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Freiheit erzählen

Fritz Rubin-Bittmann von Fritz Rubin-Bittmann
27. März 2026
in Religion
Freiheit erzählen

Pessach, eines der großen jüdischen Feste, beginnt dieses Jahr am Abend des 1. April 2026 und endet am 9. April. ©Danielle Spera

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Pessach ist eines der großen Feste des Judentums: ein Fest der Erinnerung und der Hoffnung. Es erzählt von Befreiung aus Knechtschaft, von Aufbruch und von dem Aufzeigen, wie zerbrechlich Freiheit ist.

von Fritz Rubin-Bittmann

Am Sederabend wird die Erzählung des Auszugs aus Ägypten und das damit besiegelte Ende der Sklaverei weitergegeben, von Generation zu Generation, als Familienritual, als Lehrstück über Verantwortung, Solidarität und den Wert der Freiheit. Im Zentrum stehen einfache, kraftvolle Symbole: das ungesäuerte Brot (Matza) als Brot der Eile und der Armut. Bitterkräuter erinnern daran, dass Freiheit nicht ohne Erinnerung an das Bittere auskommt. Und vier Becher Wein geben der Hoffnung eine Form: Dankbarkeit, Würde, Zukunft. Pessach bleibt damit nicht nur ein historisches Gedenken. Freiheit muss ständig behütet werden. Gerade weil das Pessach-Fest den Zusammenhalt jüdischer Gemeinden demonstriert, wurde es über Jahrhunderte immer wieder zum Ziel antisemitischer Projektionen. In christlich geprägten Gesellschaften entstanden seit dem Mittelalter Ritualmordbeschuldigungen. Es war die wiederholte absurde Behauptung, Juden würden christliche Kinder töten und deren Blut für Pessach verwenden. Diese Diffamierungen widersprechen der jüdischen Religionspraxis fundamental, denn im Judentum ist die Verwendung von Blut religiös verboten. Dennoch wurde die Legende über Jahrhunderte als Vorwand genutzt, um Verfolgungen, Vertreibungen und Pogrome zu rechtfertigen.

Hass und Legende

Ein Nährboden war die christliche Vorstellung einer Kollektivschuld der Juden am Tod Jesu. Auf dieser Grundlage entstand im Volksglauben das Bild, Juden würden die Passion Christi „wiederholen“ und Pessach verlange alljährlich ein christliches Opfer. Die Realität jüdischen Lebens wurde dabei systematisch verdrängt. Als frühes Beispiel gilt die Legende von William von Norwich aus dem 12. Jahrhundert: Ein Benediktinermönch beschrieb das angebliche Martyrium des Knaben, woraus ein Heiligenkult entstand, der sich weit verbreitete, und damit ein Muster, das man in Europa immer wieder erkennt. Aus einer Anschuldigung wurde Kult und aus Kult wurde Gewalt. Der Mönch stellte auch die Behauptung auf, Rabbiner aus aller Welt würden jährlich beschließen, wo im kommenden Jahr Christenkinder geopfert werden sollten. Diese frühe Verschwörungserzählung machte aus einzelnen Anschuldigungen ein System und damit einen Hass, der sich leicht verallgemeinern ließ. In England führte das zu massiver Feindseligkeit. Literarische Spiegelungen des Judenhasses finden sich etwa bei Geoffrey Chaucer in den Canterbury Tales. 1290 wurden Juden aus England vertrieben. Antijüdische Stereotype tauchten in bekannten Bühnenwerken auf, etwa in Shakespeares Der Kaufmann von Venedig und in Christopher Marlowes Der Jude von Malta. Solche Darstellungen wirkten als Verstärker gesellschaftlicher Vorurteile.

Trient und Tirol: Lokale Kulte – und spätere Korrekturversuche

Ab 1475 wurde in Trient der Bub Simon als angebliches Ritualmordopfer verehrt; Geständnisse wurden unter Folter erpresst. In Tirol entstand der Anderl-von-Rinn-Kult mit Wallfahrtsökonomie und starkem Brauchtumsbezug. Über dem vermeintlichen Tatort, dem so genannten Judenstein, wurde eine Wallfahrtskirche errichtet. Die Wallfahrten brachten durch den Verkauf von Devotionalien, Speisen und Getränken Geld ein. Bischof Reinhold Stecher hat im 20. Jahrhundert versucht, den Anderl-Kult abzuschaffen, und ist dabei auf großen Widerstand gestoßen.

Karwoche, Pessach und Gewaltökonomie

Im 19. Jahrhundert wurden Ritualmordanklagen durch den Theologen August Rohling erneut popularisiert. Hier kam es zumindest zu Aufklärung: Im Prozess Rohling contra Joseph Samuel Bloch wurde Rohling der Fälschung und des Meineids überführt. Bloch konnte zeigen, dass Rohling Talmud-Zitate manipulierte und Hebräisch nicht beherrschte. Diese Widerlegung war ein seltener Moment, in dem antisemitische „Autorität“ öffentlich zerlegt wurde, nicht durch Polemik, sondern durch Belege und Argumente. Auch der Fall Tiszaeszlár (Ungarn, 1882) zeigt das wiederkehrende Muster: Das Verschwinden eines Mädchens zeitlich nahe am Pessach-Fest wurde Juden angelastet. Die Atmosphäre der Karwoche konnte die Situation zusätzlich aufheizen. Für Juden wurde diese Jahreszeit dadurch in vielen Regionen zu einer Zeit erhöhter Gefahr. Pogrome hatten häufig auch einen handfesten Hintergrund: Konfiskation und Raub jüdischen Besitzes, bis in die Zeit nach 1945, als unter dem Deckmantel alter Lügen Gewalt gegen Überlebende verübt wurde.

Was Pessach heute stark macht

Pessach ist das Fest, das jedes Jahr die Freiheit neu ins Zentrum rückt – als Erinnerung gegen das Vergessen und als Ethik gegen den Hass. Die Ritualmordlegende zeigt, wie gefährlich Lügen werden können, wenn sie religiöse Emotionen kapern. Pessach selbst steht für das Gegenteil: für erzählte Wahrheit, für das Weitergeben von Wissen, für ein Ritual, das Fragen nicht fürchtet, sondern verlangt. So kann man Pessach heute als eine Einladung lesen, die weit über das Judentum hinausweist. Freiheit ist zerbrechlich. Erinnerung ist notwendig. Und Würde beginnt dort, wo Menschen sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen, sondern miteinander leben können. Pessach feiert die Möglichkeit, dass aus Erfahrung Verantwortung wird und aus Erinnerung Zukunft.

Pessach ist das Fest, das jedes Jahr die Freiheit neu ins Zentrum rückt – als Erinnerung gegen das Vergessen und als Ethik gegen den Hass. ©Danielle Spera
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Fritz Rubin-Bittmann

Fritz Rubin-Bittmann

Geboren 1944 in einem Keller in Wien-Leopoldstadt, überlebte mit seinen Eltern Josef und Sidonie als „U-Boot“. Schule und Medizinstudium in Wien, danach als Arzt für Allgemeinmedizin in Wien tätig. 2017 Auszeichnung mit dem Berufstitel „Professor“. Publikationen zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie.

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