Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

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  • ausgabe:  Gal Gadot | Nr. 69 (03/2017) - Elul 5777/Tischri 5778
  • Feminismus für die Massen

    Die Zeiten, in denen Prinzessinnen Kleider und Feministinnen Hosen getragen haben, sind vorbei. Wonder Woman ist zurück und beweist, es geht auch unten ohne.
    VON ELISA HEINRICH UND AGNES MEISINGER

    © JORDAN STRAUSS/AP/PICTUREDESK.COM
    © MARTIN BERNETTI/AFP/PICTUREDESK.COM

    In der Neuverfilmung des Comics, das von dem US-amerikanischen Psychologen- Ehepaar William Moulton und Elizabeth Holloway Marston Anfang der 1940er-Jahre kreiert wurde, erweckt die israelische Schauspielerin Gal Gadot die Heldin zum Leben. Die Bildgeschichte über die erste Superheldin wurde einst vom New Yorker Comicverlag DC Comics, der auch Superman und Batman im Programm hatte, gekauft und veröffentlicht. Im Laufe der Jahrzehnte erfuhr Wonder Woman verschiedenste Deutungen: Von der heldenhaften Nazi-Jägerin der 1940er über das Sexsymbol in der Fernsehserie der 1970er bis hin zu einer postfeministischen Ikone der Popkultur. Jeder Generation also ihre Wonder Woman. Auch in der aktuellen Verfilmung entspricht die leicht, aber funktionell bekleidete Comicfigur dem Zeitgeist und verkörpert in Gestalt von Gal Gadot eine Frau, die Stärke, Fitness und Handlungsfähigkeit besitzt, zugleich aber vor allem als makellos schön und sexy inszeniert wird.

    Kurz zur Synopsis des Films, ohne zu viel vorwegzunehmen: Das Mädchen Diana – mutig, kampflustig, ungestüm – wächst unter Amazonen als Prinzessin auf einer einsamen Insel auf. Sie ahnt, dass sie für Höheres bestimmt ist und gegen Kriegsgott Ares in den Kampf ziehen wird. Als eines Tages ein Mann an den Strand gespült wird, der aus der Welt des frühen 20. Jahrhunderts kommt, beginnt Dianas Mission. Gemeinsam machen sich der US-amerikanische Spion und die Amazone auf die Reise in eine Parallelwelt, in der der Erste Weltkrieg tobt. Die mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Amazonenprinzessin muss nun die gottgegebene Aufgabe erfüllen, Ares zu besiegen und die Welt zu befrieden. Doch nicht nur in dieser Hinsicht bildet das Erscheinen des Piloten Steve eine Zäsur im Film. War Diana bis dahin in einem homosozialen Raum vor allem als autonome, selbstbestimmte Frau unter anderen solchen sichtbar, wird sie durch den Auftritt des Mannes, den sie ungläubig mit dem Satz „You are a man …“ begrüßt, als heterosexuelle Frau adressierbar, die sich – wie sollte es anders sein – in ihn verlieben wird.

    Feminismus ist wieder in!

    Gal Gadot ist wie kaum eine Zweite in Hollywood prädestiniert für die Rolle der Amazonenprinzessin Diana: Die 2004 zur Miss Israel Gekürte entspricht dem derzeit propagierten Schönheitsideal, das mit dem Credo „fit is better than skinny“ einen neuen Hype um Sport und Ernährung ausgelöst hat. Dabei verdankt sie ihren athletischen Körper, aber auch ihre Nahkampf-Kenntnisse einer militärischen Ausbildung – sie verbrachte zwei Jahre bei den israelischen Streitkräften. In Interviews bezeichnete die 32-Jährige ihre Zeit in der Armee als „Schule des Lebens“ und „gute Vorbereitung auf das Showgeschäft“.

    Gadots politische Haltung und ihr Bekenntnis zu den israelischen Streitkräften, die sie immer wieder über soziale Netzwerke kommuniziert, führten sogar dazu, dass die Veröffentlichung des Streifens im Libanon untersagt wurde. In den USA hingegen legte Wonder Woman den besten Kinostart eines von einer Frau (Patty Jenkins) inszenierten Films aller Zeiten hin. Auch hierzulande ist der Blockbuster gut besucht.

    Der Hype um die „Wunderfrau“ in den USA ist vor allem auch einer noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbaren Entwicklung geschuldet: Feminismus ist (vor allem bei jungen Frauen) wieder in. Popstars wie Beyoncé oder Miley Cyrus positionieren sich als Feministinnen, und Modelabels werben mit Sprüchen wie „We should all be feminists“. Die an sich begrüßenswerte Überführung feministischer Codes und Parolen in populärkulturelle Kontexte hat aber auch mehrere Schattenseiten: So brechen die genannten Stars zwar in manchen Songtexten mit Vorstellungen von immer verfügbaren Frauen(körpern), doch bleiben die Formen ihrer Selbstrepräsentation weit dahinter zurück. Ein Phänomen der letzten Dekade ist jedenfalls, dass Frauen im Popbusiness bei öffentlichen Auftritten oder in Musikvideos oft nicht mehr als eine Unterhose tragen. Was als emanzipierte Beinfreiheit verkauft wird, ist aber kaum mehr als die fortwährende Zurschaustellung nackter Haut. Eine zweite Schattenseite ist eine mit der Popularisierung einhergehende Kommerzialisierung feministischer Inhalte: Mode- und Musikindustrie haben den Feminismus zu einem Produkt gemacht und generieren damit Gewinne – politische Botschaften sind dabei nicht mehr als Sprüche auf einem T-Shirt. Die Neuverfilmung von Wonder Woman samt Vermarktung der Figur bildet einen weiteren Höhepunkt dieser Entwicklung. Der Spielzeughersteller Mattel brachte kürzlich eine Wonder-Woman- Barbie explizit „für den erwachsenen Sammler“ heraus, die – anders als der Prototyp – als „geborene Kämpferin“ sogar alle Gliedmaßen bewegen kann.

    Wonder Woman wandelt im Film auf einem schmalen Grat zwischen Heroine und Pin-Up-Girl. So wird sie authentisch als Kämpferin dargestellt, sie ist ihrem Filmpartner Steve physisch und intellektuell überlegen und zeigt sich als eine erfrischende Abwechslung zu den Rollen, die Frauen in Actionfilmen im Normalfall zugestanden werden. Auch finden sich gelegentlich Anspielungen auf Geschlechterrollen und die damit verbundenen Zwänge: Etwa wenn sich Diana ein für das London der 1910er- Jahre passendes Outfit aussuchen soll und sich – es ist die Hochphase der Suffragetten-Bewegung in Großbritannien – fragt, wie Frauen in derart engen Kleidern kämpfen sollen.

    Zugleich ist die aktuelle Darstellung der Wonder Woman symptomatisch für ein Rollenbild, das Frauen nur dann Handlungsmacht zugesteht, wenn sie harte Arbeit und viel Zeit in Körperund Selbstoptimierung investieren. Nicht auszudenken, die Figur hätte Falten oder Speckröllchen.

    Ein Jahr vor dem Kinostart wurde die fiktive Comic-Heldin 2016 – nicht kritiklos – zur Ehrenbotschafterin für Frauenrechte der Vereinten Nationen ernannt. Gal Gadot meinte am Rande der Zeremonie zeitgemäß: „I think all of us should be feminists.“

    Elisa Heinrich Agnes Meisinger

    Elisa Heinrich Agnes Meisinger

    sind Historikerinnen am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.
    Elisa Heinrich Agnes Meisinger

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