz ist bloß ein harmloser Zuschauer: Manche von ihnen sind Teil des Spiels Ihrer Gegner. Unter derartig verruchten (9) Umständen Karten zu spielen, noch dazu um Geld, endet meist damit, dass alles verzockt (10) wird.

    Passendes & Unpassendes

    Schäkern (11) mit einer zunächst unbekannten Frau oder gar mit der Frau eines Freundes zieht mitunter ungeahnte Folgen nach sich. Kurzzeitige, wenn plötzlich ihr Mann auftaucht: Sie wird aschfahl (12) im Gesicht, Sie selbst schauen ziemlich bedeppert (13) drein; seine Contenance kann leicht flöten (14) gehen, Handgreiflichkeiten liegen in der Luft.

    Sollte das Schmusen (15) allerdings ernstere Formen annehmen, sich der ursprünglichen Bedeutung des Wortes schäkern nähern, etwas ordinär mit einem Zeitwort beschreibbar sein, das sich vielleicht von Bum (16) ableitet, mit Sicherheit aber aus dem Rotwelsch kommt, dann kann Ihre bisherige Lebensplanung ernsthaft in Gefahr sein, egal ob Sie betucht (17) sind oder nicht. Im Nachhinein einen Bahöl (18) zu schlagen, ist mehr als unverantwortlich!

    Würden Sie nicht auch gerne, geschlaucht (19) von Ihrer Arbeit, ein paar Tage blau (20) machen wollen? Das ewige Tschinageln (21) kann ja nicht wirklich gesund sein! Vielleicht bei einer solchen Gelegenheit ein kleines Techtelmechtel (22) anfang? Sich eventuell bei einer Schikse (4) einschleimen (23)? Auch wenn dabei ein paar Hunderter verjubelt (24) werden?

     

    (1) Hebr.  wörtl. wüst und leer, Genesis, 1. Satz. (2) Hebr.   Glück; b’rachá: Segen. (3) Hebr.  Haupt, Anfang. (4) wohlbekanntes Wort, muss nicht erklärt werden. (5) betrügerische Täuschung. (6) Rotwelsch   betrügen. (7) Jidd.  Mist, Kot; Hebr.  Dreck, Mist. (8) Jidd.; Rotwelsch  beim Kartenspiel zuschauen. (9) Hebr.   Geist, Atem, Wind. (10) Jidd.  spielen. (11) Hebr.  Schoß, Busen. (12) Hebr.    faulen. (13) Hebr. b’li  ohne Rede. (14) Jidd. oder Rotwelsch   “#  abhandenkommen; hebr: #  ausgestoßen. (15) Jidd. Sch’mua,  $ schmeicheln; Rotwelsch: dummes Geschwätz; hebr: % $ Gerücht. (16) Rotwelsch: Bum, Kuh?, Bummser, Kuhhirt. (17) Hebr.   ”   vertrauenswert, wohlhabend. (18) Jidd.: #  Lärm. (19) Hebr.    zu Boden werfen. (20) Hebr.  $ mit nichts, ohne. (21) Rotwelsch von Jidd. %  Schub; Jidd. &  Karre. (22) Jidd.? Tachti, alliteriert: heimlich; Pantscherl. (23) Hebr.    Erstattung, Dank, eventuell Bestechungsgabe; hebr. $   bezahlen, belohnen. (24) Hebr. jobel, Schall des Widderhorns; hebr. ’ befreien, loslassen (Hauspersonal alle 50 Jahre).

    Peter Weinberger

    Peter Weinberger

    war bis 2008 Professor für Allgemeine Physik an der TU Wien und ist seitdem Gastprofessor an der New York University. Er ist auch literarisch tätig.
    Peter Weinberger

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