Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich für Jüdinnen und Juden etwas verschoben: nicht nur im Nahen Osten, sondern auch auf Europas Straßen, an den Schulen und Universitäten. Antisemitismus ist kein Thema aus der Geschichte mehr – sondern gehört zur Gegenwart.
von Danielle Spera
Seit zwei Jahren und zuletzt verstärkt taucht in vielen Gesprächen unter Jüdinnen und Juden irgendwann die Frage auf, wo wir uns heute sicher fühlen können. Was wie ein historisches Echo klingt, ist Realität geworden. 80 Jahre nach der Shoah diskutieren wir, ob Juden in Europa eine Zukunft haben. Wir erleben eine neue Realität, die sich in kleinen Gesten manifestiert. Wir schauen uns häufiger vorsichtig um, beobachten unsere Umgebung aufmerksam, schieben die Kette mit dem Davidstern unter die Kleidung. Anspannung ist nicht mehr episodisch.
Der 7. Oktober 2023 – das grauenvolle Massaker der Hamas in Israel und der darauffolgende Krieg – wirkt dabei wie ein Katalysator. Seitdem sind antisemitische Vorfälle in vielen Ländern auf ein hohes Niveau gestiegen. Doch was besonders zermürbt, ist weniger die Statistik als die Normalität: Antisemitismus ist nicht mehr Ausnahme, sondern taucht in Routinen auf – in Berichten öffentlich-rechtlicher Medien, in Kommentarspalten, in U-Bahnen, in Hörsälen, am Arbeitsplatz und überbordend online und in den sozialen Medien. Heute tritt er oft in drei Varianten in Erscheinung: Erstens: als klassischer Judenhass mit alten Stereotypen, Verschwörungsmythen, Entmenschlichung und Shoah-Relativierung. Zweitens: als israelbezogener Antisemitismus, wo Kritik an israelischer Politik nicht diskutiert, sondern als moralische Anklage gegen „die Juden“ ausgetragen wird, wo Jüdinnen und Juden kollektiv verantwortlich gemacht und Israel zum Symbol des absolut Bösen stilisiert wird (Stichwort Genozid). Drittens: als sozialer Druck, sich ständig erklären zu müssen: im Büro, in der Schule, in Freundeskreisen.
Was heißt das nun, abgesehen davon, vorsichtig zu sein, andere Schulwege zu gehen, weniger sichtbar zu sein, mehr Sicherheitsroutinen? Müssen wir die Koffer packen? Sind unsere Alternativen Rückzug, Aufbruch oder Widerstand? Die bequeme Antwort wäre ein Ja oder ein Nein. Die richtige lautet anders: Ja, die Lage hat sich verschärft. Und nein: Europa ist nicht verloren – aber jüdisches Leben ist oft nicht mehr selbstverständlich, die Stimmung hat sich in vielen Milieus spürbar verhärtet. Die ehrliche Antwort ist unbequem: Wer bleiben will, muss Bedingungen einfordern. Wer gehen will, muss sich nicht rechtfertigen. Und wer schwankt, ist nicht unentschlossen, sondern realistisch. „Koffer packen“ klingt nach einer einzigen Entscheidung. In Wahrheit treffen viele Familien Zwischenentscheidungen, vermeiden politische Diskussionen, ziehen sich zurück, manche treffen keine Nicht-Juden mehr. Emigration kann legitim sein – aber als Reflex wäre sie auch ein Sieg für jene, die jüdisches Leben aus Europa drängen wollen.
Für dieses Dossier haben wir Stimmungsbilder aus verschiedenen Ländern eingeholt. Wobei sich aus allen Beiträgen der Schluß ziehen lässt, dass jüdisches Leben in den meisten europäischen Ländern nicht mehr selbstverständlich ist. Die trügerische Leichtigkeit ist abhanden gekommen. Hier gilt mein Dank allen Autorinnen und Autoren, sowie unseren Gesprächspartnern..
Die entscheidende Frage lautet daher: Wie setzen wir Grenzen – und wie bauen wir Schutz und gleichzeitig würde im Alltag auf? Schutz heißt, dass Synagogen, Schulen und Veranstaltungen gesichert sein müssen, aber nicht zur Hochrisiko-Logistik werden dürfen. Konsequenz heißt Strafverfolgung – und Konsequenzen in und für Institutionen, wo Hass geduldet wird. Bildung heißt: Antisemitismus erkennen, bevor er „Trend“ wird. Und die Grenze heißt: Kritik an israelischer Politik ist legitim – aber dort, wo Jüdinnen und Juden kollektiv haftbar gemacht, dämonisiert oder bedroht werden, ist Schluss. Am Ende ist die Frage nach den gepackten Koffern tatsächlich eine Frage der Würde: Ein Europa, das jüdisches Leben nur unter permanentem Ausnahmezustand duldet, verfehlt seinen eigenen Anspruch. Jüdisches Leben in Europa muss wieder selbstverständlich sein, dann ist die Diskussion über das Kofferpacken obsolet.
