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Home Kultur

Ethel Merhaut – von Verdi zu Kreisler

René Wachtel von René Wachtel
20. Oktober 2026
in Kultur, Unterwegs mit

Wenn Ethel Merhaut Werke jüdischer Komponisten singt, erzählt sie deren Geschichte. Nicht belehrend, sondern ganz nebenbei und selbstverständlich. @Rachel Rottmann

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Für diese Ausgabe von „Unterwegs mit …“ treffe ich die Sängerin und Chansonnière Ethel Merhaut. Verabredet haben wir uns auf der Mazzesinsel im Augarten. An einem herrlichen, nicht allzu heißen Sommertag spazieren wir gemütlich durch den Park. Ethel erzählt von ihrem Werdegang, ihren musikalischen Wurzeln und von jenem Menschen, der ihre künstlerische Entwicklung entscheidend geprägt hat: Bela Koreny.

Von René Wachtel

Mit Bela Koreny verbindet Ethel Merhaut eine ganz besondere Beziehung. Er war für sie Lehrer, Mentor und künstlerischer Wegbegleiter. Die erste Begegnung verlief allerdings wenig ermutigend: „Während meines Studiums an der Universität für Musik wurde ich von einer Freundin meiner Mutter Bela Koreny vorgestellt. Ich sang ihm zwei klassische Lieder vor –ziemlich steif, wie ich heute sagen muss. Danach meinte er in seiner ganz eigenen, sanften Art: „Ja, gut, aber geh noch ein bisschen üben.“ Erst nach Abschluss ihres klassischen Gesangsstudiums kreuzten sich ihre Wege erneut, gerade als sie einen anderen Weg einschlagen wollte. „Ich wollte keine Klassik singen. Da traf ich Bela zufällig wieder. Er begann, mit mir zu arbeiten. In der klassischen Musik gibt es feste Regeln, die man an der Universität lernt und befolgen muss. Für das Repertoire, das ich bei Bela kennengelernt habe und das mir bis heute so viel Freude bereitet, musste ich jedoch vieles von meinem Gelernten wieder ablegen. Bela hat mir sozusagen die Uni aus dem Leib gepresst.

Ich habe mich schon immer für Schlager und Chansons der 1930er-Jahre interessiert. Gemeinsam haben wir an der Stimme, am Ausdruck und an der Balance gearbeitet.“ Dieser Entwicklungsprozess dauerte mehrere Jahre. Mittlerweile haben wir im Restaurant Sperling im Augarten Platz genommen. Schnell kommen wir auf Georg Kreisler und Gerhard Bronner zu sprechen. Auch hier spielte Bela Koreny eine entscheidende Rolle. Nach einigen Jahren wollte Bela Koreny wieder einmal einen Kreisler-Bronner-Abend vorbereiten. „Bela fragt mich, ob ich mitmachen möchte. Meine erste Reaktion war: Auf keinen Fall! Das kann ich nicht – das ist etwas für Schauspieler.“ Doch Bela, der Menschen prinzipiell gut überzeugen kann, konnte sich auch bei Ethel Merhaut durchsetzen. Der Abend wurde ein großer Erfolg. Ethel erzählt weiter: „Ich habe auch von den Schauspielern – etwa Karl Markovics oder Wolf Bachofner –unglaublich viel gelernt, auch, wie man Kreisler und Bronner richtig interpretiert. Heute gehören ihre Lieder einfach zu mir.“ Ich spreche sie auf ihre Interpretation des „Opernboogie“ von Georg Kreisler an, die mich immer wieder begeistert. Vor allem ihr unverwechselbarer Sprechgesang bleibt im Gedächtnis: „Der ‚Opernboogie‘ ist wahrscheinlich das Lied, das ich zu jeder Tages- und Nachtzeit singen könnte, wenn man mich aufweckt. Es ist ein Teil von mir geworden“, so Ethel Merhaut.

Während Rachel Rottmann uns für NU fotografiert, sprechen wir über Ethels aktuelle Projekte. In den vergangenen Jahren hat sie sich als eigenständige Künstlerin etabliert. Mit ihrer eigenen Band und zahlreichen Programmen ist sie heute erfolgreich unterwegs. Viele dieser Programme entstehen gemeinsam mit Belush Koreny, dem Sohn von Bela Koreny. „Es ist ein ongoing process. Kunst bedeutet ewiges Lernen. Je länger man ein Lied singt, desto mehr Möglichkeiten und Freiheiten entdeckt man.“ Sie spürt, dass sie sich noch einmal weiterentwickelt hat: „Es hat einige Jahre gedauert, bis ich ein bestimmtes Niveau erreicht hatte. Und vor etwa zwei Jahren hatte ich das Gefühl, noch einmal einen großen Schritt gemacht zu haben.“ Dazu erzählt sie schmunzelnd eine Anekdote: „Vor kurzem hat Bela gnädigerweise kommentiert, dass es jetzt wirklich sehr gut sei. Da dachte ich mir: Wow – entweder hat Bela Fieber oder es stimmt tatsächlich.“ Natürlich kommen wir auch auf ihre jüdischen Programme zu sprechen: „Bei uns zu Hause wurde kein Jiddisch gesprochen. Aber mein Großvater, der aus Russland stammte, nahm mich immer zu den Proben des jüdischen Chors mit. Er war Präsident der Russisch-Jüdischen Gesellschaft. Dort habe ich die Klassiker der jüdischen Musik kennengelernt und mitgesungen.“

Ihr Großvater prägte sie aber noch auf andere Weise: „Als Kind war ich oft bei ihm zu Hause. Er hörte immer laut Schallplatten mit Liedern aus den 1930er-Jahren. Das hat mich nachhaltig beeinflusst. Und wenn ich gesungen habe, sagte er immer: ‚Ethel wird einmal Sängerin.‘“ Wenn sie heute jüdische Lieder singt, spürt sie diese Verbindung ganz besonders. Es sei einfach ein Teil ihrer DNA. Auch deshalb versteht sie sich mit dem Geiger Aliosha Biz so gut. „Er stammt ebenfalls aus Russland – genau wie mein Großvater. Ich glaube, wir sind Seelenverwandte.“ Gemeinsam mit Aliosha Biz und Belush Koreny ist sie derzeit mit dem Programm Waltzing in the Clouds auf Tour. Es ist eine musikalische Liebeserklärung an Wien und an die Wiener Unterhaltungsmusik der 1930er-Jahre. Operette begegnet Chanson, Kabarett trifft Wiener Lied und Schlager. Mit diesem Programm erntet Ethel Merhaut auch in Deutschland großen Applaus. Auch für das kommende Jahr stehen bereits zahlreiche Projekte fest. Gemeinsam mit dem Jewish Chamber Orchestra entsteht das Programm Stadt ohne Juden, basierend auf dem berühmten Roman von Hugo Bettauer und der historischen Verfilmung. Außerdem wird im Herbst endlich ihre neue CD erscheinen – ein Herzensprojekt mit jiddischen Liedern: „Zwei Jahre habe ich daran gearbeitet. Eine CD zu produzieren ist ein wunderschöner Prozess. Von der ersten Idee bis zur fertigen Aufnahme – das ist fast wie eine Geburt.“ Ethel Merhaut beschreibt sich selbst als nicht besonders religiös: „Ich bin kein gläubiger Mensch. Aber das Judentum ist ein Teil von mir. Deshalb haben eigentlich fast alle Programme, die ich mache, in irgendeiner Form mit jüdischer Kultur zu tun.“

Zum Abschluss unseres Gesprächs sprechen wir auch über den 7. Oktober und seine Folgen. Direkten Antisemitismus erlebt sie persönlich nur selten. Dennoch spürt sie eine zunehmende Verunsicherung. Kurz nach dem 7. Oktober fasste sie einen bewussten Entschluss: Sie trägt ihren Magen David (= Davidstern) offen sichtbar – auch bei Konzerten. Wenn sie Werke jüdischer Komponisten singt, erzählt sie deren Geschichte. Nicht belehrend, sondern ganz nebenbei und selbstverständlich. Besonders auf einer Tournee durch das ehemalige Ostdeutschland seien diese persönlichen Erklärungen vom Publikum sehr positiv aufgenommen worden. Langsam neigt sich unser Treffen dem Ende zu. Auch die Wespen machen uns das Verweilen schwer, weil sie unbedingt unsere Getränke mit uns teilen möchten. Also setzen wir unseren Spaziergang durch den Augarten fort. Nach diesem Nachmittag bleibt der Eindruck einer Künstlerin, die Tradition und Gegenwart auf beeindruckende Weise verbindet. Man darf sich schon jetzt auf ihre neuen Projekte und vor allem auf ihre kommende CD freuen.

Die Musikerin, Sängerin und Chansonniere Ethel Merhaut feiert nicht nur in Österreich mit ihren Programmen Erfolge. ©Mato Johannik
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Ein Leben für die Musik

René Wachtel

René Wachtel

lebt in Wien und ist Kultusrat für CHAJ-Jüdisches Leben in der IKG.

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