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Home Aktuell

Hundert Jungfrauen für den Schah von Persien

Gerhard Jelinek von Gerhard Jelinek
28. Juni 2026
in Aktuell, Zeitgeschichte

Jede Woche demonstrieren Exil-Iraner friedlich in Wien und setzen ein Zeichen für einen freien Iran. ©Danielle Spera

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Österreich und der Iran – eine lange Geschichte zwischen Weltausstellung und Waffenschmuggel.

von Gerhard Jelinek

Es war vielleicht nicht die geglückteste Programmauswahl: Im Wiener Carltheater wurde 1873 für den Besuch des Schahs von Persien eine Aufführung der Operette „Hundert Jungfrauen“ vorbereitet.Nāser ad-Din Schāh befand sich 1873 auf einer großen Europa-Reise. Der Herr auf dem legendären „Pfauenthron“ entstammte einem turkmenischen Clan und regierte Persien fast 50 Jahre lang, ehe er 1896 ermordet wurde.

Schah Nāser ad-Din war reiselustig und besuchte in mehreren monatelangen Reisen Europa. Mit den gewonnenen Erkenntnissen begann der Schah die Modernisierung Persiens. Er reformierte das Bank- und Geldwesen und investierte in die praktisch nichtexistierende Infrastruktur des riesigen Landes, das er nach europäischem Vorbild umbauen wollte. Er öffnete Persien für ausländische Investoren, was allerdings zu wirtschaftlicher Abhängigkeit und einer großen Verschuldung des rohstoffreichen Landes führte. Persien hatte damals zwanzig Millionen Einwohner und war keineswegs ein homogener Staat.

Während dieser Europareise besuchte Nāser ad-Din Schāh im Hochsommer 1873 auch die Wiener Weltausstellung. Der Besuch des exotischen Monarchen beflügelte die Begeisterung für das Orientalische unter der Wiener Bevölkerung. So wurde über kaum einen Besuch eines Staatsmannes so blumig berichtet wie über den Gast aus dem sagenhaften Orient. Wien war zwar Kaiserstadt, aber kulturell nicht unbedingt besonders weltläufig. Erst im letzten Moment erkannten die Protokollbeamten, die für den Besuch des Schah eine Gala-Vorstellung einer damals erfolgreichen Revue namens „Fantasea“ vorgesehen hatten, dass den Bösewicht im Stück ausgerechnet ein persischer Fürst personifizieren sollte – eher unpassend.

Die gröbsten Peinlichkeiten anlässlich des ersten Staatsbesuchs eines persischen Schahs in Wien waren somit knapp umschifft. Die angestrebten Handelsbeziehungen der k. u. k. Monarchie zu Persien konnten auf der Weltausstellung angebahnt werden. Im persischen Pavillon, der von der Firma Wertheim mitfinanziert wurde, durften auch österreichische Unternehmen ihre Produkte im orientalischen Glanz präsentieren. Persien selbst exportierte damals hauptsächlich die in allen Wiener Palais und großbürgerlichen Haushalten zu Füßen liegenden „Perserteppiche“. Österreichs Industrie erhoffte sich einen neuen Absatzmarkt.

Von Wien und der Weltausstellung war der Gast eher wenig begeistert. In sein Reisetagebuch schrieb er: „Heute hat man mich in den Riesenbasar geführt, den man Weltausstellung nennt. Dort hat man ein gewaltiges Haus errichtet, mächtige Hallen aufgeführt und mit den Waren aller Völker dieser Erde gefüllt. So ist daraus ein ungewöhnliches gigantisches Basarungeheuer geworden zur Befriedigung der Eitelkeit, wie mir scheint. Was haben die Ungläubigenstädte für kostspielige Vergnügungen. Man spricht von Wien sechs Monate lang, alle Welt reist nach Wien, alle Welt preist Wien – nur so kann ich mir erklären, dass dieser Spaß 17 Millionen wert sein kann.“

Österreich und der Iran unterhielten schon vor dem Besuch Nāser ad-Dins lose diplomatische Beziehungen. 1858 schloss Kaiser Franz Joseph mit dem Schah einen „Freundschaftsvertrag“, nachdem die Habsburger bereits im 16. Jahrhundert Verbindungen zu den Persern geknüpft hatten. Beide Dynastien hatten mit den Osmanen einen gemeinsamen Feind, von dem sich sowohl die Habsburgermonarchie als auch das persische Reich bedroht fühlten. Während des Ersten Weltkriegs wollte sich Persien geografisch zwischen dem Osmanischen Reich, das auf Seiten der Mittelmächte kämpfte, und dem Zarenreich strikt neutral verhalten. Es gelang nicht. Persien wurde auf vielen Fronten in die weltpolitischen Auseinandersetzungen gezogen und konnte die territoriale Integrität nur auf der Landkarte wahren.

Auch im Zweiten Weltkrieg spielte Persien, das sich seit 1935 offiziell Iran nannte, eine strategische Rolle. Obwohl das Land unter Reza Schah Pahlavi wieder neutral bleiben wollte, wurde es 1941 von Großbritannien und der Sowjetunion besetzt. Reza Pahlavi hatte sich vom dominanten britischen Einfluss lösen wollen und deutsche Ingenieure und Berater ins Land geholt. Die Briten und Sowjets befürchteten, der Iran könnte sich politisch an Hitler-Deutschland annähern, und besetzten das Land. Reza Schah Pahlavi musste abdanken. Sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi wurde von den Alliierten auf den Pfauenthron gesetzt, doch zu sagen hatte er wenig. Über den Iran führte eine der wichtigsten Versorgungsrouten, auf der Millionen Tonnen militärischer Ausrüstung von den westlichen Alliierten in die Sowjetunion transportiert werden konnten. 1943 fand in Teheran die Konferenz statt, auf der Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Joseph Stalin die Eröffnung der zweiten Front in Europa und die spätere Landung in der Normandie beschlossen.

Mohammad Reza Pahlavi hatte in den 1960er-Jahren eine besondere Beziehung zu Österreich. Wiederholt besuchte der persische Monarch Wien und erholte sich – etwa 1965 – bei Kuraufenthalten in Bad Gastein als offiziell hofierter Staatsgast, aber auch als Patient von Professor Fellinger, der den Monarchen im Wiener Rudolfinerhaus behandelte. Fellinger galt damals im Nahen Osten als absolute Kapazität. Jeder Besuch des Shahs war freilich auch von teils gewalttätigen Demonstrationen sozialistischer und linker Gruppierungen begleitet.

Auch nach der Machtübernahme der Mullahs 1979 blieben die Verbindungen Österreichs zum Iran intakt. Irans Staatspräsident Mohammad Chatami empfing im Wiener Hotel Sacher Erzbischof Kardinal Schönborn, der wiederum in halboffizieller Funktion den Iran bereiste und dort auch mit dem Revolutionsführer Ayatollah Ali Chamenei zusammentraf. In der Zeit, als der Iran wegen seines Atomprogramms international isoliert war (2005–2013), fungierte Österreich für den Iran als politisches Tor zu Europa. Die Atomverhandlungen, die schließlich zur Beendigung der internationalen Isolation führten, fanden dann auch in Wien statt. Nach Abschluss des Abkommens besuchten Anfang September 2015 Bundespräsident Heinz Fischer, Außenminister Sebastian Kurz und Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl gemeinsam mit einer 220 Mitglieder zählenden Wirtschaftsdelegation die Islamische Republik Iran. Heinz Fischer sah sich in der Rolle eines „Eisbrechers“. Von Israel und den USA hagelte es heftige Kritik an der Reise. Es war dies der erste offizielle Besuch eines westlichen Staatsoberhaupts seit dem Jahr 2004. Vielleicht nicht untypisch: Auch der letzte offizielle Staatsgast im Iran vor der Isolation des Staates und seiner Mullah-Führung war ein Österreicher, Thomas Klestil. Heinz Fischer und Präsident Mohammed Khatami waren 2015 schon alte Bekannte, denn der iranische Präsident hatte Fischer 2002 in seiner Funktion als Parlamentspräsident im Hohen Haus am Ring besucht.

In diesem Zusammenhang ist auch über die geheimen Waffengeschäfte Österreichs an den Iran zu berichten. Anfang Juli 1985 hatte der österreichische Botschafter in Athen, Herbert Amry, das österreichische Außenministerium wiederholt über Hinweise auf illegale österreichische Waffenexporte in den Iran informiert. Er hatte bei einer internationalen Waffenmesse in Griechenland Manager des staatlichen „Noricum“-Konzerns bei Verhandlungen mit Kunden aus kriegführenden Staaten beobachtet. Die VOEST-Tochter „Noricum“ stellte Artilleriekanonen her und verkaufte diese via Jordanien an den Irak und den Iran. Die Geschütze kamen auf beiden Seiten der Front im irakisch-iranischen Krieg zum Einsatz. Am 12. Juli 1985 starb der 46-jährige Amry, nachdem er zuvor seinen Presseattaché Ferdinand Hennerbichler gewarnt hatte, dass man sie beide umbringen wolle, weil sie illegale Waffengeschäfte aufgedeckt hatten. Offiziell wurde als Todesursache Herzversagen angegeben. Die Leiche wurde ohne Obduktion eingeäschert. Ob es tatsächlich ein Mord war, ist bis heute nicht geklärt. Im August 1985 konnten Reporter der Zeitschrift „Basta“ in einem jugoslawischen Adriahafen Fotografien von einer Ladung Kanonen, die für den Iran bestimmt waren, anfertigen. Der „Noricum-Skandal“ poppte auf. Die SPÖ-Politiker Fred Sinowatz, Leopold Gratz und Karl Blecha wurden später angeklagt. Karl Blecha wurde 1993 wegen „Urkundenunterdrückung“ rechtskräftig zu einer bedingten Haftstrafe von neun Monaten verurteilt.

Die Beziehungen zwischen Österreich und dem Iran wurden auch durch die iranische Diaspora nach der islamischen Revolution im Jahr 1979 gestärkt. Schon in den 1970er-Jahren gab es eine iranische Studenten-Community in Wien. Nach 1979 flohen viele Gegner des neuen islamistischen Regimes nach Österreich. Schätzungen gehen von rund 35.000 Personen aus, die Wurzeln im Iran haben. Die iranische Community in Wien gilt als gebildet und säkular, politisch sind die Iraner in Wien sehr heterogen.

Die Europa-Reise von Nāser ad-Din Schāh endete 1873 in Wien. Das Publikum bekam einiges an orientalischer Pracht zu sehen. Die k. u. k. Beamten hatten es mit der 500 Mitglieder großen persischen Delegation allerdings nicht ganz leicht, wie die „Neue Freie Presse“ erfuhr: „Die Festsetzung des Programms für alle Feierlichkeiten macht unseren Hofbeamten nicht geringe Sorge. Der Schah liebt es nämlich, gewöhnlich erst in letzter Stunde seine Wünsche zum Ausdruck zu bringen und sich nicht einer bestimmten, vorgezeichneten Zeremonie zu bequemen.“ Das waren aber vergleichsweise geringe Probleme.

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„Die Menschen im Iran warten auf ihre Chance“

Gerhard Jelinek

Gerhard Jelinek

Gerhard Jelinek arbeitete mehr als 30 Jahre im ORF, u.a.als Sendungsverantwortlicher und Gestalter für „Dokumentation und Zeitgeschichte“, „Report“ oder „Pressestunde“. Im November erscheint sein neues Buch 1924 – der Beginn der fabelhaften Zwanziger.

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