Der US-Schauspieler und Podcaster Jonah Platt hat einen Plan für die jüdische Zukunft formuliert. Seine Thesen: Weniger Abwehr, sondern Aufbruch.
Die jüdische Welt steht an einem Scheideweg. Antisemitismus nimmt zu, Teile der westlichen Linken radikalisieren sich, Assimilation und demografischer Rückgang schwächen jüdische Gemeinschaften. Zugleich erleben wir seit dem 7. Oktober eine neue Bereitschaft, sich zum Judentum zu bekennen, jüdisches Leben zu stärken und in seine Zukunft zu investieren. Die Antwort, so meint der amerikanische Schauspieler, Autor und Podcaster Jonah Platt, darf nicht Rückzug und Defensive sein. In seinem Podcast „Being Jewish“ hat er dafür einen Plan formuliert, der sich auf Viktor Frankl beruft. Auch unter schwierigen Bedingungen bleibt dem Menschen die Freiheit, seine Haltung zu wählen. Sehen wir nur den Niedergang oder auch die Chance zu einem Neubeginn? Platts Ziel ist ein neues Goldenes Zeitalter jüdischen Lebens: selbstbewusst, sichtbar, geeint, innovativ, offen. Im Kern geht es um einen Wechsel der Grundhaltung. Die jüdischen Gemeinschaften sollen sich von einer Identität, die vor allem auf Bedrohungen reagiert, hin zu einer Gemeinschaft entwickeln, die ihre Zukunft aktiv gestaltet.
Infrastruktur für die Zukunft
Ein erster Themenblock in den Thesen von Jonah Platt betrifft die gesellschaftlichen Räume, in denen jüdisches Leben entsteht und weitergegeben wird. Bei der technologischen Zukunft, vor allem der künstlichen Intelligenz, dürfe sich nicht wiederholen, was jüdische Organisationen bei Social Media zu lange unterschätzt haben: Wissenschaftler, Unternehmer und Techniker sollen sich vernetzen, damit KI der Wahrheitsfindung dient, statt alte Vorurteile in neuer, scheinbar objektiver Form zu reproduzieren. Jüdische Schulen, Kindergärten und Jugendorganisationen wiederum müssten nicht nur leistbarer, sondern so gut werden, dass Familien sie aus Überzeugung wählen, nicht aus Pflichtgefühl. Und jeder Einzelne, appelliert Platt, solle sich fragen, was er mit seinem Beruf, seinen Fähigkeiten und Netzwerken zum jüdischen Leben beitragen kann – nicht nur durch Spenden, sondern durch Know-how, Zeit und Kreativität.
Sichtbarkeit und Stimme
Film, Fernsehen, Literatur und Popkultur prägen gesellschaftliche Einstellungen stärker als politische Kampagnen. Allzu oft erscheinen Juden dort nur als Opfer der Schoah, als Vertreter Israels oder als Gegenstand antisemitischer Debatten. Was fehlt, sind Geschichten über jüdischen Alltag, Familien, Humor, Liebe – Sichtbarkeit, die Nähe schafft und Vorurteile abbaut. Dazu gehört für Platt auch politische Beteiligung: Juden sollen sich verstärkt um Ämter in Gemeinden, Schulbehörden und Parlamenten bemühen, denn wer nicht mit am Tisch sitzt, läuft Gefahr, Gegenstand fremder Entscheidungen zu werden.
Bündnisse und Verantwortung
Mit einem Bevölkerungsanteil von weit unter einem Prozent brauchen jüdische Gemeinschaften verlässliche, nichtjüdische Partner – Beziehungen, die nicht erst nach einem Terroranschlag gesucht werden dürfen, sondern vorher wachsen müssen. Hier braucht es Begegnung und Solidarität, die keine Einbahnstraße ist. Auch das Verhältnis zwischen Israel und Diaspora gehört für Platt neu gedacht: Umgekehrt müsse Israel stärker anerkennen, dass sein Handeln unmittelbare Auswirkungen auf jüdisches Leben in Wien, Paris oder New York hat, ohne Israel damit für Antisemitismus verantwortlich zu machen. Verantwortlich seien allein die Täter.
Wachsen und öffnen
Eine schrumpfende jüdische Bevölkerung gefährdet langfristig alle anderen Ziele. Platt plädiert daher für Offenheit gegenüber Übertritten, patrilinearen Juden, interreligiösen und LGBT-Familien. Dieser Vorschlag Platts ist im liberalen und säkularen amerikanischen Judentum breit konsensfähig. Gerade hier verläuft aber eine der tiefsten innerjüdischen Bruchlinien, denn dieser Vorschlag stimmt mit den Gesetzen des Judentums nicht überein und wird in weiten Teilen der Orthodoxie abgelehnt. Verbunden ist der Vorschlag mit besserer medizinischer, sozialer und finanzieller Unterstützung für Familien mit Kinderwunsch, wobei Platt betont, dass Familiengründung eine höchst persönliche Entscheidung bleiben müsse, der man keinen Druck geben dürfe.
Widerspruch und Freude
Antisemitische Aussagen, ob von rechts, von links oder aus religiösem Extremismus, dürfen nicht unwidersprochen bleiben, auch wenn sie sich in vermeintlich fortschrittlicher Sprache präsentieren. Kritik an einer israelischen Regierung ist legitim, Dämonisierung und doppelte Maßstäbe sind es nicht. Doch jüdische Identität dürfe nicht mit der Abwehr des Antisemitismus beginnen und enden. Musik, Sprache, Essen, Feiertage, Humor sollen mit Freude gelebt werden, weil jüdisches Leben einen eigenen Wert besitzt. Schutz bewahrt Leben, Freude gibt ihm Sinn.
Der wichtigste Punkt
Am Ende steht für Platt die jüdische Einheit: „JEWnity“. Das soll nicht politische oder religiöse Gleichförmigkeit bedeuten, sondern das Bewusstsein einer gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft über die Gräben zwischen Orthodoxen, Konservativen, Liberalen und Säkularen hinweg. Gerade nach dem 7. Oktober sei sichtbar geworden, wie gefährlich innere Zerrissenheit sein kann und welche Kraft aus Solidarität entsteht. Platts Plan ist kein fertiges politisches Programm; manche Formulierungen sind bewusst zugespitzt und müssten an europäische Verhältnisse angepasst werden. Sein Kerngedanke aber verdient Beachtung: Die Zukunft jüdischen Lebens darf nicht allein von Antisemiten bestimmt werden. Eine Gesellschaft, in der Jüdinnen und Juden ihre Symbole verbergen und Synagogen nur hinter Sicherheitsschleusen betreten, kann sich nicht mit dem bloßen Fortbestand jüdischen Lebens zufriedengeben. Das Ziel muss höher liegen: ein jüdisches Leben, das sicher, sichtbar, vielfältig und von Freude getragen ist. Die unbequemsten von Platts Thesen sind dabei nicht die, die sich gegen Antisemiten richten, sondern jene, die nach innen zielen: die Frage, wer zur Gemeinschaft gehört, und der Wunsch nach mehr jüdischen Kindern. Beides berührt Fragen von Halacha, Identität und persönlicher Freiheit. Gerade daran wird sich zeigen, ob aus Platts Optimismus mehr wird als eine Stimmung, nämlich eine tragfähige Einheit trotz echter Differenz. Ob daraus ein neues goldenes Zeitalter wird, bleibt offen. Sicher ist nur: Von selbst wird es nicht kommen. Es braucht Bildung und Kultur, Technologie und Politik, Verbündete und innerjüdische Solidarität. Vor allem Menschen, die sich entscheiden, diese Zukunft gemeinsam aufzubauen.
Jonah Platt, 1986 in Los Angeles geboren, wurde als Broadway-Darsteller bekannt. Nach dem 7. Oktober wurde aus seinem bis dahin nebenbei betriebenen Engagement ein wöchentlicher Podcast: „Being Jewish with Jonah Platt“. Mit diesem Podcast entwickelte sich Platt zu einer der meistgehörten jüdischen Stimmen der USA. Er ist Sohn des Filmproduzenten Marc Platt und Bruder des Schauspielers Ben Platt.

