Nach mehr als 22 Jahren übergibt Martha Keil das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest) in St. Pölten an den Historiker Philipp Lenhard. Eine Bilanz und eine Vorschau
VON RENÉ WACHTEL
René Wachtel: Was war das für ein Gefühl für dich, Martha, bei diesem Fest in der Ehemaligen Synagoge in St. Pölten so viel Wertschätzung bekommen zu haben? Diese sehr persönlichen Reden der Honoratioren, von den Vertretern des Bürgermeisters, des Landes Niederösterreich, des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung und der Dekanin der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.
Martha Keil: Es hat mich sehr gefreut und auch ein bisschen überrascht, denn es war ja doch ein offizieller Anlass. Ich hatte schon erwartet, dass Dankesworte kommen, aber sie waren so herzlich formuliert! Spätestens hier habe ich gemerkt, diese lange Arbeit am Institut bewirkt auch in den Politikerköpfen etwas. Sie sehen mehr als nur, was es bringt und was es kostet, sondern da gibt es Beziehungen. Das hat mich sehr, sehr gefreut.
René Wachtel: Da sind wir schon bei dem Punkt. Du warst mehr als 20 Jahre Leiterin des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs. Was waren für dich so deine Highlights?
Martha Keil: Auf St. Pölten bezogen gibt es wirklich vieles. Sehr, sehr wichtig waren mir die Steine der Erinnerung. Dafür haben wir doch eine Weile gekämpft, nicht, weil die Stadt prinzipiell gegen Erinnerungszeichen gewesen wäre, aber sie haben Sorge gehabt, dass die Steine zum Beispiel erhöht sind und jemand darüber stolpert. Es hat eine Weile gebraucht, sie zu überzeugen, dass das wirklich gut und wichtig ist, dass es auch der Stadt zur Ehre gereicht, und es hat mich sehr gefreut, es ab 2018 schließlich durchzusetzen. Ganz wichtig waren mir auch die zwei Grabsteine für Sammelgräber, einer 2015 am jüdischen Friedhof St. Pölten für die 228 Opfer des Massakers von Hofamt Priel, und letztes Jahr erst am städtischen Friedhof für 261 Kriegsopfer, Kriegsgefangene, Bombenopfer – unterschiedliche Opfergruppen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, darunter auch 15 jüdische.
Mir ist ein namentliches Gedenken unglaublich wichtig. Wenn Menschen ohne Namen irgendwo verscharrt sind, selbst wenn man weiß, wer in diesem Grab liegt – das genügt nicht, es muss ihr Name genannt sein. Darum habe ich sehr gekämpft, in beiden Fällen. Und daraus ergibt sich ja auch die Einbeziehung der Angehörigen und der Nachkommen. So etwas kann man nur in Beziehung entstehen, wenn es irgendwie möglich ist.
Sehr wichtig war mir auch die Arbeit für die ehemalige Synagoge, denn schließlich ist die jetzige Öffnung ja auch ein bisschen eine Folge davon, dass wir uns, seit wir 1988 ins Kantorenhaus gezogen sind, Jahrzehnte um dieses Haus gekümmert haben. Das heißt, dass wir Veranstaltungen organisiert haben und immer wieder betont haben, das Haus ist mehr als nur irgendeine Hülle, es hat einen Inhalt und wir sorgen mit unserer Forschung, dass er nicht vergessen wird. Ein Grundsatz von mir ist: Gedenken braucht Forschung. Gedenken ist auf einer persönlichen Ebene sehr ehrenwert. Aber wenn es nicht durch Forschung fundiert ist, dann können möglicherweise wieder Leute mit irgendwelchen Relativierungen und sogar Leugnungen kommen. Also mir ist es ganz, ganz wichtig gewesen, auch unsere Novembergedenken in der Ehemaligen Synagoge immer mit Forschung zu untermauern. Sie sind immer Doppelveranstaltungen, die einen historischen Teil und einen kulturellen Teil haben, einen, wenn man so will, gedenkkulturellen Teil.
Das sind die Dinge, die die Stadt betreffen und das Land Niederösterreich. Dazu kamen meine eigenen Forschungen. Ich bin sehr glücklich, quasi Pionierin zur Erforschung der jüdischen Frauen im Mittelalter zu sein. Ich glaube, es hatte davor noch kaum jemand gesehen, welche große Menge an Quellen es zu ihren Aktivitäten vor allem im Geschäftsleben gibt. Dafür konnte ich an die Editionsarbeit anknüpfen, die seit vielen Jahren am Institut gemacht wird. Ich kann ja nicht alleine in alle Archive gehen und dadurch, dass die beiden Kolleginnen dieses Projekt zur Edition der mittelalterlichen Judenurkunden Österreich schon so lang durchführen, war viel Material da und ich konnte diesen Riesenbestand an Quellen nützen.
Das Kreative in der Forschung ist, sich Projekte ausdenken. Eigene Forschung ist ein kleiner Kosmos. Aber dann in der Vermittlung kreativ zu werden und damit nach außen zu gehen, das ist etwas, was mir wirklich Freude macht. Aus den anfangs vier Personen am Injoest sind elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geworden. Das sind natürlich nicht alles Vollstellen, aber unter einer Halbtagsanstellung machen wir eigentlich keine Verträge, weil die Leute ja davon leben müssen. Wir haben uns in der Projektplanung und der Drittmitteleinwerbung immer bemüht, dass die Forschenden auch davon auch leben können. Sehr stolz bin ich auch auf das Gemeinschaftswerk „Geschichte der Juden in Österreich“, 2006 erschienen und 2013 neu aufgelegt, inzwischen ein Standardwerk.
Die Leitung des Instituts war von Anfang an mit der universitären Lehre verknüpft. Schon mein Vorgänger und Gründer Klaus Lohrmann war Mitarbeiter des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung an der Universität Wien, und auch ich war dort Senior Scientist und habe immer meine Forschungsthemen in die Lehre eingebracht. Der Ansatz ist eben: jüdische Geschichte ist ein Teil der allgemeinen Geschichte. Jüdische Geschichte ist keine Ghetto-Geschichte. Das kann sie manchmal sein, wenn man gerade ein Ghetto erforscht, aber auch ein Ghetto liegt nicht am Mond, sondern hat immer die Beziehungsgeflechte in die nähere und fernere Umgebung. Das heißt, die Forschung dazu muss in Zusammenarbeit mit einem großen akademischen Ort stattfinden, sonst besteht die Gefahr der Nabelschau. Das war schon bei der Gründung der Ansatz. Wir waren damit ein bisschen Pioniere und diese Pionierarbeit musste erst einmal etabliert werden. Die akademische Zusammenarbeit hat zuerst mit Israel begonnen, mit den akademischen Austauschprogrammen, mit den israelischen Kollegen. In die USA hatten wir weniger Kontakte, das wird jetzt Philipp übernehmen. Intensiv war die Zusammenarbeit selbstverständlich mit Deutschland, denn die Forschungen waren und sind sehr aschkenasisch-deutschsprachig orientiert. Aus dem Schwerpunkt auf Mittelalter und der frühen Neuzeit ergibt sich das logischerweise. Wir haben uns immer bemüht, österreichisch-jüdische Geschichte in den jeweiligen Grenzen zu sehen, also nicht auf den heutigen kleinen Raum beschränkt, sondern in den jeweiligen Gebieten der Habsburger Monarchie. Deshalb gehören zum Beispiel Galizien und verschiedene andere Gebiete unbedingt dazu. Aber aufgrund der Machbarkeit liegt ein Schwerpunkt auf Wien und Niederösterreich, aber als Teil der gesamteuropäischen Geschichte, wie sie vor allem in den Migrationen und in der NS-Zeit sichtbar wird.
Es hat sich in der Forschungsmöglichkeit so viel zum Positivem geändert. Jetzt gibt es Archivbestände online, Bibliotheken online. Du kannst in Archive im ehemaligen Ostblock reisen. Auch zur jüdischen Gemeinde und zum Nationalsozialismus in St. Pölten war nichts erforscht, wie auch anderswo. 1992 haben sie im Stadtarchiv zu meinen Mitarbeiter Christoph Lind gesagt: „Da werden Sie nichts finden.“ Doch kistenweise gab es Material, es hat nur keiner angeschaut und inventarisiert. Was in einem Archiv nicht inventarisiert ist, existiert nicht. Inzwischen hat sich so viel getan. Auch die Arisierungsakten und Entschädigungsunterlagen, also zur Restitution, sind jetzt zugänglich. In der Forschungspolitik ist ja immens viel passiert, von der Gründung des Nationalfonds ganz zu schweigen. Wir haben von den politischen Öffnungen und Bereitschaften viel profitiert. Die Veränderungen bedingen sich ja gegenseitig, einerseits pusht die Forschung und verlangt z. B. Zugänglichkeit der Quellen, und die Politik reagiert darauf, aber auch umgekehrt.
René Wachtel: Mit der Eröffnung nach der Restaurierung der ehemaligen Synagoge in St. Pölten und mit den vielen Veranstaltungen hast du auch ein anderes Standing bekommen. Mit deinem großartigen Team dort. In der Ehemaligen Synagoge gibt es tolle Veranstaltungen in einer tollen Atmosphäre. Wie ist das euch so perfekt geglückt?
Martha Keil: Ich freue mich sehr darüber. Ich fühle eine große Verbundenheit zu diesem Thema, schon als Jugendliche. Das hat natürlich mit Familiengeschichten zu tun, die ich nicht im Detail erzählen will. Schon mein Vater hatte eine große Sehnsucht, Israel zu besuchen, was er nicht geschafft hat. Er ist als Jugendlicher in der Nazizeit oft im Zweiten Bezirk gewesen und hat sehr viel mitgekriegt, was da geschehen ist, und es hat ihn sehr belastet. Das hat er mir irgendwie weitergegeben, ohne dass er viel darüber gesprochen hätte. Das ist ja allgemein so. Es hat mich sicher geprägt. Ich war nach der Matura fast ein Jahr in Israel, in zwei Kibbuzim, und habe auch einen Ulpan besucht. Die Beziehung war also immer da und das Studium hat sich daraus fast zufällig ergeben. Ich mache Anführungszeichen, denn Zufälle sind ja etwas Seltsames, sie fallen einem zu, man weiß nicht, wieso. Später haben mich einige Leute gefragt, ob ich nicht konvertieren will. Aber da mich Religion nur als Kulturhistorikerin interessiert und ich keinen persönlichen Bezug dazu habe, warum sollte ich zu einer Religion konvertieren? Und zu einer Schicksalsgemeinschaft kann man sowieso niemals konvertieren.
Was die Arbeit für die Synagoge betrifft, ist erstens durch die Forschung und zweitens durch die Nachkommen der vernichteten jüdischen IKG St. Pölten, mit denen wir schon so lange in Kontakt sind und mit denen auch Freundschaften entstanden sind, eine Riesenverbundenheit mit diesem Haus da. Und dann habe ich noch das Glück, dass ich außer meinen historischen Kenntnissen auch musikalisch sehr geprägt bin, durch mein sehr musikalisch sehr gut gebildetes Elternhaus. Das heißt, ich kenne einfach viele Musikrichtungen, ich kann, glaube ich, beurteilen, was gute Musik ist, was gut gespielte Musik ist, und ich habe, glaube ich, auch ein Gespür, was in diesem Haus möglich ist und was nicht. Ich bin auch, glaube ich, manchmal sehr streng. Also ich und wir haben Richtlinien, was geht und was nicht geht, einfach, weil dieses Haus viel Leid erfahren hat und eine jüdische Gemeinde nicht mehr existiert, die für sich sprechen kann. Also fühle ich mich ein bisschen verpflichtet, für diese Gemeinde zu sprechen. Das ist manchmal eine Gratwanderung. Aber ich glaube, inzwischen habe ich mir einen Ruf erworben, dass man das schon weiß und dass es auch gewürdigt wird und man sich auf mich verlassen kann. Inzwischen glaube ich auch, ich kann mich auch auf meine Entscheidungen verlassen. Ich muss ja auch immer für mich reflektieren, und wenn eine Anfrage besonders schwierig war, bin ich zum Rabbiner gegangen und habe ihn um Rat gefragt. Vor allem bei Anfragen zu religiösen Veranstaltungen bin ich sehr vorsichtig. Mit diesem Haus muss man behutsam umgehen. Es hat eine schwer belastete Geschichte und da muss man sensibel sein, da muss man wirklich genau prüfen. Es ist also immer ein Abwägen, eigentlich bei jeder Anfrage, die an uns gestellt wird. Und abgesehen vom Inhalt ist mir Qualität sehr wichtig. Dieses Haus repräsentiert jüdische Kultur und die soll gut sein, die Qualität muss einfach passen. Ich glaube, bis jetzt sind wir damit gut gefahren. Und auf meinen fantastischen Partner Johann Kneihs, den Kurator der Jewish Weekends, kann man sich sowieso verlassen.
René Wachtel: Bei der Institutsleitung gehst Du in Pension. Aber ein Jahr hast Du noch das Veranstaltungsmanagement für die Ehemalige Synagoge.
Martha Keil: Ja, die Institutsleitung ist abgegeben, glücklicherweise. Ich habe am Institut noch ein Forschungsprojekt und ein Buchprojekt, das wird natürlich noch gemacht. Für die Synagoge habe ich einen Vertrag bis Ende April 2027 und dann wird man schauen, weil wir auch da für die Leitung eine gute Lösung finden müssen. Ich will jetzt noch nicht zu viel verraten, wir sind in Diskussion. Also es gab immer diese enge Verflechtung zwischen Institut und Synagoge, es wäre allen Beteiligten sehr recht, wenn das bliebe. Es wäre schön, aber muss man viel nachdenken, denn es ist nicht zu unterschätzen, wie viel Arbeit auch hier dahintersteckt.
René Wachtel: Das Schöne an den Veranstaltungen in der Ehemaligen Synagoge ist auch, wie es lokal angenommen wird. Mehr als 90 Prozent der Besucher kommt aus der lokalen Gegend. Wieso wird jüdische Kultur hier so gut angenommen?
Martha Keil: Ich weiß es nicht. Das hat sich in den vielen Jahren so entwickelt. Ich glaube, da kommen viele Neugierden zusammen. Man ist neugierig, zuerst auf das Haus. Wenn man es schon gut kennt, dann will man immer wieder hin, weil es einfach schön ist, weil dort jede Darbietung und jedes Konzert noch einmal eine besondere Dimension bekommt. Das ist, glaube ich, ein Aspekt. Das Zweite ist, manche Leute sind wirklich neugierig auf jüdische Angelegenheiten, Inhalte, Dinge, die sie nicht kennen. Und auf jüdische Menschen, würde ich auch sagen, darauf, Jüdinnen und Juden kennenzulernen, sind sie ebenfalls neugierig. Und sie kommen und merken, das ist großartig, da kommen wir wieder. Und dann ist es natürlich auch das Institut und meine Person, uns kennt man, da weiß man, man ist willkommen. Manchmal ist ja bei jüdischen Inhalten eine Schwellenangst vorhanden, was wird da jetzt sein? Und dann hört man, man kann einfach hingehen. Was ja bei uns ein Vorteil ist, zum Unterschied von jüdischen Einrichtungen, die das natürlich brauchen, es gibt keine Security, es gibt keine Kontrollen. Das kann man so oder so sehen, aber wir haben das so entschieden. Es gibt aber Polizeischutz, seit dem 7. Oktober 2023 bei jeder Veranstaltung, vorher war nur Polizei da, wenn VIPs kamen. Es ist also etwas mehr Offenheit vorhanden als logischerweise bei einer jüdischen Einrichtung. Du besuchst eine jüdische Veranstaltung, aber du hast nicht die Schwierigkeiten, hineinzukommen. Das fällt hier weg und glücklicherweise, ich muss auf alle Hölzer klopfen, hatten wir noch nie ein Problem.
Rene Wachtel: Der 7. Oktober 2023 war für alle eine Zäsur. Wie ist das jetzt für dich, ist das in der Arbeit auch gewesen?
Martha Keil: Wir waren alle so entsetzt. Es war einfach furchtbar und wir haben sofort einen Sessel aufgestellt für die Geiseln, die nach Gaza verschleppt worden sind. Er ist die ganze Zeit im Hauptraum gestanden, er wurde niemals verrückt, niemals bekritzelt. Es war mir wirklich wichtig, dieses Zeichen zu setzen. Unser Institut, wir alle sind, also wie würde ich das sagen, sehr mit Israel verbunden, mit der nötigen Kritik, die zuweilen wirklich sehr, sehr angesagt ist bei dieser Regierung. Aber der 7. Oktober war so über alle Maßen entsetzlich, ich weiß keine Worte.
René Wachtel: Philipp Lenhard, Dein CV ist sehr umfassend. Promotion mit summa cum laude, dann die Habilitation, dazu weitere Monographien und Auszeichnungen. Viele interessante Jahre der Lehre und Forschung in Deutschland und auch in den USA. Wieso jetzt Wien?
Philipp Lenhard: Ich war ja vorher in München und davor in Berkeley in Kalifornien und das war eine tolle Zeit, in der ich viel gelernt und viel erlebt habe. Ich möchte das nicht missen und bringe viele wertvolle Erfahrungen aus dieser Zeit mit – nicht zuletzt auch Freundschaften und Netzwerke, auf die ich jetzt hier in Wien und St. Pölten zurückgreifen kann. Für mich persönlich neu ist die langfristige Perspektive in Wien, denn ich habe schon das Gefühl, hier auch auf Dauer etwas aufbauen zu können. Das ist natürlich dadurch leichter, dass Martha mir in St. Pölten etwas ganz Wundervolles hinterlassen hat, aber ich habe trotzdem auch meine eigenen Vorstellungen, wie man das Institut auch weiterführen kann. Was es so bisher nicht gab, ist die noch engere Verbindung mit der Universität Wien, denn meine Professur ist ja genau für diesen Zweck geschaffen worden. Die neuzeitliche jüdische Geschichte Österreichs und Mitteleuropas soll an der Universität Wien viel stärker sichtbar sein und diese Aufgabe übernehme ich sehr gerne und voller Überzeugung. Besonders gefällt mir, dass die jüdische Geschichte als Teil der sogenannten allgemeinen Geschichte behandelt wird und in der Fakultät auch so verankert ist. Neben dieser inhaltlichen Ausrichtung und der Aussicht in Wien zu leben, war für meine Entscheidung, die Stelle anzutreten, sicherlich auch die Verbindung zwischen Professur und Institutsleitung auschlaggebend.
Besonders wichtig ist mir, die wissenschaftliche Lehre und Forschung mit einem Hineinwirken in die Öffentlichkeit zu verbinden, also Akademie und Stadtgesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen. Das gilt für Wien genauso wie für St. Pölten, auch wenn sich sicherlich in beiden Städten die Voraussetzungen und Erwartungen unterscheiden. Mir war das auch bei meinen vorherigen Stationen immer sehr wichtig. In Berkeley etwa habe ich gemeinsam mit dem Jüdischen Museum und dem österreichischen Generalkonsulat einen Abend zu dem Wiener Schriftsteller Hugo Bettauer veranstaltet, inklusive einer Vorführung des Films „Die Stadt ohne Juden“ und einem Livekonzert. Das kam schon sehr gut an. Im Münchner Literaturhaus veranstalte ich gemeinsam mit meiner Schriftstellerkollegin Dana von Suffrin halbjährlich einen „Jüdischen Buchklub“ mit prominenten Gästen. Solche und andere Formate stelle ich mir auch für meine neue Heimat vor. Auch die enge Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde war mir immer sehr wichtig. Kurzum: Die Bedingungen sind hier, glaube ich, einfach sehr, sehr gut für das, was ich machen will.
René Wachtel: Du hast die Leitung des Instituts und dann gleichzeitig an der Universität Wien arbeitest Du auch. Du wirst dann noch Vorlesungen in Wien haben.
Philipp Lenhard: Es ist eine große Arbeitsbelastung, das weiß ich. Da das richtige Maß und die richtige Balance zu finden, wird sicherlich noch einige Zeit dauern. Aber ich bekomme auch wirklich viel Unterstützung von allen Seiten. Natürlich kann man nicht alles selber machen, das geht einfach nicht, das heißt man muss auch Aufgaben delegieren. Gleichzeitig ist es nicht so, dass ich einfach zwei Stellen habe, sondern es ist eine einzige, die integrativ gedacht werden muss. Denn der Sinn der Stelle ist ja eben, Universität und Institut zusammenzubringen, also nicht einfach alles getrennt zu machen, sondern beispielsweise Projekte auch gemeinsam und kollaborativ durchzuführen.
René Wachtel: Kannst du schon konkret über Projekte reden, was jetzt als nächstes kommt oder was man von dir erwarten kann?
Philipp Lenhard: Ich schreibe gerade eine Überblickswerk zur Geschichte der Juden im deutschsprachigen Raum, eine ganz knappe Darstellung, die im Mittelalter beginnt und in der Gegenwart endet. Anders als Martha bin ich ja kein Mediävist, sondern Neuzeithistoriker so dass die Kapitel zum Mittelalter viel mehr Zeit beim Schreiben eingenommen haben als die zur Neuzeit, weil ich mich einfach sehr intensiv in die neuere Forschung zum Mittelalter einlesen musste. Für die Arbeit des Instituts fällt das nur bedingt ins Gewicht, denn wir haben ja neben Martha zwei weitere sehr renommierte Mitarbeiterinnen auf diesem Feld im Institut. Die Erforschung der jüdischen Geschichte des Mittelalters wird also auf jeden Fall auf höchstem Niveau weitergehen.
Daneben glaube ich auch, dass die lokale Verankerung des Instituts eine große Stärke ist. Die Erforschung der jüdischen Geschichte St. Pöltens und Niederösterreichs hat neben der regionalen auch eine nationale und sogar transnationale Ebene. Denn Lokalgeschichte ist nie nur Lokalgeschichte – wenn wir etwa Migration und Handel in den Blick nehmen, sind wir sehr schnell bei einer Verflechtungsgeschichte, die St. Pölten, Niederösterreich und Österreich mit der gesamten jüdischen Welt verbindet. Solche Zusammenhänge finde ich faszinierend.
Ein wichtiges Ziel, das ich mir gesetzt habe, ist, das Institut international sichtbarer zu machen. Mein Eindruck ist, dass es natürlich in Österreich sehr bekannt ist, im deutschsprachigen Raum auch, aber in Nordamerika und England beispielsweise eher nicht. In Israel kommt es glaube ich sehr auf die konkreten Forschungskontexte an. Jedenfalls ist hier glaube ich noch großes Potential, das ausgeschöpft werden kann. Gemessen an dem, was das Institut leistet, müsste es noch prominenter in der globalen Forschungslandschaft verankert sein.
Es gibt auch schon einige konkrete Forschungsprojekte, zu denen ich etwas sagen kann, wobei noch viele andere Dinge in Planung sind. Ich kann vielleicht schon verraten, dass wir zusammen mit dem Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung ein Projekt zu jüdischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg durchführen wollen, also zu österreichischen Juden, die ins Exil gegangen sind und dann in der US Army oder British Army gekämpft haben. Das ist auch eng mit der großen Sammlung an Lebenserinnerungen österreichischer Jüdinnen und Juden verknüpft, die wir im Institut aufbewahren. Das ist wirklich ein großer Schatz.
Ein anderes Projekt, das wir gerade vorbereiten, beschäftigt sich mit der sowjetisch-jüdischen Emigration in den 1970er Jahren, die natürlich durch Österreich ging, Schloss Schönau ist hier ein ganz wichtiger Ort. Erstaunlicherweise gibt es hier noch sehr viele Forschungslücken. Das Projekt hat viele verschiedene Ebenen, und wir arbeiten da sehr eng mit Kolleginnen und Kollegen in Israel, Deutschland und England zusammen. Es geht natürlich um die Perspektive der Migranten selbst, deren Ankunft in Österreich oftmals die erste Erfahrung außerhalb der Sowjetunion war. Es geht aber auch um die Reaktionen der jüdischen Gemeinde, es geht um die große Politik von Bruno Kreisky und Golda Meir, und es geht um die österreichischen Nachbarn, die am Westbahnhof standen und schauten, was denn da passiert und wer denn da eigentlich kommt. Auch die Medien haben damals ja breit berichtet. Es gibt also diese ganz verschiedenen Aspekte, unter denen man das Phänomen untersuchen kann. Wir werden da auch auf persönliche Erinnerungen angewiesen sein, nicht zuletzt von Gemeindemitgliedern.
René Wachtel: Das ist ja geschichtlich für die jüdische Gemeinde interessant, weil die Wiener jüdische Gemeinde, man sieht es ja heute, sich komplett verändert hat, ja eigentlich im Grunde genommen aus dem Dornröschenschlaf gerissen wurde. Da ist plötzlich eine Gruppe von Juden gekommen, die die Gemeinde sehr zum Positiven verändert hat.
Da war die Frage: Sollen wir die Bucharischen Juden jetzt integrieren oder nicht? Da hat es viele Widerstände gegeben und der Schurli Schwarz, Vater von Peter Schwarz, war ja da. Ja auch die das wirklich durchgezogen haben und denen auch gesagt und dann ist der Tulli Gros Präsident geworden unter ihm ist dann wirklich die Integration durchgezogen worden die dann auch funktioniert hat. Wie gesagt, aber ich kenne das von meinem Bruder und Schwager, die mitten in der Nacht immer zum Flughafen gefahren sind und das war fünf, sechs Jahre jede Woche zwei, dreimal und dann die restliche Zeit abkommandiert in Schönau aufzupassen.
Martha Keil: Mein Vater war damals Beamter bei der Fremdenpolizei und alle seine Kollegen hatten Probleme wegen Antisemitismusvorwürfen. Er hat zu Rosch Haschana Glückwunsche bekommen.
René Wachtel: Es stellt sich immer die Frage, wieso forscht man so viel über jüdische Geschichte. Es ist doch alles erforscht?
Martha Keil: Also weißt du, meine klassische Antwort ist darauf immer, wieso forscht man noch immer zu den Römern? Die Frage, warum man ausgerechnet zur jüdischen Geschichte nicht mehr forschen soll, hat für mich eine gewisse antisemitische Immanenz.
Philipp Lenhard: Ich habe auch nicht den Eindruck, dass uns die Forschungsthemen ausgehen. Es gibt noch so viel entdecken und herauszufinden. Das gilt manchmal auch für Themen, wo man meinen würde, dass die doch nun wirklich gründlich erforscht seien. Ein größeres Buchprojekt, das ich verfolge, widmet sich der europäisch-jüdischen Geschichte der Revolution von 1848. Mich interessiert, wie Jüdinnen und Juden über die Revolution gedacht haben, was sie sich von ihr erwartet haben und welche Ängste sie vielleicht auch hatten. Das wird natürlich auch die bekannten revolutionären Figuren einschließen, hier in Wien zum Beispiel Adolf Fischhof und Hermann Jellinek. Aber ich will auch darüber hinausgehen und schauen, was sich konkret in den Gemeinden abspielte. Das ist bisher wirklich sehr schlecht untersucht, was ich auf den ersten Blick sehr erstaunlich finde.
René Wachtel: Wie war Dein Erlebnis zum 7. Oktober 2023? Du warst zu dem Zeitpunkt in Berkeley.
Philipp Lenhard: Am 7.10. selbst war ich in Montreal auf einer großen internationalen „German Studies“-Konferenz und tatsächlich gab es am 7. Oktober direkt vor dem Konferenzhotel eine anti-israelische Demonstration. Das hat mich schockiert und es hat mich auch schockiert, dass die meisten Kollegen einfach gar kein Interesse daran hatten. Also die Meldungen über die schrecklichen Gewalttaten liefen in diesem Konferenzhotel den ganzen Tag über die Bildschirme, über CNN und so weiter, und die meisten hat das überhaupt nicht interessiert. Jüdische Kolleginnen und Kollegen, vor allem natürlich die Israelis, haben sich an diesem Tag sehr einsam gefühlt. Der Doktorand einer israelischen Kollegin hat sofort seinen Einstellungsbefehl nach Israel bekommen und musste sich dann darum kümmern, wie er von Montreal jetzt nach Israel kommt. Also es war ein riesiger Schock.
In Berkeley selbst war ja auch so ein Protestcamp. Ich glaube, es war sogar eines der größten in den USA. Das war schon sehr beschämend und teilweise auch angsteinflößend. Wochenlang hing am Hauptgebäude der Universität ein gedrucktes, nicht einfach gemaltes, sondern wirklich professionell gedrucktes Transparent, mehrere Meter groß: „Glory to the Martyrs, long live the Resistance!“ Dazu diese roten Hamas-Dreiecke. Die Universitätsleitung hat nichts dagegen unternommen. Ich war damals sehr froh, dass ich auch am Center for Jewish Studies war und nicht nur im History Department, denn am waren einfach bestimmte Sachen klar war, über die man nicht diskutieren musste. Das war im History Department nicht unbedingt so.
Martha Keil: Du hast ja in München dann gleich eine Vortragsreihe gemacht.
Philipp Lenhard: Ja, stimmt. In München habe ich bald nach dem 7. Oktober eine Ringvorlesung zum Thema „Was ist Zionismus?“ organisiert, weil ich mitbekam, dass „Zionismus“ nur noch als Schimpfwort verwendet wird und es einfach wenig Wissen gibt. Tatsächlich wurde dann aber die Auftaktvorlesung, die ich selbst gehalten habe, massiv von Aktivisten gestört, die das sprengen wollten. Mir ist es gelungen, die Aktivisten in ein Streitgespräch zu verwickeln und das ist nicht so gut für sie ausgegangen, weil sie eben dann letztlich nur sehr bekenntnishaft irgendwelche Formeln und Slogans abspulen konnten. Sehr unschön, aber die Lage hat sich dann in den folgenden Wochen auch Dank der Sicherheitskräfte stabilisiert. Die Reihe konnte stattfinden und war eigentlich auch erfolgreich insgesamt. Trotzdem sind solche Störaktionen natürlich nicht einfach nur politische Proteste, sondern schwere Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit.
René Wachtel: Die Schlussfrage an Dich, Martha. was bleibt von dir und was kannst du, Philipp, eigentlich mitgeben?
Martha Keil: Ich glaube, von mir bleibt eine Sicherheit, also eine sichere Basis. Nicht nur von der Finanzierung her, die kann natürlich kippen, das ist klar. Aber eine Anerkennung, eine Verankerung des Injoest im Land Niederösterreich, in der Stadt Wien, an der Universität. Die Dekanin und ich haben so viel diskutiert bis zu diesem Ergebnis einer Professur für jüdische Geschichte Österreichs, es war und ist ein tolles gemeinsames Projekt. Ich bin zuversichtlich, das bleibt. Den Bekanntheitsgrad des Injoest kann man vergrößern, das ist auch klar. Aber diese Präsenz besteht: Wir sind da, wir sehen dieses Thema als integralen Bestandteil der österreichischen Geschichte. Wir behandeln jüdische Geschichte mit Fachwissen, mit Redlichkeit, wir bemühen uns um wissenschaftliche Objektivität. Wir sind ein solides Forschungsinstitut, auf dessen Forschungsergebnisse man sich beziehen kann und sich verlassen kann. Das ist selbstverständlich nicht nur mein Verdienst, sondern des gesamten Teams, möglich, dass auch mein Name dazu beigetragen hat. Diese Anerkennung, also die Bedeutung im Land Niederösterreich, ist glaube ich, nicht zu unterschätzen. Sie bildet eine Basis unserer Existenz. Dass das Institut konsolidiert ist, ist unglaublich wichtig. Damit fühle ich auch eine Sicherheit. Ich gebe etwas weiter, was nicht in zwei Jahren eingespart und zugesperrt wird. Philipp Lenhard macht alles richtig. Wir haben vier Hearings gehört und er war sofort unser Favorit, fachlich und in der Kommunikation, in der Vermittlung, in dem, was sofort spürbar war. Mit seinen guten Kontakten, mit seiner Erfahrung auch als Teamleiter, denn er hat ja schon Institute geleitet. Das Institut braucht eine Persönlichkeit, weil einige Mitarbeiter ja auch schon fast Jahrzehnte da sind. Es braucht eine bereits reife Persönlichkeit, die Vertrauen erweckt und das Vertrauen rechtfertigt und in einer guten kommunikativen, zugewandten Art mit diesem Institut umgeht. Und das haben wir sofort erkannt.
Philipp Lenhard: Ich muss auch sagen, sofort hat man gespürt, als ich das erste Mal da war, was für eine tolle Atmosphäre im Institut herrscht. Es geht wirklich sehr vertraut und respektvoll zu, auch sehr lustig, es wird viel gelacht. Insofern ist es eine große Freude, mit diesem Team zu arbeiten.
Martha Keil: Führung braucht eine menschliche Entwicklung, auch Talent, aber auch eine Reife und ein lernen wollen. Manchmal benötigt man Hilfe durch einen Coach, wenn es sein muss, in Krisensituationen habe ich die auch geholt. Aber im Prinzip ist alles Wichtige gelungen und ich freue mich darüber. Ich gehe in Pension mit meiner Funktion, aber doch nicht mit meinem Interesse, mit meiner Verbundenheit. Solange es mir gut geht, was, wie ich hoffe, noch lange der Fall sein wird, werde ich natürlich die Veranstaltungen besuchen und wenn ich gefragt werde, Ezzes geben, aber nur dann. Es fällt mir auch sehr leicht, weil ich sehe, das Injoest ist in guten Händen. Wenn das nicht wäre, dann hätte ich natürlich das Bedürfnis, jetzt noch ein bisschen mitzuformen und noch ein paar Weichen zu stellen. Ich konnte mich wirklich sofort aus dem Operativen herausziehen. Und wir haben natürlich Sabine Hödl, die administrative Leiterin. Sie ist eine stabile Säule, das ist unschätzbar wertvoll. Mir geht es wirklich gut damit.
René Wachtel: Also du hast keine Angst, alleine zu gehen.
Martha Keil: Nein, das ist es absolut nicht! Ich bin schon stolz auf meine Leistung und auf alles Erreichte und freue mich darüber und bin dankbar. Aber es macht ja nicht völlig mich aus, ich bestehe noch aus anderen wichtigen Identitäten. Ich habe auch noch Familie und ich habe Enkel und ich habe Freude an vielen Dingen und Gott sei Dank einen lieben Mann. Das Injoest war meine berufliche Lebenserfüllung, aber ich falle nicht in ein soziales Loch. Es gibt noch viele interessante Dinge zu tun!
