Kommentar von Andrea Schurian
Krise? Ja, auch in Venedig. Auch in den Biennale-Länderpavillons. Auch finanziell. Die EU hat der Kunstbiennale von Venedig Fördergelder in Höhe von zwei Millionen Euro gestrichen, weil der russische Pavillon seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine erstmals wieder geöffnet werden durfte – zumindest während der Voreröffnungswoche im Mai. Auch Israels Teilnahme ist innerhalb der EU umstritten: Es gibt Streikaufrufe und tatsächliche Streiks, Anti-Israel-Demonstrationen, Beschimpfungen, Herabwürdigungen. Warum? Weil die Kunstschaffenden verantwortlich sind für das politische Handeln ihrer Regierungschefs? Weil zunehmend in Vergessenheit gerät, was Kunst idealerweise ist: ein unverhandelbarer Ort der Freiheit, keine politische Arena.
Immer wieder werde ich gefragt, ob es denn wirklich antisemitisch ist, Israels Regierung zu kritisieren: Nein, ist es nicht. Die Delegitimierung des Staates Israel achtzig Jahre nach dessen Gründung, die Dämonisierung der israelischen Bevölkerung, der israelischen Kunstschaffenden ist es hingegen schon. Jüdische Menschen kollektiv für Israels religiös-rechtsnationalistische Koalition verantwortlich zu machen erst recht. Insofern war es mehr als erfreulich, dass beim Eurovision Song Contest in Wien das Fernsehpublikum mit seiner Punktvergabe nicht Benjamin Netanjahus Politik, sondern die coole Performance des israelisch-französischen Sängers Noam Bettan bewertet und auf den zweiten Platz gewählt hat, zumal die Jury bei der Punktvergabe
deutlich knausriger war. Aber beim ESC war die Jury zumindest tätig – die in Venedig nämlich nicht. Die internationale Preisjury war wegen der Biennale-Teilnahme von Israel und Russland geschlossen zurückgetreten, nachdem sie zunächst (vergeblich) gefordert hatte, Russland und Israel von der Vergabe der Goldenen Löwen auszuschließen. Statt Goldener Löwen zur Eröffnung wird es daher heuer am Ende der Biennale erstmals zwei „Leoni dei Visitatori“, also von Besuchern vergebene Löwen, geben. Vielleicht bekommt ja einen davon der israelisch-rumänische Künstler Belu-Simion Fainaru, der im israelischen Pavillon einen betörend friedvollen Ort der Stille geschaffen hat (siehe Seite .??? Interview mit Fainaru). Um das zu erleben, müsste man den Pavillon halt auch betreten. Doch statt sich mit Fainarus Kunst zu beschäftigen, folgen Künstler, Kuratoren, Sammler, Museumsleute (alle m/w/*) lieber den Streik- und Demo-Aufrufen der antisemitischen Art Not Genozide Alliance (ANGA), singen vor dem israelischen Pavillon das Israel-Vernichtungslied „From the River to the Sea“ und fordern die Schließung des, Zitat, „Völkermord-Pavillons“. Ja, das ist zutiefst verstörend. Und beschämend antisemitisch. Ich wurde gefragt, ob ich mich „angenommen, die Hamas würde auch einen Teilnehmer zum ESC oder zur Biennale entsenden … ebenfalls gegen einen Boykott verwehren würde?“ Danke der Nachfrage, aber: nein. Würde ich nicht. Die Hamas ist bekanntlich kein Land, sondern eine terroristische Massenmörderbande, die weder künstlerischen Frohsinn noch Schöngesang anstrebt, sondern
die Auslöschung Israels, die weltweite Ermordung aller Jüdinnen und Juden sowie die Vernichtung aller Kuffar, also aller Nicht-Muslime. Moseb Hassan Yousef, der seit zwanzig Jahren im US-amerikanischen Exil lebende Sohn des Hamas-Mitbegründers Scheich Hassan Yousef, fordert daher in Essays, Interviews und Reden vor der Uno beharrlich internationale Solidarität für und mit Israel: „Wir müssen Gaza von der Hamas befreien! Genau das macht Israel. Israel tut dem palästinensischen Volk damit den größten Gefallen.“ Vorigen August freute sich Yousef auf Instagram über seine Nominierung für den Friedensnobelpreis 2025: „Trotz aller Herausforderungen glaube ich, dass Wahrheit und Mut den Weg weisen können. […] Frieden durch Stärke ist unerlässlich, wenn alle friedlichen Optionen ausgeschöpft sind.“
Gut, spektakuläre Verhinderungs- und Protestmaßnahmen gab es in Venedig, auf dieser Mutter aller Biennalen, immer wieder. Bereits die Erstausgabe im April 1895 war ein veritabler Skandal, weil der junge Maler Giacomo Grosso nackte, tanzende Weibsbilder ausgerechnet um eine Totenbahre drapierte. Wiewohl frivol, wurde das Bild wenigstens in einem Seitentrakt der ehemaligen Reithalle in den Giardini aufgehängt. Der Besucher-Mega-Stau war ähnlich spektakulär wie dieses Jahr die langen Warteschlangen vorm und im Österreichischen Pavillon. Die Performerin und Choreographin Florentina Holzinger ist unbestrittener Star in der Lagunenstadt. Und, nein, das gab’s eigentlich noch nie, dass sich vor dem Hoffmann-Pavillon Menschen mehr als zwei Stunden anstellen, um zu sehen, wie eine nackte Frau als lebender, kopfüber am Seil hängender Glockenschlögel die Stunde schlägt; wie eine nackte Frau im Inneren des Josef-Hoffmann-Pavillons mit einem Jet-Ski im Kreis düst und schließlich eine Frau – bis auf die Taucherausrüstung wieder nackt – in einem Aquarium steht, das angeblich nicht mit Wasser, sondern mit Urin gefüllt ist, der in einer Aufbereitungsanlage geklärt wurde. Damit diesbezüglich kein Mangel herrscht, sind Besucherinnen und Besucher gebeten, ihre Blasen in einem der zwei Mobilklos zu leeren, die neben dem Pipi-Aquarium aufgestellt sind. Viel nackte Provokation, die für internationale Furore sorgte. Aber zumindest an einem Voreröffnungstag blieb Holzingers „Seaworld Venice“ zu: Der österreichische Pavillon war einer von zwanzig Länderpavillons, die dem Streikaufruf der antisemitischen und antiisraelischen Art Not Genocide Alliance (ANGA) gefolgt waren. ANGA hatte in einem offenen Brief den Ausschluss Israels von der Biennale gefordert, um gegen den Gazakrieg zu protestieren. Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco hatte den Ausschluss dankenswerterweise abgelehnt. Nun verbreitet ANGA unter tätiger Mithilfe zahlreicher Kunstschaffender Anti-Israel-Stimmung in den Giardini und im Arsenale.
Wer einen genozidalen Krieg führe, dürfe sich nicht über Anti-Israelismus bei der Venedig-Biennale oder beim Eurovision Song Contest in Wien beschweren, sagte eine sich im sozialdemokratischen Milieu verortende Akademikerin grantig. Oder wolle ich etwa leugnen, dass das, was Israel in Gaza und im Südlibanon aufführe, lupenreiner Genozid sei? Ja, will ich, auch wenn Antiisraelismus just in eher linken Kreisen gerade hochmodern ist. Aber wenn schon „genozidal“: Verwendet sie diesen Begriff eh auch im Zusammenhang mit dem Gemetzel der Hamas am 7. Oktober 2023? Die Frau outet ihren bemerkenswerten Mut zur Wissenslücke: „Meine Güte, was ist denn das für ein Unsinn! Der Hamas-Überfall hat doch nicht den Gaza-Krieg ausgelöst.“ Außerdem sei das „angebliche“ Massaker im Vergleich zu den Attacken radikaler jüdischer Siedler auf palästinensische Westjordanland-Bewohner die geradezu lächerlich harmlose Gegenwehr gegen den, Zitat, „israelischen Apartheidsstaat“ gewesen. Gereizter Nachsatz: „Mir geht das jüdische Selbstmitleidsgetue gehörig auf den Wecker. Die Juden sind wirklich selber schuld. Ja, genau, auch am Hamas-Überfall.“ Interessant. Sprechen und denken die neuen Linken jetzt also echt so wie früher die alten Nazis?
P.S.: Sollten Sie zur Biennale nach Venedig fahren: Geben Sie Ihre Löwen-Stimme Belu-Simion Fainarus ethisch und ästhetisch zutiefst berührender Installation „Rose of Nothingness“ im israelischen Pavillon.
