Nathan und Mark sezieren die Empörungsrituale der Saison und fragen, was Boykott noch bedeutet. Sollte man da nicht mitmachen? Ein Gespräch über Haltung und die Erkenntnis, dass Desinteresse manchmal auch eine ist.
von VON NATHAN SPASIC UND MARK NAPADENSKI
Mark: Eurovision, Fußball-WM, Olympia. Die Großveranstaltungen der ethisch Beunruhigten häufen sich geradezu. Reden wir, der Vollständigkeit halber, über Boykott.
Nathan: Meinst du das Lieblingshobby jener empörten Akademiker, die ihre Integrität so lange spazieren führen, bis sie beim Sonderangebot zusammenbricht? Während die Queers for Palestine im Berghain kolumbianisches Kokain konsumieren und Israel wahlweise für den Klimawandel oder Schneefall im Winter verantwortlich machen.
Mark: Ganz genau! Der ethische Anspruch verdunstet, noch bevor er formuliert ist. Dabei wäre es so einfach: den Tellerrand nicht durch Substanzkonsum, sondern durch gelegentlichen Gebrauch des Intellekts erweitern. Wie beim ESC in Basel letztes Jahr. Eine Pop-Operette als Kriegsersatzhandlung, quasi diplomatischer Nebenkriegsschauplatz mit Glitzer. Es ist wirklich erbärmlich, was sich da abspielte.
Nathan: Geopolitik in Pailletten, sozusagen. Doch eigentlich eher eine PLO-Vollversammlung mit besseren Outfits. Österreich darf auch diesmal mitspielen. Boykott bleibt das letzte Instrument der Machtlosen, denn wer nichts bewegen kann, bewegt wenigstens sein Gewissen. Kostet nichts, fühlt sich trotzdem nach Haltung an und lässt sich hervorragend in sozialen Medien dokumentieren.
Mark: Ähnliches gilt für die Fußball-WM in den USA, auch wenn das ein anderes Kaliber ist. Wobei, wir sind ja beide keine ausgewiesenen Fußballenthusiasten. Oder täusche ich mich da?
Nathan: Mein Großvater war einst Direktor von Partizan Belgrad. Er wäre schwer enttäuscht über mein vollständiges Desinteresse am Ballsport.
Mark: Na ja … Gelegentlich lässt du dich immerhin zu einer Tennisrunde bei der UNO-City überreden. Sport und Diplomatie waren schon immer dasselbe Milieu, nur mit unterschiedlichem Schuhwerk.
Nathan: Auf dem Sportplatz genieße ich lieber die Aussicht auf Menschen, die sich für etwas abmühen, das mich nicht betrifft. Das hat auch eine gewisse Würde.
Mark: Dein Boykott entspringt also keiner tief verwurzelten Ideologie, sondern schlicht gepflegtem Desinteresse?
Nathan: Ich schließe mich der stillen Phalanx der Sportbanausen an. Wir sind zahlreicher, als man denkt, und organisieren uns naturgemäß nicht, das wäre ja auch irgendwie Sport.
Mark: Und in der Kultur sieht es nicht viel besser aus. Eine der traurigsten Entwicklungen unserer Generation ist der Ruf nach der moralisch gesäuberten Bühne. Wohin ist die Freude an der Kontroverse? Das Interesse an der gegnerischen Position, am Reibungswiderstand des Anderen?
Nathan: Der Untergang des Abendlandes, diesmal mit digitaler Unterschriftenliste und Social-Media-Postings.
Mark: Und doch gibt es Hoffnung, wenn auch perverser Art. Die Rechten lesen jetzt Gramsci, die Linken lesen Spengler, alle lesen wieder Carl Schmitt. Each One Teach One, voneinander lernen, notfalls auch widerwillig und mit zusammengebissenen Zähnen.
Nathan: Na wie passend, der schrieb ja auch antisemitische Texte und leistete treue Dienste im NS-Regime, schon ab 1933. Wer heute nach Boykott ruft, meint morgen Bücherverbrennung. Den Zwischenschritt überspringt man der Effizienz halber.
Mark: Ja, und so erodiert das, was vom intellektuellen Substrat unserer Gesellschaft übrig gelieben ist. Eine Schande für alle, die sich um eine pluralistische, offene …
Nathan: … und aufgeklärte!
Mark: … Gesellschaft bemühen. Die wenigstens so tut, als ob.
Nathan: Immerhin bleiben wir uns keine Kontroverse schuldig. Zwei junge Männer, null Interesse an Fußball, dafür ein Faible für Kultur und Streitgespräche.
Mark: Das letzte Mal echte Hochkultur erlebten wir gemeinsam bei einer Produktion am Hamakom, wenn ich mich recht entsinne. Das liegt bereits einige beschämend vergangene Jahre zurück.
Nathan: Da irrst du, mein Lieber! Es gibt kaum etwas Kultivierteres als eine NU-Redaktionssitzung. Nur selten wird auf so engem Raum so kenntnisreich und so leidenschaftlich diskutiert.
Mark: Da gebe ich dir vollkommen recht. Wie dem auch sei, nu, geh ma endlich Tennis spielen. Das tut uns sicher gut.
Nathan: Vermutlich schon … Aber weißt du, ich boykottiere das Tennis heute. Nicht aus Überzeugung, nicht aus Protest, nicht einmal aus Faulheit, sondern aus Prinzip. Irgendwer muss ja konsequent inkonsequent bleiben.
Mark: Also gut, dann finde ich mir eben einen anderen Schmock.
Nathan: Tu das. Ich bleibe hier und verteidige die Zivilisation – mit einem Espresso, einer Polemik und dem guten Gewissen, wenigstens keinen Filzball unterstützt zu haben.
