Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Benny Fischer | Nr. 65 (03/2016) - Elul 5776
  • Lunas Liebe und Leidenschaft

    Es scheint so zu sein, dass die Wünsche von Gordana Kuic in Erfüllung gehen. Vor einigen Jahren hat die Bestsellerautorin aus Belgrad angekündigt, dass sie zehn Bücher schreiben möchte. Unlängst ist ihr dieses Vorhaben auch gelungen.
    VON IDA SALAMON

    Alles begann im Jahr 1986 mit dem großartigen Erfolg ihres Debütromans. Knapp 30 Jahre später erschien der Roman Der Duft des Regens auf dem Balkan in deutscher Sprache (Hollitzer- Verlag). Gordana Kuic kam damals nach Wien, um die Geschichte ihrer sephardisch-jüdischen Familie zu präsentieren und schrieb in das Gästebuch des Jüdischen Museums Wien: „Mit Tränen in den Augen habe ich mir die Dauerausstellung angesehen; ich habe während der Buchpräsentation Wärme gespürt; ich habe gelächelt und geseufzt, als ich aus dem Museum weggegangen bin. In der Hoffnung, dass ich bald wiederkommen werde.“ Nach genau einem Jahr war Kuic wieder da, der Hollitzer-Verlag hat diesmal den chronologisch ersten Teil ihrer historischen Trilogie herausgegeben. Die Legende der Luna Levi erzählt die Geschichte der sephardischen Juden, der Inquisition und der Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel: „Die in kostbare Gewänder gekleideten Greise mit langen weißen Bärten schwiegen und warteten wie versteinert auf ihren Stühlen. Niedergeschlagen wie nie zuvor, richteten sie ihre Blicke in die Ferne, leer und ziellos wie Sterbende, die diese Welt verlassen und nicht wissen, was sie in der nächsten erwartet.“

    Ihre malerischen und offenen Darstellungen bringen dem Leser leidenschaftliche Liebe, die Exotik des Mediterranen, die Bestialität und Gnadenlosigkeit der Osmanen und die Universalität des Menschen näher. Wie in ihren Romanen üblich, enthält das mit historischen Fakten gemischte Werk immer wieder Wörter in Djudeo-Espanyol, der Sprache der sephardischen Juden, welche am Balkan meist nur noch in der Erinnerung zu finden ist.

    Felicidad – das Glück

    Die Reise nach Istanbul beginnt für den ehemaligen Inquisitor Solomon und die Jüdin Blanca am 31. Juli 1492 – dem neunten Aw nach dem jüdischen Kalender. An diesem Tag läuft nach dem Alhambra-Edikt das Ultimatum gegen alle spanischen Juden ab, die sich keiner Zwangstaufe unterwerfen. Im Hafen von Barcelona besteigen sie das Schiff „Felicidad“, wo auch ihre Tochter Luna bei Vollmond gezeugt wird. „Sie war eine glückliche Mischung ihrer Eltern. Ihre Eigenschaften reichten von der stillen Versöhnlichkeit und Sanftmut ihrer Mutter bis zur Unternehmungslust, der Neigung zum Risiko und zu Veränderungen, die ihren Vater auszeichneten.“

    Mit siebzehn Jahren heiratet Luna ihren Kindheitsfreund Leon Levi: „Entgegen allen Regeln wollte sie nur denjenigen zum Mann nehmen, der bereit wäre, im Haus der Sáloms zu leben. Das war eigentlich ihre einzige Bedingung.“ Ausgerechnet an Lunas Hochzeitstag im Jahr 1509 zerstört ein Erdbeben Teile von Istanbul, aber alle, die sich im Hause von Lunas Eltern, den Sáloms, aufhalten, überleben.

    Die Ehe bleibt kinderlos: „Das auf dem Geist gründende Verhältnis der beiden vernachlässigte den Körper.“ Aber dann passiert etwas, das Lunas Leben verändert. Sie begegnet im Haus ihrer Eltern einem osmanischen Heerführer serbischen Ursprungs: „Als sie ihren Blick zum Sternenhimmel hob, sah sie im Halbdunkel der Diele Orlu Pascha, dessen Figur die ganze Türöffnung ausfüllte. Lunas Körper durchströmte ein leichtes Zittern.“ Die Annäherung zwischen Luna Levi und Pascha beginnt mit einem „ungewöhnlichen Briefwechsel, der immer verzweigter, immer umfangreicher wurde.“ Luna lernt Serbisch, die Muttersprache von Marko Orlovic, wie Orlu Pascha ursprünglich hieß, und findet diese Sprache „saftig, reich, warm, aber hart“. Er lernt Hebräisch.

    Mit Hilfe ihres Vaters beginnen Luna und Marko in Ragusa (heute Dubrovnik) ein neues Leben. Hier kommen ihre Tochter Laura und danach ihre Söhne zur Welt: „Alle ihre Kinder erzogen sie im Zeichen der Versöhnung dreier Religionen… Verständnis und Harmonie anstelle von Unkenntnis und Zwietracht siedelten für immer in den Herzen der jungen Orlovics.“

     

    Gordana Kuic
    Die Legende der Luna Levi
    Hollitzer Verlag, Wien 2016
    416 Seiten, EUR 24,90

    Ida Salamon

    Ida Salamon

    Die NU-Chefin vom Dienst ist in Belgrad geboren, wo sie Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie studierte. Sie ist im Jüdischen Museum Wien in den Bereichen Sponsoring und Veranstaltungsmanagement tätig.
    Ida Salamon

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