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Home Porträt

„Ich bin begeistert über die positive Energie der Menschen in Jerusalem“

Michael Reinprecht von Michael Reinprecht
3. November 2026
in Porträt

Der oberösterreichische Theologe Franz Xaver Brandmayr übernimmt die Leitung des österreichischen Hospiz in Jerusalem. ©Österreichisches Pilger-Hospiz Jerusalem

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Das österreichische Pilger-Hospiz in Jerusalem hat eine neue Leitung. Neuer Rektor ist der oberösterreichische Theologe Franz Xaver Brandmayr. NU traf ihn zu einem ersten Gespräch.

Von Michael J. Reinprecht

NU: Wie dürfen wir Sie ansprechen, Monsignore?

Brandmayr: Rektor. Einfach Rektor.

NU: Herr Rektor?

Brandmayr: Ja, ganz einfach Herr Rektor. Wenn Sie allein meine akademischen Titel aufzählen, brauchen Sie eine ganze Zeile. Was soll dieser Unsinn? Ich werde deswegen ja auch nicht gescheiter.

NU: Als im Frühjahr dieses Jahres klar wurde, dass Sie ab 1.7. dem Hospiz in Jerusalem als neuer Rektor vorstehen werden – waren Sie überrascht, erfreut über die neue Aufgabe fernab der Heimat, oder eher mit Sorge erfüllt? Mit wem haben Sie sich beraten, ehe Sie das Angebot, nach Jerusalem zu gehen, angenommen haben?

Brandmayr: Es war eine schwierige Situation. Es gab jemanden, dem die Position des Rektors bereits zugedacht war. Aber der hat dann abgesagt. Schade, denn er wäre sehr gut geeignet gewesen für diesen Posten. Rektor Brandmayr empfängt NU in seinem Sommer-Häuschen am Attersee, das er von seinen Eltern geerbt hat. Das Wetter macht dem Salzkammergut alle Ehre; die Sonne blinzelt zwar durch die Wolken, die nahenden Regen erahnen lassen. Und der kommt gemeinsam mit starkem Wind. Der Blick geht über den Rasen vor dem Haus zum See. Ein langer Steg wird sichtbar. Ein einfaches Ruderboot auch, eine kleine Jolle schaukelt im Wind. Der Wind wird stärker. Er verbläst auch den mächtigen Schirm, den Franz Xaver Brandmayr aufspannt. Wir übersiedeln ins Innere des Hauses. In Rom, erzählt Rektor Brandmayr habe er bereits seinen Grabstein beschriften lassen: im Campo Santo teutonica, gleich angrenzend an den Petersdom. Er fährt fort: „Der Rektor der Bruderschaft des Campo Santi hatte mich mehrmals angerufen und gefragt, ob wirklich nur mein Name ohne jedweden Titel auf der Grabplatte eingraviert werden soll: ‚Wollen Sie nicht auch ‚Monsignore‘ verewigt haben oder zumindest den Doktor?‘“ Nein, Titel wolle er keine auf seinem Grab stehen haben: Der im Frühjahr 1956 in Wels geborene Theologe ist ein bescheidener Mann. Er empfängt mich auch ganz relaxed im grauen T-Shirt und Trainingshose.

NU: Haben Sie Jerusalem vor Ihrer Ernennung als Rektor bereits bereist?

Brandmayr: Nein. Ich war vorher noch nie in Jerusalem. Mich hatten die Streitereien der christlichen Gruppen, der Orthodoxen, der Armenier mit den Franziskanern in der Grabeskirche so gestört und betroffen gemacht. Und was für ein Streit am heiligsten Ort der Christenheit! Das hatte Magenschmerzen bei mir ausgelöst.

Diesmal jedoch – nach seiner ersten Fahrt nach Jerusalem im Mai, während der kurzen Phase des Waffenstillstandes im Iran-Krieg – sei er, bestätigt der 70-jährige Theologe, „mit positiver Energie aufgeladen“ aus Jerusalem zurückgekehrt. „Aber jetzt im Mai, als ich das erste Mal in Jerusalem war, da war ich ganz allein in der Ädikula, dem Heiligen Grab. Das hat mich sehr berührt. Gleich nach dem ersten Iran-Krieg. Da haben wir den ersten El-Al-Flug erwischt. Was mich so ungeheuer beeindruckt hat, war die Tatkraft, die die Menschen in Jerusalem ausstrahlen. Die Jungen, die Alten, die Juden und die Palästinenser. Und am Shabbat bin ich zur Kotel (Anm. d. Red. Westmauer, im Deutschen als Klagemauer bekannt) gegangen. Ich war begeistert von der Vielfalt, der Fröhlichkeit der einen, der Ernsthaftigkeit der anderen. Das Hospiz liegt ja so zentral. Zehn Minuten sind es zur Al-Aksa-Moschee, gleich weit zur Grabeskirche, zehn Minuten zur Westmauer“, sagt Brandmayer. Er habe auch Gelegenheit gehabt, erzählt er weiter, einer Angelobung von Soldaten beizuwohnen. „Ich habe mir die Burschen und die jungen Frauen genau angesehen, in ihre Augen geschaut; ich war neugierig zu erkennen, ob sie gefasst sind vor dem Einsatz oder ob sie vielleicht brennend darauf warten, ihre Waffen einsetzen zu dürfen.“ Doch nichts dergleichen. Die israelischen Soldatinnen und Soldaten wirkten auf ihn „ruhig, aber heiter und gleichzeitig gelassen.“ Das italienische Adjektiv „sereno“ treffe dies am besten, so Brandmayr, „das hat mich begeistert. Und so fesche Frauen. Solch’ eine Schönheit, und zugleich Selbstsicherheit, Gefasstheit, ja Heiterkeit ausstrahlend.“ Rektor Brandmayer wurde im Frühjahr 70 Jahre alt. Da drängt sich die Frage auf: Wer will heute noch arbeiten mit 70? Und dies noch dazu in fremder, für Sie auch neuer Kultur, in fremder Umgebung, fernab der Heimat? Franz-Xaver Brandmayr sagt, er habe schon als junger Mensch entschieden, bis 75 arbeiten zu wollen. Manche hätten dies als einen Anspruch interpretiert, ein Bischofamt anzustreben, da Bischöfe mit Vollendung des 75. Lebensjahres zurücktreten müssten. Nein, da hätte es sehr wohl Möglichkeiten gegeben, aber Brandmayr griff nicht zu – ein Bischofamt strebte er nicht an. „Was die Position des Rektors im Hospiz in Jerusalem betrifft: Nicht, dass ich mich darum aktiv beworben habe. Erst war ein anderer im Gespräch. Ein Pater aus Heiligenkreuz.“ Wieder andere bewarben sich, sagten zu, sagten ab. „Und als es Probleme mit den Bewerbungen gab – und mich einige Freunde darauf angesprochen haben –bin ich in mich gegangen, habe allein (mich mit mir selbst und meinem Herrgott beratend) beschlossen, meinen Dienst für das Hospiz in Jerusalem anzubieten. Im November rief mich dann Grünwidl an und sagte mir, dass mich die Bischöfe in Jerusalem haben wollen. Da sagte ich zu“, erzählt Brandmayr. Als Rektor des päpstlichen Priesterkolleges Santa Maria dell’ Anima in Rom hat Brandmayr in den 12 Jahren seiner Tätigkeit in Rom von 2008–2020 die Sanierung der insgesamt 19 zum Kolleg gehörigen Gebäude vorangetrieben und weitgehend abgeschlossen. Der frühere österreichische Botschafter in Rom, Alfons Kloss, berichtet mir, dass Brandmayr diese Aufgabe mit viel Geschick in der komplizierten Gemengelage unterschiedlicher Interessen in Rom bewerkstelligt habe. In Jerusalem steht jetzt die Renovierung des alten Teils des Hospiz an der Via Dolorosa an. „Wenn Brandmayr das im schwierigen Terrain Roms geschafft hat, dann wird er das in Jerusalem auch zu einem guten Ende bringen“, so Alfons Kloss. Dazu Brandmayr: „Das ist nicht vergleichbar. Es ist ein Riesenprojekt, hier in Jerusalem – mit einem Finanzbedarf von 15 Millionen Euro. Und ich bin kein guter Bettler. In Rom habe ich die Anima-Stiftung saniert. Natürlich gab es in Rom zum Teil harte Interessenskonflikte. Aufgabe der Anima-Stiftung war es ja nicht dem römischen Großbürgertum billigen Wohnraum zu verschaffen. Das Hospiz in Jerusalem steht trotzdem auf einer soliden Grundlage. Zwar haben wir durch den Gaza-Krieg rund zwei Millionen Euro verloren, aber allein in der kurzen Zeit des Waffenstillstandes im Iran-Krieg hat das Haus ausgeglichen bilanziert. Und es gibt so viel zu tun: die Heizung ist zu sanieren, ebenso die Kühlung. Teile des Gebäudes sind feucht und müssen trockengelegt werden. Die Zimmer müssen renoviert werden, die Badezimmer auch. Mein Lieblingsprojekt allerdings wäre eine Solaranlage für die Heizung. Wir würden enorm Heizölkosten sparen. Es gibt zumindest bereits eine finanzielle Zusage der Bundesregierung und die Landeshauptleutekonferenz hat bestätigt, etwas zuschießen zu wollen. Und ich wäre sehr dankbar für Bankgarantien, für zinsenlose Kredite. Wenn das Hospiz wieder so gut läuft, wie es jahrelang gelaufen ist, können wir das alles zurückzahlen …

NU: Sie sind ein sehr politischer Mensch. Brandmayr: Ja, ja. NU: Sind Sie nicht auch der Ansicht, dass sich dieser Konflikt zwischen Juden und Palästinensern, gerade auch das komplexe, komplizierte Zusammenleben der Menschen in Jerusalem, nicht mit Waffengewalt, sondern letztlich nur politisch lösen lässt?

Brandmayr: Na, sowieso.

NU: Lass uns träumen: Könnte da nicht das Hospiz in diesem Konzert unterschiedlicher, oft dissonanter Töne als Ort der Begegnung und des Dialogs positiv mitspielen?

Rektor Brandmayr strahlt über das ganze Gesicht. Ja, die Kulturarbeit und der interreligiöse Dialog sei eine der wichtigen Aufgaben des Hospizes. Daneben steht die Pilgerbetreuung, begleitet von seelsorglicher Arbeit im Zentrum der Aufgaben: „Ich werde täglich eine Messe zelebrieren.“ Brandmayr: Schauen Sie, Träume soll man haben. In seinem Essay Der Mythos des Sisyphos schrieb Albert Camus den berühmten Satz: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Auch wenn ich mit Camus sonst nicht übereinstimme, trifft dieser Satz den Punkt. Denn jeder kleine Schritt ist ein wichtiger, auch wenn der Stein immer wieder ein bisschen zurückrollt. Ich habe ein großes Ideal, das ist die k. u. k-Monarchie. Immerhin hatte sie bis 1918 Bestand – trotz der immensen zentrifugalen Kräfte des 19. Jahrhunderts. Die Leut dort in Jerusalem, die haben eine Energie, eine positive Energie; sie wissen, dass sie bedroht sind. Die setzen sich ein für ihre Zukunft. Und jammern nicht, wie die Leute bei uns, wenn die Abendtablette plötzlich eine andere Farbe hat, wofür sie auch noch die Regierung haftbar machen wollen. Ich bin wirklich angetan von der Energie, die die Menschen in Jerusalem verströmen. Juden wie Palä- stinenser. Sie glauben daran, es werde besser. Mein großer Traum wäre, dass die Juden und die Palästinenser zusammenarbeiten. Das hätte eine Kraft, die den gesamten Nahen Osten positiv verändern könnte. Das werden wir wahrscheinlich nicht mehr erleben. Aber jeder kleine Schritt, jede kleine Drehung, jeden Meter, den wir den Stein wieder raufkriegen, ist ein Fortschritt. Und am Schluss hoffe ich doch auf den entscheidenden Schritt, den uns der Herrgott voranbringt. Die Zwei-Staaten-Lösung sei ja schon aufgrund der innerpalästinensischen Streitigkeiten derzeit nicht möglich, fährt der oberösterreichische Theologe fort. „Vielleicht kann es eines Tages eine Lösung geben, für die die Schweiz als Beispiel dienen kann – eine Kantonslösung. Oder die Monarchie kann Vorbild sein. Kaiser Franz-Joseph persönlich war den Juden gegenüber sehr positiv eingestellt.“ Rektor Brandmayr steht auf, das Gespräch ist zu Ende. Gerade hat mir der Rektor noch erzählt, dass er jetzt dabei ist, Iwrit zu lernen, Arabisch später wohl auch, aber dabei will er sich auf die Umgangssprache, den lokalen Dialekt konzentrieren. Für Iwrit ist ihm dienlich, sagt er, dass er Althebräisch kennt und daher die Schrift entziffern könne. Manchmal übersetze er Texte aus dem Alten Testament, wenn ihm das zur Vorbereitung einer Predigt dienlich ist. Brandmayr geht in die Küche, ich höre, er macht mir noch einen guten italienischen Kaffee. „Wissen Sie, ruft er aus der Küche heraus, „das Leben ist zu kurz, um schlechten Kaffee zu trinken.“ Und: „Ich werde in Jerusalem mein Bestes geben. Ich werde es versuchen. Und mit Hilfe meines Herrgottes kann es auch gelingen.“

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Michael Reinprecht

Michael Reinprecht

ist Diplomat, war zuletzt European Union Fellow an der USC in Los Angeles, davor Leiter der Nahostabteilung des Europäischen Parlaments in Brüssel und Direktor des Informationsbüros des EU-Parlaments in Wien.

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