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Angst um die Juden in Europa

Anne-Catherine Simon von Anne-Catherine Simon
12. Oktober 2026
in Aktuell, Jüdisches Leben

Wie sicher ist jüdisches Leben in Europa und wie wird die Zukunft aussehen? ©Deborah Engelberg

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Nora Bussigny schleuste sich für ihr Buch Die neuen Antisemiten undercover ein Jahr lang in Frankreichs linksradikale Szene ein. Ein Gespräch über deren Allianzen mit Islamisten, die buchstäbliche Jagd auf Juden und die Verherrlichung des Terrors.

Von Anne-Catherine Simon

Wer noch keine Angst um die Juden in Europa hatte, der lernt sie in Frankreich, in Belgien, lernt sie mit dem leider noch nicht auf Deutsch erschienenen Buch Die neuen Antisemiten von Nora Bussigny. Die frankomarokkanische Journalistin hat ein Jahr lang undercover im linksradikalen Milieu, vor allem in Frankreich, ermittelt; heute benötigt sie bei jedem Auftritt Personenschutz. Ihr Buch führt in Gerichtssäle, in denen radikale Grüne und LGBT-Aktivisten einen islamistischen Terrorbefürworter unterstützen. An Unis, in denen Pro-Palästina-Slogans neben Hakenkreuzen prangen und jüdische Studentinnen und Studenten ausgeschlossen, ja buchstäblich gejagt werden. Zu Trotzkisten, staatlich geförderten LGBT-Vereinen und Abgeordneten der linksradikalen Partei Mélenchons, die den Terror der Hamas gutheißen. Zu homophober und sexueller Gewalt auf „Antirassismus“-Demos und „antirassistischen“ Influencern mit Verbindungen zum iranischen Regime. Zum „Marsch der Frauen“, bei dem Feministinnen iranische und jüdische Frauengruppen als „Faschisten“ vertreiben, weil diese an die weiblichen Opfer des 7. Oktober und des iranischen Regimes erinnern. Bussignys Buch zeigt: Es ist nicht so schlimm, wie die größten Pessimisten vor Jahren fürchteten – es ist schlimmer. Mittlerweile ist das Buch in Frankreich ein Bestseller.

Ihre Recherchen führten Sie nicht nur in linksradikale Versammlungen, sondern an unterschiedlichste Orte, auch in Gerichtssäle. Welche linksradikalen Gruppierungen waren das, die dort den islamistischen Prediger Elias d’Imazalène unterstützten, der zur Intifada von Paris bis Gaza aufgerufen hat?

Da waren radikale Grüne und die „Junge Antifaschistische Garde“, das ist eine polizeifeindliche und antifaschistische Bewegung, die von der französischen Regierung wegen Gewalttätigkeit verurteilt worden ist. Da waren libertäre und anarchistische Feministinnen, auch LGBT-Aktivisten. Sie alle sahen in d’Imazalène einen Märtyrer der palästinensischen Linken.

Sie erzählen von einer Studentin an der Universität Sorbonne, die aggressiv bedrängt wurde, weil sie ein ungesäuertes Brot in der Hand hielt. Von jüdischen Studenten, Gegnern Netanjahus, die auf dem Campus als „Zionisten“ ausgeschlossen, sogar körperlich verfolgt werden. Von ganzen Unis wie der politisierten Eliteuni Sciences Po oder der Freien Universität Brüssel, die für Juden zu Orten der Angst geworden sind …

Ja, ich habe viele Erfahrungsberichte gesammelt. Das Gleichstellungsministerium hat danach Umfragen durchgeführt, die das Ausmaß bestätigt haben. Jüdische Studenten äußern sich nicht mehr politisch, sie verbergen ihre jüdische Identität, sie werden mithilfe schwarzer Listen ausgeschlossen, verbal und körperlich attakkiert. Viele wechseln den Studiengang, die Hochschule oder ins Fernstudium.

In Ihrem Buch erzählen Sie auch von der Hetze von Schülern gegen jüdische Mitschüler. Da ist etwa das Mädchen Ines, das von Klassenkameraden verfolgt wurde, weil es Jüdin ist. Sie musste die Schule wechseln, woraufhin ihre Ver- folger mittels Social Media mit neuen Mitschülern Kontakt aufnahmen und die Hetze weiterging. Ines musste noch einmal die Schule wechseln. Die Eltern haben geklagt, schreiben Sie in Ihrem Buch. Was ist seitdem passiert?

Vergessen wir nie: Frankreich ist das Land, in dem eine Zwölfjährige von Klassenkameraden vergewaltigt wurde, weil sie Jüdin ist, und zwar ausdrücklich im Namen des Kampfes für Palästina. Wir sind dieses Land. Im Fall von Ines wurde der Haupttäter mittlerweile verurteilt, zumindest die Justiz funktioniert. Für Ines hatten sich beide Schulleitungen engagiert, doch der Druck ist massiv. Auch die Dienstwohnung eines Direktors wurde verwüstet.

Als Klebstoff für die Allianzen zwischen radikalen Linken und teils islamistischen Hamas-Verherrlicher dienen der Pro-Palästina-Aktivismus, der Hass auf den „imperialistisch-kolonialistischen“ Westen, vor allem aber ein gemeinsamer Feind, die „Zionisten“; oft einfach ein Synonym für: die Juden. Verstehen Sie die irre Logik hinter diesen Bündnissen?

Es gibt zwei Schlüssel dazu. Das eine ist die „Konvergenz der Kämpfe“, wie der Slogan in Frankreich heißt, nach dem Prinzip der Intersektionalität. Dabei hat sich eine Hierarchie der Diskriminierungen gebildet. Die Sache der Palästinenser wird als absolut angesehen, sie steht über allen anderen Anliegen. Mir sagen Aktivisten: „Ja, es gibt in unseren Reihen Männer, denen sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden, Personen, die sich LGBT-feindlich geäußert haben, Personen mit einer rechtsextremen Vergangenheit – aber wir sind hier versammelt, weil es eine dringende Sache gibt, und diese dringende Sache ist ein Genozid.“

Der zweite Schlüssel?

Zweitens muss man das Spektrum der radikalen Linken verstehen. Es handelt sich um extrem zersplitterte Bewegungen: radikale Grüne sind ebenso dabei wie Leute vom Schwarzen Block, polizeifeindliche Bewegungen, Entkolonialisierungsbewegungen. Was sie gemeinsam haben, sind die Ablehnung demokratischer Institutionen und des Staates als solchen sowie der Wille, die demokratischen Institutionen zu destabilisieren. Das ist die gleiche Vorgehensweise wie bei den Muslimbrüdern, dieselbe Ablehnung des Westens.

Wurde die Position der Juden in dieser Hierarchie der Diskriminierungen explizit diskutiert?

Die „Radical Pride“ 2022 hat das Problem sehr verdeutlicht. Es ist eine Gegen-Pride, weil die normale Pride als zu kapitalistisch, zu imperialistisch, zu wenig inklusiv angesehen wurde. Sie hat immerhin 40.000 Menschen versammelt. Ich war undercover dort und mit anderen beauftragt, die Teilnehmer zu sortieren: Vorne gingen die „Rassifizierten“, hinten die „Weißen“, „Privilegierten“. Die Organisatoren hatten aber ein Problem, sie sagten sich: „Mist, wo sollen wir die Juden unterbringen? Ist das jetzt eine unterdrückte oder eine privilegierte Gruppe? Ist der Jude eine rassifizierte Person oder nicht?“ Am Ende beschlossen sie: Die Juden sollen mitgehen, wo sie wollen, wir können sie nicht eindeutig den Unterdrückern oder Unterdrückten zuordnen. Seit dem 7. Oktober ist klar: Der Jude wird als privilegiert und nicht als „rassifiziert“ angesehen.

In dem Buch kommen etliche, sehr militante Lehrkräfte an den Unis vor. Einer, Julien Perry, veröffentlichte eine schwarze Liste von Zionisten. Ist der Anteil linksradikaler Lehrkräfte an den Unis so hoch?

Sie bilden eine eher kleine, aber sehr lautstarke Gruppe. Das Problem ist jedoch, was sie den Studierenden sagen, was sie ihnen durchgehen lassen. Die schlimmsten Zustände habe ich nicht in den USA an der Columbia University erlebt, sondern an der Freien Universität Brüssel. Das eigentliche Problem sind nicht die Lehrenden, sondern dass linksradikale Organisationen wie Samidoun (Samidoun Palestinian Solidarity Network, eine Vorfeldorganisation der Volksfront zur Befreiung Palästinas, Anm.) es schaffen, die Universitäten zu unterwandern, studentische

Mobilisierungsbewegungen auszunutzen und zu radikalisieren. Wenn man dann kein pädagogisches Team aus Lehrkräften und einen sehr strengen Rektor oder eine sehr strenge Rektorin hat, ist es so, als würde ein Krake seine Tentakel ausstrecken.

Die staatlichen Behörden reagieren entschieden, zeigt Ihr Buch. Liegt das Problem also auf der Ebene der Leitung der Bildungseinrichtungen?

Ja. Im Grunde gibt es drei verbreitete Typen. Es gibt die, die das Geschehen herunterspielen oder sogar gutheißen. Dann gibt es solche, die überfordert sind, ratlos, die Angst haben. Einige werden sogar selbst bedroht. Und es gibt Rektoren, die schlicht abwesend sind, wie an der Sciences Po in Paris. Als dort mit Louis Vassy ein neuer, energischer Direktor kam, war das plötzlich wie Tag und Nacht. Die jüdischen Studierenden fühlen sich jetzt viel wohler, obwohl es weitere sehr schwerwiegende Vorfälle gegeben hat.

Am 8. März 2024 wurden beim „Marsch der Frauen“ in Paris feministische Kollektive sowohl jüdischer als auch iranischer Frauen mit Eiern und Glasscherben beworfen, mit rassistischen und gewalttätigen Parolen beschimpft und in die Flucht geschlagen. Was waren das für Vereinigungen?

„Nous vivrons“, „Wir werden leben“, etwa ist eine Vereinigung jüdischer Frauen. Am Anfang traten sie nur auf, um der am 7. Oktober getöteten Frauen zu gedenken, ohne israelische Flagge. Je mehr sie bei den Demonstrationen angegriffen und ausgegrenzt wurden, desto mehr haben sie sich politisch gemäßigt positioniert. Ihr Slogan lautet „Weder Faschisten noch Faschisten“, also weder LFI („La France insoumise“) noch RN („Rassemblement National“). Doch viele Aktivisten der extremen Linken sehen allein das schon als problematisch an. Viele kennen auch die Definition des Zionismus gar nicht, nämlich dass es dabei um Selbstbestimmung des jüdischen Volkes und das Recht des jüdischen Volkes auf ein eigenes Land geht. Für sie ist „Zionismus“ gleichbedeutend mit der Unterstützung von Netanjahu, der Befürwortung der Besiedlung im Westjordanland und so weiter, und somit „faschistisch“. Dabei ist diese Gruppe vehement gegen Netanjahu und für eine Zwei-Staaten-Lösung. Die Vereinigung iranischer Frauen wiederum setzt sich für die weiblichen Opfer des iranischen Regimes ein und unterstützt Reza Pahlavi als politische Übergangslösung.

Sind dort auch Leute von der extremen Rechten anwesend?

Der Rassemblement National unterstützt heute zumindest nach außen hin Israel, aber es sind viele aus der Ultra-Rechten außerhalb der Parteien präsent. Verbände wie die „Groupe Union Défense“ sagen, dass Palästina oberste Priorität hat, unterhalten Verbindungen zu Führern der Hamas, in Syrien usw. Da sind auch der rechtsextreme, antisemitische Komiker Dieudonné und, am schlimmsten, Alain Soral (rechtsextremer Essayist und Holocaust-Leugner, Anm.). Er ist heute ein großer Fan der linksradikalen LFI-Abgeordneten Rima Hassan und unterstützt Mélenchons Partei „La France insoumise“. Eine Umfrage der Zeitung „Le Monde“ zeigt, dass die Wähler von Mélenchons LFI ebenso viele antisemitische Vorurteile haben wie die Wähler von Le Pens RN. Und die größte Gefahr geht von den Erstwählern aus. Die bei den Jugendlichen beliebtesten Politiker sind Rima Hassan und der extrem rechte RN-Vorsitzende Jordan Bardella.

Rima Hassan hat wiederholt den Terror der Hamas gerechtfertigt, hetzt gegen „Zionisten“ und propagiert die Befreiung Palästinas „vom Meer bis zum Jordan“. Sehen Sie innerhalb der Partei „La France insoumise“ Menschen, die gegen diese Tendenzen ankämpfen?

Alle, die es tun, mussten und müssen die Partei verlassen. Sie bleiben nicht, sie können nicht bleiben. Ein Beispiel dafür ist Cédric Brun. Er war sehr engagiert bei „La France Insoumise“. Und er sagte schon 2015: „Das geht für mich nicht mehr, das ist zu viel.“ Auch heute gibt es immer wieder Menschen in der Partei, die sagen: „Wir können nicht mehr. Hier lässt es sich nicht mehr aushalten.“


Wir bedanken uns herzlich für die Genehmigung des Nachdrucks bei der Tageszeitung „Die Presse“, wo das Interview am 20. Juli 2026 erstveröffentlicht wurde.

Es ist nicht so schlimm, wie die größten Pessimisten vor Jahren fürchteten – es ist schlimmer. ©Danielle Spera
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Anne-Catherine Simon

Anne-Cathrine Simon ist Literatur- und Feuilletonredakteurin bei der Tageszeitung Die Presse und Autorin von Schnitzlers Wien. 2021 ist sie Ko-Jurorin für den deutschen Buchpreis.

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