Tod und Leben, Mythos und Poesie, Schönheit und Schmerz, Trauer und Hoffnung auf der Biennale von Venedig, wo der rumänisch-israelische Künstler Belu-Simion Fainaru einem Gedicht von Paul Celan Raum gegeben und den israelischen Pavillon in einen wunderschönen Ort der Stille verwandelt hat.
von Andrea Schurian
„Rose of Nothingness“ nennt Belu-Simion Fainaru seine beeindruckende künstlerische Erzählung über Wasser, Stille, Licht, Erinnerung und jüdische Mystik. Langsam tropft schwarzes Wasser in ein Becken, wird zu einem Meer aus dunklen Tränen, erinnert an Tinte und an Schreiben und Erinnerung. Das ist betörend, zumal in dieser Stadt, in der vor fünfhundert Jahren ein christlicher Kaufmannssohn aus Antwerpen erstmals den fast siebentausendseitigen Talmud, also das fundamentale Werk des Judentums, vollständig drucken ließ.
Belu-Simion Fainaru, geboren 1959 in Bukarest, emigrierte mit seiner Familie 1973 nach Israel, studierte Kunst in Haifa, Chicago, Mailand und Brüssel. Der Weltenbürger ist Mitbegründer des Arab Museum of Contemporary Art (AMOCA) in Sachnin, einer hauptsächlich von arabischen Israelis bewohnten kleinen Stadt in den Bergen von Galiläa. 1992 nahm er an der documenta IX in Kassel und im Jahr darauf erstmals auch an der Venedig-Biennale teil, damals allerdings für Rumänien und hochgeschätzt. Diesmal für Israel und mit Ablehnung konfrontiert. In einem offenen Brief an Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco haben mehr als achtzig Künstler, Kuratoren und Mitarbeiter (alle m/w/*) gemeinsam mit der antisemitischen Initiative Art Not Genocide Alliance (ANGA) den Boykott des israelischen Pavillons gefordert. Künstlerkollegen wenden sich von Fainaru ab, sprechen nicht mit ihm, wollen vor dem israelischen Pavillon dessen Schließung herbeischreien. Im Fokus steht nicht Fainarus Kunst, sondern seine israelische Identität.
Dass Kunst unter Mitwirkung der Kunstschaffenden von Politik missbraucht, umgedeutet, vereinnahmt wird, ist eine der trostlosesten Erkenntnisse der 61. Biennale. Allein in der Eröffnungswoche feierten und befeuerten zehntausende Schlachtenbummler – Künstler, Sammler, Museumsdirektoren, Kuratoren, Galeristen sowie tausende Berichterstatter aus aller Welt – diese „Sehschlacht am Canal Grande“, wie Alfred Schmeller, Kunstessayist und zwischen 1969 und 1979 Direktor des Wiener 20er-Hauses, die 1895 gegründete Urmutter aller Biennalen einmal so trefflich nannte. Dieses Jahr sind hundert Nationen am Kunstländermatch beteiligt. „In Minor Keys“, also „In Molltönen“ präsentiert sich die Biennale-Hauptausstellung vornehmlich mit Werken aus dem Globalen Süden. Konzipiert wurde sie von der aus Kamerun stammenden Kuratorin Koyo Kouoh, die allerdings im Mai 2025 ihrem Krebsleiden erlag.
Die Einzigartigkeit dieses – mitunter auch ziemlich eitlen – Kunst-Parcours durch die Giardini besteht darin, dass man sich seine Kunstwelt selbst zusammenpuzzeln kann. Die Pavillons spiegeln die (kultur-)politischen Zustände ihrer Länder wider, präsentieren im besten Fall nicht austauschbare Kunstware, sondern künstlerische Positionen. Die nationalen Kunstmodenschöpfer haben sich für den Biennale-Kunstparcours jedenfalls vor allem Spektakeliges ausgedacht: Riesiger, lauter, schriller, teurer, opulenter – da wurde herbeigeschifft, was die Kähne halten: großartige Kunst, natürlich. Und bemerkenswerten Kitsch, natürlich auch. Umringt von aufgekratztem Kunstgetöse ist es Belu-Simion Fainaru tatsächlich gelungen, den israelischen Pavillon in einen Ort meditativer Stille zu verwandeln.
So verlässlich wie die Biennale selbst taucht alle zwei Jahre die Frage nach deren Zeitgemäßheit auf.
NU: Das Schwierigste zuerst: Wie lautet Ihr künstlerisches Biennale-Resümee?
Belu-Simion Fainaru: Ich hatte noch keine Zeit, alles anzuschauen. Aber ich würde sagen, unter den hunderten Arbeiten, die ich bereits gesehen habe, ist leider nur wenig wirklich gute Kunst.
NU: Dann reden wir doch lieber über den israelischen Pavillon. „Rose of Nothingness“, also „Rose der Leere“, ist, wie ich finde, eine sehr poetische Installation.
Belu-Simion Fainaru: Es freut mich, dass Sie das so sehen. Denn ich wollte tatsächlich einen poetischen, friedlichen Ort schaffen, an dem Biennale-Besucher inmitten einer großen, lauten, mitunter auch chaotischen Ausstellung Ruhe finden können. Die Kunst der Länder-Pavillons ist ja vom Generalthema der Biennale unabhängig. Aber ich wollte nicht nur auf die Architektur des Pavillons eingehen, sondern auch den Titel der Biennale-Hauptausstellung – „In Minor Keys“, also „In Molltönen“ – reflektieren. Vielleicht klingt das jetzt eitel, aber ich glaube, das ist mir gelungen. Das Publikum ist jedenfalls oft sehr berührt von meiner Arbeit, immer wieder sehe ich im Pavillon Menschen mit Tränen in den Augen.
NU: Wie sehr belastet Sie die antiisraelische Stimmung?
Belu-Simion Fainaru: Gute Frage. Aber wie beantworte ich sie? Die Stimmung auf der Biennale ist nicht gut, zumindest nicht für Israel und nicht für mich als israelischen Künstler.
NU: Fühlen Sie sich wohl in der Rolle, Israel zu repräsentieren?
Belu-Simion Fainaru: Wie kann ich ein Land repräsentieren? Kann die österreichische Performerin die österreichische Regierung repräsentieren? Kein Künstler, keine Künstlerin repräsentiert sein Land, erst recht nicht dessen Regierung oder dessen Regime. Wir sind Künstler, nicht die Außenminister unserer Länder. Wir leben in einem bestimmten Land, sind dessen Staatsbürger, besitzen den Pass dieses Landes und verarbeiten eventuell gewisse Aspekte ihrer Landeskultur. Aber macht uns das zu den Repräsentanten dieses Landes? Ich denke, nein. Natürlich sehe ich im marokkanischen Pavillon Verbindungen zur marokkanischen Kultur. Ähnlich geht es mir im indischen Pavillon. Und trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass die Künstler im indischen Pavillon nicht Indien repräsentieren. Oder nehmen Sie den Libanon! Wie kann ein Künstler diesen komplexen Staat mit so vielen Kulturen, Ethnien, Religionen repräsentieren? Die meisten Künstlerinnen und Künstler könnten also auch in einem anderen Länderpavillon ihre jeweiligen Kunst-Ideen verwirklichen.
NU: In der Vor-Eröffnungswoche hat die propalästinensische Aktivistengruppe „Art Not Genocide Alliance“ (ANGA) zum Streik aufgerufen, um gegen die Teilnahme Israels zu protestieren. Macht es Sie traurig, dass 27 Länderpavillons, auch der österreichische, dem Aufruf gefolgt sind?
Belu-Simion Fainaru: Das sollte nicht nur mich traurig machen. Die Leute, die zum Streik aufgerufen haben, bekämpfen nicht Israels Politik, sondern Israels Existenz. Sie bekämpfen das Land Israel, weil es Heimat für jüdische Menschen ist. Ich habe die Postings in den sozialen Medien gelesen und, ja, bin erschüttert über so viel Hass auf Israel, auf Israelis, auf Jüdinnen und Juden. Während des Streiks hat man das Israel-Vernichtungslied „From the River to the Sea“ gesungen, Poster mit dieser Aufschrift kleben auf Biennale-Mauern und -Wänden. Für die Organisation der antiisraelischen Streiks und propalästinensischen Demonstrationen bekommen die Aktivisten Geld aus dem Mittleren Osten. Und wie ich gehört habe, ist es viel Geld. Wenn Hass und Ablehnung in den Kunstraum eindringen, verliert Kunst ihre Freiheit. Und die Welt wird gewalttätiger.
NU: Fühlen Sie sich auf der Biennale sicher?
Belu-Simion Fainaru: Die meiste Zeit schon.
NU: Haben Sie keine Angst vor körperlichen Übergriffen?
Belu-Simion Fainaru: Nein. Oder nicht mehr als jeder Israeli an jedem Ort der Welt Angst vor körperlichen Attacken hat. Vor Kirchen oder Moscheen stehen keine Soldaten, aber in Venedig müssen jüdische Italiener im Ghetto nun von Soldaten beschützt werden. Das ist traurig.
NU: Als ich Sie das erste Mal im Pavillon besucht habe, waren Sie traurig darüber, dass Künstlerinnen und Künstler anderer Pavillons nicht mit Ihnen sprechen. Wird das besser?
Belu-Simion Fainaru: Nein! Nein! Nein! Ich habe schon erwartet, dass man miteinander spricht. Aber die Kolleginnen und Kollegen drehen sich demonstrativ weg, wenn ich einen anderen Pavillon betrete. Ich fürchte, sie haben kein Interesse an der Kunst, sondern an Politik und Ideologie. Sie missbrauchen Kunst für Politik. Aber es sind auch einige wenige Künstler zu mir gekommen, wie etwa Roberto Diago vom kubanischen Pavillon, um mir zu sagen, dass sie mit mir solidarisch sind und es ablehnen, wenn Künstler andere Künstler boykottieren. Auch Nabil Nahas, der Künstler des libanesischen Pavillons, hat sich gegen den Boykott und für meine Biennale-Teilnahme ausgesprochen. Das ist gerade für einen libanesischen Künstler wirklich so außergewöhnlich mutig, zumal libanesische Künstler, die in der Hauptausstellung gezeigt werden, das Gegenteil sagen, gegen Israel unterschrieben, gegen meine Biennale-Teilnahme demonstriert haben. Aber abgesehen von Diago und Nahas, die sich beide dezidiert gegen den Streik ausgesprochen haben, gab und gibt es keine Künstler-Solidarität mit mir.
NU: Waren Sie von dieser Wut und Ablehnung überrascht?
Belu-Simion Fainaru: Kunstschaffende sollten sich niemals und nirgends das Recht herausnehmen, andere Künstler zu bestreiken oder zu boykottieren. Sondern, im Gegenteil, die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks für jeden Kunstschaffenden zu verteidigen, egal, in welchem Land er oder sie lebt und arbeitet. Ich finde es enttäuschend, dass es diese Solidarität immer weniger zu geben scheint. Und, ja, so gesehen hat es mich schon überrascht, dass Kunst offenbar kein freier Raum mehr ist, den Künstler verteidigen. Sondern dass Künstler immer mehr wie Politiker agieren, jedenfalls nicht im Interesse der Kunstfreiheit.
NU: Wie sehr hat der 7. Oktober 2023 Ihr Leben verändert?
Belu-Simion Fainaru: Mein Leben hat sich verändert, weil Menschen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis getötet wurden, unter anderem eine meiner Studentinnen. Sie hat auf dem SuperNova-Musikfestival gejobbt und wurde von der Hamas erschossen. Aber nicht nur mein Leben hat sich verändert. Israel hat sich verändert. Die ganze Welt hat sich seit diesem 7. Oktober 2023 verändert. Und verändert sich immer noch.

