Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Samuel Reshevsky | Nr. 56 (2/2014) - Siwan 5774
  • Antisemitismus: Rückläufig, aber nicht verschwunden

    Vor allem in Deutschland registrieren die Forscher des amerikanischen Pew Research Center einen deutlichen Rückgang der Ressentiments. Der Antisemitismus als Phänomen jedoch bleibt. Ebenso wie die Angst in der jüdischen Bevölkerung Europas.
    VON UTE ROSSBACHER

    Während die Vorbehalte gegenüber Roma und Muslimen in Europa tendenziell zunehmen, gehen sie gegenüber Juden zurück. Zu diesem Ergebnis kommt die kürzlich veröffentlichte Pew Global Studie. Die Autoren haben dazu im Rahmen ihres sogenannten „Global Attitudes Project“ zwischen März und April dieses Jahres rund 7.000 Personen in Italien, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Polen, Deutschland und Spanien befragt.

    Der Studie zufolge hegen durchschnittlich 18 Prozent der Befragten Vorurteile gegenüber Juden. Mit 47 Prozent ist der Antisemitismus in Griechenland am stärksten ausgeprägt, mit 5 Prozent in Deutschland am schwächsten. Letzteres ist insofern bemerkenswert, als noch 1991 die Ablehnung jüdischer Bürger bei 24 Prozent lag.

    Ähnlich rückläufige Tendenzen weisen Großbritannien (7 Prozent) und Frankreich (10 Prozent) auf. In Polen (26 Prozent), Italien (24 Prozent) und Spanien (18 Prozent) geht diese Entwicklung im Vergleich langsamer vor sich.

    Das Pew Research Center mit Sitz in Washington D.C. gilt als unabhängig agierende Organisation von Weltruf, die rund um den Globus Meinungsumfragen zu unterschiedlichen gesellschaftspolitisch relevanten Themen durchführt. Das jüngste Ergebnis des „Global Attitudes Project“ steht dabei in einem Spannungsverhältnis zur letzten Befragung jüdischer EU-Bürger durch die EU-Agentur für Grundrechte (FRA), die ihren Bericht im Herbst 2013 veröffentlichte. Von den knapp 6.000 befragten Teilnehmern in acht europäischen Ländern (Deutschland, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Ungarn, Italien, Lettland und Schweden) gaben zwei Drittel an, dass sich die Situation der Juden in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert habe – insbesondere in Frankreich und Ungarn, wo fast jeder Zweite laut eigenen Angaben erwägt, das Land zu verlassen. Im EU-Durchschnitt sind dies 29 Prozent.

    Für Unruhe sorgt in diesem Zusammenhang die Verbreitung antisemitischer Hetze im Internet, die vor allem aus Sicht französischer (71 Prozent) und ungarischer Juden (65 Prozent) in den letzten fünf Jahren stark zugenommen hat.

    Durchschnittlich 21 Prozent der Befragten gaben überdies an, in den zwölf Monaten vor der Befragung von antisemitischen Vorfällen, die von Beschimpfungen bis zu körperlicher Gewalt reichten, betroffen gewesen zu sein. Nur 76 Prozent von ihnen fanden eigenen Angaben zufolge den Mut, sich an die Polizei oder andere Organisationen zu wenden. Die FRA legte aufgrund dieses Ergebnisses Europas Regierungen nahe, gezielte Maßnahmen zum besseren Schutz jüdischer Bürger zu ergreifen.

    Vor allem in Frankreich, wo sowohl die größte jüdische als auch die größte muslimische Gemeinde Europas leben, wird dies vor dem Hintergrund antisemitisch motivierter Übergriffe durch islamistische Kräfte zu einer zunehmenden Herausforderung.

    Die FRA-Forscher konzentrierten sich bei ihrer Erhebung auf jene EU-Länder, in denen in Summe rund 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Europas leben.

    Österreich ist hier nicht erfasst. Die Untersuchung der amerikanischen Anti Defamation League aus dem Jahr 2012 verzeichnet auch hierzulande einen leichten und stetigen Rückgang antisemitischer Tendenzen, die bei 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung geortet werden.

    Ute Rossbacher

    Ute Rossbacher

    ist seit ihrem Studium (Philosophie und Soziologie) als Online-Redakteurin tätig (Styria, relevant.at). Derzeit ist die aus der Steiermark stammende Journalistin für das Männerportal weekinger.at verantwortlich.