Wissenschaft sucht nach Erklärungen. Sie widmet sich komplexen Fragestellungen und Problemen, analysiert die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit und Komplexität, überprüft Annahmen an der Realität und versucht, Erkenntnisse auf Grundlage von Fakten zu gewinnen.
Vin Isolde Vogel
Antisemitismus wiederum dient als Erklärung. Damit funktioniert er grundlegend völlig anders. Antisemitische Vorwürfe entspringen nicht der Realität. Nicht das Verhalten von Jüdinnen und Juden, sondern allein die Wahrnehmung, das Denken und Fühlen der Antisemiten produzieren sie. Antisemitismus ist nicht rational. Als „Gerücht über die Juden“ (Adorno) braucht Antisemitismus keinen realen Anlasspunkt. Er basiert auf Mythen, Desinformation und Projektion, bietet einfache Antworten auf komplexe Fragen und identifiziert hinter allem Übel der Welt eine vermeintlich verborgene Macht. Nicht nur alles Jüdische wird abgelehnt, auch alles Abgelehnte wird im Antisemitismus als jüdisch wahrgenommen. Im Unterschied zum Rassismus, der Menschen als unterlegen abwertet, wird im Antisemitismus das eigene Herrschaftsstreben auf Jüdinnen und Juden projiziert, sie als übermächtig imaginiert. Diese irrationale Ideologie hat auch mit dem Größenwahn der Antisemiten selbst zu tun, weil „der Jude“ zum Symbol aller angestrebten, aber verwehrten Dinge wird – und auch aufgrund des eigenen Scheiterns in diesem Streben nach Macht und Bedeutung gehasst wird.
Deswegen haben Antisemiten immer das Gefühl, in Notwehr zu handeln, im Widerstand gegen diese im Verborgenen agierende Macht des Bösen, als Reaktion auf Weltverschwörungsfantasien, aber auch in direkter Reaktion auf und damit zur Legitimation antisemitischer Angriffe. Schon die Nazis setzten diesem imaginierten Bedrohungsszenario vom „allmächtigen Juden“ den Aufruf „Deutsche! Wehrt euch!“ entgegen. Von ihrem Plan der „Endlösung“ bis zum islamistischen Wunsch nach der Auslöschung Israels durch den Märtyrertod nach der Logik „Palestine Will Set Us Free“ mündet der paranoide Wahn des Antisemitismus in letzter Konsequenz in einer Vernichtungsidee – oder der Selbstauslöschung. Und damit wird klar: Der „Kampf gegen Juden“ – oder Israel – ist nicht nur Taktik, sondern droht, als Erlösungsfantasie zum „Endziel“ zu werden. Die Wissenschaft wird dabei zum Gegenpol – ihre Erkenntnisansprüche können die falschen Annahmen der antisemitischen Ideologie grundsätzlich in Frage stellen. Im Antisemitismus wiederum müssen Fakten, wissenschaftliche Komplexität und Uneindeutigkeiten negiert werden. Darin offenbart sich auch der Zusammenhang von Antisemitismus zum Verschwörungsdenken, das wissenschaftlichen Erklärungen eine vermeintlich alternative Wahrheit entgegenstellt. Der Glaube an Verschwörungsmythen verbindet sich dabei mit der Vorstellung verborgener Mächte, die die Ordnung der Welt zu zersetzen drohen. Diese Wissenschaftsablehnung steht in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext und wird besonders in Zeiten globaler Krise auch für die Masse attraktiv. Das zeigte sich etwa während der Covid-Pandemie, als die ideologische wie personelle Verbindung zum Antise- mitismus offenkundig wurde – man erinnere nur an die holocaustverharmlosenden „Impfung macht frei“-Schilder, die antisemitische Schuldumkehr im Sprechchor „Wir sind die Juden“ und antisemitische Symbole wie die gelben Sterne, die an die nationalsozialistische Verfolgung erinnern sollten. Die Behauptung, die Impfung sei ein „Genozid an den Deutschen“, ist bis heute im Rechtsextremismus präsent und offenbart auch begrifflich die wahnhaften Allianzen zum israelbezogenen Antisemitismus verschiedener politischer Couleur: Jüdinnen und Juden das schlimmstmögliche Menschheitsverbrechen vorzuwerfen, ist tradierter schuldabwehrender Antisemitismus. Und dabei kann sich auch der israelbezogene Antisemitismus gegen kritische Forschung richten, wenn diese seinen Behauptungen widerspricht. Wo Antisemitismusforschung pauschal als „zionistische Propaganda“, Forscherinnen und Forscher als „Lobbyisten“ und ihre Erkenntnisse als angebliches Instrument zur Unterdrückung legitimer Kritik diskreditiert werden, wird Wissenschaftsablehnung antisemitisch. Fakt ist, dass Antisemitismus, ebenso wie Verschwörungsdenken und autoritäres und antiemanzipatorisches Gedankengut, zunimmt. Gegen diese Erkenntnisse der Forschung hilft keine Verleugnung oder Externalisierung, die Judenhass immer nur beim politischen Gegner oder nur historisch im Nationalsozialismus – oder überhaupt nicht als aktuelles Problem – zu erkennen vermag. Dass Antisemitismus aktuell wieder zunimmt, liegt auch an der Verharmlosung und Ignoranz gegenüber der antisemitischen Bedrohung der Gegenwart. Wenn die Hemmschwelle sinkt, steigt die reale Bedrohung für Jüdinnen und Juden. Überraschend ist das nicht, ist Antisemitismus doch seit Jahrhunderten Teil von Kultur und auch heute alltäglich und anschlussfähig, besonders in seiner impliziten Form. Zugleich verändern sich die Begriffe stetig. Statt der „jüdischen Weltverschwörung“ wird von einer „zionistischen Lobby“ und „New World Order“ gesprochen, die Denkstruktur bleibt dieselbe. Verbale Angriffe können sich auch gegen die Demokratie und Wissenschaft, gegen Feminismus und Selbstbestimmung richten, dennoch treffen sie in letzter Konsequenz Jüdinnen und Juden. Sie sind Ziel antisemitischer Angriffe, egal ob sie als angebliche „Globalisten“ oder „Woke-Elite“, als „Zionisten“, „Israelis“ oder als „Juden“ adressiert werden. Antisemitismus zu kritisieren muss bedeuten, ihn nicht zu verharmlosen und offen zu sein für Selbstkritik. Das heißt, Einseitigkeit abzulegen, Komplexität, Ambivalenzen und Widersprüche auszuhalten und sich nicht der Polarisierung, sondern einem differenzierten Bild hinzugeben. Gerade hier trägt auch wissenschaftliche Auseinandersetzung Verantwortung. Und sie ist Chance für Aufklärung – und damit Mittel im Kampf gegen Antisemitismus. Vernunft und Rationalität, komplexe Auseinandersetzung und Erkenntnis gegen die Irrationalität und vereinfachende Sicht des Judenhasses. Der Antisemitismus ist im Denken und Fühlen des Antisemiten begründet. Er beruht auf Projektion und hat nichts mit dem Handeln oder der Haltung von Jüdinnen und Juden – oder Israel – zu tun. Judenhass ist ein Problem für Jüdinnen und Juden, aber dieses Problem ist nicht jüdisch.
