Jüdisches Leben ist für die meisten Berliner kaum zu bemerken. Doch hinter verschlossenen Türen gibt es einiges zu entdecken.
Von Mascha Malburg
Es ist ein schöner Herbsttag, die Sonne wärmt schon nicht mehr, aber sie kitzelt noch ein bisschen in den Augen. Vor einem Eisgeschäft in einem hippen Stadtteil Berlins warten Kinder ungeduldig in der Schlange. Sie heißen Hannah, Elias, Noah. Hebräische Namen sind in Deutschland derzeit sehr beliebt. Eine Mama mit Stoffbeutel versucht ihr Kind zu überzeugen, dass eine Kugel reicht. Ob sie merkt, mit wem sie in der Schlange steht? Der Vater vor ihr trägt zum Baseballcap eine Anzugshose, eine ungewöhnliche Kombination. Seine Frau schiebt im Wollrock den Kinderwagen. Lange, voluminöse Haare hat sie, fast unnatürlich schön. Und ihre Buben tragen alle Mützen, obwohl es noch gar nicht so kalt ist. Als einer sich streckt, um in die Auslage zu schielen, fallen weiße Fäden aus seinem Pulli. „Vergiss nicht, wir sind noch fleischig!“, mahnt die Mutter.
Kurz schaut die Frau mit dem Beutel irritiert. Sie weiß wohl nicht, dass das Eis hier koscher zertifiziert ist und dass der Bub nur die Fruchtsorten essen darf, weil er gerade ein Schnitzel hatte. Dass im weißen, schlichten Haus gegenüber junge Männer diese Regeln aus alten Büchern lernen, um einmal Rabbiner zu werden. Dass dahinter im Hof sich eine alte Synagoge duckt, sodass sie von der Straße nicht einsehbar ist. Dass dort am Schabbat um die hundert Menschen beten, zu den gleichen Melodien wie in New York oder Jerusalem.
Man braucht geschulte Augen, um in Berlin die jüdischen Viertel zu erkennen, wenn man sie überhaupt so nennen kann. Zwei oder drei Orte gibt es, an denen es dem Kenner auffallen könnte: an den herausgeputzten Menschen, die am Samstag keine Taschen tragen, oder an gelangweilten Polizisten, die vor unscheinbaren Gebäuden stehen. Ansonsten leben die Juden in Berlin recht verstreut, und die meisten, ohne dass ihre Nachbarn es je bemerken.
Als ich für diesen Artikel gefragt wurde, ob ich über das jüdische Leben in Berlin schreiben würde, suchte ich nach einem gemeinsamen Nenner, der die so unterschiedlichen Gruppen dieser Stadt vereint: Die postsowjetischen Juden, die ihr Judentum nur einmal erwähnten, um in den 1990er-Jahren die Einreise genehmigt zu bekommen, und seitdem ihren Kindern einflößten, niemandem davon zu erzählen. Und ihre Kinder, die sich nur bedingt daran halten, und Bücher über transgenerationales Trauma schreiben oder sich für einen Studienaufenthalt in Tel Aviv bewerben. Die Israelis, die wegen dem günstigen Pudding und dem guten Techno kamen, oder die Israelis, die aus der Enge von Bnei Brak abgehauen sind – an jenen Ort, der ihre Eltern wohl am meisten schockierte. Die Amerikaner, die ihrer Schtetl-Nostalgie nach Europa gefolgt sind, und die ukrainischen Flüchtlinge, die hier vor drei Jahren gestrandet sind. Die deutschen Juden, deren Eltern nach Ost- oder Westberlin zurückkehrten, jeweils mit der Hoffnung, dass im neuen System das alte Leben doch wieder möglich ist. Und die polnischen Juden, die nach dem Krieg in Deutschland blieben und sich aus dem Nichts neu aufgebaut haben.
Was diese Gruppen vielleicht am Ehesten vereint, ist ihre Unsichtbarkeit im Stadtbild. Selbst die Charedim, die Perücken und Kippot tragen, haben Wege gefunden, weitgehend unerkannt zu bleiben. Weil Berlin eine Stadt ist, in der man sein Gegenüber am liebsten ignoriert, gelingt das ziemlich gut.
Ein Arzt, der mit Nachnamen Schapiro heißt, wird von Patienten andauernd gefragt, ob er Italiener sei – „wegen des -o“. „Die unbekannte Welt von nebenan“, so titelte der Spiegel vor sechs Jahren über jüdisches Leben in Deutschland. Und illustrierte, wie zum Beweis, sein Sonderheft mit zwei orthodoxen Juden in schwarz-weiß. Dabei ist jüdisches Leben in Berlin ziemlich unkonventionell und bunt – nur, da hatten die Kollegen vom Spiegel recht – den Anderen eigentlich unbekannt.
Die Unsichtbarkeit und das Unwissen stehen im scharfen Kontrast zur Öffentlichkeit der Erinnerung an das jüdische Leben von einst – und an sein abruptes Ende. Zentrale Gedenkorte und Stolpersteine bis in die hintersten Ecken der Stadt mahnen die Berliner, zurückzuschauen auf das, was war. Was ist, bleibt dabei oft unbeachtet.
Es gibt keine offiziellen Zahlen. Die Berliner Gemeinde hat gerade einmal etwas mehr als 8000 Mitglieder. Hunderte andere sind in anderen Gemeinden organisiert, die eine strengere oder liberalere Ausrichtung bieten. Dazu leben schätzungsweise zwischen 10.000 und 30.000 Israelis in Berlin. Viele haben ihre europäischen Wurzeln genutzt, um Pässe zu beantragen und sind nicht einmal als Israelis registriert. Somit wohnen hier weit mehr Juden als beispielsweise in Antwerpen oder Wien. Nur dass wohl kein Antwerpener oder Wiener behaupten würde, dass seit der Schoah kaum mehr Juden in seiner Stadt lebten. In Berlin habe ich diese Annahme allerdings schon gehört.
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich das jüdische Leben noch weiter zurückgezogen. Wenn es sichtbar wird, dann bedeutet dies meist eine Bedrohung. Ein gesprayter Davidstern an der Haustür. Das Outcalling eines jüdischen Studenten in der Chatgruppe. Die Kontrolle darüber zu bewahren, wer einen identifizieren kann, schafft hingegen Sicherheit: Auf der Straße vom Hebräischen ins Englische wechseln. Einen falschen Namen in der Uber-App benutzen. Jedes Jahr vor Pessach in der Arbeit eine Grippe vortäuschen. Selbst zu entscheiden, wem man sich offenbart und welchen Fragen man sich aussetzt, verschafft den Berliner Juden in einem angespannten Klima etwas Platz zum Atmen.
Trotzdem wäre es falsch, das Unsichtbarmachen der Berliner Juden als einen reinen Schutzmechanismus gegen den Antisemitismus zu beschreiben. Primär ist es eine Strategie, als eine hauchdünne Minderheit dem Sturm der deutschen Vergangenheitsbewältigung zu trotzen und sich vom Scheinwerferlicht abzuschirmen, in das man auch in gegenwärtigen Diskursen gerne ge- und verzerrt wird. Sich unsichtbar zu machen bedeutet, keine Projektionsfläche zu bieten.
Hinter der Sicherheitsschleuse, dem Eingang ohne Klingelschild, hinter den Wohnungstüren, bei denen die Mezuzot nur an den inneren Pfosten kleben – entstehen so plötzlich Räume, die sich intim anfühlen können, authentisch und leuchtend. Und in denen sich Juden begegnen, die sich in New York oder Jerusalem nicht einmal auf der Straße grüßen würden.
Dass man manchmal Grenzen abstecken muss, damit darin Wahrhaftiges entsteht, ist ein urjüdisches Prinzip. In der Gesellschaft stößt dies seit jeher auf Misstrauen und den Vorwurf des Exklusivismus. Gleichzeitig hat es das Überleben der Juden im Exil über Jahrtausende gesichert. Und lässt auch im heutigen Berlin Situationen zu, in denen Juden endlich selbstverständlich sein können. In denen sich die Mehrheiten plötzlich ändern, sich Gespräche entspinnen, die frei sind von der sonst vorherrschenden Vorsicht – und Witze erzählt werden, deren Pointen man niemandem erklären muss.
