Kommentar von Richard C. Schneider
Laut dem «World Happiness Report» gehört Israel zu den zehn glücklichsten Ländern der Welt. Europa kann sich davon einiges abschauen.
Wer in Tel Aviv Taxi fährt, der wird seinen Fahrer fluchend erleben. Über den Krieg. Über die Regierung. Über den Stau sowieso. Möglicherweise wird der Fahrer danach in ein hysterisches Lachen ausbrechen. So, als hätte er eben nicht die politische Apokalypse des Landes beschrieben. «Was soll man machen?», wird er achselzuckend sagen. «Jihije beseder», «Es wird schon alles gut werden».
Genau dieser Satz könnte das inoffizielle Motto Israels sein. Denn während viele Europäer glauben, Glück entstehe vor allem aus Ruhe, Stabilität und planbarer Sicherheit, beweist Israel seit Jahren das Gegenteil. Das Land befindet sich im «World Happiness Report» unter den zehn glücklichsten Staaten der Erde. Genauer gesagt auf Platz acht.
Ein Land, dessen Bürger regelmässig in Schutzräume rennen, schneidet bei der allgemeinen Lebenszufriedenheit besser ab als die meisten friedlichen Wohlstandsgesellschaften Europas. Und die Daten des Glücksberichts zeigen seit Jahren eine erstaunliche Konstanz. Israel positioniert sich auf den oberen Rängen der Weltgemeinschaft.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, warum Israel trotz Krise glücklich ist. Sondern ob viele westliche Gesellschaften Glück womöglich grundsätzlich falsch verstanden haben.
Die Methodik des «World Happiness Report»
Der Weltglücksbericht misst keineswegs Dauerlächeln oder mediterrane Ausgelassenheit. Gemessen wird vielmehr die allgemeine Lebenszufriedenheit anhand der sogenannten Cantril-Leiter: Menschen bewerten ihr Leben insgesamt zwischen null und zehn. Es geht damit weniger um den kurzfristigen emotionalen Zustand als um die tieferliegende Einschätzung, ob das eigene Leben über Sinn, Stabilität und eine soziale Verankerung verfügt. Genau dort liegt Israels Stärke.
Israel funktioniert anders als viele westliche Individualgesellschaften. Das Land besitzt eine fast archaisch wirkende Dichte sozialer Bindungen. Familien sind nicht bloss Verwandtschaftsverhältnisse, sondern ein permanentes Betriebssystem des Alltags. Eltern, Kinder, Tanten – sie telefonieren ständig miteinander, essen gemeinsam, streiten laut und organisieren das Leben kollektiv. Während in vielen europäischen Grossstädten Menschen kaum mit ihren Nachbarn sprechen, wird in Israel noch diskutiert, geschrien
und geholfen. Sozialwissenschafter sprechen von «sozialem Kapital».
Hinzu kommt eine bemerkenswerte Kultur gegenseitiger Verantwortung. Das beginnt bereits im Militärdienst, den ein Grossteil der jungen Bevölkerung absolviert. Wer gemeinsam Krisen erlebt, entwickelt Bindungen, die tiefer reichen als lockere Bekanntschaften aus dem Büro oder dem Fitnessstudio. Die meisten Israelis wissen, dass sie sich im Ernstfall auf andere verlassen müssen. Das erzeugt statt Stress paradoxerweise vor allem Vertrauen. Die Gesellschaft ist dadurch emotional dicht verdrahtet.
Es wäre grotesk, den Ausnahmezustand deswegen zu verklären. Der Terror des 7. Oktober 2023, die Geiselnahmen und die folgenden Kriege haben tiefe Wunden hinterlassen. Psychologen weisen seit Jahren darauf hin, dass der Glücksindex die unmittelbaren Folgen von Traumata nur begrenzt abbildet, weil er mit mehrjährigen Durchschnittswerten arbeitet. Niemand sollte daher aus dem Glücksbericht den zynischen Schluss ziehen, die Israelis seien gern im Krieg. Das Gegenteil ist der Fall.
Existenzangst und Lebenshunger treffen aufeinander
Doch die israelische Krisenkultur unterscheidet sich von der europäischen. Israel verdrängt Krisen nicht, sondern integriert sie in den Alltag. Genau darin liegt ein zentraler Unterschied zu Gesellschaften, welche die Unsicherheit vollständig auszuschliessen versuchen. Und gerade deshalb an ihr zerbrechen, sobald sie auftaucht.
In Israel existiert eine bemerkenswerte Fähigkeit zur emotionalen Parallelverarbeitung. Menschen gehen demonstrieren und anschliessend feiern. Sie diskutieren erbittert über Politik und sitzen am Abend gemeinsam beim Essen. Sie leben mit Bedrohungen und planen gleichzeitig Startups, Hochzeiten und Strandferien. Der israelische Alltag schwankt ständig zwischen Existenzangst und Lebenshunger. Aussenstehende halten diese Gleichzeitigkeit oft für irrational. Tatsächlich handelt es sich möglicherweise um eine hochentwickelte Form gesellschaftlicher Resilienz.
Auch wirtschaftlich unterscheidet sich Israel von vielen europäischen Staaten. Das Land besitzt eine enorme technologische Dynamik. Die Startup-Kultur ist legendär. Innovation wird nicht nur wirtschaftlich gefördert, sondern kulturell bewundert. Scheitern gilt weniger als Makel denn als Erfahrung. Diese Mentalität erzeugt eine Atmosphäre permanenter Aktivität. Während Teile Europas im Modus regulatorischer Vorsicht verharren, herrscht in Israel ein beinahe improvisatorischer Zukunftsoptimismus.
Hinzu kommt etwas, was in vielen westlichen Gesellschaften zunehmend verlorengeht: ein Gefühl kollektiver Bedeutung. Israelis empfinden ihr Land bei allen inneren Konflikten als gemeinsames historisches Projekt. Diese emotionale Aufladung schafft Sinn. Und Sinn wiederum ist ein zentraler Faktor für Lebenszufriedenheit. Der moderne Westen dagegen produziert eine seltsame Mischung aus Wohlstand und Orientierungslosigkeit. Menschen leben sicherer, als es jede Generation zuvor je tat, doch sie fühlen sich entwurzelt und isoliert. In Israel ist die Lage gefährlicher, doch viele Menschen fühlen sich eingebunden.
Der Humor der Israelis ist eine Überlebensstrategie
Auch die politische Dauerkrise erzählt davon. In Europa gelten Massendemonstrationen als Zeichen gesellschaftlicher Erosion. In Israel werden sie als Ausdruck der demokratischen Vitalität verstanden. Als Mass der gesellschaftlichen Beteiligung. Das Land lebt in einer permanenten Überhitzung. Aber es lebt.
Vielleicht erklärt das auch den oft verblüffenden israelischen Humor. Wer in einem Café in Tel Aviv Gesprächen lauscht, stösst auf eine Mischung aus Sarkasmus, Selbstironie und schwarzem Humor, die in vielen Ländern als therapiebedürftig gelten würde. Doch Humor ist in Israel keine Flucht vor der Realität, sondern eine Überlebenstechnik. Man lacht nicht, weil alles gut ist. Man lacht, damit nicht alles zu schwer wird.
Interessanterweise bestätigen psychologische Studien seit Jahren, dass Menschen nicht allein durch Komfort glücklich werden. Entscheidend sind soziale Beziehungen, das Gefühl von Sinn, Gemeinschaft und Wirksamkeit. Genau darin besitzt Israel trotz allen Widersprüchen erstaunliche Ressourcen.
Israel ist kein Paradies. Die sozialen Spannungen sind enorm, die politischen Lager teilweise unversöhnlich, die Sicherheitslage mehr als fragil. Und dennoch entsteht aus diesem permanenten Druck offenbar eine Form kollektiver Widerstandskraft, die viele hochentwickelte Gesellschaften verloren haben.
Eine Erkenntnis für Europa
Europa könnte daraus tatsächlich etwas lernen. Nicht den Ausnahmezustand. Nicht die Militarisierung. Nicht die Konflikte. Sondern die Erkenntnis, dass Glück möglicherweise weniger mit vollständiger Sicherheit zu tun hat als mit der Fähigkeit, Unsicherheit gemeinsam auszuhalten. Viele westliche Gesellschaften wirken heute emotional erschöpft, obwohl sie recht stabil sind. Israel dagegen erscheint emotional sicher, obwohl die Lage instabil ist. Dieses Paradox lässt sich nicht statistisch erklären. Vielleicht, weil Glück letztlich kein Zustand ist, sondern ein Gefühl.
Möglicherweise ist genau das die eigentliche Pointe des israelischen Glücksrankings: Nicht die Abwesenheit von Problemen macht Menschen resilient, sondern die Qualität ihrer Bindungen mitten im Chaos. Die Taxifahrer aus Tel Aviv hätten dafür vermutlich eine kürzere Erklärung. Sie würden wahrscheinlich wieder fluchen, lachen und schliesslich sagen: „Das Leben ist kompliziert. Aber so ist das Leben.“
