Das Karl-Lueger-Denkmal in Wien wurde um viel Geld restauriert und um 3,5 Grad geneigt. Das Problem aber bleibt bestehen. Und die Stadt hat sich mit ihrem Bekenntnis zum populistischen Bürgermeister der Gründerzeit einzementiert.
Von Thomas Trenkler
Josef Weinheber war ein zunächst skeptischer, dann aber glühender Nationalsozialist: Der Lyriker, 1892 in Ottakring geboren, trat bereits 1931 der NSDAP bei. Seinen anfänglichen Misserfolg als Literat begründete er mit der „jüdischen Unterwanderung des österreichischen Kulturbetriebs“. Nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich 1938 verherrlichte er den „von Gott gesandten Führer“, er rühmte dessen Mein Kampf. Am 8. April 1945, wenige Tage vor dem Eintreffen der Russen, verübte Weinheber Selbstmord. In der sowjetischen Besatzungszone wurden dessen Oden „Blut und Stahl“ (1941) auf die „Liste der auszusondernden Literatur gesetzt“. Dennoch sah die Stadt Wien keinen Grund, sich von ihrem „Heimatdichter“ zu distanzieren: Sein Andenken wurde hochgehalten – nicht nur in Ottakring, sondern auch am Schillerplatz, gleich neben der Akademie der bildenden Künste. Das dortige Weinheber-Denkmal wurde 1975 enthüllt. Die verwendete Büste hatte der NS-Regime-nahe Bildhauer Josef Bock 1940 geschaffen. Auf den Sockel wurden in der Folge immer wieder antifaschistische Parolen geschmiert, die Büste wurde demontiert. Daher entschloss sich die Stadt 1991 zu einer Umgestaltung: Man transferierte die Büste auf einen polierten, leicht zu reinigenden Granitsockel, und dieser erhielt ein in das Erdreich eingelassenes, rund ein Kubikmeter großes Fundament aus Beton. Die Stadt zementierte mit dieser Maßnahme ihr Bekenntnis zu Weinheber förmlich ein.
Die „Plattform Geschichtspolitik“ der Kunstuniversität setzte sich ab dem Herbst 2009 mit dem Denkmal auseinander – auch deshalb, weil Weinheber 1942 zum Ehrenmitglied der Akademie ernannt worden war. Im Juni 2013 legten drei Mitglieder – Chris Gangl, Eduard Freudmann und Tatiana Kai-Browne – das grotesk massive Betonfundament frei und die Mulde mit Rollrasen aus. Die gewitzte Intervention „Weinheber ausgehoben“ blieb aber nur übers Wochenende bestehen: Das Stadtgartenamt schüttete die Mulde wieder zu. Doch die Plattform gab nicht auf. Nach einem geradezu kafkaesken Behördenweg – man wurde immer wieder im Kreis geschickt – durfte sechs Jahre später, 2019, das Weinheber-Denkmal umgestaltet werden. Die Gesamtkosten, mühsam zusammengekratzt, da die Stadt eine großzügige Unterstützung verweigerte, lagen bei bloß 22.000 Euro. „Weinheber ausgehoben“ macht natürlich nicht sichtbar, dass der Lyriker den Führer verehrte, aber die Intervention zeigt ihn als Stehaufmanderl, das unmöglich umfallen kann. Man sieht mit einem Blick die Justamenthaltung des Magistrats.
Eine solche demonstriert die Stadt Wien seit Mitte Juni auch auf dem Dr.-Karl-Lueger-Platz: Die Statue des einst glorifizierten Bürgermeisters (1844–1910) steht jetzt, wunderschön herausgeputzt, noch viel besser hoch über den Passanten. Denn sie wurde frisch einzementiert. Den Antisemiten stößt niemand mehr vom Marmorsockel. Die Sanierung des zuvor mit „Schande“-Schriftzügen besprayten Denkmals erfolgte im Zuge der Umsetzung des sündteuren Projekts „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ von Klemens Wihlidal. An der Angewandten, einen Steinwurf entfernt, hatte man 2010 unter Leitung des Künstlers und Kurators Martin Krenn einen internen Wettbewerb zur Umgestaltung des Monuments durchgeführt, den Wihlidal gewann – eben mit der Idee, die Bronzestatue samt Marmorsockel um 3,5 Grad zur Seite zu neigen. An eine Umsetzung war damals nicht zu denken. Doch die Proteste nahmen zu. Und so entschloss man sich 2022, über die stadteigene Institution KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) einen offiziellen Wettbewerb auszuloben. Auch diesen gewann Wihlidal – mit seinem alten Entwurf. Nach der Bekanntgabe zog sich die Sache wieder in die Länge. Aber das Denkmal des Hitler-Idols wurde abgetragen, mit „unglaublich viel Geld“, so die von der SPÖ nominierte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, instandgesetzt und „kontextualisiert“. Im Juni dieses Jahres war es endlich so weit: Der Bauzaun wurde entfernt. Auf eine festliche Übergabe war verzichtet worden. Es gab nur eine Pressekonferenz in der nahe gelegenen Akademie der Wissenschaft. „Ich bin stolz, dass wir ein visionäres Projekt umgesetzt haben“, sagte Kaup-Hasler. Erneut wetterte sie gegen jeden Denkmalsturz, denn über Leerstellen ließe sich nicht sprechen.
Die Statue, nun angeblich zum „Mahnmal“ geworden, danach mit den Medienvertretern in Augenschein zu nehmen, verzichtete sie. Die Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH) hatten nämlich über Social Media angekündigt, die „feige Denkmalpolitik“ auspfeifen zu wollen (was sie auch taten): Für das Projekt wurden insgesamt 776.167 Euro aufgewendet, obwohl die Kultusgemeinde und Überlebende der Shoah seit Jahren vehement den Abriss gefordert hatten. Die Neigung um 3,5 Grad sage nichts über das Problem aus – und dieses heiße schlicht Antisemitismus. Die Statue, nicht mehr im Lot, würde ohnedies für ein ungutes Gefühl sorgen, so die Meinung von KÖR-Chefin Cornelia Offergeld und Eva Maria Stadler, der Jury-Vorsitzenden. Wihlidal sprach bei der Pressekonferenz von einem „Denkmalsturz im Freeze-Mode“ und übertrug dem geneigten Lueger sogar eine aktive Rolle: Er verweise nun auf sich selbst – als Opportunist, Populist, Antisemit und Rassist. Ablesbar ist das aber weder an der Statue noch an der Neigung. Man muss schon wissen, wer Lueger war, um zu kapieren, was der schiefe Denkmalturm zu Wien soll. Zumal die Intervention nicht von jeder Position aus erkennbar ist. Also braucht es Vermittlung und einen Erklärtext. Im Ursprünglichen hatte es der Historiker Oliver Rathkolb nicht für notwendig empfunden, auf den Bildhauer einzugehen (angeblich aus Platznot). Jetzt erfährt man wenigstens, dass die Statue, 1926 geschaffen, von Josef Müllner stammt, der 1940 der NSDAP beitrat. Der Text – Lueger sei „in der Gegenwart eine umstrittene Persönlichkeit“ – ist insgesamt viel kritischer, aber furchtbar lang: Wer wird ihn lesen, wenn er am Denkmal vorbeigeht? Und wenn er schon so ausführlich sein darf, hätte man noch ergänzen können, dass der Bildhauer, der unter anderem auch eine Hitler-Büste schuf, durch seiner Hände Arbeit „zur Verherrlichung der nationalsozialistischen Idee“ beitragen wollte …
Mit dem Ergebnis unzufrieden sind viele, darunter die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz – und ihr Kollege Doron Rabinovici. Er war 2010 Teil der Jury gewesen, die das Projekt von Wihlidal auserkor: Die Idee, Lueger nur sachte zu kippen, sei „damals noch irreal und nicht ohne Witz“ erschienen: „Es bedeutete, den permanenten Denkmalsturz anzudenken“, schrieb der Autor Anfang Juli im „Standard“. Aber nun scheint ihm, „als wäre über das, was damals eine Kapriole voller Ironie, eine künstlerische Verstörung war, die Zeit und eine Zeitenwende hinweggegangen“. Denn antisemitische Angriffe nahmen in den letzten Jahren sprunghaft zu „und prägen wieder den Alltag jüdischen Lebens“. Rabinovici fragt sich daher: „Taugen angesichts dieser Verschärfung der Auseinandersetzung noch ein paar graduelle Feinabstimmungen? (…) Wirkt die Umgestaltung nun nicht zu verschraubt und verschroben? Ist die Schiefstellung der Hetzstimmung, die über uns derzeit hereinbricht, noch angemessen und nicht für unsere grelle Gegenwart zu subtil, sodass bald niemand mehr verstehen wird, wieso hier überhaupt irgendetwas aus dem Lot ist?“ Er pflichtet der JöH bei: „Die Umsetzung krankt auch daran, dass den Wünschen jener, gegen die Lueger getobt hatte, nicht entsprochen wurde. Die jüdischen Verbände und namhafte Überlebende waren gegen diese Lösung. Kann es einen Kampf gegen Antisemitismus geben, der dessen Opfer übergeht?“ Und: „Fataler noch ist, dass die Umgestaltung eine Verschlechterung umfasst.
Die beste Kontextualisierung war bereits durch die knallbunten Graffiti geschehen. Lueger war durch Schriftzüge als Schande markiert. Aber nun steht er gesäubert wieder da. Gelungen ist, wenn auch sicher ohne böse Absicht, eine kostspielige Reinwaschung.“ Aber es hat nicht lang gebraucht: Nun (Ende Juli) steht auf dem Sockel zweimal groß aufgesprüht „Shame!“. Das Denkmal wurde zwar nicht mit faulen Eiern, aber mit Farbe beworfen. Und die Platane, während der Sanierung weiter in die Breite gewachsen, wurde initiativ: Irgendwann wird sie die Statue unter ihren Blättern zum Verschwinden gebracht haben. Das hätte man auch weit billiger haben können. Rabinovici findet es zudem „völlig unverständlich“, dass Lueger „seine zentrale Adresse“ behält: „Sein Name erklingt jedes Mal, wenn eine Tram in die Haltestelle einfährt. Dadurch gerät die Schiefstellung in die Schieflage.“ Falls es darum gegangen sein sollte, „Lueger nicht mehr zu ehren“, ist das misslungen. Der Ort bleibt ihm geweiht.“ Der Schriftsteller hält daher eine Umbenennung für „unumgänglich“. Die Sozialdemokraten sträuben sich allerdings mit Händen und Füßen gegen eine solche – auch in anderen Fällen. Dabei gibt es selbst in Österreich positive Beispiele. Die Stadt Salzburg hatte im April 2025 aus der Heinrich-Damisch-Straße die Helene-Thimig-Straße gemacht. Mitte Juli wurde bekannt, dass die Koalition unter der Führung von Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) bis 2028 schrittweise fünf weitere nach NS-Tätern oder -Profiteuren benannte Straßen umbenennen will: Aus der Josef-Thorak-Straße soll die Helene-von-Taussig-Straße werden (der Bildhauer war Nutznießer des NS-Regimes, die Malerin wurde 1942 von den Nazis ermordet), aus der Hans-Pfitzner-Straße die Anna-Reindl-Straße, benannt nach der Leiterin einer illegalen Frauengruppe, die Flugblätter gegen Krieg und Faschismus verteilte und in Auschwitz getötet wurde. In der Folge wird aus der Erich-Schenk-Straße (der Musikhistoriker galt als ausgeprägter Antisemit) die Elsa-Bienenfeld-Straße (die Musikwissenschafterin wurde im KZ ermordet) und so weiter. Grundlage für die Abkehr von NS-belasteten Namen ist der Abschlussbericht einer Historikerkommission aus dem Jahr 2021: Bei 13 Personen seien die Verstrickungen mit dem NS-Regime derart gravierend, dass die Politik auch eine Umbenennung in Erwägung ziehen sollte. Unter den noch verbleibenden sieben „hoch belasteten“ Personen finden sich übrigens sehr prominente Namen, darunter der Dirigent Herbert von Karajan, der Automobilkonstrukteur Ferdinand Porsche und der Gründer des Salzburger Adventsingens, Tobias Reiser. Ob man sich auch in diesen Fällen traut? Mehr als fraglich. Dennoch Respekt: Salzburg wird mehr getan haben als Wien. Dort wurde bloß der Dr.-Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt. Diese Entscheidung fiel nicht sonderlich schwer. Denn den Dr.-Karl-Lueger-Platz gibt es ja weiterhin …
