Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Jüdisches Leben
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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Gefilte Flak – Es gezunderheyt!

    Ein Brite serviert Koscheres auf dem Nazibunker im Esterházypark. Nicht Hummus und Weinblätter, sondern alte osteuropäisch inspirierte Kost, wie sie in Wien vor hundert Jahren gegessen worden ist.
    VON EVA KONZETT

    © CC-BY-SA-3.0/DALIBRI

     

    „Tante – ins Grab kannst du das Rezept ja doch nicht mitnehmen. Willst du es uns nicht hinterlassen? Willst du uns nicht endlich sagen, wieso deine Krautfleckerln immer so gut waren?“ Die Tante Jolesch richtete sich mit letzter Kraft ein wenig auf: „Weil ich nie genug gemacht hab …“ (Friedrich Torberg, Die Tante Jolesch)

    Grau. Kalt. Heftig. Der Anblick einer der sechs Wiener Flaktürme, dieser rücksichtslos in die urbanen Landschaften platzierten Betonungetüme mitten in der Stadt, ruft für gewöhnlich düstere Bilder hervor. An Essen jedenfalls denkt kaum jemand, wenn ein solches Kriegsrelikt ins Sichtfeld gerät. Noch nicht. „Ja, es sind machohafte, maskuline ‚f… you‘-Gebäude“, sagt Eugene Quinn über die von den Nationalsozialisten immer als Zwillinge erbauten, im Dreieck um das Stadtzentrum angeordneten Türme. Aber Quinn lächelt. Ihm kommen die monströsen Hochbunker gerade recht, um von etwas zu erzählen, das im Gegensatz zu ihnen den Zweiten Weltkrieg nicht überdauert hat. Auf dem Flakturm im Esterházypark im sechsten Bezirk will er Speisen servieren, wie sie die Wiener Juden einst gegessen haben. Koschere aschkenasische Küche: gefilte Fisch, goldene Joich, Tscholent und so was. Jüdische Küche auf dem Nazibunker. Ein Flakturm als emotionaler Resonanzkörper.

    Stichwort Diversität

    Eugen Quinn ist in der Stadt längst kein Unbekannter mehr. Der Brite hat sich als Touristenführer vor allem mit seinen Spaziergängen ins „Ugly Vienna“, in die hässlichen Ecken der Tortenstadt, einen Namen gemacht. Er hat den Verein „Space and Place“ mitbegründet, der unbekannte Seiten der Stadt jenseits der pickigen Touristenblase in 1010 zugänglich machen will.

    Nun also das vergessene Leben, der unterbrochene und nie wieder aufgenommene Alltag der Wiener Juden, wie sie ihn in der Stadt bis 1938 gemeistert haben. „Ich möchte aufzeigen, was verloren gegangen ist“, sagt Quinn. Er sitzt in roten Shorts und buntem Shirt im Garten des Volkskundemuseums und hat sich eine Melange bestellt. Es ist ein sonniger Sommertag, die Lokalwahl terminlichen Gründen geschuldet. Denn die Kulisse, das ehemalige Schönbornpalais mit von der Wand blätterndem, eleganten Schönbrunngelb entspricht den Vorstellungen eines Katalogtouristen, entspricht dem postkartengerechten Ausschnitt, den Wien gern von sich selbst präsentiert. Und den Quinn eigentlich hinter sich lassen möchte. Ihm geht es bei seinen Projekten vor allem darum, die Diversität in der Stadt zu zeigen. Sei es bei den „Kaffeehauskonversationen“, wo alt auf jung, rechts auf links, schwul auf hetero und Inländer auf Ausländer treffen. Sei es bei seiner aktuellen Stadtführung über den russischen Einfluss in Wien, sei es nun bei „Gefilte Flak“, wie Quinn das Flakturmprojekt nennen will. Alles, was nicht in den Schnitzel-Sissi-Rahmen passt, ist für den Briten spannend, der der Liebe wegen von London nach Wien gekommen ist und sich als Migrant versteht.

    Stichwort Diversität: Außerhalb Österreichs beispielsweise wisse kaum jemand, dass es in Wien eine lebendige, wenn auch kleine jüdische Community gebe, sagt Quinn und rückt sich die behelfsmäßig reparierte Brille zurecht. Er selbst lebt am Karmelitermarkt, ihm sind die Juden in der Stadt vertraut. Doch Menschen in New York, Paris und London – zumindest, wenn sie keine Juden sind – würden zwar das intellektuelle Erbe des jüdischen Wien kennen, aber nicht um dessen Ursprung wissen. „So viele Ideen, die nicht mehr mit Wien assoziiert werden, wurden in der Stadt geboren. Schauen Sie sich die Sozialwissenschaften an“, sagt er. „Diese Geschichten will ich erzählen.“ Der Erzählung soll das kulinarische Erlebnis zur Seite stehen, die Speisen als Lockbote und Transportmittel dienen. Essen bringe die Leute immer zusammen, und es mache die Sache weniger melancholisch, meint er. Und: Spaziergänge zum jüdischen Leben gebe es in der Stadt schon genug.

    Es fühle sich gut an im Bauch

    Ein relativ einfaches Mittagessen, nichts Überkandideltes plant Quinn seinem Publikum zu servieren. Als Veranstaltungsort im Flakturm neben dem Apollokino bietet sich das Café des Haus des Meeres an, ganz oben auf der Plattform. Da das Café keine Küche – und schon gar keine koschere – hat, wird die Zubereitung des Mahles das Restaurant Alef-Alef übernehmen und dann von der Innenstadt in den sechsten Bezirk liefern. Es soll etwas auf den Tisch kommen, das realistischerweise auch vor hundert Jahren in der Stadt auf dem Tisch gelandet wäre. „Die koschere Küche damals bestand aus einfachem Essen. Es hatte eine braune Farbe, es war nicht sexy. Es war nicht wie voller Sonne und Feuer wie die sefardische Küche“, meint Quinn. Aber es fühle sich gut an im Bauch. Heute noch. Man denke nur an Kigl, Kreplach und Knisches. Wohlig warm. Sättigend. Für die jüdische Expertise hat Quinn Rabbi Paul Chaim Eisenberg um Hilfe gefragt. Deshalb wird der Lunch wohl auch an einem Sonntag stattfinden, weil der Rabbi am Schabbat nicht zu Fuß vom Gottesdienst in den sechsten Bezirk kommen kann.

    Quinn selbst hat als junger Mann einige Monate in den Kibbuzim Glil Yam und Revivim verbracht und dort in der Küche gearbeitet und gekocht. Kantinenessen und nicht besonders romantisch sei das gewesen, meint er rückblickend. In Israel aber habe er gesehen, dass nicht einmal mehr dort die Küche der Ostjuden häufig anzutreffen sei, weil sich auch die europäischen Einwanderer mittlerweile der lokalen Mittelmeerküche angepasst hätten. In Wien indessen haben die zugewanderten Juden ihre eigenen Rezepte mitgebracht. Koscher essen in der Stadt sei also nicht das Problem, die entsprechende Infrastruktur vorhanden. Aber das Essen aus dem Schtetl? „Damit allein würde kein Restaurant überleben“, sagt Quinn. So soll sein Flakturmlunch gleichermaßen Wienern wie Touristen die Möglichkeit geben, kulinarisch, über die Geschmacksnerven, in die Vergangenheit zu reisen.

    „Eine Schnittstelle der Kulturen“

    Die Flaktürme spielen dabei eine größere Rolle, als nur reine Kulisse zu sein. „Ohne die Bunker funktioniert es nicht. Sie sind essenziell. Ohne sie stirbt das Projekt“, erklärt Quinn. Es sei schließlich damals für Wien eine große Ehre gewesen, neben Hamburg und Berlin mit Flaktürmen ausgestattet zu werden. Das habe Wien in der Landkarte der Nazis hervorgehoben. „Sie sind monumentale Nazi-PR-Architektur.“ Quinn schmunzelt. Die einstige Auszeichnung will er für seine Zwecke nutzen. „Ich bringe koscheres Essen auf einen Nazi-Turm. Es ist wie bei Inglourious Basterds von Quentin Tarantino. Er hat in seinem Film die Geschichte umgeschrieben. So ähnlich machen wir es auch. Natürlich ist es nie passiert. Aber es ist ein großer Spaß, dem zuzuschauen.“

    Eigentlich hätte Quinn das erste Essen zu Rosch Haschana veranstalten wollen. Das jüdische Neujahrsfest ist aber zu schnell nähergerückt. Nun hofft er auf einen Termin im Jänner. „Diese Stadt war immer ein Knotenpunkt, eine Schnittstelle der Kulturen, außer unter den Nazis und zur Zeit des Eisernen Vorhangs. Wir wollen die Idee feiern, dass wir im Herzen Europas sind“, sagt er am Schluss des Gesprächs. Und daran erinnern, woraus dieses Herz einmal zusammengesetzt war. Und ist.

    Eva Konzett

    Eva Konzett

    Journalistin mit Hang zu Osteuropa, Redakteurin beim Wirtschaftsblatt, twittert für das NU.
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