Das Land Niederösterreich hat anlässlich des heurigen Gedenkjahres mit Erinnern für die Zukunft eine besondere Initiative gesetzt. Danielle Spera legt dazu einen höchst lesenswerten Forschungs- und Erzählband zum Ausklang des Gedenkjahres vor.
von Katharina Stourzh
Erzählen stiftet Identität, schafft Erklärung, stellt Beziehung her, schreibt Paulus Hochgatterer in seinem Einführungsessay gleichsam als Motto dieser Publikation. Ausgehend vom Kriegsende und der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Wiedererrichtung der Zweiten Republik über den Staatsvertrag, bis hin zum EU-Beitritt und die prägenden folgenden dreißig Jahre bis heute, lässt die Publikation nicht nur die Meilensteine der letzten achtzig Jahre Revue passieren. Den Fokus auf Niederösterreich gerichtet, beleuchtet dieses Buch aus unterschiedlichen Blickwinkeln den gesellschaftlichen Wandel Österreichs mit vielen Schattierungen. Die wissenschaftlichen Beiträge und Essays werden verbunden mit Gesprächen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und bringen damit eine neue Perspektive ein.
Ein Puzzle vielfältiger Zugänge und Lebensgeschichten
Stefan Karner, Barbara Stelzl-Marx, Christian Rupp, Gerhard Jelinek und Tristan Horx haben es übernommen, die verschiedenen Zeitabschnitte zwischen 1945 und heute zu analysieren, einzuordnen und den Blick in die Zukunft zu wagen. Der Band fängt in besonderer Weise acht Jahrzehnte österreichischer und niederösterreichischer Geschichte ein: Da in allen Interviews ganz bewusst die gleichen Themenblöcke angesprochen werden, entsteht eine kurzweilige und vielfältige Zusammenschau, die unterschiedliche Positionen, Erfahrungen und Zugänge sichtbar macht. Dieses Puzzle an Erinnerungen spannt einen breiten Bogen über Musik, Literatur, Philosophie, Politik und Gesellschaft
Wir haben in jedem Ort die Synagoge und Juden gesucht. Wir haben viele jüdische Friedhöfe gefunden
Kurt Schwertsik gewährt Einblick in seine Kindheit und Kriegserinnerungen in Retz und dass er den Staatsvertrag weniger euphorisch empfunden hat, da er als Student an der Musikakademie „in einer ganz anderen Welt“, der Welt der Musik lebte. Theo Lieder fasst seine Erinnerungen an den EU-Beitritt pointiert und doch erschütternd zusammen: „Dass wir reisen können ohne Grenzen, das war großartig. Wir haben in jedem Ort die Synagoge und Juden gesucht. Wir haben viele jüdische Friedhöfe gefunden“. Renate Welsh kommt mit ihren Erinnerungen an die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität Österreichs ebenso zu Wort wie der langjährige Geschäftsführer des NÖ Pressehauses Herbert Binder, der den Wettlauf der US- und sowjetischen Besatzungsmacht um kulturellen Einfluss in Österreich beschreibt. Die Erinnerungen von Fritz Rubin-Bittmann, unter anderem an seine Kindheit auf Sommerfrische am Semmering als einer der ersten jüdischen Gäste nach dem Zweiten Weltkrieg, sind ein kostbarer Einblick in Gedanken eines Kindes, das als U-Boot in verschiedenen Verstecken überlebt hat.
Barbara Stelzl-Marx portraitiert in ihrem Beitrag den enormen wirtschaftlichen Aufstieg Österreichs sowie seinen gesellschaftspolitischen Wandel und die Brüche, die Österreich von 1955 bis zum EU-Beitritt 1995 erlebt hat. Gespiegelt werden diese großkoalitionär geprägten Jahrzehnte durch Gespräche mit Franz Vranitzky und Wolfgang Schüssel sowie mit dem legendären Duo der Landeshauptleute Erwin Pröll und (dem gebürtigen Niederösterreicher) Michael Häupl.
Das Ende der Welt
In den Gesprächen zu den von Christian Rapp analysierten Dekaden 1995-2025 wird die Dichte dieser Jahrzehnte sehr deutlich; hier stoßen wir selbstverständlich auf Brigitte Ederer und ihre Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Alois Mock im unbedingten Einsatz für den EU-Beitritt „Das war die einzige Situation, in der die Bunderegierung zusammengeschweißt war, das hat es seither nicht gegeben“. Bischof Alois Schwarz bringt wieder einen ganz anderen Zugang ein, wenn er bedauert, dass es in der Kirche in der Nachkriegszeit zu wenig Einsatz für die Aufarbeitung und „kein kirchliches Ritual der Versöhnung“ gegeben hat. Versöhnung spielt auch bei der Autorin Zdenka Becker eine große Rolle: ihr beindruckender Lebensweg führte sie aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach Österreich. Das Gespräch mit Rita Nitsch, die vom Ende der Welt erzählt, darf insofern nicht fehlen, als die Errichtung des Nitsch Museums jene Offenheit für (zeitgenössische) Kunst und Kultur symbolisiert, die Erwin Pröll begründet und die schließlich auch Erwin Wurm nach Niederösterreich geführt hat, wie er hier erzählt.
International in Niederösterreich
Gerhard Jelineks Rückschau auf die jüngere Vergangenheit führt die Leserinnen und Leser bereits in die unmittelbare Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen. Monika Langthaler, konstatiert, dass „wir während der letzten 80 Jahre einen geschichtlichen Honeymoon hatten“. ISTA-Präsident Martin Hetzer schildert, wie sehr er nun den Wissenschaftsstandort Niederösterreich und die erfolgreiche Exzellenzforschung in Klosterneuburg schätzt, denn „in San Diego gibt es das auch, aber es fehlt die Kultur“. Über die „Demokratisierung des Gedenkens“ erzählt Barbara Glück. Wieder einen völlig anderen Aspekt bringt Familie Pfeiffer ein, die stellvertretend für viele Betriebe steht. Sie berichtet, wie sie sich trotz der Randlage im nördlichen Walviertel mit Innovation erfolgreich etablierten und mit der Weiterentwicklung des familiengeführten Frottierunternehmen Herka international einen Namen machten.
Das letzte Wort hat die Jugend
Nach dem Motto „Der Jugend gehört die Zukunft“ bilden ihre Stimmen den Ausklang des Buches. Der junge Zukunftsforscher der Generation Y, Tristan Horx, beschreibt den Wandel der Wissensgesellschaft und die „Richtungsänderung der Zukunft“ und fordert einen „Jammerverzicht“.
Die Wendepunkte österreichischer Geschichte begleitend bieten die verschiedenen Gesprächspartnerinnen und -partner überraschende und humorvolle Einblicke, nachdenkliche Einschätzungen sowie optimistische Erwartungen – eine lesenswerte Lektüre zum Abschluss des Gedenkjahres, die sich als Inspiration und Auftrag versteht, aus verantwortungsvoller Erinnerung mit Optimismus die Zukunft mitzugestalten. So schließt sich der Kreis zu Cornelia Travniceks einleitendem Essay über die „Akte des Erzählens“: „Erinnern heißt, sich in die Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft zu begeben.“
Danielle Spera (Hrsg.)
Bewegte Zeiten
Erinnern für die Zukunft. 1945–2025
Amalthea Signum Verlag, Wien 2025
272 S. EUR 41,–
