Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
  • SCHLAGWöRTer: 
  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • “Mir iz di yidishe shprach zeyer ayngenem”

    Natan Grossmann (90) trifft sich regelmäßig mit Henry Rotmensch (92). Er braucht jemandem zum Jiddisch „redn“, „und da ist sonst kaum noch einer“, sagt er.
    AUFGEZEICHNET VON KATRIN DIEHL

     

    Natan und Henry sind Überlebende der Schoa. Beide kommen aus Polen. Um etwas über ihr spezielles Verhältnis zur jiddischen Sprache zu erfahren, hat sich Evita Wiecki zu ihnen gesellt. Evita Wiecki arbeitet am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Unter anderem unterrichtet sie dort Jiddisch.

    Die drei sitzen in einer gemütlichen Stube in München, der Stadt, in der Natan und Henry seit mehreren Jahrzehnten zuhause sind. Während des Gesprächs fallen den zwei Männern immer wieder jiddische Lieder ein. Sie singen laut, den Blick fest in die Augen ihres Gegenübers gerichtet. Lauschen wir ihrem Gespräch zwischen den Gesangseinlagen. Es findet selbstverständlich auf Jiddisch statt.

    Evita: Sholem-aleykhem.

    Natan und Henry: Aleykhem-sholem.

    Evita: Mir veln yitst redn yidish. Yo? Mir hobn gemeynt, az efsher volt es geven interesant far alemen eynmol tsu hern vi azoy di tsvey bokherim do shteln zikh for oyf yidish. Zayt azoy gut, zogt, vi heyst ir, fun vanen kumt ir un epes efsher vegn der mishpokhe…, a por zatsn oyf yidish, az mir veysn ver ir zent.

    Henry: Ikh heys Henry. Ikh bin geboyrn gevoren in Bendin (Bedzin). Ikh bin aynigermasn tsufridn. Ikh leb.

    Evita: A sheynem dank, Henry. Yitst lo-mir hern, vos Natan zogt, vi shtelt er zikh for oyf yidish.

    Natan: Koydem kol vil ikh zogn, az mitn khurbn, vos iz geven, di yidishe shprakh iz praktish khorev gevoren. Zi iz khorev gevoren mit den mentshn vos zenen geshtorbn. Di shprakh fun di mentshn vos zenen yidn iz haynt nisht mer yidish. Undzer shprakh iz haynt ivrit. Ober mit Hillel – der nomen Henry hot mitn yidishn gornisht tsu ton – mitn Hillel red ikh yidish. Az ir makht dem intervyu iz zeyer vikhtik makhmes men zol di yidishe shprakh shporn far di kumedikayt.

    Mir hobn gehat in Minkhn a klub, lang tsurik, vos dortn hot men gevolt, men zol redn yidish. Der klub hot lang nisht gelebt… Yo. Ikh bin geboyrn gevorn in Zgyezh (Zgierz) in a shtetl a kleyns noent tsu Lodzh (Lodz). Der tate mayner iz geven a shuster. Men hot geredt yidish, yidish un poylish, vos men hot gelernt in der shkole … un rusish. Mayn shtetl hot gehert bis 1918 tsu Rusland… Azoy, men hot geredt rusish. Mayne tate-mame, az zey hobn gevolt az mir zoln nit farshteyn, zey hobn geredt rusish. Azoy hot men gelernt ru sish oykhet. Yo. Un di kinder vos zenen gegangen in kheyder mit fir yor…, zey hobn gelernt oykh loshn-koydesh…

    Evita: Ken ikh amol epes fregn?

    Natan: Yo, zikher kenstu fregn. Freg!

    Evita: Henry, ir zent oych gegangen in kheyder, yo?

    Henry: Zikher.

    Evita: Ir kent nokh an alef-beys lid?

    Henry: A lid? A lid? Mit fir yor hob ikh gelernt dem alef-beys. Di toyre shpeter. Mit fir yor kenstu nit lernen keyn toyre. Ikh gedenk nokh az tate-mame hobn mikh gebrengt in kheyder. Yedn nokhmitog bin ikh geven in kheyder. In der fri bin ikh geven in der shul. Der rebe in kheyder hot gegebn amol a klap mitn shtekn. Amol un nokh amol. Men hot alts dertrogn. Es iz geven a lben vi men zikh haynt vintsht. A lebn a frays. Haynt iz dos lebn a bisl ayngekeselt. Fundestvegn men lebt.

    Evita: Yidish … daytsh. Iz dos a groyser untersheyd far aykh? Natan: Ikh vil dertseyln a vits vos zogt epes vegn der yidisher shprakh. In der milkhome hobn di yidn gemeynt, az zey kenen redn daytsh. Amol fregt a SS-Mann: „Wer kann Deutsch?“ Zogt der yid: „Ikh“. – „Zog a zats!“, bafelt der SS-Mann. „Di levone shaynt in ponim“ (der Mond scheint ins Gesicht), entfert der yid. Vos hot dos tsu ton mit daytsh vil ikh visn? Hillel un ikh, mir taynen vegn der yidisher shprakh. Er zogt, yidish iz di shprakh fun di yidn, ikh zog, yidish iz geven di shprakh fun di yidn, yidish iz geven di shprakh fun goles.

    Henry: Vos iz volvl af daytsh?

    Evita: Billig.

    Henry: Zi veys es! Mir iz dos vort mit a mol gekumen in mayn kop. Mayn mameshprakh blaybt yidish!

    Natan: Un vos iz a bal-melokhe af daytsh?

    Evita: Ein Handwerker.

    Natan: Yo. Ivrit iz oykhet zeyer vikhtik far der yidisher shprakh. Yidn zenen geven bal-melokhes. Yidn zenen geven shuster, yidn zenen geven shnayder, yidn zenen geven shmidn. Ikh bin geven a shmid. Yo.

    Henry: A kovol.

    Evita: Zogt mir, in voser shprakh kholemt ir? Kholemt ir amol oyf yidish?

    Henry: Ikh veys nit. Ikh hob fargesn.

    Natan: Baynakht in geto hob ikh gekholemt fun gefilte fish. Baynakht hob ikh mikh zat gegesn. Der ergster toyt iz der hunger. Kholemen iz oykhet a vort vos iz loshn-koydesh-shtamik. Az ikh bin gekumen inem kibbuz hot men gezogt az men muz redn ivrit: „Red ivrit, vestu zayn gezunt!“

    Henry: Denstmol hobn ale geredt yidish in Yisroyl.

    Evita: Sof-kol-sof, vos meynt dos far aykh tsu redn yidish?

    Natan: Ikh vil nit fargesn di shprakh. Mit Hillel ken ikh nisht redn ivrit, red ikh mit im yidish.

    Henry: Mir iz di yidishe shprach zeyer ayngenem.

    Evita: Dos iz geven a sheyner sof. A sheynem dank.

    Henry: Im KZ hob ikh geshribn lider oyf yidish far mayn mame. Ikh ken zey nit fargesn.

     

    Loshn-koydesh-shtamike verter – Wörter aus dem Text, die aus dem Hebräischen stammen:

    bokherim – „Burschen“
    efsher – vielleicht
    kheyder – jüdische Elementarschule für die Jüngsten
    kholemen – träumen
    khorev – zerstört
    khurbn – Schoa
    koydem kol – vor allem
    makhmes – weil
    milkhome – Krieg
    sof-kol-sof – letztendlich

    Das Jiddische wird mit hebräischen Schriftzeichen notiert. Es wird – wie das Hebräische auch – von rechts nach links geschrieben. Für die Lesbarkeit des Interviews wurde die sogenannte YIVO-Umschrift verwendet (YIVO steht für Yidisher visnshaftlekher institut). Das Jiddisch von Natan und Henry weist an einigen Stellen deutliche Spuren der sie umgebenden deutschen Sprache auf.

    Katrin Diehl

    Katrin Diehl

    ist nach ein paar Semestern an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg nach München an die Deutsche Journalistenschule gewechselt. Seitdem lebt sie dort und ist als freie Journalistin tätig
    Katrin Diehl

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