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Lach auf Kredit

NU Redaktion von NU Redaktion
19. Oktober 2026
in Bücher, Kultur
„Ich muss die Seele nicht verteidigen“

Erika Freeman bei ihrem Wienbesuch 2021. ©Wolfgang Wolak / picturedesk.com

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Danielle Spera und Erika Freeman haben ein Buch über Mut, Haltung und die Kraft des Weitergehens geschrieben.

VORABDRUCK

Was macht Frauen stark? Und wie findet man Mut, wenn das Leben ihn plötzlich verlangt? In ihrem neuen Buch „Mut“ erzählen Erika Freeman und Danielle Spera von 36 jüdischen Frauen – und davon, was ihre eigenen, höchst unterschiedlichen Lebenswege miteinander verbindet. Ein Vorabdruck. Spera: Ich finde, es ist unendlich schwierig, über sich selbst zu schreiben. Freeman: Wieso denn? Du kennst dich doch selbst am besten! Diese Worte sollen uns beflügeln, kurz auch über uns zu schreiben. Was ist unser Antrieb, was hat uns stark gemacht, wie finden wir zu Entscheidungen, wie motivieren wir uns? Was haben wir gemeinsam, wie haben wir uns gefunden und was wollen wir vermitteln? Wir sind zwei Frauen aus verschiedenen Generationen – Erika hat, kurz bevor wir dieses Buch fertiggeschrieben haben, ihren 99. Geburtstag gefeiert –, mit unterschiedlichen Lebenswegen, verschiedenen Erfahrungen und mit verschiedenen Vorstellungen davon, was Mut und Stärke bedeuten. Jedenfalls gibt es zwischen uns eine Nähe, die sich nicht durch Herkunft oder Biografie allein erklären lässt. Sie ist im Gespräch entstanden. In einer Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, die vielleicht nur dann möglich ist, wenn man weiß, dass das Leben beides sein kann: schwierig und wunderbar, manchmal sogar gleichzeitig. Als wir uns vor mehr als 15 Jahren zum ersten Mal begegneten, hatten wir beide das Gefühl, als hätten wir einander immer schon gekannt, obwohl unsere Leben so unterschiedlich verlaufen sind. Uns trennen dreißig Jahre, eine Generation, ein Weltkrieg und eine veränderte Welt. Wir sind beide Kinder aus Wien. Amerika wurde für Erika nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten zur Heimat. Für mich ist es der Kontinent, in dem ich als Korrespondentin für den ORF gearbeitet habe und an dem heute meine Kinder leben. Doch Wien bedeutet für uns beide mehr als die Wurzeln unseres Lebens. Erika wurde hier 1927 geboren. Die Stadt bedeutete zunächst Kindheit und Geborgenheit. Der zweite Bezirk, die Schule, die Familie, eine Welt der trügerischen Sicherheit. Der „Anschluss“, die Verhaftung des Vaters, schließlich die Entscheidung, die zwölfjährige Erika allein nach New York zu schikken, um sie zu retten. Ein Abschied, der sie ihr ganzes langes Leben begleitet –als Verletzung und gleichzeitig als Antrieb. Für mich war Wien von meiner Geburt im Jahr 1957 an ein komplexer Ort. Mein Vater war durch seine Erfahrungen zerrissen. Nach dem „Anschluss“ wurde er als jüdisches Kind von der Schule verwiesen und als Jugendlicher zur Zwangsarbeit verpflichtet. Meine Mutter kam als 15-Jährige aus einem kleinen Ort in Kärnten nach Wien, um sich weiterzubilden. Beide trafen sich in der Kommunistischen

Partei. Ich wiederum wurde in einer katholischen Schule erzogen, fand aber später meine Heimat: das Judentum. Was ich in meiner Kindheit als Unsicherheit empfunden hatte, wurde zu einer Ressource. Das Navigieren zwischen verschiedenen Identitäten hat mich empfindsam für Übergänge gemacht, die andere vielleicht nicht wahrnehmen. Der Weg zum Judentum war meine Entscheidung für eine Zugehörigkeit, die mir immer innewohnte. Dass ich mein Leben selbst in die Hand nehmen soll, hat mich meine Mutter gelehrt. Was Erika und mich jenseits unserer Biografien verbindet, ist unsere Haltung zum Leben. Unsere Werte und Überzeugungen, die tief in der jüdischen Tradition verwurzelt sind. Den Ernst des Lebens zu erkennen und gleichzeitig die Freude am Leben zu zelebrieren – immer gepaart mit Humor, nicht als Ablenkung, sondern als Erkenntnisinstrument und Strategie für ein besseres Leben. Erika Freeman hat diesen Humor in einem Leben kultiviert, das ihn eigentlich nicht hätte zulassen sollen. Ein Kind, das seine Eltern verlor und in New York allein sein Leben in die Hand nehmen musste, wurde zu einer Psychoanalytikerin, die die Verletzungen anderer behandelte, während sie ihre eigenen in sich trug. Humor und Schlagfertigkeit haben ihr geholfen, sich eine Wärme im Umgang mit anderen Menschen aufzubauen. Eine Wärme, die sie als Kind schmerzlich vermisste. „Lach auf Kredit – das Leben zahlt es dir zurück. Es ist gesünder als Jammern“, lautet Erikas Credo. Aus ihr spricht die Erfahrung fast eines ganzen Jahrhunderts.

Den Ernst des Lebens zu erkennen und gleichzeitig die Freude am Leben zu zelebrieren – immer gepaart mit Humor, nicht als Ablenkung, sondern als Erkenntnisinstrument und Strategie für ein besseres Leben.

Ich wiederum habe nach 30 Jahren ORF, davon 22 Jahre auch als Moderatorin der ZiB 1, die Entscheidung getroffen, mich mit 53 noch einmal neu zu erfinden. Zwölf Jahre durfte ich das Jüdische Museum Wien leiten und mich mit Dialog und Erinnerung beschäftigen. Ich wollte die Dinge nicht hinnehmen, nur weil sie immer schon so waren, sondern neugestalten und aufbauen. Was Erika und mich verbindet, ist die Überzeugung, dass Menschen wachsen können. Wachsen heißt für uns, die eigenen Schwächen zu kennen, aber nicht darin stecken zu bleiben. Man soll seine eigene Geschichte annehmen, ohne ihr ausgeliefert zu sein. Und immer wieder fragen: Was lerne ich daraus? Wir haben beide gelernt, dass Mut selten als Gefühl kommt. Mut kommt als Entscheidung. Oft ist es nur ein kleiner Schritt, der trotzdem ein Leben verändern kann. Wir sehen das Glas nicht halbleer, sondern halbvoll. Wenn sich ein Traum noch nicht verwirklicht hat, heißt das nicht, dass es nie passieren wird. Für uns beide gilt die Devise: Ein Nein gibt es nicht. Nur ein Noch-nicht.


Mut – von Danielle Spera und Erika Freeman
€ 28,00 / 256 Seiten.
Amalthea Signum Verlag, Wien 2026

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