Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
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  • ausgabe:  Erwin Steinhauer | Nr. 67 (01/2017) – Adar/Nissan 5777
  • Was sind Alt- Oberösterreicher? Was ist Erinnern?

    Über ein Jahrzehnt hindurch traf sich der nun aus dem Amt scheidende Landeshauptmann Oberösterreichs, Josef Pühringer, im Rahmen seiner Friedenslichtreisen nach Israel auch mit „Alt-Oberösterreichern“ – Holocaust-Überlebende mit Wurzeln in seinem Bundesland. Dieser Kommentar erzählt von einem solchen Treffen, beschreibt die unmittelbare Reaktion des Autors und reflektiert über den Abgrund der Ungewissheit, der sich vor jedem auftun muss, der lange genug über der Frage der Erinnerung brütet.
    VON FERDINAND ALTENBURG (TEXT)
    UND FABIAN AWWAD (FOTOS)

    Im November vergangenen Jahres bot sich mir die Möglichkeit, an der – wie sich herausstellen sollte – letzten dieser Veranstaltungen teilzunehmen. So fand ich mich also im Seminarraum eines Strandhotels in Tel Aviv wieder und beäugte, wie sich auf dem gemusterten Teppichboden langsam die Teilnehmer sammelten. Diese setzten sich neben der Delegation Pühringers samt Schulchor zum Großteil aus den Alt-Oberösterreichern selbst und deren Familien zusammen. Nachdem seitenweise einleitende Worte in den unterschiedlichsten Sprachen und Mundarten zum Besten gegeben wurden, begann der Hauptakt sowohl des Abends als auch des Gedenkens. Dieser bestand aus der Verlesung der Biografien aller anwesenden Alt-Oberösterreichern durch Landeshauptmann Pühringer. Der Chor in Dirndln und Lederhosen besang anschließend die Heimatliebe; dann wurde gegessen. Ein kurzer Ausschnitt aus Bischofstraße 7, einer filmischen Auseinandersetzung des kürzlich verstorbenen Regisseurs Michal Shagrir mit dem Linz seiner Kindheit, wurde noch gezeigt, bevor die vielen anfänglichen Grußfloskeln schließlich ihre verabschiedenden Gegenstücke fanden.

    Die Reaktion

    Das erste Gefühl, dass sich mir noch während der Veranstaltung aufdrängte, war wohl Wut. Zornig war ich nicht nur wegen der zahlreichen Schönheitsfehler, sprich der pflichtbewussten Lieblosigkeit, mit der diese auf Kurztexte komprimierten Schicksale vorgetragen wurden, nicht wegen der zahllosen, sich wiederholenden Versprecher, auch nicht nur der unpersönlichen Behandlung der Gäste wegen. Zwar hätte all das bei Weitem genügt, um es ins NU zu schaffen, doch stieß ich mich grundsätzlich an der gesamten Konzeption. Nicht jede Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat auszusehen wie das Theaterstück Die letzten Zeugen. Diese Menschen sind mehr als ihr Leidensweg. Ja, er hat sie geformt, er prägt die Beziehung zwischen ihnen und ihrer Heimat, die vielen nur noch der Geburtsort ist, und ohne ihn stünden ihre Namen nur bei goldenen Hochzeiten im Lokalblatt; doch gibt es Foren, auf denen dieser Leidensweg behandelt, Interessierten nahegebracht werden kann und muss. Hat man jedoch als Landeshauptmann den durchaus noblen Einfall, sich der einst aus dem eigenen Bundesland Vertriebenen anzunehmen, dann muss dies aus einem inneren Bedürfnis heraus geschehen. Liest man allerdings diesen Menschen bei einem Abend für und nicht über sie lediglich vor, wie sie die Schoa überlebten und nach Palästina flohen, um ihnen anschließend eine Schachtel Pralinen zu überreichen und in die Kamera zu grinsen, zeigt das, wie unsicher der Umgang in Österreich mit dem Holocaust noch immer ist und wahrscheinlich bleiben wird.

    Die Reflexion

    Wäre nun der vorliegende Text unmittelbar nach jenen schwer erträglichen Stunden geschrieben worden, er klänge über die gesamte Doppelseite hinweg wie der obige Absatz. Mit noch frischer Rage ließe sich leicht ein polemisch- kohärenter Verriss Pühringers schreiben, voll mit mehr oder weniger subtilen Vorwürfen, zynischen Vergleichen und einer überschaubaren Liste an Kritikpunkten und den offensichtlichen alternativen Herangehensweisen. Doch die Idee verkroch sich im Papierstapel, während der Zorn das tat, was starke, unmittelbare Gefühle oft tun – er verflog. So kann es einem passieren, dass man zu denken anfängt.

    – Wie geht es weiter?
    – Irgendwie bestimmt.
    – Du verstehst mich nicht. Ich meine, mit dem Erinnern. Ich meine, wie geht es weiter mit der Erinnerung an den Holocaust, die Schoa, dieser vielfach beschriebenen, zunehmend historisierten, dennoch Unzählige überfordernden Tragödie?

    Die Resultate

    Es überrascht wenig, dass meine naiven Bemühungen, eine Vision für ein Gedenken der Zukunft zu schaffen, kaum Früchte trugen. Die Frage nach der Bedeutung, die der Holocaust in der Postmoderne haben soll, wie man mit ihm umzugehen hat, ist so leicht nicht zu beantworten. Zu zersplittert ist sie in kleinere Fragen, deren mögliche Antworten alle harmonieren müssen. Wie lässt es sich verhindern, dass Gedenken zu farb- und emotionsloser Tradition wird? Erzielt mediale Überrepräsentation nicht genau das? Wie behandelt man andere Völkermorde, beispielsweise den an den Herero und Nama, im Angesicht der Schoa? Lässt sich der Holocaust vom Nationalnarrativ Israels trennen? Muss er das? Wie geht man mit Instrumentalisierung und Respektlosigkeit um, und wie werden diese Begriffe eigentlich definiert?

    Die eigene Einsicht

    Im Grunde befindet sich die Menschheit seit ihrem neolithischen Sprung in jenes Hamsterrad, das sie zu dem machte, was sie heute ist, immer noch in ihrer Adoleszenz. Sie spielt mit diesem und jenem, ohne sich selbst als Einheit geistig erfasst und verstanden zu haben. Vieles, vor allem aber diese unbegreiflichen Ereignisse wie der Holocaust, rufen uns diese Ahnungslosigkeit in Bezug auf uns selbst in Erinnerung. Ohne die großen Erkenntnisse bleibt uns als adäquater Rahmen nur der des Individuums. Sobald man in die Baracken von Auschwitz und auf die Schreibtische der Nazis blickt, sieht man auch in die eigene Seele, erkennt die eigene innere Dissonanz, das kleine, unverständliche, individuelle Chaos. Wertvolle Erinnerung passiert nicht im Kollektiv, denn da sind andere Kräfte am Werk. Gedenken, das Auswirkungen auf die Gegenwart hat, geschieht in Momenten der Einsicht des Einzelnen, und die Gemeinschaft kann nur versuchen, solche zu ermöglichen. Sich gemeinsam auf Knopfdruck an vergangenes Leid zu erinnern, in der Hoffnung, damit zukünftiges zu verhindern, ist sinnlos. Langfristig, mit zunehmender zeitlicher Entfernung, gilt es wohl, den Holocaust primär als fundamental menschliche Thematik zu betrachten, um uns durch ihn besser zu verstehen.

    Ferdinand Altenburg

    Ferdinand Altenburg

    ist Zivildiener und schreibt für NU.
    Ferdinand Altenburg

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