Kommentar von Andrea Schurian
Heutzutage mit künstlerischem Schaffen aufzufallen, ist nicht einfach. Ruhmvoll, skandalös, diskursiv, eintönig, verstörend, ekelerregend, prachtvoll, divers, konservativ, progressiv, radikal, aufbauend, abtörnend, grenzüberschreitend oder nur banal: alles schon da gewesen.
Doch vorm Sommer propagierten Kulturmanager (m/w/*) einen brandheißen Kunstmodetrend: die Ausladung. Mit dem „Canceln“ wollen sie angeblich Minderheiten und Meinungen schützen, oft aber einfach nur gravierenden Antisemitismus kaschieren. So wurde die deutsch-israelische Publizistin Mirna Funk vor etlichen Monaten als Diskutantin ein- und dann nur wenige Tage vor der Veranstaltung im Kölner Comedia-Theater mit dem Hinweis auf einen „theaterinternen Verhaltenskodex“ wieder ausgeladen.
Offensichtlich missfiel den Damen und Herren des Theaters sowie deren Meinungsfreunden ein Funk-Kommentar in der deutschen Zeitung „Die Welt“. Wobei: Die Einleitung, wonach seinerzeit die Deutschen sechs Millionen Juden ganz ohne arabische Hilfe ermordet hätten, hat ihnen vermutlich gefallen. Nicht aber, dass Funk – basierend auf dem Halbjahresbericht der deutschen Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) über die rasante Zunahme antisemitischer Übergriffe – feststellte, die größte Gefahr gehe für die jüdische Community von den in Deutschland lebenden Arabern, Türken sowie deren Sympathisanten aus.
Ja. Und? Abgesehen davon, dass der Artikel bereits im Dezember 2024 erschienen ist und folglich nicht erst Funks Aus-, sondern auch ihren Einladern hätte bekannt sein müssen: Sind proisraelisches Engagement und unbequeme Wahrheitsfindungen den Menschen wirklich nicht mehr zumutbar? Ist, frei nach Hannah Arendt, die Tatsachenwahrheit also wirklich die verletzlichste Form der Wahrheit und die organisierte Lüge deren Ersatz? Und wird künftig womöglich ebenso gecancelt, wer auch rechtsextreme, nationalsozialistisch angebräunte Judenfeindlichkeit zur Gefahr erklärt?
Mirna Funk wurde übrigens 2023 mit dem Arik-Brauer-Publizistikpreis ausgezeichnet. Brauer (1929–2021), dieser großartige Wiener Maler, Dichter, Sänger, Baukünstler, Friedensaktivist und überzeugte Menschenfreund, wäre über Funks Kommentar vermutlich hocherfreut gewesen. Denn auch er warnte vor importiertem Antisemitismus und hielt den Judenhass arabisch-muslimischer Zuwanderer für weitaus gefährlicher als rechtsextremen Antisemitismus. Seine Red’: Nazis sterben aus, Muslime werden mehr.
Antisemitisch gestaltete sich auch Bayreuths Ein- und Ausladungspolitik rund um die 150-Jahr-Feierlichkeiten der Richard-Wagner-Opernfestspiele auf dem Grünen Hügel. Zunächst wurde der jüdische Talkmaster, Autor, Jurist und Philosoph Michel Friedman eingeladen, um bei einer Festveranstaltung über Wagners wüsten Antisemitismus, über nationalsozialistische Verstrickungen seiner Nachkommen sowie Adolf Hitlers Bayreuth-Begeisterung zu sprechen. Doch dann wurde er – angeblich aus Gründen der Sicherheit, mutmaßlich aber aus antisemitischen Motiven – wieder ausgeladen. Vielleicht auch, weil die mediale Kritik nicht verstummen wollte, hat Wagners Urenkelin Friedman wieder rückgeladen und sich bei ihm in aller Form und Öffentlichkeit für die „Fehlentscheidungen“ entschuldigt. Immerhin.
