Jüdisches Magazin für Politik und Kultur

rubriken: Nahost
  • SCHLAGWöRTer: ,
  • ausgabe:  Sebastian Kurz | Nr. 57 (3/2014) - Elul 5774 / Tischri 5775
  • Einen Vulkanausbruch verstehen, Ebola bekämpfen

    Bericht und Analyse zur jüngsten Eskalation des Nahostkonflikts.
    VON JOHANNES GERLOFF, JERUSALEM

    Die Entführung der drei israelischen Teenager Gilad Scha’er, Ejal Jifrach und Naftali Fränkel am späten Abend des 12. Juni 2014 an der Kreuzung des Siedlungsblocks Gusch Etzion, wenige Kilometer südlich von Jerusalem, war der Anfang vom Ende des Traums von ruhigen israelischen Sommerferien.

    Die israelische Gesellschaft war im Schock. Kein Terroranschlag, kein Krieg sitzt in Israel so tief, wie die Entführung von Juden, die damit verbundene Ungewissheit und die nagende Frage, ob ihr Leben noch zu retten sei. In der palästinensischen Öffentlichkeit gelang es kaum jemandem, die Bewunderung für die Entführer zu verbergen. Die Fatah veröffentlichte auf ihrer offiziellen Facebook-Seite eine Karikatur: drei Mäuse mit Davidstern an einer Angel. Auf Gazas Straßen jubelte die Bevölkerung, man verteilte Süßigkeiten. Mittlerweile hat die Hamas-Führung offiziell die Verantwortung für die Tat übernommen.

    Am 30. Juni wurden die Leichen der drei jüdischen Teenager nach einer wochenlangen Razzia, während der hunderte von Hamas-Führern und -Aktivisten verhaftet wurden, unweit von Hebron gefunden. Was dem israelischen Geheimdienst schon bald nach Auffinden des ausgebrannten Entführungsautos im Städtchen Dura klar gewesen sein muss, wurde nun auch der Öffentlichkeit bekannt: Scha’er, Jifrach und Fränkel waren unmittelbar nach ihrer Entführung erschossen worden.

    Am 1. Juli wurde dann der arabische Teenager Muhammad Abu Chdeir im Jerusalemer Stadtteil Beit Chanina entführt, kurz darauf seine verbrannte Leiche im Wald von Jerusalem entdeckt. Gerichtsmediziner stellten fest, dass Abu Chdeir offensichtlich noch am Leben gewesen war, als er angezündet wurde. Wenige Tage später verhaftete die Polizei drei jüdische Jugendliche, die den grausamen Rachemord gestanden. Araber in der palästinensischen Autonomie und in Israel tobten. Israels jüdische Öffentlichkeit war entsetzt, vor allem über die Grausamkeit der Tat. Rabbi Eljakim Levanon, eine der führenden Gestalten der national- religiösen Siedlerbewegung, forderte die Todesstrafe für die Mörder Abu Chdeirs. Nur so lasse sich das biblische Gebot, „du sollst das Böse in deiner Mitte ausmerzen“, erfüllen. Zuvor hatte der aschkenasische Oberrabbiner Israels, Rabbi David Lau, betont, die Rache für den dreifachen Mord von Gusch Etzion bleibe allein Gott vorbehalten.

    Leid, Zerstörung, Rache, Gewalt und Tod
    Im Rückblick erwies sich die Kettenreaktion, die von diesen Ereignissen ausgelöst wurde, als Glücksfall für Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah. Die Massenverhaftung von Hamas-Angehörigen im Westjordanland im Juni in Kombination mit dem Einmarsch der israelischen Armee im Gazastreifen Mitte Juli haben nämlich zwei groß angelegte Operationen der Hamas vorzeitig offengelegt. Zum einen war ein Mega-Anschlag vorbereitet worden, bei dem hunderte von Hamas-Kämpfern durch Tunnels nach Israel hätten eindringen sollen. Eine erfolgreiche Ausführung dieses Plans hätte ein furchtbares Blutbad bedeutet. Zum anderen offenbarten die Verhöre der verhafteten Hamas-Mitglieder ein Komplott zum Sturz der Palästinensischen Autonomiebehörde.

    So aufwühlend, spannend oder auch umwälzend diese Ereignisse gewesen sein mögen, sie sind nicht die Ursache für die jüngste Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts und tragen nur begrenzt zu ihrem Verständnis bei. Auch das Aufrechnen von Totenzahlen bringt nicht weiter. Man bedenke nur, wie eine Beurteilung des Zweiten Weltkriegs aussähe, wollte man anhand der Zahlen toter Zivilisten – etwa im Vergleich zwischen den USA und Deutschland – eine Kriegsschuld feststellen. Zudem muss bedacht werden: Jeder Tote und Verletzte, sei er nun Palästinenser oder Israeli, ist ein Erfolg aus Sicht der Hamas und ein Versagen der israelischen Regierung. Die Bilder von zerbombten Gebäuden sind genauso wenig aufschlussreich, wie die Überlegungen, ob es tatsächlich die Hamas war, die bis Ende August elf Waffenstillstände einseitig gebrochen hat, oder ob der jüdische Staat nicht doch hin und wieder einen Anlass zum Bruch der Waffenruhen gegeben haben könnte. Auch Einzelschicksale, physische und psychische Traumata, Hass und Enttäuschung, Verlust und Schmerz der beteiligten Menschen helfen nur wenig weiter. Die Bilder von Verletzten und Toten, vor allem in Verbindung mit Kinderaugen, sind in aller Regel der Beweis dafür, dass eine Propagandamaschinerie funktioniert.

    Wer einen Vulkanausbruch verstehen will, muss ganze Kontinente in Augenschein nehmen, Spannungen unter der Erdoberfläche erkennen, große Zeiträume und den Aufbau des Planeten Erde als Ganzes in die Überlegungen einbeziehen. Ähnliches gilt für die jüngste israelische Militäroperation „Zuk Eitan“ – „starker Felsen“ –, deren Name von Computern ausgespuckt wurde und nichts mit logischen Überlegungen zu tun hat. Entscheidend für die Beurteilung eines solchen Kriegs dürfen nicht emotional gefärbte Zufallsformulierungen sein. Ideologie und Zielsetzung der beteiligten Parteien sind grundlegend und entwirren manch undurchsichtiges Knäuel von Leid, Zerstörung, Rache, Gewalt und Tod. Was der Staat Israel, seine Bevölkerung und Politiker mit nachweisbar überwältigender Mehrheit wollen, kann mit einem Wort auf den Punkt gebracht werden: Ruhe! – Über das „Wie“, also wie ein Ende des Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen und vielleicht sogar eine etwas freundlichere Einstellung der Palästinenser erreicht werden könnte, wird heftig diskutiert. So sehr man sich im Ziel einig ist, so viele unterschiedliche Meinungen gibt es in Israel dazu, wie es erreicht werden soll.

    Was die Hamas will, kann ebenso gut und schriftlich nachweisbar zusammengefasst werden. Die „Islamische Widerstandsbewegung“ will nicht nur ein Ende der Besatzung, die Vernichtung des zionistischen Projekts oder ein Verschwinden aller Juden aus „Palästina“. Das erklärte Ziel der Hamas ist die Vernichtung des jüdischen Volkes als jüdisches Volk weltweit.

    „Die Juden lieben das Leben – wir den Tod!“
    Die Charta der Hamas, für jedermann im Internet einsehbar, beruft sich auf die Haddithen, wenn sie sagt: „Die letzte Stunde wird nicht kommen, bis die Muslime die Juden bekämpfen und töten.“ In diesem Kampf erwartet die Hamas nicht nur die Hilfe ihrer muslimischen Brüder, sondern auch die Unterstützung der Natur: „Die Juden werden sich hinter Felsen und Bäumen verstecken. Dann werden die Felsen und Bäume sagen: ‚Oh Muslim, oh Sklave Allahs, hier versteckt sich ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn!‘“

    Für die Erlangung dieses Ziels opfert die Hamas ihre eigene Existenz und die des palästinensischen Volks. „Die Juden lieben das Leben!“, ist bei der palästinensischen Hamas unbestritten, wird im selben Atemzug aber ergänzt: „Wir lieben den Tod!“

    „Dabei ist jeder Muslim ein Mudschahid“, erklärte mir einst Bara Ghayan, Sohn des Hamas-Führers Nizar Ghayan, vor den Trümmern des zerstörten Hauses seiner Familie. „Jeder Muslim, jedes Kind und jeder Alte, jede Frau und jeder Mann haben die Pflicht zum Dschihad, zum Heiligen Krieg.“ Deshalb, so versicherte mir Ghayan, sei es völlig legitim, Männer, Frauen und Kinder als Schutzschilde für die erklärten Ziele der israelischen Luftwaffe einzusetzen. Sein Vater Nizar habe diese Taktik erfunden und vielfach erfolgreich eingesetzt. So die stolze Erklärung Ghayans am 9. Februar 2009 – nachdem die israelische Luftwaffe am 1. Januar im Falle seiner Eltern erstmals menschliche Schutzschilde nicht mehr beachtet hatte. Bei der Explosion des Familienanwesens im Dschabalia- Flüchtlingslager kamen außer Vater Nizar auch seine vier Frauen und elf seiner Kinder ums Leben.

    Ideologisch erklärt sich die Hamas selbst eins mit den geistigen Nachkommen eines Muhammad Ibn Abd Al-Wahhab, die im Moment so erfolgreich und brutal Afrika und den Nahen Osten erobern. Zu ihnen gehören die ägyptische Muslimbruderschaft, deren palästinensischer Zweig die Hamas ist, die Al-Qaida, die Al- Schabaab in Ostafrika, die Boko Haram in Nigeria, die Al-Nusra-Front in Syrien und der „Islamische Staat im Irak und Großsyrien“, der heute nur noch unter „Islamischer Staat“ (IS) firmiert.

    „Die Palästinafrage ist keine nationale Frage“, hatte mir Hamas-Scheich Nayef Radschub am 24. Januar 2006 in Dura erklärt. Vielmehr gehe es der Hamas um den weltweiten Herrschaftsanspruch des Islam – und den durchzusetzen sei Aufgabe eines jeden Muslims.

    Scheich Nayef zeigte mir diese Zusammenhänge einen Tage vor den palästinensischen Parlamentswahlen, deren Ausgang selbst Insider überraschte. Bei einer Wahlbeteiligung von mehr als 70 Prozent erreichte die Hamas eine Zweidrittelmehrheit. Angesichts der großen internationalen Aufmerksamkeit war niemand in der Lage, die Rechtmäßigkeit dieser Wahl anzuzweifeln. Das palästinensische Volk hatte unmissverständlich seinen Willen bekundet. Allen Umfrageergebnissen und Umständen zum Trotz genießt die Hamas auch aktuell eine überwältigende Popularität unter der palästinensischen Bevölkerung.

    Eine nachhaltige Analyse der Lage im Nahen Osten und wirksame Unterstützung für eine Entwicklung hin zu einer Zukunft, in der die Völker des Orients und seine Religionen friedlich nebeneinander existieren können, sind nur möglich, wenn man den Realitäten ins Auge sieht. Was Israelis oder Palästinenser „eigentlich“ wollen oder nicht wollen, hilft nicht weiter.

    Im Kampf gegen eine grausame, todbringende Krankheit wie etwa das Ebolafieber ist es wenig hilfreich, dieses als Magenverstimmung, Unwohlsein oder vorübergehendes Kopfweh zu erklären. Kräutertee und Aspirin sind bei Ebola ebenso machtlos wie gegen Islamismus. Auch ein „Reiß dich zusammen, das wird schon wieder!“ ist wirkungslos. Das einzig Sinnvolle ist in so einem Fall, mit Wikipedia zu bekennen: „Als Therapie stehen bislang lediglich Maßnahmen zur Bekämpfung oder Linderung einzelner Krankheitssymptome zur Verfügung.“ Sodann ist die Krankheit schonungslos zu erforschen – „schonungslos“ sowohl im Hinblick auf den Forscher als auch im Hinblick auf das Forschungsobjekt. Und solange kein Antivirus gefunden wurde, bleibt, um Leben zu retten, nur die Isolierung – auch wenn diese mit Gewalt durchgesetzt werden muss.

    Johannes Gerloff

    Johannes Gerloff

    hat in Tübingen, Vancouver und Prag evangelische Theologie studiert und lebt seit 1994 mit seiner Familie in Jerusalem.
    Johannes Gerloff

    Neueste Artikel von Johannes Gerloff (alle ansehen)